Aus der Wissenschaft

„Aber nicht wenige andere von uns haben das Gottvertrauen in den Menschen geradewegs zerstört. – Herr erbarme Dich unser.“

Redaktion am 03.06.2025

Zu Aufklärung und Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs wie auch Prävention und Intervention in der Kirche von Passau. Von Hannelore Putz, habilitierte Historikerin und Direktorin des Archivs des Bistums Passau.

Aber nicht weni­ge ande­re von uns haben das Gott­ver­trau­en in den Men­schen gera­de­wegs zer­stört. – Herr erbar­me Dich unser.“1

Die Auf­klä­rung und Auf­ar­bei­tung sexu­el­len Miss­brauchs und sei­ner über Jahr­zehn­te hin­weg viel­fach erfolg­ten Ver­tu­schung wie auch die seit Jah­ren mit beträcht­li­chem Enga­ge­ment betrie­be­ne Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und Wei­ter­ent­wick­lung von Prä­ven­ti­on und Inter­ven­ti­on stel­len seit Beginn des Jahr­tau­sends eine schwe­re Hypo­thek und gleich­zei­tig gro­ße Her­aus­for­de­rung für die katho­li­sche Kir­che dar. Sie prä­gen der­zeit spür­bar ihre Wahrnehmung. 

Redak­teu­re des Bos­ton Glo­be hat­ten im Jahr 2002 sexu­el­len Miss­brauch im Erz­bis­tum Bos­ton auf­ge­deckt. Wei­te­re Unter­su­chun­gen in den USA konn­ten zei­gen, dass die Bischö­fe bereits seit Mit­te der 1980er Jah­re über ent­spre­chen­de Ver­ge­hen infor­miert gewe­sen waren und die­se nicht zuletzt auf­grund struk­tu­rel­ler Pro­ble­me begüns­tigt wur­den. Im Mai 2009 erschien schließ­lich nach zehn­jäh­ri­ger Arbeit in Irland ein umfas­sen­der Bericht, der 2000 kirch­li­che Insti­tu­tio­nen des sexu­el­len Miss­brauchs durch Kle­ri­ker und Ordens­frau­en beschul­dig­te.2 

Im glei­chen Jahr rief Papst Bene­dikt XVI. das Jahr des Pries­ters“ (2009 – 2010) aus – offen­sicht­lich ein Reflex auf die sicht- und spür­bar wer­den­de und heu­te als dra­ma­tisch zu cha­rak­te­ri­sie­ren­de Glaub­wür­dig­keits­kri­se der katho­li­schen Kir­che im All­ge­mei­nen und ihrer Kle­ri­ker im Beson­de­ren. Der Kar­di­nal­prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für den Kle­rus Cláu­dio Hum­mes beton­te, dass die Kir­che die Kle­ri­ker liebt, hoch­schätzt, bewun­dert und mit Dank­bar­keit ihrem pas­to­ra­len Wir­ken und ihrem Lebens­zeug­nis Aner­ken­nung ent­ge­gen­bringt.“ Wohl auf­grund der erschüt­tern­den Erfah­run­gen aus den USA und aus Irland kam er schon damals nicht mehr umhin, ein­schrän­kend hin­zu­zu­fü­gen, dass eini­ge Pries­ter auch straf­ba­re Hand­lun­gen began­gen und Pro­ble­me her­auf­be­schwo­ren“ hät­ten.3 

Nur wenig spä­ter tra­fen im Janu­ar 2010 Vor­wür­fe sexu­el­len Miss­brauchs im von Jesui­ten gelei­te­ten Cani­sius-Kol­leg in Ber­lin die deut­sche katho­li­sche Welt mit vol­ler Wucht. Fast gleich­zei­tig flamm­ten auch an ande­ren Orten Anschul­di­gun­gen auf – bei­spiels­wei­se im Bene­dik­ti­ner­gym­na­si­um Ettal, im Maris­ten­kol­leg in Min­del­heim, in zwei ehe­ma­li­gen Hei­men der Sale­sia­ner Don Bosco. Auch in ande­ren euro­päi­schen Staa­ten kam es zu ent­spre­chen­den Unter­su­chun­gen, so in Öster­reich, Bel­gi­en und in den Nie­der­lan­den.4 

