Aus der Wissenschaft

„Ihr seid das Salz der Erde“

Redaktion am 03.06.2025

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Gottes Gegenwart im Dienst der Kirche. Ein Beitrag von Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen.

Es gehört zu den tra­gi­schen Zei­chen unse­rer Zeit, dass Selbst­ver­ge­wis­se­rung zumeist auf Kos­ten ande­rer gesucht wird. Das Bewusst­sein eige­ner Grö­ße oder Über­le­gen­heit wird mit dem Preis der Abwer­tung der ande­ren erkauft. Der Stolz, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on ein Aus­druck der mensch­li­chen Grund­sün­de, gilt nicht län­ger als Makel, die Bereit­schaft, sich selbst zurück­zu­neh­men, als Ver­rat an den eige­nen (legi­ti­men) Inter­es­sen. Sehr gut lässt sich das an den zwei vor­herr­schen­den Spiel­ar­ten heu­ti­ger Iden­ti­täts­po­li­ti­ken beob­ach­ten. Wäh­rend die lin­ke Ver­si­on in Pri­de para­des“ den Stolz auf die eige­ne geschlecht­li­che Iden­ti­tät und Sexua­li­tät zur Schau stellt, wird in der rech­ten Ver­si­on der Iden­ti­täts­po­li­tik die (wie­der­zu­er­lan­gen­de) Über­le­gen­heit der eige­nen Nati­on beschwo­ren: Make Ame­ri­ca gre­at again“. Auf die Grö­ße kommt es an. 

Auch Kir­che und Theo­lo­gie haben der Ver­lo­ckung, groß und stark zu sein, nicht immer wider­stan­den. His­to­risch mag die­se Ver­lo­ckung ihre Gestalt wech­seln – ein heu­te gän­gi­ges Schlag­wort ist das nach der Rele­vanz von Kir­che“ –, der Anker­punkt, von dem her ihr zu wider­ste­hen ist, bleibt jedoch unver­rück­bar. Es ist die im Zen­trum des christ­li­chen Glau­bens ste­hen­de Ernied­ri­gung Got­tes in Jesus Chris­tus, die die mensch­li­che Nei­gung zur Hybris durch­kreuzt. In einem der wahr­haft anstö­ßigs­ten Tex­te des Neu­en Tes­ta­ments, in der Berg­pre­digt, ent­wirft Jesus ein Gegen­pro­gramm für die­je­ni­gen, die er in die Nach­fol­ge ruft: Ihr seid das Salz der Erde“ (Mat­thä­us 5,13a) sagt Jesus, nach­dem er die­je­ni­gen Hal­tun­gen selig­ge­prie­sen hat, die der in sei­nem Werk anbre­chen­den Got­tes­herr­schaft ent­spre­chen. Salz­kör­ner sind von unschein­ba­rer Grö­ße und doch hin­dert das ihre Wir­kung nicht. In der Anti­ke wur­de salz für das Kon­ser­vie­ren von Lebens­mit­teln sowie für das Wür­zen von Spei­sen ver­wen­det. Das Wort von Jesus ist eine Zusa­ge: Ihr seid das Salz, weil ihr mein Wort habt. Die­se groß­ar­ti­ge Zusa­ge ist aber nicht ohne die kla­re Ansa­ge zu haben: Salz, das sei­ne Wir­kung ver­lo­ren hat, ist zu nichts zu gebrau­chen: Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man sal­zen? Es ist zu nichts mehr nüt­ze, als dass man es weg­schüt­tet und lässt es von den Leu­ten zer­tre­ten.“ (Mat­thä­us 6,13b) Anders gesagt: Eine Kir­che, die das ihr anver­trau­te Evan­ge­li­um nicht wei­ter­gibt, mag insti­tu­tio­nell, mag mit ihren Gebäu­den und den ihr vom Staat gewähr­ten Pri­vi­le­gi­en wei­ter­be­stehen, sie hat aber auf­ge­hört, die Gemein­schaft des Got­tes­vol­kes zu sein, die aus dem Wort und Werk des Herrn gebo­ren ist. 

