Es gehört zu den tragischen Zeichen unserer Zeit, dass Selbstvergewisserung zumeist auf Kosten anderer gesucht wird. Das Bewusstsein eigener Größe oder Überlegenheit wird mit dem Preis der Abwertung der anderen erkauft. Der Stolz, in der christlichen Tradition ein Ausdruck der menschlichen Grundsünde, gilt nicht länger als Makel, die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen, als Verrat an den eigenen (legitimen) Interessen. Sehr gut lässt sich das an den zwei vorherrschenden Spielarten heutiger Identitätspolitiken beobachten. Während die linke Version in „Pride parades“ den Stolz auf die eigene geschlechtliche Identität und Sexualität zur Schau stellt, wird in der rechten Version der Identitätspolitik die (wiederzuerlangende) Überlegenheit der eigenen Nation beschworen: „Make America great again“. Auf die Größe kommt es an.
Auch Kirche und Theologie haben der Verlockung, groß und stark zu sein, nicht immer widerstanden. Historisch mag diese Verlockung ihre Gestalt wechseln – ein heute gängiges Schlagwort ist das nach der „Relevanz von Kirche“ –, der Ankerpunkt, von dem her ihr zu widerstehen ist, bleibt jedoch unverrückbar. Es ist die im Zentrum des christlichen Glaubens stehende Erniedrigung Gottes in Jesus Christus, die die menschliche Neigung zur Hybris durchkreuzt. In einem der wahrhaft anstößigsten Texte des Neuen Testaments, in der Bergpredigt, entwirft Jesus ein Gegenprogramm für diejenigen, die er in die Nachfolge ruft: „Ihr seid das Salz der Erde“ (Matthäus 5,13a) sagt Jesus, nachdem er diejenigen Haltungen seliggepriesen hat, die der in seinem Werk anbrechenden Gottesherrschaft entsprechen. Salzkörner sind von unscheinbarer Größe und doch hindert das ihre Wirkung nicht. In der Antike wurde salz für das Konservieren von Lebensmitteln sowie für das Würzen von Speisen verwendet. Das Wort von Jesus ist eine Zusage: Ihr seid das Salz, weil ihr mein Wort habt. Diese großartige Zusage ist aber nicht ohne die klare Ansage zu haben: Salz, das seine Wirkung verloren hat, ist zu nichts zu gebrauchen: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“ (Matthäus 6,13b) Anders gesagt: Eine Kirche, die das ihr anvertraute Evangelium nicht weitergibt, mag institutionell, mag mit ihren Gebäuden und den ihr vom Staat gewährten Privilegien weiterbestehen, sie hat aber aufgehört, die Gemeinschaft des Gottesvolkes zu sein, die aus dem Wort und Werk des Herrn geboren ist.
Um aus der Kraft der die Welt erlösenden Hingabe Christi zu leben, muss die Kirche nicht groß oder mächtig sein. Salz ist sie, wenn sie ihrem Herrn treu ist. Auch für evangelische (zumal freikirchliche) Ohren war es eindrücklich, als Papst Benedikt XVI. sich dazu bekannte, dass Selbstverständnis und Sendungsauftrag der Kirche nicht von ihrer Größe und ihrem gesellschaftlichen Status abhängig sind. Er sagte:
Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche von morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen.1
Entscheidend ist, dass auch die kleiner werdende Kirche sich nicht in sich selbst zurückzieht, sich nicht von der Welt abschließt, der sie das Evangelium von Jesus Christus schuldet. Sind Christen „Salz der Erde“, dann hat die Kirche, so Joseph Ratzinger an anderer Stelle, „eine Verantwortung für das Ganze“:2 Weiter heißt es dann: „Wir dürfen nicht einfach seelenruhig alles andere ins Heidentum herunterfallen lassen, sondern müssen Wege finden, das Evangelium wieder neu auch in die Räume der Nichtglaubenden hineinzubringen.“3 Die Zusage des Herrn der Kirche versetzt diese also nicht in eine unheilige Seelenruhe, sondern in eine heilige Unruhe inmitten einer zerrissenen Welt.
