I. Basale Sprache der Evangelisierung
Ein von der schweizerischen Ordensschwester und Künstlerin Caritas Müller OP gestaltetes Keramik-Relief mit dem Titel „Die barmherzige Dreieinigkeit“ bringt eindrucksvoll die Kernbotschaft der christlichen Rede von Gott zum Ausdruck. Zu sehen sind auf dieser im Original 45 x 40 cm großen Darstellung drei helle Ringe bzw. Bögen, die sich um einen vierten dunkleren Ring bzw. Bogen in der Mitte sammeln. In dieser Mitte befindet sich die relativ dunkel, erdig gefärbte Gestalt eines Menschen, in sich zusammengesunken, ohnmächtig im doppelten Sinne des Wortes. Die in jeder Hinsicht hilfsbedürftige Gestalt in der Mitte wird aufgefangen, oder besser gesagt: umfangen von der Barmherzigkeit Gottes, illustriert in den drei hellen äußeren Ringen bzw. Bögen. Von einem großen Ring auf der rechten Seite des Reliefs her umfängt Gott, der Vater, den armseligen Menschen; ihn zärtlich auf die Schläfe küssend, greift er ihm unter die Arme, trägt ihn, hält ihn. Im Ring auf der linken Seite umfasst Jesus Christus, der Sohn, die Füße der mitleiderregenden Gestalt in der Mitte; ganz tief beugt er sich, wie bei der Fußwaschung, berührt den Spann mit seinen Lippen. Aus dem dritten oberen Ring der Keramik wendet sich – dargestellt zugleich im Bild der Taube und der Feuerzungen – Gott, der Heilige Geist, dem ohnmächtigen Menschen zu; seine Dynamik soll den Darniederliegenden mit neuem Leben erfüllen, aufrichten und stärken.
Diese ausdrucksstarke und ansprechende Darstellung des dreieinigen Gottes, der sich seinem menschlichen Geschöpf gegenüber so treusorgend, liebevoll und barmherzig zeigt, hat Stefan Oster SDB als Motiv für das Erinnerungsbild zu seiner Priesterweihe und Primiz im Jahr 2001 ausgewählt. Damit lässt der Salesianer Don Boscos, der seit dem Jahr 2014 als Bischof die Diözese Passau leitet und im Juni 2025 seinen 60. Geburtstag begehen kann, gleich zu Beginn seines Wirkens als Theologe, Priester und Bischof erkennen, was für ihn das Leitmotiv christlicher Verkündigung in Wort und Tat markiert. Es geht darum, Gottes Zuwendung und Liebe, sein Erbarmen und seinen Trost existentiell im eigenen Leben zu erfassen und – berührt von der Barmherzigkeit Gottes – selbst zum beredten Zeugen dieser barmherzigen Liebe bei den Menschen in der Welt von heute zu werden.
Mit Barmherzigkeit ist dabei nicht bloß ein moralisch qualifiziertes Verhalten gemeint, eine Praxis des Respekts und der sorgenden Aufmerksamkeit gegenüber dem Anderen. In ihr begegnet vielmehr ein ganzheitlicher Anspruch im Sinne der Einübung in die Lebensform des menschgewordenen Gottes Jesus Christus, eine existentielle Prägung dessen, der sich in die Nachfolge des Herrn stellen und auf diesem Weg maßgeblich vom „Stil Gottes“ (Papst Franziskus) leiten lassen will. Auf dieser Basis wird dann das christliche Leben in seinen Vollzügen zu einem wirkungsvollen Instrument der (Neu-)Evangelisierung: „Barmherzigkeit zu praktizieren ist bereits authentische Katechese; sie ist Katechese in Aktion, ein beredtes Zeugnis für Gläubige und Nichtglaubende, Manifestation der Verbindung zwischen Orthodoxie und Orthopraxie: ‚Aus diesem Grund muss sich die Neuevangelisierung der Sprache der Barmherzigkeit bedienen, die zuerst aus Gesten und Haltungen besteht und erst dann aus Worten.‘“1
Das Bemühen um eine in dieser Hinsicht sprachfähige und überzeugende Evangelisierung muss dabei zunächst auch immer wieder in die Tiefendimension menschlicher Existenz und in einen steten Prozess der Umkehr bzw. der Erneuerung und Vertiefung der Gottesbeziehung führen. Am biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater (Lk 15,11−32) sollen dazu im Folgenden einige Perspektiven aufgewiesen werden, bevor dann in einem weiteren Schritt die Dimensionen einer Barmherzigkeit gegenüber sich selbst und der Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten in ihrer wechselseitigen Durchdringung zur Sprache kommen.