Um aus der Kraft der die Welt erlö­sen­den Hin­ga­be Chris­ti zu leben, muss die Kir­che nicht groß oder mäch­tig sein. Salz ist sie, wenn sie ihrem Herrn treu ist. Auch für evan­ge­li­sche (zumal frei­kirch­li­che) Ohren war es ein­drück­lich, als Papst Bene­dikt XVI. sich dazu bekann­te, dass Selbst­ver­ständ­nis und Sen­dungs­auf­trag der Kir­che nicht von ihrer Grö­ße und ihrem gesell­schaft­li­chen Sta­tus abhän­gig sind. Er sagte: 

Aus der Kri­se von heu­te wird auch die­ses Mal eine Kir­che von mor­gen her­vor­ge­hen, die viel ver­lo­ren hat. Sie wird klein wer­den, weit­hin ganz von vor­ne anfan­gen müs­sen. Sie wird vie­le der Bau­ten nicht mehr fül­len kön­nen, die in der Hoch­kon­junk­tur geschaf­fen wur­den. Sie wird mit der Zahl der Anhän­ger vie­le ihrer Pri­vi­le­gi­en in der Gesell­schaft ver­lie­ren. Sie wird sich sehr viel stär­ker gegen­über bis­her als Frei­wil­lig­keits­ge­mein­schaft dar­stel­len, die nur durch Ent­schei­dung zugäng­lich wird. Sie wird als klei­ne Gemein­schaft sehr viel stär­ker die Initia­ti­ve ihrer ein­zel­nen Glie­der bean­spru­chen.1

Ent­schei­dend ist, dass auch die klei­ner wer­den­de Kir­che sich nicht in sich selbst zurück­zieht, sich nicht von der Welt abschließt, der sie das Evan­ge­li­um von Jesus Chris­tus schul­det. Sind Chris­ten Salz der Erde“, dann hat die Kir­che, so Joseph Ratz­in­ger an ande­rer Stel­le, eine Ver­ant­wor­tung für das Gan­ze“:2 Wei­ter heißt es dann: Wir dür­fen nicht ein­fach see­len­ru­hig alles ande­re ins Hei­den­tum her­un­ter­fal­len las­sen, son­dern müs­sen Wege fin­den, das Evan­ge­li­um wie­der neu auch in die Räu­me der Nicht­glau­ben­den hin­ein­zu­brin­gen.“3 Die Zusa­ge des Herrn der Kir­che ver­setzt die­se also nicht in eine unhei­li­ge See­len­ru­he, son­dern in eine hei­li­ge Unru­he inmit­ten einer zer­ris­se­nen Welt. 

Im Fol­gen­den soll aus evan­ge­li­scher Per­spek­ti­ve und in öku­me­ni­scher Ver­ant­wor­tung danach gefragt wer­den, was es bedeu­tet, als Chris­ten nach der Ver­hei­ßung ihres Herrn Salz der Erde“ zu sein. Dar­auf soll hier mit dem Ver­weis auf drei Grund­voll­zü­ge des Chris­ten­le­bens geant­wor­tet wer­den, die dabei in ein tri­ni­täts­theo­lo­gi­sches Mus­ter ein­ge­zeich­net wer­den. Damit wird zugleich die allem Tun von Men­schen vor­aus­lie­gen­de Wirk­lich­keit und Wirk­sam­keit des drei­ei­nen Got­tes hervorgehoben. 

1. Chris­tus bekennen

Wir bege­hen im Jahr 2025 das 1700. Jubi­lä­um des Kon­zils von Niz­äa, auf dem eines der bedeu­tends­ten Bekennt­nis­se der Chris­ten­heit ver­ab­schie­det wur­de. Die Kir­chen­ver­samm­lung bekann­te sich zur vol­len Gott­heit des Soh­nes, durch den alles gewor­den ist, was im Him­mel und was auf Erden ist; der wegen uns Men­schen und wegen unse­res Heils vom Him­mel her­ab­ge­stie­gen und […] Fleisch gewor­den ist“.4 Christ­li­che Kir­che ist nur da, wo Jesus Chris­tus als Herr über Alles bekannt und bezeugt wird. Das unver­kürz­te Bekennt­nis dazu, dass uns in Jesus Chris­tus Gott selbst begeg­net, ist der Lebens­atem der Kir­che. Eine Kir­che, die ande­ren Mäch­ten, Gewal­ten und Strö­mun­gen der Zeit mehr ver­traut als dem Herrn, dem sie gehört, kann nicht Salz der Erde“ sein. Denn der Erde, also den Men­schen, die auf ihr woh­nen, kann die Kir­che nur die­nen, wenn sie aus ihrem Ursprung lebt, der nicht von der Erde her ist. Weil die Kir­che Geschöpf des gött­li­chen Logos ist, der in Jesus Chris­tus Mensch gewor­den ist, kann sie der Welt geben, was nicht von die­ser Welt ist: das Bin­dun­gen lösen­de und zum Leben aus der Ver­söh­nung befrei­en­de Wort des leben­di­gen Gottes. 

