Das meist gelesene Buch von Bischof Stefan Oster ist dem Vernehmen nach seine Erschließung des Glaubensbekenntnisses: Credo. Eine Gebrauchsanweisung für das Leben (Stuttgart 2019). Hervorgegangen aus Vorträgen an Jugendliche und junge Erwachsene in Passau, hat es vielen geholfen, den Glauben besser zu verstehen und das Leben danach auszurichten. Mit der Erschließung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses stellt sich der Bischof von Passau in eine lange Reihe von Autoren mit derselben Zielsetzung, unter denen gewiss Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., herausragt mit seiner „Einführung in das Christentum“ (1968).1
Der runde Geburtstag von Stefan Oster fällt in das Jahr 2025, in dem die Kirche nicht nur ein Heiliges Jahr begeht, sondern auch des 1700-jährigen Jubiläums des Konzils von Nizäa gedenkt, das in Abgrenzung zur Irrlehre des alexandrinischen Presbyters Arius ein Glaubensbekenntnis kanonisiert hat, das bis auf den heutigen Tag gemeinsame Grundlage aller christlichen Denominationen ist und von daher auch in seiner ökumenischen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. In seiner Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres „Spes non confundit“ vom 9. Mai 2024 hatte Papst Franziskus eigens darauf hingewiesen.
Im Folgenden soll die entscheidende Gemeinsamkeit der christlichen Glaubensbekenntnisse herausgestellt werden, also das, was vor allem auch das Apostolicum und das Nizänokonstantinopolitanum verbindet und welchen Beitrag Stefan Oster immer wieder leistet zur Erschließung des Specificum Christianum.
Das Apostolische Glaubensbekenntnis hat bekanntlich seinen Namen von einer Legende her, die sich seit dem 4. Jahrhundert verbreitete, wonach der auferstandene Herr jedem der zwölf Apostel einen Bekenntnissatz anvertraute,2 so dass, wenn das Apostelkollegium zusammentritt und jeder seinen Satz einbringt, das Credo der Kirche zusammengefügt wird.
Diese Legende hat ihren historischen Kern in der Tatsache, dass die frühesten Texte der biblischen Überlieferung tatsächlich solche Bekenntnissätze sind, die der Schriftwerdung des Neuen Testaments vorausgehen und wesentliche Elemente der Tradition darstellen. Der Exeget Heinrich Schlier prägte dafür den Terminus „Präsymbola“3. Sie können eingliedrig sein (Röm 10,9), zweigliedrig (Lk 24,34; 1 Kor 8,5 – 6; 1 Tim 2,5 – 6) oder auch mehrgliedrig (1 Kor 15,3 – 5). Die Apostolicums-Legende, die vielerorts im späten Mittelalter auch ikonographisch ihren Niederschlag gefunden hat,4 verdunkelt freilich mit ihrer Fokussierung auf die Zahl zwölf die grundlegende Struktur des apostolischen Credo: die trinitarische.5 Der Aufbau des altkirchlichen Credo ist dreigliedrig, und diese Struktur ist im Ritus der Taufe mit dem Bekenntnis des Täuflings zum dreifaltigen Gott verknüpft, ausgehend von der trinitarischen Taufformel Mt 28,19. Dies gilt für das Apostolische Glaubensbekenntnis ebenso wie für das nizänokonstantinopolitanische. Die Taufe schenkt die Gnade, ein Kind Gottes des Vaters zu werden, Schwester oder Bruder Jesu Christi sowie Tempel des Heiligen Geistes.
Die Väter des Konzils von Nizäa haben denn auch nicht ein von Grund auf neues Glaubensbekenntnis formuliert, sondern ein bereits vorhandenes und in der Liturgie gebräuchliches Taufsymbol modifiziert und erweitert. Die Quellen darüber sind freilich spärlich. Hubert Jedin nimmt an, dass die Konzilsväter auf Vorschlag des Eusebius von Caesarea das in dessen Bistum (und wohl schon bei der Taufe des Eusebius) verwendete und „eingebetete“ Glaubensbekenntnis zur Grundlage gemacht haben.6 Das von Heinrich Denzinger begründete und von Peter Hünermann erweiterte und mit deutscher Übersetzung versehene Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen bringt in den Nummern 10 bis 36 die überlieferten (vornizänischen) dreigliedrigen Taufsymbole der westlichen römischen Tradition, und in den Nummern 40 bis 76 die (ebenfalls zum Teil vornizänischen) Taufsymbole der östlichen Tradition.
In ein schon vorhandenes, dreigliedriges Taufsymbol wurden sodann von den Vätern des Konzils von Nizäa in der zweiten, der Sohnes-Strophe, Präzisierungen eingefügt, die ein arianisches Verständnis des Sohnes ausschlossen: „… aus dem Vater geboren vor allen Zeiten, Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater; durch ihn ist alles geworden.“
Das Jubiläum 1700 Jahre Konzil von Nizäa ist somit nicht nur Anlass zur vertieften Reflexion auf den Glauben an die göttliche Natur des menschgewordenen Logos, sondern auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes überhaupt.