Im Bis­tum Pas­sau wur­den seit­dem mehr­fach Miss­brauchs­tä­ter und Miss­brauchs­or­te öffent­lich benannt.5 Die Men­schen zeig­ten sich scho­ckiert, Katho­li­kin­nen und Katho­li­ken wand­ten sich in bis dahin nicht gekann­ter Wei­se von der Kir­che ab. Doch war das Phä­no­men sexu­el­len Miss­brauchs an sich nichts völ­lig Neu­es: bereits in den Jahr­zehn­ten zuvor waren immer wie­der Miss­brauchs­fäl­le auch in der Diö­ze­se durch die Pres­se publik gemacht wor­den, näm­lich dann, wenn Kle­ri­ker auf­grund ihrer Taten vor Gericht gestellt wur­den.6 Es gab damit auch schon vor 2010 ein zwar nicht zu quan­ti­fi­zie­ren­des, aber wohl erheb­li­ches impli­zi­tes Wis­sen über Fäl­le sexu­el­len Miss­brauchs in der Kir­che von Passau. 

Die Taten wur­den aller­dings auch in Pas­sau als Ein­zel­ver­ge­hen und Ein­zel­ver­sa­gen dekla­riert und iso­liert wahr­ge­nom­men. Die mitt­ler­wei­le in vie­len Län­dern durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen wider­leg­ten aller­dings Stück für Stück die­se lan­ge Zeit vor­ge­tra­ge­ne Deu­tung der Kir­che, viel­mehr wie­sen sie ein­drück­lich nach, dass sexu­el­ler Miss­brauch über den gesam­ten Raum der Kir­che hin­weg vor­ge­kom­men war und wei­ter vor­kam.7 

2014 beauf­trag­te schließ­lich die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz eine For­scher­grup­pe aus den Uni­ver­si­tä­ten Mann­heim, Hei­del­berg und Gie­ßen, ein inter­dis­zi­pli­nä­res For­schungs­gut­ach­ten zu sexu­el­lem Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land zu erstel­len. Die Ergeb­nis­se der soge­nann­ten MHG-Stu­die wur­den 2018 vor­ge­stellt.8 Dem­nach gab es bei 1.670 Kle­ri­kern und damit 4,4% aller Geist­li­chen Hin­wei­se auf sexu­el­len Miss­brauch Min­der­jäh­ri­ger, wobei hier ledig­lich das Hell­feld benannt ist. 3.677 Kin­der und Jugend­li­che, knapp 2/3 davon männ­lich und gut die Hälf­te von ihnen bei der ers­ten Erfah­rung sexua­li­sier­ter Gewalt maxi­mal 13 Jah­re alt, wur­den als Betrof­fe­ne erkannt; auch hier liegt die tat­säch­li­che Zahl deut­lich höher. Vie­le von ihnen kämpf­ten und kämp­fen noch heu­te mit phy­si­schen, psy­chi­schen und sozia­len Pro­ble­men. Nicht weni­ge ran­gen und rin­gen mit einem konfliktbehaftete[n] Erle­ben im Bereich des Glau­bens und der Spi­ri­tua­li­tät“.9

