Erfahrungsberichte

Eine kleine Theologie der Berufung

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Bild: Tim Mossholder/Unsplash.com

Oder Motor eines gelingenden Lebens! Ein Beitrag von Pater Clemens Blattert SJ, Direktor des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz.

Stel­len Sie sich eine Per­son vor, die ihre Beru­fung gefun­den hat und die­se auch lebt. Wel­che Eigen­schaf­ten strahlt die­se Per­son aus? Stellt man die­se Fra­ge, lau­ten die Ant­wor­ten meist wie folgt: Die Per­son ruht in sich und strahlt eine inne­re Frei­heit aus. Sie ist lei­den­schaft­lich und authen­tisch. Sie steht zu ihrer Über­zeu­gung und kann ande­re Mei­nun­gen gel­ten las­sen. Sie ist offen und frei­las­send. Sie ist kraft­voll und warm­her­zig, lern­be­reit und hin­ga­be­fä­hig. Sie ist durch Kri­sen gegan­gen, aner­kennt ihre Gren­zen und lebt eine natür­li­che Gott­ver­bun­den­heit.“ Und führt man die Fra­ge fort: Stel­len Sie sich vor, das wäre Ihnen mög­lich zu leben. Wie wür­den Sie Ihr Leben in einem Wort beschrei­ben? Dann kommt in aller Regel ent­we­der erfüllt“ oder gelin­gend“. In uns Men­schen steckt das tie­fe Wis­sen über ein erfüll­tes und gelin­gen­des Leben.

Beru­fung möch­te ich aus­ge­hend von die­ser Urin­tui­ti­on im Men­schen und vom Wort Jesu in Joh 10,10 wie folgt defi­nie­ren: Beru­fung ist die Ein­la­dung Got­tes an jeden Men­schen zu einem erfüll­ten und gelin­gen­den Leben.“ Die­sen Ruf erle­ben manch­mal Men­schen in ver­dich­te­ten Lebens­mo­men­ten, aber Gott rich­tet ihn kon­ti­nu­ier­lich an uns. Die­se Ein­la­dung beglei­tet jeden Augen­blick unse­res Lebens und for­dert uns bestän­dig zum Ver­trau­en auf und zur Ant­wort an Gott her­aus. So bleibt die Ver­bin­dung mit dem Lebens­strom Got­tes bestehen oder wird auf die­se Wei­se erneuert.

Die­ser Ruf Got­tes kann im Men­schen über die Sehn­sucht wahr­ge­nom­men wer­den, wobei die Sehn­sucht häu­fig nicht ein­fach klar der Per­son bewusst ist, son­dern geweckt bzw. frei­ge­legt wer­den muss. Indem ich z. B. etwas Schö­nes erle­be, spü­re ich, dass ich mich danach seh­ne und es mir ent­spricht. Indem ich ein Wort Got­tes höre, mer­ke ich, dass ich mich nach einer Bezie­hung mit Gott seh­ne. Indem ich bis tief in die Nacht bei einem Jugend­la­ger mit­ge­ar­bei­tet habe, zeigt sich mir erst, wie erfül­lend es für mich ist, für ande­re da zu sein.

Es geht in der Beru­fung um einen Antrieb, des­halb möch­te ich das Bild eines Motors für die wei­te­ren Aus­füh­run­gen ver­wen­den. Im Brenn­raum der Sehn­sucht gehen ver­schie­de­ne Kol­ben auf und ab. Da gibt es die Bewe­gung von Gott zum Men­schen im Ruf ins Leben. Der Mensch ist geru­fen, sein Leben, sei­ne Per­sön­lich­keit, sei­ne Mög­lich­kei­ten zu ent­fal­ten. Die Bewe­gung des Men­schen zu Gott hin liegt in der Selbst­an­nah­me bzw. der Selbst­lie­be. Jedoch birgt die­se Bewe­gung zwei Blo­cka­den. Die eine ist die Gefahr zur Ego­zen­trik. Wenn es nur um mei­ne Opti­mie­rung geht, krei­se ich bald nur um mich selbst. Die ande­re Blo­cka­de liegt in der Erfah­rung, dass es mir viel­leicht nicht mög­lich ist, mich selbst so anzu­neh­men, wie ich bin.

Der Motor für ein gelin­gen­des Leben braucht einen zwei­ten Kol­ben. Der Ruf in die Freund­schaft mit Gott. Gott zeigt, dass er den Men­schen so annimmt, wie er ist, ja, dass er den Men­schen mit der­sel­ben Lie­be liebt wie sei­nen Sohn (Joh 17, 26). Die Ant­wort des Men­schen ist das Ein­ge­hen die­ser Bezie­hung, die Lie­be zu Gott. Doch hat auch die­se Bewe­gung eine Gefahr. Sie kann zur spi­ri­tu­el­len Selbst­um­krei­sung wer­den. Es zählt nur noch, was mir gut­tut. Der Mensch kap­selt sich ab und kann nicht die Lebens­fül­le erfahren.