Das Bekennt­nis: ein Herr“ mani­fes­tiert sich nach Got­tes Wil­len dar­in, dass Jesus Chris­tus mein Herr“ ist. Denn Glau­be und Gehor­sam gehö­ren unauf­lös­bar zusam­men.5 Die Bar­mer Theo­lo­gi­sche Erklä­rung ver­wirft daher im zwei­ten Arti­kel die fal­sche Leh­re, als gebe es Berei­che unse­res Lebens, in denen wir nicht Jesus Chris­tus, son­dern ande­ren Her­ren zu eigen wären, Berei­che, in denen wir nicht der Recht­fer­ti­gung und Hei­li­gung durch ihn bedür­fen“.6 Sich zu Chris­tus zu beken­nen bedeu­tet, sich in allen Berei­chen des Lebens sei­ner Herr­schaft zu unter­stel­len. Inso­fern ist das Christ­sein in dem Sin­ne poli­tisch, dass es beim Glau­ben nicht ledig­lich um ein inne­res Gestimmt­sein, um seli­ge Emp­fin­dun­gen oder die Über­win­dung nega­ti­ver Emo­tio­nen geht, son­dern um ein tat­kräf­ti­ges Bezeu­gen der kom­men­den Welt Got­tes, in der Gerech­tig­keit und Frie­den herr­schen werden. 

Damit ist auch gesagt: Wer von Gott redet, kann vom Men­schen nicht schwei­gen, denn Gott ist in Jesus Chris­tus Mensch gewor­den. Neu zu ver­ste­hen, was es mit dem Men­schen auf sich hat, scheint heu­te nöti­ger denn je. Die Gabe des Lebens und das Geschenk des Lei­bes wer­den heu­te zuneh­mend rein instru­men­tell ver­stan­de­nen, also in ihrem Wert dafür, wie weit sie ein von Leid und Unbe­ha­gen frei­es Leben ermög­li­chen. Dann aber wer­den Leib und Leben nicht in ihrer Wür­de geach­tet, son­dern mit ande­ren Gütern ver­rech­net. Auch die Infla­ti­on der Rede von der Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de“ ver­deckt nur den Umstand, dass immer dunk­ler wird, was die­se Wür­de prak­tisch bedeu­tet.7 Von wel­cher Wür­de ist die Rede, wenn das Recht dar­auf, die Hil­fe ande­rer beim Sui­zid in Anspruch zu neh­men, zum Aus­druck der Men­schen­wür­de erklärt wird?8 So zer­rin­nen uns ehr­wür­di­ge Grund­rechts-Prä­di­ka­te zwi­schen den Fin­gern. Die Leid­tra­gen­den sind dabei als ers­tes stets die schwächs­ten Glie­der einer Gesellschaft.

2. Vor dem Vater kla­gen und bitten 

Wenn in Chris­tus der ewi­ge Logos, genau­er noch: der Schöp­fungs­mit­t­ler, in die Geschich­te die­ser Welt ein­tritt, dann ist es Chris­ten unmög­lich, an der Zer­ris­sen­heit und Dun­kel­heit die­ser Welt gleich­gül­tig vor­über­zu­ge­hen. Chris­tus als Herrn der Welt zu beken­nen, bedeu­tet dann viel­mehr, die Welt als sein Eigen­tum (vgl. Johan­nes 1,11) zu sehen und sie ins Licht des Evan­ge­li­ums zu stel­len, das die Kraft hat, Men­schen aus der Ver­schlos­sen­heit in die Imma­nenz zu befreien. 

