Erfahrungsberichte

Fromme Wünsche

Redaktion am 03.06.2025

Ein Beitrag von Michael Kumpfmüller.

Das Wün­schen scheint in die­sen Zei­ten etwas aus der Mode gekom­men zu sein. Frü­her soll es angeb­lich ja noch gehol­fen haben, wie die Mär­chen berich­ten, danach ver­wan­del­ten sich die Wün­sche in Erwar­tun­gen und For­de­run­gen, bevor nun, in einer von zuneh­men­der Unsi­cher­heit gepräg­ten Jetzt­zeit, das Wün­schen haupt­säch­lich dar­in besteht, dass das Schlimms­te doch bit­te aus­blei­ben möge, wobei das mög­li­che Bes­se­re – das gute Leben – zu einem ver­blas­sen­den Traum, pes­si­mis­tisch gespro­chen: zu einem Hirn­ge­spenst wird oder schon gewor­den ist.

Ich ver­mei­de hier zunächst absicht­lich den Begriff des Hof­fens, obwohl es dar­um ja letzt­lich geht: Was dür­fen wir für uns alle und als Ein­zel­ne hof­fen? Und was kön­nen wir als Ein­zel­ne tun, dass die­se Hoff­nung zumin­dest nicht zuschan­den geht?

Ich ver­su­che es mit dem spä­ten Goe­the und sei­nem Alters­ro­man Wil­helm Meis­ters Wan­der­jah­re1, in dem sich die Haupt­fi­gur auf dem Fli­cken­tep­pich der deut­schen Klein­staa­te­rei diver­se poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und päd­ago­gi­sche Pro­jek­te oder wie man sagen möch­te: Gegen­wel­ten anschaut, dar­un­ter auch die Päd­ago­gi­sche Provinz.“

Wil­helm hat bei sei­ner Ankunft nicht die gerings­te Ahnung, was es mit die­ser Pro­vinz – heu­te wür­de man sagen: die­sem Reform­pro­jekt – auf sich hat, des­halb kann er zunächst nur stau­nen; er kommt an und wird von den mit land­wirt­schaft­li­chen Arbei­ten beschäf­tig­ten Kin­dern und Jugend­li­chen begrüßt, wobei die jüngs­ten fröh­lich gen Him­mel“ bli­cken, die mitt­le­ren lächelnd zur Erde“ und die drit­ten strack und mutig“ zu ihren Nachbarn.

Wil­helm ver­mag ich sich kei­nen Reim auf die­se selt­sa­me Begrü­ßung zu machen, wes­halb die drei Chefs der Erzie­hungs­an­stalt – die Obe­ren“ genannt – ihm bei Gele­gen­heit die damit ver­bun­de­ne Welt­an­schau­ung erklä­ren, in der drei Ehr­furch­ten“ zusam­men­wir­ken sol­len: Ehr­furcht vor dem, was über uns ist“, Ehr­furcht vor dem, was unter uns ist“, und Ehr­furcht vor dem, was neben uns ist, näm­lich der Ande­re, mit dem es sich zu ver­bin­den gilt, um gemein­sam, nicht etwa selbstisch ver­ein­zelt“ zu leben, son­dern gemein­sam, Fron­te gegen die Welt“ zu machen.

Ehr­furcht – was für ein schö­ner, alt­mo­di­scher Begriff!

Wir Heu­ti­gen haben ja so leicht vor nichts und nie­man­dem Ehr­furcht, der Begriff ist völ­lig aus der Mode gekom­men, aber das ist ein Feh­ler, denn es steckt ein Wis­sen oder eine Mah­nung in ihm, fast möch­te man sagen: etwas Dia­lek­ti­sches, je nach­dem, ob man den Aspekt der Furcht oder den Ver­eh­rung betont.

Mir gefällt die­ser drei­fa­che Blick nach oben, unten und zur Sei­te, der in der Goethe‘schen Phan­ta­sie am Ende zur Bedin­gung einer geglück­ten Selbst­fin­dung wird: Nur wer sowohl ein ver­ti­ka­les als auch ein hori­zon­ta­les Bewusst­sein hat, ist recht eigent­lich ein Mensch; er schaut – wie man heu­te sagt: acht­sam — nach oben und unten und neben­an und lan­det ohne wei­te­re Umwe­ge bei sich selbst.

