Aus der Wissenschaft

Das Wesen der Kirche ist Mission

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Daniel Silberbauer

Warum Mission eine innere Konsequenz des Glaubens ist. Ein Beitrag von Kurt Kardinal Koch, habilitierter Dogmatiker, emeritierter Bischof von Basel und Präsident des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen in Rom.

Mis­sio­na­ri­sche Tätig­keit ist nichts ande­res und nichts weni­ger als Kund­ga­be der Epi­pha­nie und Erfül­lung des Pla­nes Got­tes in der Welt und ihrer Geschich­te, in der Gott durch die Mis­si­on die Heils­ge­schich­te sicht­bar voll­zieht.“1 Mit die­sem Spit­zen­satz ord­net das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil den Mis­si­ons­auf­trag der Kir­che in den wei­ten Hori­zont des uni­ver­sa­len Heils­pla­nes Got­tes mit der Mensch­heit ein, der auf die escha­to­lo­gi­sche Samm­lung aller Völ­ker zielt, die bereits von den alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­ten ver­heis­sen wor­den ist. Mit der Her­aus­stel­lung des epi­pha­ni­schen Cha­rak­ters der Mis­si­on ruft das Kon­zil in Erin­ne­rung, dass zum tiefs­ten Wesen der Kir­che ihre Sen­dung zur Evan­ge­li­sie­rung der Welt gehört und die Kir­che dazu da ist, zu evan­ge­li­sie­ren: Die pil­gern­de Kir­che ist ihrem Wesen nach mis­sio­na­risch.“2

Mis­si­on als inne­re Kon­se­quenz des Glaubens

Wenn das Wesen der Kir­che mis­sio­na­risch ist, dann muss es sich in allen wesent­li­chen Voll­zü­gen der Kir­che wie in ihrem Sein anzei­gen und muss die Sen­dung aus ihrem Wesen selbst fol­gen. Dies lässt sich am bes­ten ver­deut­li­chen, wenn man sich die ele­men­ta­ren Grund­voll­zü­ge des kirch­li­chen Seins und Lebens vergegenwärtigt:

Die ers­te Grund­be­we­gung der Kir­che ist das Emp­fan­gen, genau­er das Emp­fan­gen des Wor­tes Got­tes. Denn die bibli­sche Bot­schaft, dass Gott uns Men­schen liebt und in sei­ner Bezie­hung zu uns unber­irr­bar treu ist, so dass wir uns auf ihn ver­las­sen und ihm glau­ben kön­nen, kann kein Mensch sich selbst sagen oder gar erdich­ten. Er muss und er darf sie sich immer wie­der neu sagen las­sen. Glau­hend emp­fan­gen wir das Wort, das Gott uns zuspricht. Die­ses Wort ist Gott selbst, wes­halb wir Gott selbst emp­fan­gen, unver­dient aus rei­ner Gna­de. Weil Gott sich uns Men­schen zuwen­det und schenkt, kön­nen wir ihn nur mit lee­ren Hän­den empfangen.

Die eben­so prio­ri­tä­re wie adäqua­te Ant­wort auf das Emp­fan­gen Got­tes und sei­nes Wor­tes kann nur das Loben sein; und dies ist die zwei­te Grund­be­we­gung der Kir­che. Glau­ben­de sind Men­schen, die zual­ler­erst Zeit haben zum Lobe Got­tes und die vor Gott ihre hei­li­ge Lit­ur­gie fei­ern. Glau­ben­de sind so voll des dank­ba­ren Lobes, dass sie kei­ne wich­ti­ge Gele­gen­heit vor­über­ge­hen las­sen kön­nen, ohne Lob­lie­der anzu­stim­men und Gott ihren Applaus dar­zu­brin­gen für sein befrei­en­des Han­deln in der Geschich­te der Men­schen, in der Gemein­schaft der Kir­che und in der gan­zen Schöp­fung. Zumal in der heu­ti­gen Welt, in der die Men­schen offen­sicht­lich nicht genug schaf­fen und raf­fen kön­nen, zeich­nen sich Glau­ben­de dadurch aus, dass sie sich den demons­tra­ti­ven Luxus des Lobes Got­tes leisten.

Was glau­ben­de Men­schen von Gott emp­fan­gen und wofür sie Gott loben, dies kön­nen und dür­fen sie unmög­lich für sich behal­ten. Es treibt sie viel­mehr zum Aus­tei­len an ande­re Men­schen an, damit auch sie Anteil an der Bot­schaft der Lie­be Got­tes erhal­ten. Dar­in besteht die drit­te Grund­be­we­gung der Kir­che. Glau­ben­de Men­schen sind dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass sie die Bot­schaft Got­tes, die für sie Brot des Lebens ist, an alle Men­schen wei­ter­ge­ben, damit auch sie zum Leben kom­men können.