Mög­lich wur­de der Miss­brauch nicht zuletzt dadurch, so die Stu­die, dass sich in der Kir­che ein hier­ar­chisch-auto­ri­tä­res Sys­tem“ aus­ge­bil­det und ver­fes­tigt hat­te, das auf Sei­ten des Pries­ters zu einer Hal­tung“ führ­te, nicht geweih­te Per­so­nen in Inter­ak­tio­nen zu domi­nie­ren […]. Sexu­el­ler Miss­brauch ist ein extre­mer Aus­wuchs die­ser Domi­nanz.“ Im Ergeb­nis zeig­te sich, dass die Ver­tu­schung des Gesche­hens und die Scho­nung des Sys­tems“ Prio­ri­tät gewan­nen vor der scho­nungs­lo­sen Offen­le­gung ent­spre­chen­der Taten“, und dass der Schutz der Insti­tu­ti­on und des Beschul­dig­ten“ die berech­tig­ten Inter­es­sen der Betrof­fe­nen außer Acht“ ließ.10 Der Bericht offen­bar­te scho­nungs­los das Ver­sa­gen der Kir­che: die Fall­hö­he hät­te dabei kaum höher sein, Anspruch und Wirk­lich­keit kaum stär­ker von­ein­an­der abwei­chen können. 

In Fol­ge der das Selbst­ver­ständ­nis der katho­li­schen Kir­che im Kern tref­fen­den Erkennt­nis­se ver­pflich­te­te sich die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz im Jahr 2020 in einer Gemein­sa­men Erklä­rung mit dem Unab­hän­gi­gen Beauf­trag­ten für Fra­gen des sexu­el­len Kin­des­miss­brauchs in Deutsch­land (UBSKM), sexu­el­len Miss­brauch im Raum der katho­li­schen Kir­che“ wei­ter unab­hän­gig auf­zu­ar­bei­ten.11 Seit­her ent­stan­den in den Diö­ze­sen unab­hän­gi­ge Auf­ar­bei­tungs­kom­mis­sio­nen und unab­hän­gi­ge Betrof­fe­nen­bei­rä­te, die eine trans­pa­ren­te Unter­su­chung sexu­el­len Miss­brauchs vor Ort gewähr­leis­ten sol­len. Dar­über hin­aus wur­de nor­ma­tiv in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr Vie­les dafür getan, Kir­che und kirch­li­che Orte als siche­re Orte zu schüt­zen; ver­wie­sen sei ledig­lich auf ent­spre­chen­de Ver­schär­fun­gen im CIC, auf Schutz­kon­zep­te, auf die im Bereich der deut­schen Bischofs­kon­fe­renz gül­ti­ge Per­so­nal­ak­ten­ord­nung etc. Hier haben die geschaf­fe­nen Rah­men­be­din­gun­gen, vor allem im Bereich der schon seit den 2010er Jah­ren inten­si­ven Prä­ven­ti­ons­ar­beit, so das Ergeb­nis der MHG-Stu­die von 2018, in Tei­len durch­aus Modell­cha­rak­ter für nicht-kirch­li­che Kon­tex­te und Insti­tu­tio­nen.12 


Dem­entspre­chend ist auch das Epi­sko­pat Dr. Ste­fan Osters SDB von Auf­klä­rung und Auf­ar­bei­tung sexu­el­len Miss­brauchs geprägt. Zeit­wei­se schei­nen sie die evan­ge­li­sie­ren­den Auf­brü­che und das pas­to­ra­le Han­deln sogar zu über­la­gern. Sicht­bar wird dies nicht zuletzt an den Wort­mel­dun­gen des Bischofs. So bedau­er­te er mehr­fach zutiefst das gesche­he­ne Unrecht und voll­zog in demons­tra­ti­ven Zei­chen­hand­lun­gen, wie dem Kreuz­weg am Pas­si­ons­sonn­tag 2022, öffent­lich Akte der Reue: Ich bin hier und wir sind hier um ein­mal mehr Ver­ge­bung zu erbit­ten von unse­rem Gott, vor unse­ren Betrof­fe­nen von sexu­el­ler und ande­rer Gewalt und auch vor den Men­schen, die dadurch ihr Ver­trau­en in Kir­che und Glau­be ver­lo­ren haben.“13 