Die paradoxe Formulierung „aus dem Vater geboren“ schließt ein vordergründig biologisches Verständnis von Vaterschaft aus, die Bestimmung „vor allen Zeiten“ stellt die Aussage des Arius richtig, es habe eine Zeit gegeben, in der der Sohn nicht gewesen sei. Das Bekenntnis zur Schöpfungsmittlerschaft („durch ihn ist alles geworden“) greift wörtlich das neutestamentliche Zeugnis auf (Joh 1,3; 1 Kor 8,6; Phil 2,6; Kol 1,15 – 20; Eph 1,4; Hebr 1,2f.). Wenn alles durch ihn, den Logos, geschaffen ist, kann er nicht selbst ein Geschöpf sein. Die Gegenüberstellung von „gezeugt“, nicht „geschaffen“, geht aus von der grundlegenden Unterscheidung der zwei (einzigen) Möglichkeiten der Hervorbringung. Das „Machen“ führt zu einem Werk, das immer von minderem Seinsgrad ist im Vergleich zum kreativen Schöpfer. Allein die Zeugung bringt ein Wesen auf derselben Seinshöhe hervor.7 Insofern ist der einzige philosophische Terminus, den das Konzil bei seiner Präzisierung verwendet, „homoousios“ (consubstantialis), übersetzt mit „wesensgleich“ oder „eines Wesens mit dem Vater“, „nur“ die begriffliche Fassung des zuvor mit biblischer Terminologie Gesagten.
Dem Konzil von Nizäa ist nun von verschiedenen Theologen vorgehalten worden, es habe den Prozess der „Hellenisierung“ des Christentums in verhängnisvoller Weise zu einem Abschluss gebracht. Die einfache Botschaft des Jesus von Nazaret sei in ein System griechisch-philosophischer Begrifflichkeit gezwängt worden, was den Glauben unnötig verkompliziere und erschwere. Deswegen wird verschiedentlich ein Zurück hinter Nizäa gefordert.
Diese Verdächtigung des Konzils von Nizäa und damit des kirchlichen Glaubens basiert nun aber auf einem historischen Irrtum. Was als Auslieferung des einfachen biblischen Glaubens an die griechische Philosophie verdächtigt wird, ist im Gegenteil ein Prozess der Ent-hellenisierung gewesen und die begriffliche Einholung der der göttlichen Offenbarung zugrundeliegenden Wirklichkeit des Personalen. In der Auseinandersetzung mit Hans Küng (1928 – 2021), nach Adolph von Harnack (1851 – 1930) einem der wirkmächtigsten Vertreter des Hellenisierungsvorwurfes, hat der große Kenner der christologischen Dogmenentwicklung Alois Grillmeier festgestellt: „Nikaia ist nicht Hellenisierung, sondern Enthellenisierung oder Befreiung des christlichen Gottesbildes von hellenistischer Engführung und Aufspaltung. Nicht die Griechen haben Nikaia gemacht, sondern Nikaia hat die griechischen Philosophen überwunden. So wird der Blick frei für den echt christlichen Monotheismus als Synthese von Einheit und Unterschiedenheit in Gott.“8
Kennzeichen hellenistischen Denkens ist ein Monismus, der Einheit nur „starr“ und „differenzlos“ denken kann. Arius war dementsprechend ein typischer Vertreter hellenistischen Einheitsdenkens, der den Logos nur dem Vater auch seinsmäßig untergeordnet begreifen konnte. Die kirchlichen Lehrentscheidungen gegen diese theologische Position, die letztlich den Erlösungsglauben infrage stellt, schützen den Glauben gerade vor dem Einfluss hellenistischer Philosophie. Die Offenbarung Gottes, wie sie biblisch bezeugt ist, stellt die philosophische Reflexion vor die Herausforderung, Einheit und Unterschiedenheit gleichursprünglich zu denken. Insofern hat die Botschaft des Glaubens gerade auch das philosophische Denken bereichert und das Wesen des Menschseins besser zu verstehen gelehrt.9
Stefan Oster hat, inspiriert vor allem von seinem philosophischen Lehrer Ferdinand Ulrich, aber auch von Hans Urs von Balthasar, Joseph Ratzinger und anderen, in seiner Habilitationsschrift „Person und Transsubstantiation“ den Zusammenhang von Mensch-Sein, Kirche-Sein und Eucharistie im Licht einer trinitarischen Ontologie herausgearbeitet.