Emp­fan­gen, Loben und Aus­tei­len – oder in der theo­lo­gi­schen Fach­spra­che Mar­ty­ria, Leit­ur­gia, Dia­ko­nia – sind die drei Grund­be­we­gun­gen der Kir­che, die den stim­mi­gen Drei­klang ihres Lebens aus­ma­chen und von denen kei­ner aus­fal­len darf, soll die Glau­bens­sym­pho­nie nicht gründ­lich gestört wer­den. Damit aber ist sicht­bar, dass das Aus­tei­len not­wen­di­ger­wei­se aus dem Emp­fan­gen und Loben folgt. Die Mis­si­on stellt des­halb nicht ein­fach eine Pflicht der Kir­che dar, sie ist viel­mehr die inne­re und logi­sche Kon­se­quenz des Glau­bens selbst, weil die Kir­che alle Men­schen an dem Geschenk teil­ha­ben las­sen will, das sie selbst von Gott emp­fan­gen hat. Der Cha­rak­ter der Mis­si­on ist, wie Papst Bene­dikt XVI. ein­dring­lich betont hat, nichts, was dem Glau­ben äus­ser­lich hin­zu­ge­fügt wäre, son­dern die Dyna­mik des Glau­bens selbst. Wer Jesus gese­hen hat, wer ihm begeg­net ist, muss zu den Freun­den eilen und ihnen sagen: <Wir haben ihn gefun­den, es ist Jesus, der für uns gekreu­zigt wor­den ist.“3

Die inne­re Kon­se­quenz der Mis­si­on kommt beson­ders sicht­bar an den Tag in der Lit­ur­gie der Hei­li­gen Mes­se. In ihrer Mit­te steht der Frie­dens­gruss, bei dem der ver­sam­mel­ten Gemein­de der Frie­de Jesu Chris­ti und damit jener Frie­de zuge­spro­chen wird, den die Welt sich nicht selbst geben kann. Wie in der frü­hen Kir­che die Eucha­ris­tie ein­fach als Frie­de“ – Pax“ – bezeich­net wor­den ist, so eröff­net und schenkt sie einen Lebens­raum des Frie­dens: Sie ist Frie­de vom Auf­er­stan­de­nen Herrn her. Wer das gross­ar­ti­ge Geschenk des Frie­dens in der Fei­er der Eucha­ris­tie von Chris­tus emp­fan­gen darf, ist dann auch gesandt, die­sen Frie­den in die Welt zu tra­gen. Der Frie­dens­gruss mün­det des­halb in die Frie­dens­sen­dung: Ite mis­sa est!“. Dabei geht es nicht ein­fach um eine Ent-Las­sung, son­dern um eine Ent-Sendung.

Mis­si­on in den kirch­li­chen Grundvollzügen

Nimmt man die Mis­si­on als inne­re Kon­se­quenz des Glau­bens und als Wesen der Kir­che ernst, muss dies auch Rück­wir­kun­gen auf das gan­ze Leben der Kir­che haben. Denn die Mis­si­on der Kir­che ist nicht ein­fach ein ver­ein­zel­ter Voll­zug der Kir­che, son­dern sie muss in den wesent­li­chen kirch­li­chen Grund­be­we­gun­gen der Mar­ty­ria, der Leit­ur­gia, der Dia­ko­nia und der Koi­no­nia ver­wirk­licht werden.

Im Blick auf die Mar­ty­ria ver­steht sich die Mis­si­on von selbst. Die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums von Jesus Chris­tus drängt zu sei­ner Wei­ter­ga­be an die Men­schen und des­halb zur Mis­si­on. Denn das Evan­ge­li­um kommt uns als ein Wort ent­ge­gen, das mit höchs­ter Auto­ri­tät begeg­net. Sie ist bereits prä­sent in sei­nem Namen, sofern wir auf sei­ne ursprüng­li­che Bedeu­tung bli­cken. In der Zeit Jesu ist das Wort Evan­ge­li­um“ ein ele­men­tar poli­ti­sches Wort gewe­sen. Als Evan­ge­li­en“ wur­den damals alle Erlas­se des Kai­sers bezeich­net, und zwar unab­hän­gig von ihren Inhal­ten. Evan­ge­li­um“ hiess ein­fach Kai­ser­bot­schaft“. Evan­ge­li­um“ war sie in ers­ter Linie des­halb, weil sie vom Kai­ser und damit von jenem Men­schen stamm­te, der – angeb­lich — die Welt in sei­nen Hän­den hält.