Im Folgenden soll aus evangelischer Perspektive und in ökumenischer Verantwortung danach gefragt werden, was es bedeutet, als Christen nach der Verheißung ihres Herrn „Salz der Erde“ zu sein. Darauf soll hier mit dem Verweis auf drei Grundvollzüge des Christenlebens geantwortet werden, die dabei in ein trinitätstheologisches Muster eingezeichnet werden. Damit wird zugleich die allem Tun von Menschen vorausliegende Wirklichkeit und Wirksamkeit des dreieinen Gottes hervorgehoben.
1. Christus bekennen
Wir begehen im Jahr 2025 das 1700. Jubiläum des Konzils von Nizäa, auf dem eines der bedeutendsten Bekenntnisse der Christenheit verabschiedet wurde. Die Kirchenversammlung bekannte sich zur vollen Gottheit des Sohnes, „durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist; der wegen uns Menschen und wegen unseres Heils vom Himmel herabgestiegen und […] Fleisch geworden ist“.4 Christliche Kirche ist nur da, wo Jesus Christus als Herr über Alles bekannt und bezeugt wird. Das unverkürzte Bekenntnis dazu, dass uns in Jesus Christus Gott selbst begegnet, ist der Lebensatem der Kirche. Eine Kirche, die anderen Mächten, Gewalten und Strömungen der Zeit mehr vertraut als dem Herrn, dem sie gehört, kann nicht „Salz der Erde“ sein. Denn der Erde, also den Menschen, die auf ihr wohnen, kann die Kirche nur dienen, wenn sie aus ihrem Ursprung lebt, der nicht von der Erde her ist. Weil die Kirche Geschöpf des göttlichen Logos ist, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, kann sie der Welt geben, was nicht von dieser Welt ist: das Bindungen lösende und zum Leben aus der Versöhnung befreiende Wort des lebendigen Gottes.
Das Bekenntnis: „ein Herr“ manifestiert sich nach Gottes Willen darin, dass Jesus Christus „mein Herr“ ist. Denn Glaube und Gehorsam gehören unauflösbar zusammen.5 Die Barmer Theologische Erklärung verwirft daher im zweiten Artikel die falsche Lehre, „als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürfen“.6 Sich zu Christus zu bekennen bedeutet, sich in allen Bereichen des Lebens seiner Herrschaft zu unterstellen. Insofern ist das Christsein in dem Sinne politisch, dass es beim Glauben nicht lediglich um ein inneres Gestimmtsein, um selige Empfindungen oder die Überwindung negativer Emotionen geht, sondern um ein tatkräftiges Bezeugen der kommenden Welt Gottes, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen werden.
Damit ist auch gesagt: Wer von Gott redet, kann vom Menschen nicht schweigen, denn Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Neu zu verstehen, was es mit dem Menschen auf sich hat, scheint heute nötiger denn je. Die Gabe des Lebens und das Geschenk des Leibes werden heute zunehmend rein instrumentell verstandenen, also in ihrem Wert dafür, wie weit sie ein von Leid und Unbehagen freies Leben ermöglichen. Dann aber werden Leib und Leben nicht in ihrer Würde geachtet, sondern mit anderen Gütern verrechnet. Auch die Inflation der Rede von der „Unantastbarkeit der Menschenwürde“ verdeckt nur den Umstand, dass immer dunkler wird, was diese Würde praktisch bedeutet.7 Von welcher Würde ist die Rede, wenn das Recht darauf, die Hilfe anderer beim Suizid in Anspruch zu nehmen, zum Ausdruck der Menschenwürde erklärt wird?8 So zerrinnen uns ehrwürdige Grundrechts-Prädikate zwischen den Fingern. Die Leidtragenden sind dabei als erstes stets die schwächsten Glieder einer Gesellschaft.