Die kirch­li­che Ver­wal­tung wie­der­um wen­det viel Kraft auf, die Inter­ven­ti­ons- und Prä­ven­ti­ons­ar­beit immer wei­ter vor­an­zu­trei­ben, das Bewusst­sein in den Gemein­den und im Bischöf­li­chen Ordi­na­ri­at für ein acht­sa­mes Mit­ein­an­der zu stär­ken und Rah­men­be­din­gun­gen für pas­to­ra­les Han­deln in Ver­hal­tens­co­di­ces etc. zu gie­ßen, die dem Schutz von Min­der­jäh­ri­gen und Schutz­be­foh­le­nen die­nen.14 Gera­de Nor­men, die die Nähe und Distanz in den Bezie­hun­gen von Pries­tern zu Gemein­de­mit­glie­dern, Fami­li­en und ins­be­son­de­re Kin­dern und Jugend­li­chen“ betref­fen und deren Refle­xi­on und Regu­la­ti­on […] zen­tra­ler Bestand­teil der Pries­ter­aus­bil­dung und ‑fort­bil­dung“ sein sol­len, sind bei Regel­über­schrei­tun­gen und Grenz­ver­let­zun­gen oft­mals schwer zu ver­mit­teln und sie sto­ßen bis­wei­len auch im betrof­fe­nen sozia­len Umfeld auf Unver­ständ­nis.15 

Die 2021 vom Bischof beru­fe­ne Unab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on zur Auf­ar­bei­tung sexu­el­len Miss­brauchs (UAK) und der Unab­hän­gi­ge Betrof­fe­nen­bei­rat (UBB) haben sich 2022 für ein For­scher­team der Uni­ver­si­tät Pas­sau ent­schie­den, das der­zeit eine wis­sen­schaft­lich-his­to­ri­sche Stu­die zu sexu­el­lem Miss­brauch durch Kle­ri­ker in der Diö­ze­se Pas­sau 1945 – 2020 erar­bei­tet. Die­se wird im Spät­herbst 2025 publi­ziert wer­den und sexu­el­len Miss­brauch wie kör­per­li­che Gewalt in der Diö­ze­se Pas­sau sowohl quan­ti­fi­zie­ren als auch qua­li­fi­zie­ren. Damit wird ver­mut­lich auch vor­han­de­nes impli­zi­tes Wis­sen expli­zit wer­den.16 

Bischof Dr. Ste­fan Oster SDB will die Ergeb­nis­se als Wirk­lich­keit und Teil unse­rer Geschich­te wahr­neh­men“ und Ver­ant­wor­tung über­neh­men“. Gleich­zei­tig hof­fe er aber auch dar­auf, dass sich aus den Ergeb­nis­sen wei­te­re Reform­maß­nah­men ablei­ten las­sen kön­nen, die die Kir­che […] zum Guten veränder[n] wer­den“.17 Die Ver­öf­fent­li­chung wird nichts­des­to­we­ni­ger wohl die mas­si­ve Glaub­wür­dig­keits­kri­se und ein­her­ge­hend auch die Glau­bens­kri­se trotz aller schon geleis­te­ter Prä­ven­ti­ons- und Inter­ven­ti­ons­ar­beit wei­ter verschärfen. 

Es wird müh­sam wer­den, Glaub­wür­dig­keit neu auf­zu­bau­en, gera­de auch, weil die Aus­gangs­si­tua­ti­on kaum schwie­ri­ger sein könn­te, hat die katho­li­sche Kir­che doch ihr hohes Ver­trau­ens­ka­pi­tal offen­sicht­lich längst weit­ge­hend ver­lo­ren. Die seit Jah­ren hohen Kir­chen­aus­tritts­zah­len und ein mit durch­schnitt­lich etwa 7,4% gerin­ger Pro­zent­satz an Got­tes­dienst­be­su­chen­den machen dies deut­lich.18 