In die­sem gewich­ti­gen Sinn ist auch die Bot­schaft Jesu Chris­ti Evan­ge­li­um“, weil sie von dem kommt, der sich nicht mehr wie der Kai­ser anmasst, Gott zu sein und sei­ne Bot­schaf­ten als Evan­ge­li­en“ zu dekla­rie­ren, der viel­mehr der Sohn und damit das leben­di­ge Wort Got­tes selbst ist. Im Unter­schied zu den Evan­ge­li­en“ des Kai­sers kommt es beim Evan­ge­li­um Jesu Chris­ti vor allem auf sei­nen Inhalt an: Bei der Mis­si­on im Sin­ne der Glau­bens­wei­ter­ga­be müs­sen die ele­men­ta­ren Essen­ti­als des christ­li­chen Glau­bens im Mit­tel­punkt ste­hen, muss sie sich an den Glau­bens­quel­len ori­en­tie­ren und das Evan­ge­li­um mit sei­nem befrei­en­den Zuspruch wie mit sei­nem her­aus­for­dern­den Anspruch ernst neh­men. Dies ist aber nur mög­lich, wenn das Evan­ge­li­um nicht als ein Wort aus der Ver­gan­gen­heit ver­kün­det wird, son­dern als ein leben­di­ges Wort, das zwar in der Ver­gan­gen­heit ergan­gen ist, aber in unse­re Gegen­wart hineinspricht.

Das Evan­ge­li­um nicht als ein Wort der Ver­gan­gen­heit wahr­zu­neh­men, son­dern auch und vor allem als leben­di­ges und gegen­wär­ti­ges Wort, dies geschieht in ers­ter Linie in der Lit­ur­gie der Kir­che. Sie ist des­halb der pri­mä­re und pri­vi­le­gier­te Ort der Glau­bens­wei­ter­ga­be und der Mis­si­on, weil sie nicht nur im Reden von Gott, son­dern in aller­ers­ter Linie im Reden zu Gott geschieht, näm­lich in der Doxolo­gie des Dreie­nen Got­tes. Denn sie ist die eigent­li­che Gottesrede.

Authen­tisch kann die Lit­ur­gie der Kir­che ihrer Mis­si­on des­halb dadurch die­nen, dass sie nicht wer­ben­de Inter­pre­ta­ti­on nach aus­sen an die Nicht­glau­ben­den sein will, son­dern dass sie ganz im Inne­ren des Glau­bens ange­sie­delt ist. Doch gera­de in die­ser nicht-mis­sio­na­ri­schen Zweck­frei­heit zieht sie immer wie­der Gott suchen­de Men­schen an und wirkt glaub­wür­dig auf sie ein. Es ist das selbst­lo­se Ste­hen der Glau­ben­den vor Gott und das Schau­en auf ihn, die das Licht Got­tes in der lit­ur­gi­schen Fei­er auch den Aus­sen­ste­hen­den spür­bar wer­den las­sen. Umge­kehrt ver­liert die Lit­ur­gie dort ihre Aus­strah­lungs­kraft, wo sie unver­mit­telt mis­sio­na­risch sein will und die­sen Zweck mit kate­che­tisch-beleh­ren­den Ele­men­ten ver­sieht. Dann näm­lich wird die Lit­ur­gie für uns Men­schen gemacht und folgt nicht mehr ihrer ele­men­ta­ren Sinn­be­stim­mung, Gott zu gefal­len, wie Pau­lus in sei­nem Brief an die Römer dies wünscht (12, 1). Doch genau dies suchen heu­te vie­le Men­schen, die sich danach seh­nen, in der Lit­ur­gie das Geheim­nis Got­tes zu erfah­ren. In die­ser unmis­sio­na­ri­schen Zweck­frei­heit dient die Lit­ur­gie der Wei­ter­ga­be des Glau­bens am authentischsten.