Die gedankliche Durchdringung der Offenbarung Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist führte denkgeschichtlich zu einer ontologischen Aufwertung der Kategorie der Relation (Bezüglichkeit), welche die aristotelische Klassifizierung bei weitem übersteigt. Wenn Thomas von Aquin die göttlichen Personen als „subsistente Relationen“ definiert, stellt er gewissermaßen die klassische Kategorienlehre auf den Kopf. Höchstes personales Sein, göttliches Sein, vollzieht sich in der reinen Selbstverschenkung im Gegenüber von Vater, Sohn und Geist, wobei die Selbstverschenkung das Subsistieren voraussetzt, noch präziser und zugleich „paradoxer“: die Subsistenz gerade im Hingegebensein besteht. Dies hat Auswirkungen für die theologische Bestimmung von Substanz und Person: „Ontologische Differenz ist primär dialogische Differenz. […] Und dialogische Differenz als Liebesdifferenz ist deshalb der paradigmatische Fall für alle Freigabe auch des vorpersonalen oder nichtpersonalen Geschöpflichen als in-sich-gründendes Substantielles, weil Schöpfung insgesamt von der personalen Anwesenheit des Schöpfers durchwaltet ist.“10
In Stefan Osters Credo-Buch (dessen Register „Dreifaltigkeit“ und „Trinität“ unterscheidet) wie auch in seiner Verkündigung ist denn auch die Erschließung des Mysteriums der Dreifaltigkeit Gottes als Specificum Christianum der rote Faden und immer wiederkehrende Anknüpfungspunkt. Ich greife abschließend nur eine besonders schöne Passage heraus:
„In der Trinität, in Gott, ist alles eins – in der Liebe. Wenn wir in der Liebe auf uns Menschen schauen, dann merken wir, dass auch wir uns nach Einheit sehnen. Wir wollen uns in der Liebe, in der Freundschaft einen und wir merken, wir haben dabei alle unsere Grenzen, denn wir sind erstens endliche Menschen und zweitens auch sündige und gebrochene Menschen. Daher erleben wir zwar schon Einheit, aber eben immer nur im Rahmen solcher Grenzen, wir sind in dieser Welt noch unterwegs zur vollen Einheit. Dagegen: Wenn in Gott selbst Einheit aus Liebe gegeben ist, dann ist das notwendig absolute Einheit, weil in Gott, dem einzig Absoluten, alles absolut ist. Und trotzdem gibt es gerade in Gott zugleich Verschiedenheit: Der Vater ist nicht der Sohn und der Sohn ist nicht der Geist und der Geist ist nicht der Vater. Und wenn es also in Gott diese Verschiedenheit gibt, dann ist diese auch absolute Verschiedenheit. Und damit ist wieder etwas von diesem Geheimnis von Drei-in-Eins gesagt, also von Vater und Sohn, die im Geist geeint sind, ganz eins sind, ein Gott! Und zugleich sind sie dieser eine Gott in absoluter Verschiedenheit. So etwas lässt uns den natürlichen Verstand stillstehen, aber in der Liebe, im Geist der Liebe schließt es sich auf.“11
1 Vgl. Mariano Delgado (Hg.), Das Christentum der Theologen im 20. Jahrhundert: Vom “Wesen des Christentums” zu den “Kurzformeln des Glaubens”, Stuttgart 2000.
2 John N.D. Kelly, Altchristliche Glaubensbekenntnisse. Geschichte und Theologie, ³1973 [= UTB], Göttingen 1993, 11.
3 Heinrich Schlier, Kerygma und Sophia. Zur neutestamentlichen Grundlegung des Dogmas, in: Ders., Die Zeit der Kirche. Exegetische Aufsätze und Vorträge, Freiburg 1955, 206 – 232, hier: 216, 230.
4 Vgl. Henri de Lubac, Credo. Gestalt und Lebendigkeit unseres Glaubensbekenntnisses, Einsiedeln 1975, 21 f.
5 Darauf hat de Lubac, Credo, 29, auch mit Hinweis auf Joseph Andreas Jungmann, Das Apostolische Glaubensbekenntnis, Anhang zu: Katechetik, Aufgabe und Methode der religiösen Unterweisung, Freiburg ³1965, 309, mit Nachdruck hingewiesen.
6 Es ist überliefert in dem Brief des Eusebius an seine Gemeinde: G. H. Opitz, Urkunden n. 22, 4, und von DH als Nr. 40 abgedruckt.
7 Schon hier der Hinweis auf die katechetische Erschließung von Stefan Oster, Credo, Stuttgart 2019, 108.
8 Alois Grillmeier, Jesus von Nazaret – im Schatten des Gottessohnes?, in: Hans Urs von Balthasar (u.a.), Diskussion über Hans Küngs „Christ sein“, Mainz 1976, 60 – 82, hier 81.
9 Vgl. Jörg Splett, Leben als Mit-sein. Vom trinitarisch Menschlichen, Frankfurt 1990.
10 Stefan Oster, Person und Transsubstantiation. Mensch-Sein, Kirche-Sein und Eucharistie – eine ontologische Zusammenschau, Freiburg 2010, 325 f.
11 Stefan Oster, Credo, Stuttgart 2019, 267 f.
Susanne Schmidt