2. Vor dem Vater klagen und bitten
Wenn in Christus der ewige Logos, genauer noch: der Schöpfungsmittler, in die Geschichte dieser Welt eintritt, dann ist es Christen unmöglich, an der Zerrissenheit und Dunkelheit dieser Welt gleichgültig vorüberzugehen. Christus als Herrn der Welt zu bekennen, bedeutet dann vielmehr, die Welt als sein Eigentum (vgl. Johannes 1,11) zu sehen und sie ins Licht des Evangeliums zu stellen, das die Kraft hat, Menschen aus der Verschlossenheit in die Immanenz zu befreien.
Nun geben die nicht enden wollenden Krisen dieser Welt Anlass genug zum Klagen. Doch was geschieht, wenn Gott als Adressat der Klage verloren geht? Die Klage wird zur Anklage des anderen, weil es einen Sündenbock braucht. Noch öfter vielleicht wird die Klage zum Jammern. Das Jammern braucht kein Gegenüber, es braucht nicht einmal ein konkretes Referenzobjekt: „Wie ist doch die Welt so schlecht und sind die Menschen so böse.“ So wird das Jammern ziellos, es macht träge und verzagt.
Die christliche Tradition kennt demgegenüber die Klage vor Gott. In der Klage wird die ganze Not, die eigene wie die der anderen, Gott hingehalten, wird die Erfahrung der Verborgenheit Gottes mit den Zusagen Gottes konfrontiert. Der biblische Psalter bewahrt Sprache des Gebets des Gottesvolkes, das seine Klage vor Gott ausbreitet.9
Es gehört zu den Erfahrungen des Gottesvolkes durch die Jahrhunderte hindurch, dass der Gerechte leidet und es dem Übeltäter gut geht. Der Glaube ist keineswegs Garant dafür, dass den Glaubenden nur Gutes widerfährt. Das gilt sowohl im Persönlichen als auch im Politischen. Auch wenn wir hierzulande nicht von Christenverfolgung sprechen sollten, kostet es doch einen immer höheren Preis, sich als ein Christ zu erkennen zu geben, für den die Bibel auch z.B. in sexualethischen Fragen höchste Autorität ist. Jürgen Moltmann stellt im Blick auf die Verfolgung von Christen in Geschichte und Gegenwart treffend heraus: „Die Verfolgung des Glaubensbekenntnisses tritt im Zeitalter der ‘Religionsfreiheit´ zurück. Die Verfolgung um des ungeteilten Glaubensgehorsams willen tritt in den Vordergrund.“10 Dabei können wir uns nicht aussuchen, was unsere Zeitgenossen am christlichen Glauben anstößig findet. Aber wir können diesen Bedrängnissen begegnen, indem die innere und äußere Not vor Gott ausgesprochen wird.
Die Klage vor Gott hat friedensstiftendes Potenzial, weil sie Gott um sein Eingreifen bittet, statt selbst zum Vergelter des Bösen zu werden. Gott sein Schicksal und das seines Feindes anheimzustellen, gehört sicherlich zu den härtesten Proben des Glaubens. Das Vertrauen darauf, dass das Böse nicht mit der Erwiderung von Bösem überwunden wird, ist der christlichen Überlieferung jedoch tief eingeschrieben, wie sich in den Briefen des Apostels Paulus erweist, wenn es dort unter Aufnahme eines Zitats aus Deuteronomium heißt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«“ (Römer 12,19)
Die Bitte ist der Klage eng verwandt. Sie bezieht die Brüder und Schwestern, die Gott ihre Not klagen, in das Gebet ein und erfleht für sie Gottes heilvolle Zuwendung. Die Fürbitte überschreitet bestehende Kirchengrenzen, denn sie richtet sich an den Vater, dessen Kinder sie alle miteinander sind. Sie überwindet damit auch die Grenzen von Völkern und Nationen. In der Fürbitte nehmen Christen Anteil am Ergehen der weltweiten Kirche und der Welt jenseits der Kirchenmauern.