Die Lit­ur­gie der Kir­che ist nicht direkt mis­sio­na­risch, aber sie mün­det in die Sen­dung im All­tag des Lebens der Kir­che, vor allem in Cari­tas und Dia­ko­nie. Die­sem The­ma hat vor allem Papst Bene­dikt XVI. den zwei­ten Teil sei­ner Enzy­kli­ka über die christ­li­che Lie­be Deus cari­tas est“ gewid­met und dabei her­vor­ge­ho­ben, dass Lie­be zu üben für die Wit­wen und Wai­sen, für die Gefan­ge­nen, Kran­ken und Not­lei­den­den genau­so zum Wesen der Kir­che gehört wie der Dienst der Sakra­men­te und der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums“ und dass die Kir­che des­halb den Lie­bes­dienst so wenig aus­fal­len las­sen kann wie Sakra­ment und Wort“4

Indem die Kir­che die Lie­be, die sie von Gott geschenkt erhält und die Gott selbst ist, in Dia­ko­nie und Cari­tas an die Men­schen wei­ter­gibt, steht sie in beson­de­rer Wei­se im Dienst der Glau­bens­wei­ter­ga­be und der Mis­si­on. Wenn näm­lich der Kern­in­halt der kirch­li­chen Bot­schaft die Lie­be Got­tes ist, dann kann die Mis­si­on nichts ande­res sein als Zeug­nis für die Lie­be Got­tes und kann sie ihrer­seits nur in Lie­be gesche­hen. Papst Bene­dikt XVI. hat dies am Bei­spiel von Kai­ser Juli­an, dem Apo­sta­ten ver­deut­licht. Die­ser Kai­ser hat das Hei­den­tum, die alte römi­sche Reli­gi­on wie­der­her­stel­len und zugleich Anlei­hen am Chris­ten­tum machen wol­len, wie er selbst in einem Brief geschrie­ben hat. Das Ein­zi­ge, was ihn dabei am Chris­ten­tum beein­druckt hat, war die Lie­bes­tä­tig­keit der Kirche. 

Mit die­sem Bei­spiel kommt auch an den Tag, dass nicht nur die drei Grund­funk­tio­nen der Mar­ty­ria, Leit­ur­gia und Dia­ko­nia im Dienst der Mis­si­on ste­hen, son­dern auch die Koi­no­nia der Kir­che selbst. Denn die Mis­si­on ist in ers­ter Linie nicht eine Form des Redens, son­dern eine Form des Lebens und braucht des­halb die Glau­bens­ge­mein­schaft der Kir­che. Denn ohne Kir­che kann es letzt­lich kei­nen Glau­ben und auch kei­ne Glau­bens­wei­ter­ga­be geben. Die Kir­che als gan­ze steht des­halb im Dienst der Glau­bens­wei­ter­ga­be, frei­lich nur dann, wenn sie nicht nur das Wort Got­tes ver­kün­det, son­dern selbst ein Lebens­ort Got­tes ist, so dass die Men­schen erfah­ren kön­nen, dass es die Kir­che in ers­ter Linie um Got­tes wil­len“ gibt.

Die Kir­che ist kein Zweck in sich selbst, son­dern ist dazu da, dass ein Aus­blick auf Gott ent­steht und Gott von den Men­schen gese­hen wer­den kann. Die­se grund­le­gen­de Per­spek­ti­ve hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil mit den zwei ein­lei­ten­den Wor­ten der Dog­ma­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on über die Kir­che zum Aus­druck gebracht. Denn mit lumen gen­ti­um“ wird nicht die Kir­che bezeich­net, son­dern Jesus Chris­tus. Er ist das Licht der Völ­ker, und es ist sei­ne Herr­lich­keit, die auf dem Ant­litz der Kir­che wider­scheint, und ihr kommt die Sen­dung zu, das Evan­ge­li­um allen Geschöp­fen zu ver­kün­den5. Bereits die Kir­chen­vä­ter haben empha­tisch betont, dass Jesus Chris­tus die Son­ne und die Kir­che der Mond ist, der kein ande­res Licht hat als das­je­ni­ge von der Son­ne und des­halb die Sen­dung wahr­nimmt, Jesus Chris­tus als Licht in die Welt zu tra­gen. Nur eine solch luna­re Kir­che dient glaub­wür­di­ger Mission.