II. Menschliche Gebrochenheit und göttliche Barmherzigkeit
1. Auf dem Weg zur existentiellen Enttäuschung
Viele Texte der Hl. Schrift, angefangen bei der biblischen Urgeschichte im Buch Genesis bis hin zu den Gleichnissen Jesu im Neuen Testament, führen wesentliche Züge der menschlichen Existenz – insbesondere deren Erlösungsbedürftigkeit – vor Augen. Das im Lukas-Evangelium überlieferte Gleichnis vom verlorenen Sohn bietet diesbezüglich ein Paradebeispiel dessen, was man als „gescheiterte Existenz“ zu bezeichnen pflegt. Allein schon das Weggehen des jüngeren Sohnes im Gleichnis ist weit verwerflicher als dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn es handelt sich hier nicht bloß um ein emanzipatorisches und exploratives Aufbrechen des jungen Erwachsenen, wie es legitim ist; die Einforderung des Verfügungsrechtes über sein Erbteil impliziert vielmehr nach orientalischem Denken den Wunsch, dass er den Vater eher tot als lebendig sehen möchte.
Zieht man hier in Betracht, dass der Vater im Gleichnis Gott selbst repräsentiert, dann markiert eben diese radikale Abkehr des Sohnes jenes Moment, das Thomas von Aquin in Anlehnung an Aurelius Augustinus als den Wesenskern jeder Sünde identifiziert hat: die „aversio a deo et conversio ad creaturam“2, die „Abwendung von Gott und die Hinwendung zum Geschaffenen“. Gemeint ist damit, dass der Mensch immer dann in die existentielle und moralische Irre geht, wenn er in seinem persönlichen Wertmaßstab und Leben etwas Bedingtes, Endliches, ein vergängliches Gut an die Stelle des einen wahrhaft unbedingten, ewigen Gottes setzt. Oder anders gesagt: Die Suche nach Sinn und Erfüllung bewegt sich im Reich jener Werte, die zwar „süchtig“ machen, aber das tiefste Suchen des Menschen doch nicht stillen können. Vom „verlorenen Sohn“ heißt es im Gleichnis nach dessen Weggang in „ein fernes Land“ recht lapidar: „Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ (Lk 15,13b) Vieles lässt sich darunter subsumieren, was damals wie heute zum Suchtverhalten eines Menschen gehören kann – von der Sucht nach Entertainment und permanenter Zerstreuung, über die Sucht nach gesellschaftlicher Geltung und Bewunderung oder die Sucht nach Luxus und immer ausgefalleneren kulinarischen Genüssen bis hin zur Sucht nach sexueller Befriedigung ohne Unterscheidung zwischen Lust und Liebe. So sehr die Vergötzung von endlichen Werten, die der sündige Mensch in seinem Leben an die Stelle des einen wahrhaft unbedingten, ewigen Gottes setzt, auch kurzfristig Erfüllung vortäuschen mag – auf Dauer führt sie zwangsläufig, wie es der evangelische Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich prägnant ausgedrückt hat, zur „existentiellen Enttäuschung“3.
