Stellen Sie sich eine Person vor, die ihre Berufung gefunden hat und diese auch lebt. Welche Eigenschaften strahlt diese Person aus? Stellt man diese Frage, lauten die Antworten meist wie folgt: „Die Person ruht in sich und strahlt eine innere Freiheit aus. Sie ist leidenschaftlich und authentisch. Sie steht zu ihrer Überzeugung und kann andere Meinungen gelten lassen. Sie ist offen und freilassend. Sie ist kraftvoll und warmherzig, lernbereit und hingabefähig. Sie ist durch Krisen gegangen, anerkennt ihre Grenzen und lebt eine natürliche Gottverbundenheit.“ Und führt man die Frage fort: Stellen Sie sich vor, das wäre Ihnen möglich zu leben. Wie würden Sie Ihr Leben in einem Wort beschreiben? Dann kommt in aller Regel entweder „erfüllt“ oder „gelingend“. In uns Menschen steckt das tiefe Wissen über ein erfülltes und gelingendes Leben.
Berufung möchte ich ausgehend von dieser Urintuition im Menschen und vom Wort Jesu in Joh 10,10 wie folgt definieren: „Berufung ist die Einladung Gottes an jeden Menschen zu einem erfüllten und gelingenden Leben.“ Diesen Ruf erleben manchmal Menschen in verdichteten Lebensmomenten, aber Gott richtet ihn kontinuierlich an uns. Diese Einladung begleitet jeden Augenblick unseres Lebens und fordert uns beständig zum Vertrauen auf und zur Antwort an Gott heraus. So bleibt die Verbindung mit dem Lebensstrom Gottes bestehen oder wird auf diese Weise erneuert.
Dieser Ruf Gottes kann im Menschen über die Sehnsucht wahrgenommen werden, wobei die Sehnsucht häufig nicht einfach klar der Person bewusst ist, sondern geweckt bzw. freigelegt werden muss. Indem ich z. B. etwas Schönes erlebe, spüre ich, dass ich mich danach sehne und es mir entspricht. Indem ich ein Wort Gottes höre, merke ich, dass ich mich nach einer Beziehung mit Gott sehne. Indem ich bis tief in die Nacht bei einem Jugendlager mitgearbeitet habe, zeigt sich mir erst, wie erfüllend es für mich ist, für andere da zu sein.
Es geht in der Berufung um einen Antrieb, deshalb möchte ich das Bild eines Motors für die weiteren Ausführungen verwenden. Im Brennraum der Sehnsucht gehen verschiedene Kolben auf und ab. Da gibt es die Bewegung von Gott zum Menschen im Ruf ins Leben. Der Mensch ist gerufen, sein Leben, seine Persönlichkeit, seine Möglichkeiten zu entfalten. Die Bewegung des Menschen zu Gott hin liegt in der Selbstannahme bzw. der Selbstliebe. Jedoch birgt diese Bewegung zwei Blockaden. Die eine ist die Gefahr zur Egozentrik. Wenn es nur um meine Optimierung geht, kreise ich bald nur um mich selbst. Die andere Blockade liegt in der Erfahrung, dass es mir vielleicht nicht möglich ist, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin.
Der Motor für ein gelingendes Leben braucht einen zweiten Kolben. Der Ruf in die Freundschaft mit Gott. Gott zeigt, dass er den Menschen so annimmt, wie er ist, ja, dass er den Menschen mit derselben Liebe liebt wie seinen Sohn (Joh 17, 26). Die Antwort des Menschen ist das Eingehen dieser Beziehung, die Liebe zu Gott. Doch hat auch diese Bewegung eine Gefahr. Sie kann zur spirituellen Selbstumkreisung werden. Es zählt nur noch, was mir guttut. Der Mensch kapselt sich ab und kann nicht die Lebensfülle erfahren.
Den Weg aus dieser Selbsttäuschung zeigt 1 Joh 4,20 deutlich auf: Es ist der Ruf zum Anderen bzw. zur Hingabe. Viele Menschen können dies nachvollziehen, dass sie Erfüllung gerade dort erfahren, wo sie etwas für andere gemacht haben, wo sie sich es etwas haben kosten lassen. Sie erfahren das
Fließen einer tiefen Freude in sich selbst. So ist die Antwort auf diesen Ruf die Nächstenliebe. Aber auch diese Bewegung kann blockiert werden durch den Aktionismus. Er verhindert echtes erfülltes Leben.
Diese drei Kolben interagieren ständig miteinander. Fällt einer aus, verliert der Motor seine Kraft. Ihre gegenseitige Bewegung lässt einen Menschen in der Liebe wachsen und reifen. Wie Jesus das Doppelgebot in Mt 22,37−40 als Herzstück des Lebensgesetzes anführt, so kann man sagen, dass das Trippel-Gebot der Liebe das Herzstück einer jeden Berufung darstellt: Liebe Gott und deinen Nächsten wie Dich selbst – das umfasst, nein, erfüllt alles mit Lebendigkeit.
Wenn man das Bild des Motors weiterführt, so erzeugen die Kolben eine Bewegung. Jedoch benötigt diese Bewegung eine Verankerung, damit die entstehende Kraft über eine Transmission zu Antrieb wird, damit die Liebe in einen realen Kontext übersetzt wird. Der dreifache Ruf wird ergänzt durch den Ruf in die Zugehörigkeit. Aus der Psychologie wissen wir, dass das „Belonging“ ein Grundbedürfnis des Menschen ist, eine Grundsehnsucht. Eine Zugehörigkeit und Bindung, die mich herausholt aus der Verlorenheit und zugleich frei macht. Die Antwort auf diesen Anruf ist das Commitment, die Bindung an etwas konkretes, z. B. Bindung an eine Person, Verbindlichkeit in einem Engagement, Treue in einer Tätigkeit, Zugehörigkeit zu einer Kirche, Versprechen in einer Gemeinschaft. Ohne die Konkretisierung hängt unsere Liebe in der Luft.
Aus dieser Herleitung von Berufung relativiert sich der konkrete Beruf. Vielleicht entspricht meine Tätigkeit nicht zu einhundert Prozent meinem Traumberuf. Das muss er auch nicht, denn das Entscheidende für die Erfüllung ist die gelebte Liebe. Diese Einsicht kann manchen jungen Menschen von dem Druck befreien, den absolut richtigen Beruf finden zu müssen.
Der Motor für ein gelingendes Leben ist ständigen Herausforderungen, Abnutzungen und Widerständen ausgesetzt – äußerlich wie innerlich. Deshalb braucht er, um Blockaden zu lösen, um vor Überhitzung bewahrt zu bleiben und um überhaupt in der Sehnsucht den Ruf zu hören und aus der Tiefe des eigenen Herzens die Antwort zu geben: Öl. Das Motorenöl des erfüllten und gelingenden Lebens ist das Gebet. Gebet vor allem verstanden als innere Sammlung und als persönlichen Austausch mit Gott. Eine weitere, wichtige Ressource für die belebende Kraft des Gebets ist die Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes und die feiernde Gemeinschaft, die den einzelnen trägt und aus dem Geist Jesu inspiriert.
Menschen, die ihre Berufung gefunden haben und leben, haben auf andere Menschen und ihr Umfeld eine heilende, belebende und mitunter auch eine die Dynamik der Liebe und die Suche nach der eigenen Berufung weckende Ausstrahlung.