Mis­si­on der Kir­che in der Fort­set­zung der Mis­si­on Christi

Von daher erschliesst sich der tiefs­te Grund dafür, dass die Mis­si­on zur Iden­ti­tät der Kir­che gehört. Er ist bereits greif­bar im so genann­ten Mis­si­ons­be­fehl Jesu an die Adres­se sei­ner Jün­ger: Geht zu allen Völ­kern und macht alle Men­schen zu mei­nen Jün­gern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Und lehrt sie, alles zu befol­gen, was ich euch gebo­ten habe“ (Mt 28, 18 – 20). In die­sen Wor­ten ist jene fun­da­men­ta­le Leit­per­spek­ti­ve aus­ge­spro­chen, die bereits den gros­sen Mis­si­ons­auf­bruch der Kir­che in ihren Anfän­gen doku­men­tiert und zeigt, dass die Mis­si­on kein blos­ses Anhäng­sel der Kir­che und ihrer Sen­dung in der Welt sein darf und nicht in ihr Belie­ben gestellt ist, son­dern das Wesen der Kir­che betrifft und letzt­lich über ihr Sein oder Nicht-Sein entscheidet.

Wort und Wirk­lich­keit der Mis­si­on sind für Jesus des­halb ele­men­tar, weil sie sei­ne eige­ne inners­te Iden­ti­tät berüh­ren. Denn in der Hei­li­gen Schrift – vor allem im Johan­nes­evan­ge­li­um – wird uns Jesus Chris­tus als der Gesand­te Got­tes vor Augen gestellt. Jesus trägt nicht nur den Titel Gesand­ter“; er ist viel­mehr in sei­nem eigent­li­chen Wesen Gesand­ter“. Chris­tus ist in die Welt gesandt, um Gott in die Welt zu brin­gen und sei­ne Wahr­heit zu bezeu­gen, wie Jesus vor dem Prä­tor Pila­tus bekennt: Ich bin dazu gebo­ren und dazu in die Welt gekom­men, dass ich für die Wahr­heit Zeug­nis able­ge. Jeder, der aus der Wahr­heit ist, hört auf mei­ne Stim­me“ (Joh 18, 37). Da Jesus Chris­tus der treue Zeu­ge Got­tes schlecht­hin ist, kenn­zeich­net der Begriff der Sen­dung neu­tes­ta­ment­lich die Per­son und das Wir­ken Jesu Chris­ti so sehr, dass sei­ne gesam­te Exis­tenz im Gesandt-Sein zum Zeug­nis besteht. 

In der Sen­dung des Soh­nes vom Vater her zum Heil der Welt liegt die tiefs­te Begrün­dung für jede Theo­lo­gie der christ­li­chen Mis­si­on. Denn die Sen­dung des Soh­nes setzt sich in der Sen­dung der Kir­che fort. Von Chris­tus her erweist sich die Kir­che selbst als Gesand­te“ und als Sen­dung“ zum Zeug­nis, wie es der auf­er­stan­de­ne Chris­tus sei­nen Jün­gern ver­heis­sen hat: Ihr wer­det mei­ne Zeu­gen sein in Jeru­sa­lem und in ganz Judäa und Sama­ri­en und bis an die Gren­zen der Erde“ (Apg 1, 8). In die­ser Sen­dung zum Zeug­nis ist es begrün­det, dass die Kir­che nicht bei sich blei­ben kann, son­dern sich über­schrei­ten muss und stets zu den Men­schen gesandt ist. Denn die Bewe­gung der aus­strö­men­den Lie­be Got­tes setzt sich in der Sen­dung der Kir­che fort, indem sie sich den Men­schen hin­gibt, wie Gott sei­nen eige­nen Sohn den Men­schen hin­ge­ge­ben und er sich selbst hin­ge­ge­ben hat.

Papst Bene­dikt XVI. hat dazu das tie­fe Bild geprägt, dass die Sen­dung der Kir­che sich durch Anzie­hung“ voll­zieht: Wie Chris­tus mit der Kraft sei­ner Lie­be, die am Opfer am Kreuz gip­felt, alle an sich zieht, so erfüllt die Kir­che ihre Sen­dung in dem Mass, indem sie, mit Chris­tus ver­eint, jedes Werk in geist­li­cher und kon­kre­ter Über­ein­stim­mung mit der Lie­be des Herrn erfüllt.“6 Anzie­hen­de Evan­ge­li­sie­rung ist der Tat­be­weis glaub­wür­di­ger Mis­si­on. Dahin­ter steht die Über­zeu­gung, dass das Gute nicht in sich ruhen kann, son­dern über sich hin­aus­ge­hen und hin­aus­strah­len will in die Welt hin­ein. Denn alles Gute, das von Gott als dem Guten schlecht­hin kommt, ist in sich dif­fu­si­vum sui“ und will sich des­halb mitteilen.