Wer die Psalmen betet, begegnet über den Abstand der Zeit hinweg einer wiederkehrenden Erfahrung: Gott scheint abwesend und ist doch gegenwärtig in der Zusage seiner unverbrüchlichen Treue. Die Psalmen bezeugen ein Gottvertrauen jenseits des Augenscheins, der seinerseits eher für die Ausweglosigkeit der Situation spricht. Dabei vollziehen viele Psalmen eine Wende von der Klage zum Lob, wo doch keine Änderung der äußeren Umstände eingetreten ist. Denn „[w]irklich erkennen und benennen lässt sich die Not erst in der Konfrontation mit der Zusage ihrer Überwindung. […] In dieser Spannung des Wartens und Hoffens auf die Zusage hin besteht der Ernst der Klage und ihre Dringlichkeit.“11 In dieser Spannung liegt das Geheimnis, dass Paulus mit den Worten beschreibt, dass Gottes Kraft sich in den Schwachen als mächtig erweist (vgl. 2 Korinther 12,9).
Zu den unzähligen Menschen, die im Beten der Psalmen Trost und Zuspruch fanden, gehörte der in das Attentat auf Hitler eingeweihte Ewald von Kleist-Schmelzin (1890−1945), der auch Mitglied der Bekennenden Kirche war. Zum Tode verurteilt schreibt er im Gefängnis seine Gedanken nieder. Darin heißt es:
Ich sehe es immer klarer, wir Menschen […] werten alles falsch, weil wir uns von Gott entfernt haben, die heutige Zeit hat keinen richtigen Maßstab mehr. Die Menschen jagen vergänglichen Zielen nach und wissen nicht mehr was und wo Glück ist; sie wissen es wirklich nicht mehr, wofür sie dankbar sein sollen. Das Köstlichste aber ist die Liebe und Gnade Gottes, der Jeden, der glaubt, erlösen wird aus aller Not, jedem Schmerz, und ihm schon auf Erden hilft durch seinen Geist. Gott hat uns alles offenbart, was wir zum Leben und Sterben brauchen. Ich habe es wirklich erfahren: Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich an meiner rechten Hand; Du leitest mich nach Deinem Rat und nimmst mich endlich in Ehren an. Wenn ich nur Dich habe… Ich habe es erfahren mit unbeschreiblich beseligender Gewißheit. Ich habe es gelernt, Gott zu danken.12
Dieses Zitat aus Psalm 73 unterstreicht, wie das „Dennoch“ des Glaubens Situationen der Ausweglosigkeit in das Licht der Zuwendung Gottes zu stellen vermag. Das unscheinbare Salzkorn des Trostes in einer von Konflikten zerrissenen Welt erweist die Kirche als Ort der Zusage von Versöhnung und Heilung, einer Zusage, die nicht von dieser Welt ist, dieser Welt aber gilt.
Was für die Verschwörer vom 20. Juli 1944 galt, gilt im Übrigen auch heute: Wo der christliche Glaube für die Mächtigen und Großen zur Gefahr wird, wo er auf den Widerstand des vorherrschenden Zeitgeistes stößt, da erleiden Christen die Konsequenzen ihres Handelns nicht als Katholiken, Lutheraner, Methodisten oder Pfingstler, sondern als Christen, als Kinder eines Vaters. So sind die getrennten Kirchen in der Klage und Fürbitte geeint, wird im Eintreten füreinander die Einheit der Kirche Christi sichtbar.
3. Im Geist anbeten
„Salz der Erde“ ist die Kirche nur dann, wenn sie aus dem Gebet zu Gott lebt, dessen Wort sie trägt und erhält. Denn nur in der Abhängigkeit von Gott wird die Kirche davor bewahrt kraftlos zu sein. Nur in der Kraft des Heiligen Geistes kann die Kirche Gottes Gnadenmittel für die Verwandlung der Welt sein.
So ist das Leben „im Geist“ eine andere – biblische – Ausdrucksweise dafür, dienstbar für Gott zu sein. Basilius von Caesarea hat den Heiligen Geist – der wahrhaft Gott ist – dafür gerühmt, dass Christen durch ihn „die Freiheit haben, Gott unseren Vater zu nennen, der Gnade Christi teilhaftig zu werden, Kinder des Lichts genannt zu werden, an der ewigen Herrlichkeit teilzuhaben, mit einem Wort, in der gegenwärtigen und zukünftigen Welt die ganze Fülle des Segens zu empfangen“.13 So ist das Leben im Heiligen Geist die Teilhabe am unvergänglichen Leben Gottes, für das der Tod keine Bedrohung ist, sondern das zur Gottesschau hin geöffnete Tor.