Über­dies stellt eine nicht zu unter­schät­zen­de Gleich­zei­tig­keit des Ungleich­zei­ti­gen eine gro­ße Bür­de dar. Denn die der­zeit ent­ste­hen­de unab­hän­gi­ge his­to­ri­sche Stu­die arbei­tet die Ver­gan­gen­heit auf. Es wer­den aber seit gut einem Jahr­zehnt vie­le Maß­nah­men ergrif­fen, um Kir­che als siche­ren Raum zu gestal­ten. Lan­ge Zeit gewohn­te, nichts­des­to­we­ni­ger defi­zi­tä­re Struk­tu­ren, Kon­stel­la­tio­nen und Hal­tun­gen wur­den seit­dem kri­tisch über­dacht und refor­miert.19 Stark vor­wärts­stre­ben­de Pro­zes­se ver­än­dern unüber­seh­bar der­zeit den insti­tu­tio­nel­len und sozia­len Raum der Kir­che in einer noch vor weni­gen Jah­ren kaum denk­ba­ren Wei­se. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Auf­klä­rungs­stu­di­en ande­rer Bis­tü­mer und die dar­aus abge­lei­te­ten not­wen­di­gen Reform­maß­nah­men haben wich­ti­ge Impul­se gege­ben auch für die Arbeit von Prä­ven­ti­on und Inter­ven­ti­on in Pas­sau.20 

Die Ergeb­nis­se der Stu­die wer­den im Spät­herbst 2025 damit auf eine viel­fach ver­än­der­te bzw. sich mas­siv im Wan­del begrif­fe­ne orga­ni­sa­tio­na­le und auch men­ta­le Struk­tur tref­fen. Gleich­wohl wer­den sie die­se posi­ti­ven Refor­men belas­ten, gera­de weil die logi­sche linea­re Abfol­ge von Auf­klä­rung und Auf­ar­bei­tung gestört ist und Letz­te­res schon vor Ers­te­rem geleis­tet wird. 

Das ist das eine. Eine wei­te­re Belas­tung ergibt sich dar­aus, dass sich vie­le Nor­men zum Schutz von Min­der­jäh­ri­gen und Schutz­be­foh­le­nen, zum Umgang mit devi­an­ten Kle­ri­kern,21 zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Ver­wal­tung erst im All­tag bewäh­ren müs­sen, damit sich dar­aus ein Regel­ver­trau­en ent­wi­ckeln kann. Bischof Dr. Ste­fan Oster SDB steht damit vor der gro­ßen Her­aus­for­de­rung, die­se Vor­schrif­ten durch­zu­set­zen und im Leben der Kir­che sicht­bar zu machen, damit Betrof­fe­ne die Gewiss­heit erlan­gen, dass die Diö­ze­se ent­spre­chend ihrer selbst­ge­setz­ten Regeln han­delt, und damit durch ein ent­schie­de­nes Vor­ge­hen gleich­zei­tig poten­ti­el­le Täter abge­hal­ten wer­den, sexua­li­sier­te Gewalt anzuwenden. 

Schließ­lich gilt es anzu­er­ken­nen, dass der dia­bo­li­sche Angriff auf das Inners­te unse­res Evan­ge­li­ums, auf das Herz der Betrof­fe­nen und das Herz der Kir­che und ihres eigent­li­chen Anlie­gens“22 allein durch die Kir­che selbst, ja aus ihr selbst her­aus ver­ur­sacht wor­den ist. 

Bischof Dr. Ste­fan Oster SDB scheint im bewuss­ten Mit­ein­an­der von Kle­ri­kern und Lai­en als gemein­sa­mem Volk Got­tes einen mög­li­chen Weg für die Zukunft zu sehen, auch hält er nach­ge­ra­de unbe­irr­bar an einer soge­nann­ten Her­me­neu­tik des Wohl­wol­lens“ fest: Wir brau­chen ein­an­der, weil wir mit­ein­an­der Volk Got­tes sind und sein wol­len.“23 Vor allem die Amts­trä­ger wer­den daher in einem Geduld for­dern­den Pro­zess als Teil des Vol­kes Got­tes in und an der Gemein­schaft der Glau­ben­den ihren Dienst tun müs­sen, in der Hoff­nung, Glaub­wür­dig­keit auf­zu­bau­en. Dabei wer­den sie ver­mut­lich erfah­ren, was es bedeu­tet, immer wie­der für das insti­tu­tio­nel­le Ver­sa­gen um Ver­ge­bung zu bit­ten, aber kei­nen Ein­fluss dar­auf zu haben, ob die­se durch die Betrof­fe­nen und Gläu­bi­gen gewährt wird. 