Ermu­ti­gung zum per­sön­li­chen Zeug­nis des Glaubens

Auf die­sem chris­to­lo­gisch-ekkle­sio­lo­gi­schen Hin­ter­grund hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil das Werk der Evan­ge­li­sa­ti­on als eine Grund­pflicht des Got­tes­vol­kes“ bezeich­net und alle Getauf­ten zu einer tief­grei­fen­den und inne­ren Erneue­rung auf­ge­ru­fen, damit sie im leben­di­gen Bewusst­sein der eige­nen Ver­ant­wor­tung bei der Aus­brei­tung des Evan­ge­li­ums ihren Anteil am Mis­si­ons­werk bei den Völ­kern über­neh­men“7. Denn das Zeug­nis des christ­li­chen Glau­bens kann die Men­schen heu­te nur errei­chen, wenn es von kon­kre­ten per­so­na­len Zeu­gen über­bracht wird. Papst Paul VI. hat mit Recht immer wie­der betont, der heu­ti­ge Mensch brau­che und suche kei­ne Leh­rer, son­dern Zeu­gen, und Leh­rer nur inso­fern, als sie auch als Zeu­gen wahr­ge­nom­men wer­den können.

Zeug­nis zu geben von der Wahr­heit und Schön­heit der christ­li­chen Offen­ba­rung ist die Sen­dung des Chris­ten auch heu­te. Das Geheim­nis die­ser Sen­dung liegt in einem über­zeu­gen­den christ­li­chen Leben und im Mit­tei­len des im Glau­ben Erfah­re­nen. Die Mis­si­on der Kir­che geschieht heu­te nicht so sehr durch kon­sum­freund­li­che Wer­bung oder durch die Ver­brei­tung von viel Papier und auch nicht in den Medi­en. Das ent­schei­den­de Medi­um der Aus­strah­lung Got­tes sind viel­mehr die Chris­ten selbst, die ihren Glau­ben glaub­wür­dig leben und so dem Evan­ge­li­um ein per­sön­li­ches Gesicht geben, Wenn uns Jesus Chris­tus wirk­lich als Licht der Welt ein­leuch­tet, wer­den wir von selbst aus­strah­len, Chris­ten mit Aus­strah­lung sein, die gleich­sam wie fin­ni­sche Ker­zen leben, die bekannt­lich von innen nach aus­sen bren­nen und so Licht geben.

Eine mis­sio­na­ri­sche Kir­che braucht heu­te vor allem getauf­te Men­schen, deren Herz von Gott erfüllt und deren Ver­nunft vom Licht Got­tes erleuch­tet ist, so dass ihr Herz die Her­zen ande­rer berüh­ren und ihre Ver­nunft zur Ver­nunft ande­rer Men­schen zu spre­chen ver­mö­gen. Dann kann jene neue Etap­pe der Evan­ge­li­sie­rung“ wirk­sam wer­den, zu der Papst Fran­zis­kus mit sei­nem Apos­to­li­schen Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um“ ein­lädt, um eine mis­sio­na­ri­sche Umge­stal­tung der Kir­che“ zu ermög­li­chen8. Im Dienst eines sol­chen mis­sio­na­ri­schen Neu­auf­bruchs der Kir­che steht auch Bischof Ste­fan Oster, und er lebt sei­ne bischöf­li­che Sen­dung als Apos­to­li­scher Zeu­ge des Glau­bens, der die Freu­de am Evan­ge­li­um aus­strahlt. Dafür sei ihm, mei­nem geschätz­ten Mit­bru­der, zu sei­nem 60. Geburts­tag mit die­sen Zei­len ein Wort der dank­ba­ren Wert­schät­zung ausgesprochen.

1 Ad gen­tes, Nr. 9.

2 Ad gen­tes, Nr. 2.

3 Bene­dikt XVI., Lec­tio Divina mit den Semi­na­ris­ten beim Besuch des Päpst­li­chen Römi­schen Pries­ter­se­mi­nars anläss­lich des Fes­tes der Got­tes­mut­ter vom Ver­trau­en am 12. Febru­ar 2010.

4 Bene­dikt XVI., Deus cari­tas est, Nr. 22.

5 Lumen gen­ti­um, Nr. 1

6 Bene­dikt XVI., Pre­digt in der Eucha­ris­tie­fei­er zur Eröff­nung der V. Gene­ral­ver­samm­lung der Bischö­fe von Latein­ame­ri­ka und der Kari­bik auf dem Vor­platz des Natio­nal­hei­lig­tums in Apa­re­ci­da am 13. Mai 2007.

7 Ad gen­tes, Nr. 35.

8 Fran­zis­kus, Evan­ge­lii gau­di­um, Nr. 1

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