2. In den Armen des barmherzigen Vaters
Umkehr, Hinwendung zu Gott, zum lebendigen und barmherzigen Urgrund allen Seins, ist so gesehen immer wieder Anspruch und Zuspruch christlicher Existenz, denn eine Erlösung aus den Fallstricken der Sünde kann nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass der Mensch ernsthaft bereit ist, sich einer Konfrontation mit der eigenen Schuld zu stellen, die Tatsache seiner Verfehlung anzuerkennen und zu bekennen. Das heilsame Empfinden von Reue, welches den Ausgangspunkt für Umkehr und neues Verhalten bildet, kann erst dort keimen und wachsen, wo der gegenüber dem sittlichen Anspruch gescheiterte Mensch zur Wahrheit stehen kann, dass er dieses oder jenes wirklich getan hat. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater findet sich gleich zweimal, schon vor dem Aufbruch zum Vater und dann noch einmal in der Begegnung mit dem Vater, das glasklare Bekenntnis des Sohnes: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ (Lk 15,18f. und 15,21)
Von dieser biblischen Szene der „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ gibt es eine überaus beeindruckende Darstellung des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn (1606−1669). Das Original des Gemäldes hängt seit dem Jahr 1766 in der Kunstgalerie der Eremitage in St. Petersburg und vermittelt vielen Betrachtern auf ganz eigentümliche, den Verstand und das Gefühl gleichermaßen bewegende Art und Weise eine Vorstellung davon, was Erlösungsbedürftigkeit, Erlösungsfähigkeit und Erlösung selbst bedeuten. Rembrandt war dem Tode nahe, als er die „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ malte; es ist eines der letzten Bilder dieses genialen Künstlers und man kann es durchaus als die letzte große Aussage eines sehr bewegten und gequälten Lebens verstehen. Denn die Biographen Rembrandts zeichnen übereinstimmend ein Lebensbild des Barockmalers, das eine frappierende Ähnlichkeit mit der Gleichnisgestalt des verlorenen Sohnes aufweist: In jungen Jahren bereits felsenfest von seinem Genie und seinem Erfolg überzeugt, dem Luxus verfallen, begierig nach Geld, Bewunderung und Ruhm, wenig Mitgefühl für die Menschen um ihn herum aufbringend, musste Rembrandt nach einer kurzen Zeit des Wohlstands und des Wohllebens eine so verheerende Serie von privaten Schicksalsschlägen und beruflich-finanziellen Rückschlägen erleben, dass er schließlich seine letzten Jahre einsam und völlig mittellos zubrachte. Hatte noch der jugendliche Rembrandt ein Selbstporträt angefertigt, das ihn ausgelassen und in prunkvollen Gewändern als Bordellbesucher zeigt, bringt seine Selbstdarstellung im heimgekehrten Sohn, der vor dem Vater kniet und sein Gesicht an dessen Brust schmiegt, wohl auch die schmerzliche Erkenntnis des einst so selbstbewussten und erfolgreichen Künstlers zum Ausdruck, dass sich viele seiner Lebensinhalte als Windhauch erwiesen haben. Und zugleich – das ist das eigentlich Bemerkenswerte und Berührende – scheint Rembrandt in seinen einsamen und kargen letzten Lebensjahren weder verbittert noch verhärmt gewesen zu sein; ganz im Gegenteil: Selbst in den Bildern seiner letzten Schaffensperiode zeigt sich eine zunehmende Wärme und Innerlichkeit, die ahnen lässt, dass hier ein Mensch das Erbarmen Gottes gesucht und die Vergebung Gottes – Erlösung – gefunden hat.