Nun geben die nicht enden wol­len­den Kri­sen die­ser Welt Anlass genug zum Kla­gen. Doch was geschieht, wenn Gott als Adres­sat der Kla­ge ver­lo­ren geht? Die Kla­ge wird zur Ankla­ge des ande­ren, weil es einen Sün­den­bock braucht. Noch öfter viel­leicht wird die Kla­ge zum Jam­mern. Das Jam­mern braucht kein Gegen­über, es braucht nicht ein­mal ein kon­kre­tes Refe­renz­ob­jekt: Wie ist doch die Welt so schlecht und sind die Men­schen so böse.“ So wird das Jam­mern ziel­los, es macht trä­ge und verzagt. 

Die christ­li­che Tra­di­ti­on kennt dem­ge­gen­über die Kla­ge vor Gott. In der Kla­ge wird die gan­ze Not, die eige­ne wie die der ande­ren, Gott hin­ge­hal­ten, wird die Erfah­rung der Ver­bor­gen­heit Got­tes mit den Zusa­gen Got­tes kon­fron­tiert. Der bibli­sche Psal­ter bewahrt Spra­che des Gebets des Got­tes­vol­kes, das sei­ne Kla­ge vor Gott aus­brei­tet.9

Es gehört zu den Erfah­run­gen des Got­tes­vol­kes durch die Jahr­hun­der­te hin­durch, dass der Gerech­te lei­det und es dem Übel­tä­ter gut geht. Der Glau­be ist kei­nes­wegs Garant dafür, dass den Glau­ben­den nur Gutes wider­fährt. Das gilt sowohl im Per­sön­li­chen als auch im Poli­ti­schen. Auch wenn wir hier­zu­lan­de nicht von Chris­ten­ver­fol­gung spre­chen soll­ten, kos­tet es doch einen immer höhe­ren Preis, sich als ein Christ zu erken­nen zu geben, für den die Bibel auch z.B. in sexu­al­ethi­schen Fra­gen höchs­te Auto­ri­tät ist. Jür­gen Molt­mann stellt im Blick auf die Ver­fol­gung von Chris­ten in Geschich­te und Gegen­wart tref­fend her­aus: Die Ver­fol­gung des Glau­bensbekennt­nis­ses tritt im Zeit­al­ter der Reli­gi­ons­frei­heit´ zurück. Die Ver­fol­gung um des unge­teil­ten Glau­bensgehor­sams wil­len tritt in den Vor­der­grund.“10 Dabei kön­nen wir uns nicht aus­su­chen, was unse­re Zeit­ge­nos­sen am christ­li­chen Glau­ben anstö­ßig fin­det. Aber wir kön­nen die­sen Bedräng­nis­sen begeg­nen, indem die inne­re und äuße­re Not vor Gott aus­ge­spro­chen wird. 

Die Kla­ge vor Gott hat frie­dens­stif­ten­des Poten­zi­al, weil sie Gott um sein Ein­grei­fen bit­tet, statt selbst zum Ver­gel­ter des Bösen zu wer­den. Gott sein Schick­sal und das sei­nes Fein­des anheim­zu­stel­len, gehört sicher­lich zu den här­tes­ten Pro­ben des Glau­bens. Das Ver­trau­en dar­auf, dass das Böse nicht mit der Erwi­de­rung von Bösem über­wun­den wird, ist der christ­li­chen Über­lie­fe­rung jedoch tief ein­ge­schrie­ben, wie sich in den Brie­fen des Apos­tels Pau­lus erweist, wenn es dort unter Auf­nah­me eines Zitats aus Deu­te­ro­no­mi­um heißt: Rächt euch nicht selbst, mei­ne Lie­ben, son­dern gebt Raum dem Zorn Got­tes; denn es steht geschrie­ben: »Die Rache ist mein; ich will ver­gel­ten, spricht der Herr.«“ (Römer 12,19

Die Bit­te ist der Kla­ge eng ver­wandt. Sie bezieht die Brü­der und Schwes­tern, die Gott ihre Not kla­gen, in das Gebet ein und erfleht für sie Got­tes heil­vol­le Zuwen­dung. Die Für­bit­te über­schrei­tet bestehen­de Kir­chen­gren­zen, denn sie rich­tet sich an den Vater, des­sen Kin­der sie alle mit­ein­an­der sind. Sie über­win­det damit auch die Gren­zen von Völ­kern und Natio­nen. In der Für­bit­te neh­men Chris­ten Anteil am Erge­hen der welt­wei­ten Kir­che und der Welt jen­seits der Kirchenmauern.