Nun ist es offen­sicht­lich, dass die­ses Kon­zept hand­lungs­ori­en­tier­ter Koope­ra­ti­on nir­gend­wo auf die­sem Pla­ne­ten durch­schla­gend ist, weil gleich­zei­tig ande­re Kräf­te am Wer­ke sind und immer waren: die akti­ve Plün­de­rung durch Gewalt, die pas­si­ve durch Igno­ranz sowie die Idee der Tole­ranz, die die Din­ge so nimmt wie sie sind und — wenn es unge­müt­lich wird — ger­ne in die Betrach­tung ausweicht.

Was in Kür­ze bedeu­tet, dass das idea­lis­ti­sche Koope­ra­ti­ons­mo­dell à la Goe­the nicht mehr­heits­fä­hig ist, es also Bünd­nis­part­ner braucht, die nur dann zu bekom­men sind, wenn es sich – salopp gesagt – auf sei­ne schö­nen Wahr­hei­ten nicht all­zu viel ein­bil­det, son­dern in aller Beschei­den­heit für sie wirbt und sich mit weni­ger ambi­tio­nier­ten Hal­tun­gen ver­bin­det, vor­zugs­wei­se mit der der Toleranz .

Und damit bin ich bei den Kir­chen in ihrer Eigen­schaft als gesell­schaft­li­che Akteu­re, die vor dem Hin­ter­grund schwin­den­der gesell­schaft­li­cher Rele­vanz eben­falls einen Bünd­nis­part­ner brau­chen, der unter all jenen zu fin­den ist, die sich zwar nicht als Chris­ten ver­ste­hen, aber im jüdisch-christ­li­chen Erbe jen­seits aller Glau­bens­fra­gen die Grund­la­ge der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Ord­nung sehen und zu ver­tei­di­gen bereit sind.

Was hier­zu­lan­de und in vie­len wei­te­ren Län­dern die Auf­ga­be der Stun­de ist.

Kurz: Die Kir­chen sind gut bera­ten, den Blick auf die Grup­pe der Nicht-Reli­giö­sen zu rich­ten und sie (wie der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge Eber­hard Tie­fen­see vor­ge­schla­gen hat) als drit­te Kon­fes­si­on“ zu betrach­ten, mit der man sich die Arbeit am Guten tei­len kann, ganz egal, ob man die­ses Zusam­men­kom­men als drit­te Öku­me­ne oder – neu­deutsch — als Koali­ti­on der Wil­li­gen bezeich­nen will.

Die Not­wen­dig­keit besteht an allen Ecken und Enden.

Wobei Goe­thes Kon­zept der Ehr­furcht schon des­halb ein mög­li­cher Anknüp­fungs­punkt ist, weil ihm ganz ursprüng­lich das Wis­sen inne­wohnt, dass uns Men­schen hier auf Erden alles nur gelie­hen ist – was auch ohne Rück­be­zug auf einen Schöp­fer eine unab­weis­ba­re Ein­sicht ist: Man muss sich nur vor Augen hal­ten, dass wir heu­te Leben­den nicht die letz­ten sind, die auf unse­rem Pla­ne­ten leben und dem­nach eine Ver­ant­wor­tung für all die­je­ni­gen tra­gen, die uns nachfolgen.

All­zu hoff­nungs­froh wird man in die­sen Fra­gen nach der­zei­ti­gem Stand nicht sein dür­fen, aber man kann es mit der Hoff­nung ja wenigs­tens mal ver­su­chen, die sich Men­schen zu allen Zei­ten haben erar­bei­ten müs­sen, und ich mag ja Arbeit, vor allem, wenn sie ganz schwie­rig ist.

1 Vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den mei­nen Essay: Lob der Ehr­furcht: Vom Umgang mit Tie­ren, Men­schen und Göt­tern, Ber­lin (Weiss­books) 2023.

Micha­el Kumpf­mül­ler ist ein mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ter deut­scher Schrift­stel­ler. Zuletzt erschien von ihm der Roman Wir Gespens­ter (2024). Mit Bischof Ste­fan Oster hat er 2025 im Rah­men von Bischof trifft” ein span­nen­des Gespräch geführt.

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