Der geistliche Schriftsteller Henri Nouwen hat es in seinen vielbeachteten Betrachtungen zum Gemälde Rembrandts einmal so auf den Punkt gebracht: „Selten – wenn überhaupt jemals – wurde Gottes unermessliche barmherzige Liebe in so ergreifender Weise dargestellt. Jede Einzelheit der Gestalt des Vaters – sein Gesichtsausdruck, seine Haltung, die Farben seiner Kleidung und vor allem die stumme Geste seiner Hände – spricht von der göttlichen Liebe zum Menschengeschlecht, die von Anfang an da war und immer da sein wird. Alles kommt hier zusammen: die Geschichte Rembrandts, die Geschichte der Menschheit und die Geschichte Gottes. Zeit und Ewigkeit überschneiden sich; nahender Tod und immerwährendes Leben berühren einander. Sünde und Vergebung umarmen sich; das Menschliche und das Göttliche werden eins.“4
III. Gelebte Barmherzigkeit – zwei sich durchdringende Dimensionen
1. Barmherzigkeit gegenüber sich selbst
Das Motiv der Umkehr und der Hinwendung zu Gott, wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater aufscheint, darf nicht außer Acht lassen, dass Gottes Handeln und die darin erfahrbare Barmherzigkeit dem Menschen stets vorausliegt; ehe der Mensch überhaupt der Gegenwart Gottes gewahr wird, geht Gott immer schon auf den Menschen zu, ist Gottes Liebe bereits als tragender Grund der menschlichen Existenz präsent. Für die Praxis der Barmherzigkeit im Sinne einer authentischen Sprache der Neuevangelisierung5 stellt es insofern eine unabdingbare Voraussetzung dar, dass der Mensch zunächst einmal das Verhältnis zu sich selbst in den Blick nimmt und dessen Tragfähigkeit für ein wirklich freies „Sich-geben“ dem Anderen gegenüber beleuchtet. Stefan Oster dazu: „Mein ‚Mich-geben‘ lebt nämlich aus dem Vertrauen des ‚Schon-bejaht-seins‘ von Grund auf. Und es stellt mich vor die Aufgabe, diese Bejahung mitzuvollziehen – und damit zugleich immer neu auch die Bejahung in den Grund, der mich trägt.“6
Allein auf der Basis einer grundsätzlichen Annahme des eigenen Selbst, inklusive seiner Unvollkommenheit und Bedürftigkeit, kann das menschliche Leben gelingen und eine überzeugende Praxis der Barmherzigkeit, welche andere für das Reich Gottes gewinnt, ins Werk gesetzt werden. Wer zu sich selbst kein gutes Verhältnis hat, der kann auch zu anderen kein gutes Verhältnis gewinnen; wer das Verhältnis zu sich selbst nicht geklärt hat, der bleibt in aller Regel viel zu sehr – sei es in narzisstischer Selbstverliebtheit oder in ängstlicher Selbstbehauptung – mit sich selbst beschäftigt, als dass er sich seinen Mitmenschen tatsächlich in liebevoller Hingabe zuwenden könnte.
Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini hat in einer kleinen, aber gedanklich sehr tiefen Schrift zu diesem Thema sowohl die Schwierigkeit als auch die erlösende Wirkung dieser elementaren Aufgabe der Annahme seiner selbst vor Augen geführt.7 An der Wurzel einer geglückten menschlichen Existenz liegt das Einverständnis des jeweiligen Menschen, der zu sein, der er ist. Mit bequemer Selbstgefälligkeit oder gar einem blinden Fatalismus hat das nichts zu tun. Vielmehr trägt diese „Annahme seiner selbst“ dem Sachverhalt Rechnung, dass sich der Mensch selbst und in seinem Schicksal weder erklären noch beweisen, sondern lediglich annehmen kann. Um Guardini selbst zu zitieren: „Und die Klarheit und Tapferkeit dieser Annahme bildet die Grundlage alles Existierens. Diese Forderung kann ich auf bloß ethischem Wege nicht erfüllen. Ich kann es nur von etwas Höherem her – und damit sind wir beim Glauben. Glauben heißt hier, dass ich meine Endlichkeit aus der höchsten Instanz, aus dem Willen Gottes heraus verstehe. […] Die Fragen der Existenz: Warum bin ich der, der ich bin? warum geschieht mir, was mir geschieht? warum ist mir versagt, was mir versagt ist? warum bin ich so, wie ich bin? warum bin ich überhaupt, und nicht vielmehr nicht? – diese Fragen bekommen ihre Antwort nur in der Beziehung auf Gott.“8
Es ist die im Glauben an Gott gründende existentielle Selbstannahme, die sich in dem ebenso einfachen wie elementaren Satz „Er ist Der, der mich mir gegeben hat“9 ausdrücken lässt, welche dem Menschen die Fähigkeit zur vertrauensvollen Hingabe an den Mitmenschen und zum Werk der Barmherzigkeit verleiht.