Wer die Psal­men betet, begeg­net über den Abstand der Zeit hin­weg einer wie­der­keh­ren­den Erfah­rung: Gott scheint abwe­send und ist doch gegen­wär­tig in der Zusa­ge sei­ner unver­brüch­li­chen Treue. Die Psal­men bezeu­gen ein Gott­ver­trau­en jen­seits des Augen­scheins, der sei­ner­seits eher für die Aus­weg­lo­sig­keit der Situa­ti­on spricht. Dabei voll­zie­hen vie­le Psal­men eine Wen­de von der Kla­ge zum Lob, wo doch kei­ne Ände­rung der äuße­ren Umstän­de ein­ge­tre­ten ist. Denn „[w]irklich erken­nen und benen­nen lässt sich die Not erst in der Kon­fron­ta­ti­on mit der Zusa­ge ihrer Über­win­dung. […] In die­ser Span­nung des War­tens und Hof­fens auf die Zusa­ge hin besteht der Ernst der Kla­ge und ihre Dring­lich­keit.“11 In die­ser Span­nung liegt das Geheim­nis, dass Pau­lus mit den Wor­ten beschreibt, dass Got­tes Kraft sich in den Schwa­chen als mäch­tig erweist (vgl. 2 Korin­ther 12,9).

Zu den unzäh­li­gen Men­schen, die im Beten der Psal­men Trost und Zuspruch fan­den, gehör­te der in das Atten­tat auf Hit­ler ein­ge­weih­te Ewald von Kleist-Schmelzin (18901945), der auch Mit­glied der Beken­nen­den Kir­che war. Zum Tode ver­ur­teilt schreibt er im Gefäng­nis sei­ne Gedan­ken nie­der. Dar­in heißt es: 

Ich sehe es immer kla­rer, wir Men­schen […] wer­ten alles falsch, weil wir uns von Gott ent­fernt haben, die heu­ti­ge Zeit hat kei­nen rich­ti­gen Maß­stab mehr. Die Men­schen jagen ver­gäng­li­chen Zie­len nach und wis­sen nicht mehr was und wo Glück ist; sie wis­sen es wirk­lich nicht mehr, wofür sie dank­bar sein sol­len. Das Köst­lichs­te aber ist die Lie­be und Gna­de Got­tes, der Jeden, der glaubt, erlö­sen wird aus aller Not, jedem Schmerz, und ihm schon auf Erden hilft durch sei­nen Geist. Gott hat uns alles offen­bart, was wir zum Leben und Ster­ben brau­chen. Ich habe es wirk­lich erfah­ren: Den­noch blei­be ich stets an Dir, denn Du hältst mich an mei­ner rech­ten Hand; Du lei­test mich nach Dei­nem Rat und nimmst mich end­lich in Ehren an. Wenn ich nur Dich habe… Ich habe es erfah­ren mit unbe­schreib­lich bese­li­gen­der Gewiß­heit. Ich habe es gelernt, Gott zu dan­ken.12

Die­ses Zitat aus Psalm 73 unter­streicht, wie das Den­noch“ des Glau­bens Situa­tio­nen der Aus­weg­lo­sig­keit in das Licht der Zuwen­dung Got­tes zu stel­len ver­mag. Das unschein­ba­re Salz­korn des Tros­tes in einer von Kon­flik­ten zer­ris­se­nen Welt erweist die Kir­che als Ort der Zusa­ge von Ver­söh­nung und Hei­lung, einer Zusa­ge, die nicht von die­ser Welt ist, die­ser Welt aber gilt. 

Was für die Ver­schwö­rer vom 20. Juli 1944 galt, gilt im Übri­gen auch heu­te: Wo der christ­li­che Glau­be für die Mäch­ti­gen und Gro­ßen zur Gefahr wird, wo er auf den Wider­stand des vor­herr­schen­den Zeit­geis­tes stößt, da erlei­den Chris­ten die Kon­se­quen­zen ihres Han­delns nicht als Katho­li­ken, Luthe­ra­ner, Metho­dis­ten oder Pfingst­ler, son­dern als Chris­ten, als Kin­der eines Vaters. So sind die getrenn­ten Kir­chen in der Kla­ge und Für­bit­te geeint, wird im Ein­tre­ten für­ein­an­der die Ein­heit der Kir­che Chris­ti sichtbar. 