Für den Erfolg evan­ge­li­sie­ren­der Auf­brü­che aber wird es ent­schei­dend sein, als ver­trau­ens­wür­dig wahr­ge­nom­men zu wer­den. Denn die Men­schen wer­den nur dem glau­ben, dem sie ver­trau­en – das stellt dem­nach eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung dafür dar, über­zeu­gend und nach­hal­tig mis­sio­na­risch wir­ken zu kön­nen, um den Men­schen zu hel­fen, zu Gott zu fin­den, Gott zu ver­trau­en, mit Gott als dem Urgrund allen Seins leben zu wollen. 


1 Ste­fan Oster, Zer­bro­che­ne Welt – Über sexu­el­len Miss­brauch in unse­rer Kir­che. Pre­digt aus Anlass des ers­ten Betrof­fen­en­ta­ges, 21.11.2020 [https://​ste​fan​-oster​.de/​h​e​i​l​e​-​w​e​l​t​-​z​e​r​b​r​o​c​h​e​n​e​-​w​e​l​t​-​u​e​b​e​r​-​s​e​x​u​e​l​l​e​n​-​m​i​s​s​b​r​a​u​c​h​-​i​n​-​u​n​s​e​r​e​r​-​k​i​rche/ (5.5.2025; gilt für alle zitier­ten web­sites)]. Der fol­gen­de Bei­trag ent­stand im engen und kri­ti­schen Aus­tausch mit Anto­nia Murr, Kanz­le­rin, Jus­ti­zia­rin und Inter­ven­ti­ons­be­auf­trag­te des Bis­tums Pas­sau. Dafür dan­ke ich sehr herzlich.

2 Vgl. Tho­mas Groß­böl­ting, Die schul­di­gen Hir­ten. Geschich­te des sexu­el­len Miss­brauchs in der katho­li­schen Kir­che, Frei­burg 2022, S. 57 – 67.

3 Vgl. Amts­blatt für das Bis­tum Pas­sau, 5 (2009), Nr. 46, S. 46: Anläss­lich des 150. Todes­ta­ges des hei­li­gen Johan­nes Maria Vian­ney, Pfar­rer von Ars, hat Papst Bene­dikt XVI. ein Jahr des Pries­ters aus­ge­ru­fen.“ Es begann am 19. Juni 2009; Brief von Kar­di­nal Cláu­dio Hum­mes anläss­lich des Pries­ter­jah­res 2009 [https://​www​.vati​can​.va/​r​o​m​a​n​_​c​u​r​i​a​/​c​o​n​g​r​e​g​a​t​i​o​n​s​/​c​c​l​e​r​g​y​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​r​c​_​c​o​n​_​c​c​l​e​r​g​y​_​d​o​c​_​20090526​_​a​n​n​o​-​s​a​c​e​r​d​o​t​a​l​e​_​g​e​.html].

4 Vgl. Groß­böl­ting, Die schul­di­gen Hir­ten (wie Anm. 2), S. 44 – 51, 67 – 69.

5 Vgl. bsp. PNP, 3.5.2010 und PNP, 12.11.2020 (Kon­rad S.); https://​www​.bis​tum​-pas​sau​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​b​i​s​t​u​m​-​p​a​s​s​a​u​-​b​e​n​e​n​n​t​-​m​i​s​s​b​r​a​u​c​h​s​t​a​e​t​e​r​-​o​e​f​f​e​n​tlich (P. Nor­bert Weber OFMCap).