2. Barmherzigkeit gegenüber den Mitmenschen
Der entscheidende Maßstab, den Christus für das Weltgericht setzt, besteht nicht in erster Linie in der treuen Befolgung liturgischer Vorschriften oder in der eloquenten Verteidigung theologischer Wahrheiten. Die prominente Perikope im Matthäus-Evangelium (Mt 25,31−46) hebt mit allem Nachdruck die Bedeutung der sog. Werke der Barmherzigkeit für das Wohl und Wehe der christlichen Existenz hervor: Hungernde speisen, Dürstenden zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen und Gefangene aufsuchen. Diese leiblichen Werke der Barmherzigkeit – hinzuzufügen wäre auch noch „Tote bestatten“ – haben nach wie vor eine ungebrochene Aktualität und hohe Dringlichkeit; sowohl im konkret-unmittelbaren Sinn als auch in einem weiter gefassten, übertragenen Verständnis. Daher hat die christliche Tradition schon früh den leiblichen Werken der Barmherzigkeit auch noch sog. „geistige Werke der Barmherzigkeit“ zur Seite gestellt: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Unrecht mit Geduld ertragen, denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen, und für Lebende und Tote gerne beten.10
Letztlich weisen die Werke der Barmherzigkeit immer wieder auf die fundamentale Frage hin, wie sich der Glaube an einen Gott, der selbst die Liebe ist und der bedingungslos liebt, konkret und täglich, im ganz persönlichen Denken, Reden und Tun ausprägen und manifestieren soll. Was folgt aus der gläubigen Einsicht, dass Gott sich als Schöpfer, Versöhner und Erlöser offenbart, dass er seine bleibende Zuwendung jedem einzelnen Menschen zuspricht, dass seine liebende Sorge in besonderer Weise den Verwundeten, Unterlegenen und Geächteten gilt? Was heißt es, die Einzigartigkeit des anderen als Person anzuerkennen und zu achten, weil Gott eben gleichermaßen alle Menschen unabhängig von ethnischer Herkunft, sozialem Status, individueller Begabung oder sonstigen Eigenschaften als ein Du, als ein Gegenüber, als Person anspricht? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der zentralen Botschaft Jesu in Wort und Tat, dass die Liebe Gottes gerade nicht mit weltlichen Maßstäben misst und daher auch der Sünder keineswegs abgeschrieben und verstoßen, sondern als Mensch trotz bzw. in seinem Sündersein von Gott geliebt und zu einem immer möglichen Neuanfang gerufen wird?
Bei den Antworten auf dieses Fragen bleibt die Orientierung an einer Überzeugung leitend, wie sie Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Dives in misericordia“ über das göttliche Erbarmen zum Ausdruck gebracht hat: dass nämlich allein Liebe und Erbarmen die Menschen dazu bringen, einander in dem Wert zu begegnen, den der Mensch selbst in der ihm eigenen Würde darstellt.11 Zudem wird in der theologisch-ethischen Rede von der Barmherzigkeit deutlich, „(…) dass Gottes unbedingte Liebe als Handlungsmaßstab buchstäblich ‚nicht fertig macht‘, sondern rechtfertigt, also dass es um die Verheißung und Ermöglichung von Zukunft geht.“12
Das vielleicht eindrucksvollste biblische Paradigma menschlicher Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten steht im Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ (Lk 11,30−37) vor Augen – der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853−1890) hat es in einem berührenden Gemälde szenisch umgesetzt, das 1989 in einem psychiatrischen Krankenhaus in der Provence, nur wenige Monate vor dem Tod des Künstlers, entstanden ist.
Das Handeln des Samariters gewinnt vor allem dadurch besonderes Profil, weil er sich von der Not des unter die Räuber gefallenen Mannes auf der Ebene seiner menschlichen Empfindungen13 anrühren und zum Handeln bewegen lässt. Isidor Baumgartner hat dabei auf drei entscheidende Grundhaltungen hingewiesen, welche die Rettungsaktion des Mannes aus Samarien durchziehen.14 Diese Grundhaltungen können nach wie vor als maßgeblich für ein wirklich überzeugendes Zeugnis der Barmherzigkeit gegenüber den Mitmenschen gelten.