3. Im Geist anbeten 

Salz der Erde“ ist die Kir­che nur dann, wenn sie aus dem Gebet zu Gott lebt, des­sen Wort sie trägt und erhält. Denn nur in der Abhän­gig­keit von Gott wird die Kir­che davor bewahrt kraft­los zu sein. Nur in der Kraft des Hei­li­gen Geis­tes kann die Kir­che Got­tes Gna­den­mit­tel für die Ver­wand­lung der Welt sein. 

So ist das Leben im Geist“ eine ande­re – bibli­sche – Aus­drucks­wei­se dafür, dienst­bar für Gott zu sein. Basi­li­us von Caesarea hat den Hei­li­gen Geist – der wahr­haft Gott ist – dafür gerühmt, dass Chris­ten durch ihn die Frei­heit haben, Gott unse­ren Vater zu nen­nen, der Gna­de Chris­ti teil­haf­tig zu wer­den, Kin­der des Lichts genannt zu wer­den, an der ewi­gen Herr­lich­keit teil­zu­ha­ben, mit einem Wort, in der gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen Welt die gan­ze Fül­le des Segens zu emp­fan­gen“.13 So ist das Leben im Hei­li­gen Geist die Teil­ha­be am unver­gäng­li­chen Leben Got­tes, für das der Tod kei­ne Bedro­hung ist, son­dern das zur Got­tes­schau hin geöff­ne­te Tor. 

Als die cha­ris­ma­ti­sche Bewe­gung in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts unter den Grund­prak­ti­ken des Glau­bens die Anbe­tung Got­tes her­aus­stell­te, erwies sich das auch als ein Bei­trag zum ver­söhn­ten Mit­ein­an­der von Chris­ten unter­schied­li­cher Benen­nun­gen. Auch wenn die Lob­preis-Kul­tur“ der kri­ti­schen Beglei­tung bedarf,14 ist ihr Bei­trag zur (glo­ba­len) Erneue­rung der Chris­ten­heit nicht zu unter­schät­zen. Dabei gilt frei­lich: Gott will nicht Zei­ten der Anbe­tung, son­dern ein Leben der Anbe­tung“.15 Wor­in aber liegt die theo­lo­gi­sche Bedeu­tung der Anbe­tung? Der aus der lit­ur­gi­schen Bewe­gung kom­men­de katho­li­sche Reli­gi­ons­phi­lo­soph Roma­no Guar­di­ni schreibt dazu:

Die Anbe­tung drückt unse­re Wahr­heit aus: der Mensch ist so, daß er anbe­ten kann und anbe­ten soll. Die Anbe­tung stellt uns immer aufs Neue in die Wahr­heit. Sie macht uns gesund, denn nur die Wahr­heit macht gesund. Sie macht uns frei, denn nur die Wahr­heit macht frei. In ihr erneu­ern wir uns.16

Im Anschluss an Augus­ti­nus ist fest­zu­hal­ten, dass der Mensch, erschaf­fen in Got­tes Eben­bild, nicht anders kann als sei­nem Suchen und Stre­ben ein Ziel zu geben. Die­ses Ziel ist ent­we­der die dem Men­schen als Geschöpf gemä­ße Gemein­schaft mit dem drei­ei­nen Gott oder die Eini­gung mit sol­chen Gütern, die sich am Ende als ver­gäng­lich erwei­sen und den Men­schen damit sei­ne Bestim­mung ver­feh­len las­sen. In die­sem Sin­ne ist Luther zu ver­ste­hen, wenn er im Blick auf das von Natur aus anhäng­li­che Herz des Men­schen sagt: Wor­an du nun, sage ich, dein Herz hängst und [wor­auf du dich] ver­läs­sest, das ist eigent­lich dein Gott.“17 