6 Vgl. bsp. Pas­sau­er Woche, Nr. 4, 21. – 27.1.1955; PNP, 20.1.1955; PNP, 17.2.1955 (Kurt Grö­ger); Pas­sau­er Woche, Nr. 51, 24. – 30.12.1954; PNP, 17.12.1954; PNP, 20.12.1954; PNP, 23.12.1954 (Anton Würz­in­ger); Bild-Zei­tung, Nr. 53, 4.3.1993; PNP, 11.3.1993; SZ, 30.9.1993 (Josef Konrad).

7 Vgl. Groß­böl­ting, Die schul­di­gen Hir­ten (wie Anm. 2), S. 72.

8 Vgl. For­schungs­pro­jekt Sexu­el­ler Miss­brauch an Min­der­jäh­ri­gen durch katho­li­sche Pries­ter, Dia­ko­ne und männ­li­che Ordens­an­ge­hö­ri­ge im Bereich der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz“, Mann­heim, Hei­del­berg, Gie­ßen 2018 (MHG-Stu­die); https://​www​.dbk​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​r​e​d​a​k​t​i​o​n​/​d​i​v​e​r​s​e​_​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​D​o​s​s​i​e​r​s​/​d​o​s​s​i​e​r​s​_​2018​/​M​H​G​-​S​t​u​d​i​e​-​g​e​s​a​m​t.pdf.

9 MHG-Stu­die (wie Anm. 8), S. 8.

10 MHG-Stu­die (wie Anm. 8), S. 13.

11 Gemein­sa­me Erklä­rung über ver­bind­li­che Kri­te­ri­en und Stan­dards für eine unab­hän­gi­ge Auf­ar­bei­tung von sexu­el­lem Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land, 28. April 2020 (https://​www​.dbk​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​r​e​d​a​k​t​i​o​n​/​d​i​v​e​r​s​e​_​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​p​r​e​s​s​e​_​2020​/2020 – 074a-Gemeinsame-Erklaerung-UBSKM-Dt.-Bischofskonferenz.pdf). 

12 Vgl. MHG-Stu­die (wie Anm. 8), S. 13.

13 Ste­fan Oster, Das Leid der Betrof­fe­nen, die Kata­stro­phe für die Kir­che und die öster­li­che Hoff­nung, 3.4.2022 (https://​ste​fan​-oster​.de/​d​a​s​-​l​e​i​d​-​d​e​r​-​b​e​t​r​o​f​f​e​n​e​n​-​d​i​e​-​k​a​t​a​s​t​r​o​p​h​e​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​k​i​r​c​h​e​-​u​n​d​-​d​i​e​-​o​e​s​t​e​r​l​i​c​h​e​-​h​o​f​f​nung/). 

14 Der Ver­hal­tens­ko­dex für die Diö­ze­se Pas­sau gilt bereits seit 2019 [Amts­blatt 1 (2019), Nr. 9, S. 34 – 41].

15 MHG-Stu­die (wie Anm. 8), S. 16.

16 Zum Team der For­scher aus der Uni­ver­si­tät Pas­sau vgl. https://​www​.uni​-pas​sau​.de/​m​i​s​s​b​r​a​u​c​h​s​s​tudie.

17 Bischöf­li­ches Ordi­na­ri­at Pas­sau (Hg.), Und jetzt geh. Du hast noch ein gutes Stück Weg vor Dir“ (nach 1 Kön 19,8). Ver­öf­fent­li­chung der wis­sen­schaft­li­chen Stu­die zu sexu­el­lem Miss­brauch und kör­per­li­cher Gewalt im Bis­tum Pas­sau (1945 – 2020). Eine Hand­rei­chung im Vor­feld der Publi­ka­ti­on 2025, Pas­sau 2025, 3 – 5 (https://s3.eu-central‑1.amazonaws.com/bistumpassau/downloads/Bistum-Passau/archiv-A5-Handreichung-Studie-250122 – 22.01.2025-Flyer-Broschuere-Handreichung-in-Einzelseiten.pdf).