Eine erste Grundhaltung – Echtheit. Der barmherzige Samariter hat alle Rüstungen der schönen Worte, Konventionen und gesellschaftlichen Vorurteile abgelegt. Er hilft ohne geheime Hintergedanken, selbstlos und setzt sich sogar der Gefahr aus, seinerseits unter die Räuber zu fallen. Eine zweite Grundhaltung – Wertschätzung. Das Handeln des Mannes aus Samarien kennzeichnet ein spontanes Hinzukommen zum leidenden Anderen und doch zugleich eine unbedingte Nähe und Treue zu diesem Fremden, eine uneingeschränkte Wertschätzung des konkreten Gegenübers, von dessen menschlicher Würde er überzeugt ist. Eine dritte und letzte Grundhaltung – Empathie. Der barmherzige Samariter verfügt in besonderer Weise über die Fähigkeit zum Mitfühlen. „Solche Empathie und Sensibilität (…) wird genährt vom Wissen um die eigenen Wunden. Nur wer mit seiner Gebrochenheit und Gekränktheit in Kontakt ist, sie nicht verdrängt und amputiert hat, kann wirklich mitfühlen.“15
IV. Unterwegs als „Pilger der Hoffnung“
Die Aktualität von Barmherzigkeit als Schlüsselbegriff des christlichen Glaubens und überhaupt als Grundkategorie universaler Menschlichkeit steht außer Frage. Walter Kasper hat daher Barmherzigkeit zurecht als „ein grundlegendes Thema für das 21. Jahrhundert“16 ausgemacht, in diesem Zusammenhang aber auch nicht verschwiegen, dass die Größe „Barmherzigkeit“ nach wie vor innerhalb und erst recht außerhalb von Theologie und Kirche mit einigen Vorbehalten und Missverständnissen zu kämpfen hat. Allein schon der Begriff klingt in den Ohren vieler sentimental, alt und verstaubt; mit dem Hinweis auf Barmherzigkeit verbinden sich Assoziationen einer gewissen Herablassung oder auch der Schwäche. Bedenkt man jedoch, dass Barmherzigkeit sowohl nach christlicher Auffassung als auch in einem allgemein-menschlichen Sinn eine Haltung beschreibt, welche den eigenen Egoismus bzw. die eigene Ich-Zentriertheit zu überwinden vermag, wird deutlich, wie wenig gerade in dieser Selbstüberschreitung auf den anderen hin ein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr ein Zeichen von Stärke und wahrer innerer Freiheit gegeben ist.17
Bischof Dr. Stefan Oster, dem dieser Beitrag zum besonderen Stellenwert der Barmherzigkeit für eine missionarische Kirche anlässlich seines 60. Geburtstages gewidmet sein soll, hat in seinem Wirken als Theologe und Seelsorger immer wieder akzentuiert, dass der Mensch in einem tiefen Sinne frei wird, wenn er sich vertrauensvoll Gott, der Quelle der Freiheit, überlässt und aus diesem existentiellen Akt des Glaubens heraus sich in die Begegnung mit dem Anderen einlässt, im Dienst am Reich Gottes aus der Selbstverhaftung zur Hingabe findet.