Die Anbe­tung Got­tes durch den Sohn im Hei­li­gen Geist (vgl. Ephe­ser 2,18) stellt den Men­schen nach Guar­di­ni in die Wahr­heit. Sie weist ihm sei­nen Ort als Geschöpf und Nächs­ter an. Denn die Wahr­heit über den Men­schen besteht dar­in, der er sich der Güte Got­tes ver­dankt und als Mit­mensch dem ande­ren Men­schen zur Sei­te gestellt ist. Eine doxolo­gisch grun­dier­te, also von der Got­tes­an­be­tung aus­ge­hen­de Wahr­heits­kon­zep­ti­on will theo­re­ti­sche Wahr­heits­be­grif­fe nicht erset­zen, sie stellt aber auf eine Exis­tenz­wahr­heit ab, die den Men­schen gesund und frei macht. 

Die Wahr­heit Got­tes, die im Lob­preis der Kir­che gerühmt wird, heilt den Men­schen von der Illu­si­on, aus eige­ner Kraft, also als auto­no­mes Sub­jekt, das Leben gelin­gen zu las­sen, Ver­hält­nis­se zu ord­nen und die­se Erde zum Ort höchs­ten Glücks umge­stal­ten zu kön­nen. Das gegen­über Got­tes Ver­hei­ßun­gen abge­puf­fer­te Selbst“ (Charles Tay­lor) wird auf der Suche nach etwas, das den Lebens­hun­ger stillt, kei­ne Erfül­lung fin­den. Die Fül­le des Lebens ist nur in der Gemein­schaft mit dem Schöp­fer des Lebens zu erlan­gen. In der geist­ge­wirk­ten Teil­ha­be am Leben des drei­ei­ni­gen Got­tes wird der Mensch gesund. 

Dar­um zu wis­sen, macht den Men­schen frei. Denn Vor­stel­lun­gen, die an der Wirk­lich­keit vor­bei­ge­hen, füh­ren in den Kreis­lauf von frus­trie­ren­den Ent­täu­schun­gen und immer neu­en Täu­schun­gen. Sie bin­den Lebens­kraft und Lebens­lust – und das bedeu­tet: sie bin­den den Men­schen. Nun gibt es allen gegen­tei­li­gen Behaup­tun­gen zum Trotz Frei­heit nur in der Bin­dung, denn die Frei­heit zum Tun des Guten erschließt sich nur an dem kon­kre­ten geschicht­li­chen Ort, an den ein Mensch sich rufen lässt (als Ehe­part­ner, Eltern­teil, Nach­bar, Arbeits­kol­le­ge, Staats­bür­ger, Glied der Kir­che). Frei­heit ist, wie Diet­rich Bon­hoef­fer erin­nert, nicht das Schwe­ben im Raum des Mög­li­chen, son­dern Ruf in die Ver­ant­wor­tung.18 

Die­se Ver­ant­wor­tung für den Nächs­ten ver­liert ihre Bedeu­tung nicht dadurch, dass sie ein Han­deln im Vor­letz­ten“ ist, Weg­be­rei­tung, sagt Bon­hoef­fer, für das Wort von der Ver­söh­nung in Chris­tus. Im Gegen­teil: sie gibt die­sem Han­deln ihren Ort und ihren Wert im Hori­zont des geschicht­li­chen Han­delns Got­tes. Denn nur in die­sem Hori­zont fin­det mensch­li­ches Tun und Wir­ken Mit­te und Maß: Es ist ein Tun unter dem Zuspruch und Anspruch Got­tes, der sei­ne die Welt erneu­ern­de Herr­schaft ein­mal voll­enden wird. Got­tes Regent­schaft, sei­ne Güte und Gerech­tig­keit, wer­den von jeher im Lob­preis der Kir­che besun­gen: Groß und wun­der­bar sind dei­ne Wer­ke, Herr, all­mäch­ti­ger Gott! Gerecht und wahr­haf­tig sind dei­ne Wege, du König der Völ­ker.“ (Offen­ba­rung 15,3)

