Das Wünschen scheint in diesen Zeiten etwas aus der Mode gekommen zu sein. Früher soll es angeblich ja noch geholfen haben, wie die Märchen berichten, danach verwandelten sich die Wünsche in Erwartungen und Forderungen, bevor nun, in einer von zunehmender Unsicherheit geprägten Jetztzeit, das Wünschen hauptsächlich darin besteht, dass das Schlimmste doch bitte ausbleiben möge, wobei das mögliche Bessere – das gute Leben – zu einem verblassenden Traum, pessimistisch gesprochen: zu einem Hirngespenst wird oder schon geworden ist.
Ich vermeide hier zunächst absichtlich den Begriff des Hoffens, obwohl es darum ja letztlich geht: Was dürfen wir für uns alle und als Einzelne hoffen? Und was können wir als Einzelne tun, dass diese Hoffnung zumindest nicht zuschanden geht?
Ich versuche es mit dem späten Goethe und seinem Altersroman Wilhelm Meisters Wanderjahre1, in dem sich die Hauptfigur auf dem Flickenteppich der deutschen Kleinstaaterei diverse politische, ökonomische und pädagogische Projekte oder wie man sagen möchte: Gegenwelten anschaut, darunter auch die „Pädagogische Provinz.“
Wilhelm hat bei seiner Ankunft nicht die geringste Ahnung, was es mit dieser Provinz – heute würde man sagen: diesem Reformprojekt – auf sich hat, deshalb kann er zunächst nur staunen; er kommt an und wird von den mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigten Kindern und Jugendlichen begrüßt, wobei die jüngsten „fröhlich gen Himmel“ blicken, die mittleren „lächelnd zur Erde“ und die dritten „strack und mutig“ zu ihren Nachbarn.
Wilhelm vermag ich sich keinen Reim auf diese seltsame Begrüßung zu machen, weshalb die drei Chefs der Erziehungsanstalt – die „Oberen“ genannt – ihm bei Gelegenheit die damit verbundene Weltanschauung erklären, in der drei „Ehrfurchten“ zusammenwirken sollen: Ehrfurcht vor dem, „was über uns ist“, Ehrfurcht vor dem, „was unter uns ist“, und Ehrfurcht vor dem, was neben uns ist, nämlich der Andere, mit dem es sich zu verbinden gilt, um gemeinsam, „nicht etwa selbstisch vereinzelt“ zu leben, sondern gemeinsam, „Fronte gegen die Welt“ zu machen.
Ehrfurcht – was für ein schöner, altmodischer Begriff!
Wir Heutigen haben ja so leicht vor nichts und niemandem Ehrfurcht, der Begriff ist völlig aus der Mode gekommen, aber das ist ein Fehler, denn es steckt ein Wissen oder eine Mahnung in ihm, fast möchte man sagen: etwas Dialektisches, je nachdem, ob man den Aspekt der Furcht oder den Verehrung betont.
Mir gefällt dieser dreifache Blick nach oben, unten und zur Seite, der in der Goethe‘schen Phantasie am Ende zur Bedingung einer geglückten Selbstfindung wird: Nur wer sowohl ein vertikales als auch ein horizontales Bewusstsein hat, ist recht eigentlich ein Mensch; er schaut – wie man heute sagt: achtsam — nach oben und unten und nebenan und landet ohne weitere Umwege bei sich selbst.
Nun ist es offensichtlich, dass dieses Konzept handlungsorientierter Kooperation nirgendwo auf diesem Planeten durchschlagend ist, weil gleichzeitig andere Kräfte am Werke sind und immer waren: die aktive Plünderung durch Gewalt, die passive durch Ignoranz sowie die Idee der Toleranz, die die Dinge so nimmt wie sie sind und — wenn es ungemütlich wird — gerne in die Betrachtung ausweicht.
Was in Kürze bedeutet, dass das idealistische Kooperationsmodell à la Goethe nicht mehrheitsfähig ist, es also Bündnispartner braucht, die nur dann zu bekommen sind, wenn es sich – salopp gesagt – auf seine schönen Wahrheiten nicht allzu viel einbildet, sondern in aller Bescheidenheit für sie wirbt und sich mit weniger ambitionierten Haltungen verbindet, vorzugsweise mit der der Toleranz .
Und damit bin ich bei den Kirchen in ihrer Eigenschaft als gesellschaftliche Akteure, die vor dem Hintergrund schwindender gesellschaftlicher Relevanz ebenfalls einen Bündnispartner brauchen, der unter all jenen zu finden ist, die sich zwar nicht als Christen verstehen, aber im jüdisch-christlichen Erbe jenseits aller Glaubensfragen die Grundlage der freiheitlich-demokratischen Ordnung sehen und zu verteidigen bereit sind.
Was hierzulande und in vielen weiteren Ländern die Aufgabe der Stunde ist.
Kurz: Die Kirchen sind gut beraten, den Blick auf die Gruppe der Nicht-Religiösen zu richten und sie (wie der evangelische Theologe Eberhard Tiefensee vorgeschlagen hat) als „dritte Konfession“ zu betrachten, mit der man sich die Arbeit am Guten teilen kann, ganz egal, ob man dieses Zusammenkommen als dritte Ökumene oder – neudeutsch — als Koalition der Willigen bezeichnen will.
Die Notwendigkeit besteht an allen Ecken und Enden.
Wobei Goethes Konzept der Ehrfurcht schon deshalb ein möglicher Anknüpfungspunkt ist, weil ihm ganz ursprünglich das Wissen innewohnt, dass uns Menschen hier auf Erden alles nur geliehen ist – was auch ohne Rückbezug auf einen Schöpfer eine unabweisbare Einsicht ist: Man muss sich nur vor Augen halten, dass wir heute Lebenden nicht die letzten sind, die auf unserem Planeten leben und demnach eine Verantwortung für all diejenigen tragen, die uns nachfolgen.
Allzu hoffnungsfroh wird man in diesen Fragen nach derzeitigem Stand nicht sein dürfen, aber man kann es mit der Hoffnung ja wenigstens mal versuchen, die sich Menschen zu allen Zeiten haben erarbeiten müssen, und ich mag ja Arbeit, vor allem, wenn sie ganz schwierig ist.
1 Vgl. hierzu und zum Folgenden meinen Essay: Lob der Ehrfurcht: Vom Umgang mit Tieren, Menschen und Göttern, Berlin (Weissbooks) 2023.
Michael Kumpfmüller ist ein mehrfach ausgezeichneter deutscher Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Roman Wir Gespenster (2024). Mit Bischof Stefan Oster hat er 2025 im Rahmen von “Bischof trifft” ein spannendes Gespräch geführt.