Ganz auf dieser Linie hat er in seinem Hirtenbrief „Wir alle – Pilger der Hoffnung!“ zum Heiligen Jahr 2025 dazu eingeladen, Jesus Christus als dem Grund der Hoffnung neu zu begegnen, sich von Gottes barmherziger Liebe berühren zu lassen und gestärkt durch diese Erfahrung zu einem authentischen Zeugen der Barmherzigkeit Gottes zu werden: „Zeuge des Friedens, wo Unversöhnlichkeit herrscht; Zeuge gelebter Treue in der Ehe; Zeuge, der sich einsetzt für Menschen auf der Flucht oder für junge suchende Menschen; ein Zeuge, der für das ungeborene Leben eintritt und für eine würdevolle Behandlung der Alten bis zu deren letztem Atemzug. Ein Zeuge, der mit seiner Barmherzigkeit bezeugt, dass Jesus bereit ist, jede Sünde zu vergeben, wie groß sie auch sein mag.“18
Als „Pilger der Hoffnung“ und im Sinne einer missionarischen Kirche unterwegs zu sein, kann in der Tat nur bedeuten, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das Unrecht und das Böse einzudämmen, soweit dies menschenmöglich ist. Es gilt, in den verschiedenen Situationen der leiblichen und geistigen Not, einen Hoffnungsstrahl der Barmherzigkeit aufleuchten zu lassen, auch wenn dies nie in vollendeter Form geschehen kann und daher mit Blick auf die nie ganz abzuschaffende Ungerechtigkeit in dieser Welt am Ende oft nur das Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit steht: „Angesichts drohender Verzweiflung oder konsumistischer Verblödung bleibt letztlich nichts anderes, als die Welt und das Leben im Licht der Hoffnung auf vollkommene Gerechtigkeit und auf endgültige Versöhnung zu sehen und darauf zu bestehen. Deshalb wird der Ruf ‚Kyrie eleison‘ in dieser Welt nie zum Verstummen zu bringen sein und immer wieder neu laut werden. Dass dieser Ruf auch öffentlich laut werden kann und darf, gehört zum Menschheitskulturerbe; es gehört zu einer Kultur der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit und zur Menschenfreundlichkeit einer wirklich freien Gesellschaft.“19
1 Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, Direktorium für die Katechese (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls; 224), hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2020, Nr. 51.
2 Thomas von Aquin, Summa Theologiae I‑II q. 87 a. 4.
3 Paul Tillich, Dynamik des Glaubens (Dynamics of Faith). Neu übersetzt, eingeleitet und mit einem Kommentar versehen von Werner Schüßler, Berlin/Boston 2020, 21.
4 Henri J. M. Nouven, Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Freiburg-Basel-Wien 1991, 112f.
5 Vgl. Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, Direktorium für die Katechese (Anm. 1), Nr. 51.
6 Stefan Oster, Die tiefer verstandene Freiheit. Zu Phänomenologie und Ontologie menschlichen Person-seins im Anschluss an Dignitatis humanae, in: Ders./Johannes Brantl (Hg.), Christus ist unter euch. Zur Aktualität des II. Vatikanischen Konzils (FS Bischof Rudolf Voderholzer), Regensburg 2024, 543 – 558, hier: 554f.
7 Romano Guardini, Die Annahme seiner selbst (1960), Ostfildern 102010.
8 Ebd., 20f.
9 Ebd., 21.
10 Eine kompakte und gegenwartsbezogene Darstellung bietet u.a.: Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung (Hg.), Geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit. Jubiläum der Barmherzigkeit 2015 – 2016 (aus dem Spanischen von Monika Ottermann), Ostfildern 2015.
11 Vgl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika „Dives in misericordia“ vom 30. November 1980 über das göttliche Erbarmen (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 26 – Korrigierte Neuauflage), hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2015, Nr. 14.
12 Jochen Sautermeister, Das Gegenteil von Barmherzigkeit. Ein theologisch-ethischer Blick auf das Phänomen Skandalisierung, in: Herder Korrespondenz 68 (2014), 187 – 192, hier: 191.
13 Das entsprechende griechische Verb „εσπλαγχίσθη“ (Lk 10,33) wird in dem meisten deutschen Übersetzungen nur sehr blass mit „er hatte Mitleid“ oder „er empfand Erbarmen“ wiedergegeben. Tatsächlich bezeichnet es aber eine wirklich einschneidende affektive Regung, die wohl eher in der Wendung „es traf ihn in seinen Eingeweiden“ ausgedrückt werden kann.
14 Vgl. Isidor Baumgartner, Heilende Seelsorge in Lebenskrisen, Düsseldorf 1992, 51f.
15 Ebd., 52.
16 Walter Kasper, Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens, Freiburg i. Br.-Basel-Wien 2012, 15.
17 Vgl. ebd., 29f.
18 Bischof Dr. Stefan Oster, Wir alle – Pilger der Hoffnung! Hirtenbrief zum Heiligen Jahr 2025, hg. von der Diözese Passau, Passau 2024, 5.
19 Walter Kasper, Barmherzigkeit (Anm. 16), 202.