Als die charismatische Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter den Grundpraktiken des Glaubens die Anbetung Gottes herausstellte, erwies sich das auch als ein Beitrag zum versöhnten Miteinander von Christen unterschiedlicher Benennungen. Auch wenn die „Lobpreis-Kultur“ der kritischen Begleitung bedarf,14 ist ihr Beitrag zur (globalen) Erneuerung der Christenheit nicht zu unterschätzen. Dabei gilt freilich: Gott will „nicht Zeiten der Anbetung, sondern ein Leben der Anbetung“.15 Worin aber liegt die theologische Bedeutung der Anbetung? Der aus der liturgischen Bewegung kommende katholische Religionsphilosoph Romano Guardini schreibt dazu:
Die Anbetung drückt unsere Wahrheit aus: der Mensch ist so, daß er anbeten kann und anbeten soll. Die Anbetung stellt uns immer aufs Neue in die Wahrheit. Sie macht uns gesund, denn nur die Wahrheit macht gesund. Sie macht uns frei, denn nur die Wahrheit macht frei. In ihr erneuern wir uns.16
Im Anschluss an Augustinus ist festzuhalten, dass der Mensch, erschaffen in Gottes Ebenbild, nicht anders kann als seinem Suchen und Streben ein Ziel zu geben. Dieses Ziel ist entweder die dem Menschen als Geschöpf gemäße Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott oder die Einigung mit solchen Gütern, die sich am Ende als vergänglich erweisen und den Menschen damit seine Bestimmung verfehlen lassen. In diesem Sinne ist Luther zu verstehen, wenn er im Blick auf das von Natur aus anhängliche Herz des Menschen sagt: „Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und [worauf du dich] verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“17
Die Anbetung Gottes durch den Sohn im Heiligen Geist (vgl. Epheser 2,18) stellt den Menschen nach Guardini in die Wahrheit. Sie weist ihm seinen Ort als Geschöpf und Nächster an. Denn die Wahrheit über den Menschen besteht darin, der er sich der Güte Gottes verdankt und als Mitmensch dem anderen Menschen zur Seite gestellt ist. Eine doxologisch grundierte, also von der Gottesanbetung ausgehende Wahrheitskonzeption will theoretische Wahrheitsbegriffe nicht ersetzen, sie stellt aber auf eine Existenzwahrheit ab, die den Menschen gesund und frei macht.
Die Wahrheit Gottes, die im Lobpreis der Kirche gerühmt wird, heilt den Menschen von der Illusion, aus eigener Kraft, also als autonomes Subjekt, das Leben gelingen zu lassen, Verhältnisse zu ordnen und diese Erde zum Ort höchsten Glücks umgestalten zu können. Das gegenüber Gottes Verheißungen „abgepufferte Selbst“ (Charles Taylor) wird auf der Suche nach etwas, das den Lebenshunger stillt, keine Erfüllung finden. Die Fülle des Lebens ist nur in der Gemeinschaft mit dem Schöpfer des Lebens zu erlangen. In der geistgewirkten Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes wird der Mensch gesund.