Die gro­ße Fra­ge an Kir­chen und Kirch­ge­mein­den lau­tet daher nicht: Wie wer­den wir Salz der Erde“? Denn wir sind es. Die Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wie wer­den wir davor bewahrt, kraft­los zu sein und damit den Men­schen die­ser Erde nicht die­nen zu kön­nen? Die hier gege­be­ne Ant­wort lau­tet: Die Kir­che emp­fängt ihre Kraft aus der Teil­ha­be am Leben des drei­ei­ni­gen Got­tes und erweist die­se Teil­ha­be, indem sie Jesus Chris­tus vor der sicht­ba­ren und unsicht­ba­ren Welt als Herrn bekennt, durch ihn den Vater bit­tet, dass er sich die­ser Welt erbarmt und sich im Hei­li­gen Geist auf dem Weg der Frei­heit zur Ver­ant­wor­tung im Vor­letz­ten“ lei­ten lässt. In all dem bleibt die pil­gern­de Kir­che unvoll­kom­men und auf die Ver­ge­bung Got­tes ange­wie­sen. Ihn begehrt sie zu schau­en am Ende der Zeit, am Wel­ten­sab­bat, des­sen Ende kein Abend ist, son­dern der Tag des Herrn, gleich­sam der ewi­ge ach­te, der durch Chris­ti Auf­er­ste­hung sei­ne Wei­he emp­fan­gen hat und die ewi­ge Ruhe vor­bil­det, nicht nur des Geis­tes, son­dern auch des Lei­bes! Dann wer­den wir stil­le sein und schau­en, schau­en und lie­ben, lie­ben und loben.“19

1 Joseph Ratzinger/​Benedikt XVI., Glau­be und Zukunft, Mün­chen 2007, 121 [prü­fen].

2 Joseph Ratzinger/​Benedikt XVI., Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter See­bald, Stuttgart/​München 2000477.

3 Ebd., 478

4 Hans Steu­big (Hg.), Bekennt­nis­se der Kir­che. Bekennt­nis­tex­te aus zwan­zig Jahr­hun­der­ten, Wup­per­tal 198524

5 Nur der Glau­ben­de ist gehor­sam, und nur der Gehor­sa­me glaubt“, Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge, DBW 4, Mün­chen 1989, 52 (dort kursiv). 

6 H. Steu­big, Bekennt­nis­se der Kir­che, 301

7 Vgl. Chris­toph Rae­del, Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar“ – Lebens­be­ginn und Lebens­schutz aus christ­lich-ethi­scher Per­spek­ti­ve, Ans­bach 2020.

8 Vgl. die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Ver­bot der Sui­zid­bei­hil­fe vom 26. Febru­ar 2020; file:///C:/Users/raedel/Downloads/rs20200226_2bvr234715.pdf (Stand: 20.03.2025). 

9 Vgl. Bernd Janow­ski, Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthro­po­lo­gie der Psal­men, 6. durch­ges. u. erw. Aufl. Göt­tin­gen 2021

10 Jür­gen Molt­mann, Der Weg Jesu Chris­ti. Chris­to­lo­gie in mes­sia­ni­schen Dimen­sio­nen, Mün­chen 1989220f. 

11 B. Janow­ski, Kon­flikt­ge­sprä­che, 3337

12 Hel­mut Gollwitzer/​Käthe Kuhn/​Reinhold Schnei­der, Du hast mich heim­ge­sucht bei Nacht. Abschieds­brie­fe und Auf­zeich­nun­gen des Wider­stan­des 1933 – 194538f. 

13 Basi­li­us von Caesarea, Über den Hei­li­gen Geist, Frei­burg i.Br. 1993179

14 Vgl. Andrea Scheu­er­mann, Prai­se and Wor­ship. Zur Bedeu­tung popu­lä­rer Lob­preis­mu­sik für den Got­tes­dienst, Gie­ßen 2023

15 Dal­las Wil­lard, Jün­ger wird man unter­wegs, 3. Aufl. Schwar­zen­feld 2015161.

16 Roma­no Guar­di­ni, Gläu­bi­ges Dasein. Die Annah­me sei­ner selbst, Mainz/​Paderborn 199349.

17 Mar­tin Luther, Der Gro­ße Kate­chis­mus, 3. Aufl. Güters­loh 2005, 19 (BSELK, 932).

18 Vgl. Diet­rich Bon­hoef­fer, Ethik, DBW 6, 2. Aufl. Güters­loh 1998283.

19 Aure­li­us Augus­ti­nus, Vom Got­tes­staat, Bd. 2, 2. Aufl. Mün­chen 1985, 835 (Buch XXII.30) (Her­vor­he­bung C.R.).

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