Den Weg aus die­ser Selbst­täu­schung zeigt 1 Joh 4,20 deut­lich auf: Es ist der Ruf zum Ande­ren bzw. zur Hin­ga­be. Vie­le Men­schen kön­nen dies nach­voll­zie­hen, dass sie Erfül­lung gera­de dort erfah­ren, wo sie etwas für ande­re gemacht haben, wo sie sich es etwas haben kos­ten las­sen. Sie erfah­ren das

Flie­ßen einer tie­fen Freu­de in sich selbst. So ist die Ant­wort auf die­sen Ruf die Nächs­ten­lie­be. Aber auch die­se Bewe­gung kann blo­ckiert wer­den durch den Aktio­nis­mus. Er ver­hin­dert ech­tes erfüll­tes Leben.

Die­se drei Kol­ben inter­agie­ren stän­dig mit­ein­an­der. Fällt einer aus, ver­liert der Motor sei­ne Kraft. Ihre gegen­sei­ti­ge Bewe­gung lässt einen Men­schen in der Lie­be wach­sen und rei­fen. Wie Jesus das Dop­pel­ge­bot in Mt 22,3740 als Herz­stück des Lebens­ge­set­zes anführt, so kann man sagen, dass das Trip­pel-Gebot der Lie­be das Herz­stück einer jeden Beru­fung dar­stellt: Lie­be Gott und dei­nen Nächs­ten wie Dich selbst – das umfasst, nein, erfüllt alles mit Lebendigkeit.

Wenn man das Bild des Motors wei­ter­führt, so erzeu­gen die Kol­ben eine Bewe­gung. Jedoch benö­tigt die­se Bewe­gung eine Ver­an­ke­rung, damit die ent­ste­hen­de Kraft über eine Trans­mis­si­on zu Antrieb wird, damit die Lie­be in einen rea­len Kon­text über­setzt wird. Der drei­fa­che Ruf wird ergänzt durch den Ruf in die Zuge­hö­rig­keit. Aus der Psy­cho­lo­gie wis­sen wir, dass das Belon­ging“ ein Grund­be­dürf­nis des Men­schen ist, eine Grund­sehn­sucht. Eine Zuge­hö­rig­keit und Bin­dung, die mich her­aus­holt aus der Ver­lo­ren­heit und zugleich frei macht. Die Ant­wort auf die­sen Anruf ist das Com­mit­ment, die Bin­dung an etwas kon­kre­tes, z. B. Bin­dung an eine Per­son, Ver­bind­lich­keit in einem Enga­ge­ment, Treue in einer Tätig­keit, Zuge­hö­rig­keit zu einer Kir­che, Ver­spre­chen in einer Gemein­schaft. Ohne die Kon­kre­ti­sie­rung hängt unse­re Lie­be in der Luft.

Aus die­ser Her­lei­tung von Beru­fung rela­ti­viert sich der kon­kre­te Beruf. Viel­leicht ent­spricht mei­ne Tätig­keit nicht zu ein­hun­dert Pro­zent mei­nem Traum­be­ruf. Das muss er auch nicht, denn das Ent­schei­den­de für die Erfül­lung ist die geleb­te Lie­be. Die­se Ein­sicht kann man­chen jun­gen Men­schen von dem Druck befrei­en, den abso­lut rich­ti­gen Beruf fin­den zu müssen.

Der Motor für ein gelin­gen­des Leben ist stän­di­gen Her­aus­for­de­run­gen, Abnut­zun­gen und Wider­stän­den aus­ge­setzt – äußer­lich wie inner­lich. Des­halb braucht er, um Blo­cka­den zu lösen, um vor Über­hit­zung bewahrt zu blei­ben und um über­haupt in der Sehn­sucht den Ruf zu hören und aus der Tie­fe des eige­nen Her­zens die Ant­wort zu geben: Öl. Das Moto­ren­öl des erfüll­ten und gelin­gen­den Lebens ist das Gebet. Gebet vor allem ver­stan­den als inne­re Samm­lung und als per­sön­li­chen Aus­tausch mit Gott. Eine wei­te­re, wich­ti­ge Res­sour­ce für die bele­ben­de Kraft des Gebets ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Wort Got­tes und die fei­ern­de Gemein­schaft, die den ein­zel­nen trägt und aus dem Geist Jesu inspiriert.

Men­schen, die ihre Beru­fung gefun­den haben und leben, haben auf ande­re Men­schen und ihr Umfeld eine hei­len­de, bele­ben­de und mit­un­ter auch eine die Dyna­mik der Lie­be und die Suche nach der eige­nen Beru­fung wecken­de Ausstrahlung.

Weitere Nachrichten

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

Das Wesen der Kirche ist Mission

Warum Mission eine innere Konsequenz des Glaubens ist. Ein Beitrag von Kurt Kardinal Koch, habilitierter…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Fromme Wünsche

Ein Beitrag von Michael Kumpfmüller.

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

„Ihr seid das Salz der Erde“

Gottes Gegenwart im Dienst der Kirche. Ein Beitrag von Christoph Raedel, Professor für Systematische…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Wo Glaube lebt: Kirche und Familie

Daniela Riel ist eine junge Mutter, die ihren Kindern den Glauben an Gott vermitteln will. Hier berichtet sie…