18 Zähl­te die Diö­ze­se 2010 noch 490.336 Katho­li­kin­nen und Katho­li­ken, waren es 2024 nur mehr 413.799. (Josef Sonn­leit­ner, Finan­zen – der sen­si­ble ner­vus rer­um“, in: Alo­is Brun­ner, Maxi­mi­li­an Gigl, Jochen Jar­zom­bek, Han­ne­lo­re Putz, Josef Sonn­leit­ner (Hg.), Kir­che baut?! Orte berei­ten für den Glau­ben und das Leben, Pas­sau 2023, S. 59 – 69, hier S. 68; https://​www​.bis​tum​-pas​sau​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​i​r​c​h​e​n​s​t​a​t​i​s​t​i​k​-2024).

19 Vgl. Bischöf­li­ches Ordi­na­ri­at Pas­sau, Hand­rei­chung (wie Anm. 17), S. 18 – 21.

20 Vgl. die Zusam­men­stel­lung von Auf­ar­bei­tungs­stu­di­en im kirch­li­chen und nicht-kirch­li­chen Bereich in: https://​beauf​trag​te​-miss​brauch​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​u​s​e​r​_​u​p​l​o​a​d​/​A​u​f​a​r​b​e​i​t​u​n​g​/​A​u​f​a​r​b​e​i​t​u​n​g​s​b​e​r​i​c​h​t​e​_​A​u​g​_​2024.pdf; vgl. jüngst zu Würz­burg: Emp­feh­lun­gen der UKAM zur Wei­ter­ent­wick­lung der Prä­ven­ti­ons- und Inter­ven­ti­ons­kon­zep­te bei sexua­li­sier­ter Gewalt und Macht­miss­brauch im Bis­tum Würz­burg. Ablei­tun­gen aus dem Gut­ach­ten Bestands­auf­nah­me und Auf­ar­bei­tung von Fäl­len sexu­el­len Miss­brauchs in der Diö­ze­se Würz­burg vom 1.1.1945 bis zum 31.12.2019“ von Prof. Dr. jur. Hen­drik Schneider.

21 Zu den meist sehr begrenz­ten Hand­lungs­op­tio­nen eines Bischofs gegen­über devi­an­ten Kle­ri­kern vgl. Domi­nik Burk­hard, Kirch­li­cher Umgang mit sexu­el­lem Miss­brauch durch Kle­ri­ker. Fra­gen, Pro­ble­me und Über­le­gun­gen aus kir­chen­his­to­ri­scher Sicht, in: Cle­mens Brod­korb, Domi­nik Burk­hard (Hg.), Neue Aspek­te einer Geschich­te des kirch­li­chen Lebens. Zum 10. Todes­tag von Erwin Gatz, Regens­burg 2021, S. 283 – 331.

22 Ste­fan Oster, Zer­bro­che­ne Welt – Über sexu­el­len Miss­brauch in unse­rer Kir­che, 21.11.2020 (https://​ste​fan​-oster​.de/​h​e​i​l​e​-​w​e​l​t​-​z​e​r​b​r​o​c​h​e​n​e​-​w​e​l​t​-​u​e​b​e​r​-​s​e​x​u​e​l​l​e​n​-​m​i​s​s​b​r​a​u​c​h​-​i​n​-​u​n​s​e​r​e​r​-​k​i​rche/).

23 Ste­fan Oster, Miss­brauchs­kri­se: Es war Ver­rat!, 14.9.2018 (https://​ste​fan​-oster​.de/​e​s​-​w​a​r​-​v​e​r​r​a​t​-​d​i​e​-​m​i​s​s​b​r​a​u​c​h​s​k​r​i​s​e​-​d​i​e​-​b​i​t​t​e​-​u​m​-​v​e​r​g​e​b​u​n​g​-​u​n​d​-​d​e​r​-​w​e​g​-​d​e​r​-​w​a​h​r​heit/). 

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