Darum zu wissen, macht den Menschen frei. Denn Vorstellungen, die an der Wirklichkeit vorbeigehen, führen in den Kreislauf von frustrierenden Enttäuschungen und immer neuen Täuschungen. Sie binden Lebenskraft und Lebenslust – und das bedeutet: sie binden den Menschen. Nun gibt es allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz Freiheit nur in der Bindung, denn die Freiheit zum Tun des Guten erschließt sich nur an dem konkreten geschichtlichen Ort, an den ein Mensch sich rufen lässt (als Ehepartner, Elternteil, Nachbar, Arbeitskollege, Staatsbürger, Glied der Kirche). Freiheit ist, wie Dietrich Bonhoeffer erinnert, nicht das Schweben im Raum des Möglichen, sondern Ruf in die Verantwortung.18
Diese Verantwortung für den Nächsten verliert ihre Bedeutung nicht dadurch, dass sie ein Handeln im „Vorletzten“ ist, Wegbereitung, sagt Bonhoeffer, für das Wort von der Versöhnung in Christus. Im Gegenteil: sie gibt diesem Handeln ihren Ort und ihren Wert im Horizont des geschichtlichen Handelns Gottes. Denn nur in diesem Horizont findet menschliches Tun und Wirken Mitte und Maß: Es ist ein Tun unter dem Zuspruch und Anspruch Gottes, der seine die Welt erneuernde Herrschaft einmal vollenden wird. Gottes Regentschaft, seine Güte und Gerechtigkeit, werden von jeher im Lobpreis der Kirche besungen: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.“ (Offenbarung 15,3)
Die große Frage an Kirchen und Kirchgemeinden lautet daher nicht: Wie werden wir „Salz der Erde“? Denn wir sind es. Die Frage lautet vielmehr: Wie werden wir davor bewahrt, kraftlos zu sein und damit den Menschen dieser Erde nicht dienen zu können? Die hier gegebene Antwort lautet: Die Kirche empfängt ihre Kraft aus der Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes und erweist diese Teilhabe, indem sie Jesus Christus vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt als Herrn bekennt, durch ihn den Vater bittet, dass er sich dieser Welt erbarmt und sich im Heiligen Geist auf dem Weg der Freiheit zur Verantwortung im „Vorletzten“ leiten lässt. In all dem bleibt die pilgernde Kirche unvollkommen und auf die Vergebung Gottes angewiesen. Ihn begehrt sie zu schauen am Ende der Zeit, am Weltensabbat, „dessen Ende kein Abend ist, sondern der Tag des Herrn, gleichsam der ewige achte, der durch Christi Auferstehung seine Weihe empfangen hat und die ewige Ruhe vorbildet, nicht nur des Geistes, sondern auch des Leibes! Dann werden wir stille sein und schauen, schauen und lieben, lieben und loben.“19
1 Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Glaube und Zukunft, München 2007, 121 [prüfen].
2 Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter Seebald, Stuttgart/München 2000, 477.
3 Ebd., 478.
4 Hans Steubig (Hg.), Bekenntnisse der Kirche. Bekenntnistexte aus zwanzig Jahrhunderten, Wuppertal 1985, 24.
5 „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt“, Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, DBW 4, München 1989, 52 (dort kursiv).
6 H. Steubig, Bekenntnisse der Kirche, 301.
7 Vgl. Christoph Raedel, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Lebensbeginn und Lebensschutz aus christlich-ethischer Perspektive, Ansbach 2020.
8 Vgl. die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Verbot der Suizidbeihilfe vom 26. Februar 2020; file:///C:/Users/raedel/Downloads/rs20200226_2bvr234715.pdf (Stand: 20.03.2025).
9 Vgl. Bernd Janowski, Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, 6. durchges. u. erw. Aufl. Göttingen 2021.
10 Jürgen Moltmann, Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen, München 1989, 220f.
11 B. Janowski, Konfliktgespräche, 3337.
12 Helmut Gollwitzer/Käthe Kuhn/Reinhold Schneider, Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 – 1945, 38f.
13 Basilius von Caesarea, Über den Heiligen Geist, Freiburg i.Br. 1993, 179.
14 Vgl. Andrea Scheuermann, Praise and Worship. Zur Bedeutung populärer Lobpreismusik für den Gottesdienst, Gießen 2023.
15 Dallas Willard, Jünger wird man unterwegs, 3. Aufl. Schwarzenfeld 2015, 161.
16 Romano Guardini, Gläubiges Dasein. Die Annahme seiner selbst, Mainz/Paderborn 1993, 49.
17 Martin Luther, Der Große Katechismus, 3. Aufl. Gütersloh 2005, 19 (BSELK, 932).
18 Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, 2. Aufl. Gütersloh 1998, 283.
19 Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, Bd. 2, 2. Aufl. München 1985, 835 (Buch XXII.30) (Hervorhebung C.R.).



