1. Ein bemerkenswerter Absender
Im Jahre 2015 wurde ein „Brief aus Wittenberg nach Rom“ gesandt, der eine entwaffnend sympathische Zustimmung zur Enzyklika „Laudato si‘“ ausdrückt. Mit Blick auf das 10-jährige Jubiläum der Enzyklika sei an diese Episode erinnert. Im Brief heißt es: „Ich spüre und teile Ihre Sorge um unser gemeinsames Haus. Mich besticht und ermutigt Ihre Klarheit, Ihr Wahrheitsmut, Ihre Hoffnung.“1 Absender des Schreibens aus der Lutherstraße in der Lutherstadt-Wittenberg an den Bischof von Rom war kein Geringerer als der protestantische Pfarrer Friedrich Schorlemmer.
In vieler Hinsicht kann Schorlemmer als eine der markanten protestantischen Persönlichkeiten der gesamtdeutschen Nachkriegszeit bezeichnet werden.2 1983 trat er mit einer Protestaktion im Lutherhof in Wittenberg für eine Weltöffentlichkeit in Erscheinung. Durch den Kunstschmied Stefan Nau wird ein Schwert zu einer Pflugschar umgeschmiedet.3 Der damalige Prediger der Schlosskirche zu Wittenberg, Friedrich Schorlemmer, liest dazu politische und religiöse Texte. Als Event des Wittenberger Friedenskreises zum Evangelischen Kirchentag wird dies auch von ausländischen Gästen wahrgenommen und die Bilder eines ARD-Fernsehteams gehen um die Welt.4 Schorlemmer wird so zu einem besonders prominenten Gesicht der DDR-Friedensbewegung und wird zum Kreis der wirkmächtigen DDR-Dissidenten gerechnet. Auch in den Tagen der Wende nimmt er eine aktive Rolle ein und gehört am 4. November 1989 zu den Rednern auf dem Alexanderplatz.5 Nach der Wiedervereinigung bleibt er als kritische Stimme öffentlich präsent und herausfordernd. Mit Gregor Gysi schreibt er ein Buch zur Situation in Deutschland mit DDR-Vergangenheit.6 Die beiden touren ausgiebig durch die Bundesrepublik, um über ihre so unterschiedliche persönliche Geschichte mit Blick nach vorne zu diskutieren.
Dieser wortgewaltige christliche Streiter eines politisch verantwortlichen Protestantismus schreibt – gleichsam von Luthers Kanzel aus – an den Bischof von Rom: „Dass ich als Protestant (durch Herkunft und aus Überzeugung evangelisch) aus Wittenberg von Ihnen, einem Papst in Rom, begeistert sein könnte, das würde Martin Luther sehr verwundert haben.“7 Und fürwahr, dieser Brief ist bemerkenswert und bedeutsam, ungeachtet der betrüblichen Tatsache, dass der Empfänger des Schreibens nie geantwortet hat und womöglich auch keine persönliche Kenntnis von diesem hoffnungsvollen Signal erhalten hat. Dazu werde ich später noch einige persönliche Bemerkungen festhalten. An dieser Stelle zitiere ich zunächst aus der Schlusspassage des Briefes um dann eine Verbindung zur Enzyklika als einer – bisher verpassten – ökumenischen Chance herstellen zu können:
„Sie sind empört. Mit Recht. Sie haben Ihre Enzyklika wie ein Manifest an die Welt gerichtet. Sie ist ein Trompetenweckruf, sie ist eine Hoffnungsfanfare für menschliche Einsicht und Mitfühlsamkeit, und sie ist eine Lockflöte in ein einfacheres, reicheres, gerechteres, unmittelbareres Leben. Sie sprechen als eine Autorität der Weltchristenheit nicht nur 1,2 Milliarden Katholiken in der Welt an, sondern alle Menschen, die wollen, dass diese Welt gut bewohnbarer Lebensort bleibt: für alle Lebewesen.“8
2. Ein Augenblick der ökumenischen Chance
Die Begeisterung von Friedrich Schorlemmer war echt. Er zeigte sich geradezu freudig aufgeregt durch die Lektüre des Textes und die Verortung dieser lebendigen Gedanken beim geistlichen katholischen Oberhaupt im römischen Vatikan. Für den Wittenberger Pfarrer vergegenwärtigte die Enzyklika viele vertraute Gedanken, die schon die DDR-Umwelt- und Friedensbewegung in ökumenischem Dialog formuliert hatte.9 Die Friedensbewegung war auch wichtiger Impulsgeber für den „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in den 80er Jahren, der in einer „Ökumenischen Versammlung“ der Christen in der DDR, noch vor dem Mauerfall, besonderen Ausdruck fand: „Wenn gegen alles Gerechtigkeitsempfinden in unserer Welt Millionen Menschen in Armut zugrunde gehen und gegen alles vernünftige Lebensinteresse unsere Mitwelt zerstörerisch ausgebeutet wird, so liegt das an der Vergötzung von Wohlstand und Wirtschaftsmacht und des sie garantierenden Wirtschafts- und Industriesystems das uns gefangen nimmt.“10 Dass nun der Papst den Schrei den Armen und den Schrei der Mutter Erde als gemeinsames Wehklagen bestimmt und wie er dies mitteilt, war für Schorlemmer gleichsam ein Signal, dass genau jetzt die Zeit für den ökumenischen Aufbruch zur Rettung der Schöpfung gekommen sei: „Das Jahr 2017 könnte Impuls werden für den unerledigten Gedanken eines ökumenischen Konzils und eines erneuten entschlossenen Aufgreifens des Dialogs der Religionen, um deren friedensschaffendes Potential wirksam werden zu lassen, statt zuzusehen, wie die Religionen weiterhin in mörderische Stellung gebracht werden.“11
Friedrich Schorlemmer hatte wahrlich Geschichte erlebt und erfahren, wie eigene Wirksamkeit in die Geschichte eingreift. Er hatte ein reifes Gespür für die Zeichen der Zeit und für die Zeit zur Zeichensetzung. Sein „Brief aus Wittenberg nach Rom“ war eine mutig überfordernde, ausgestreckte Hand, um die Chance des Augenblicks gegenwärtig zu machen. Das 500-jährige Jubiläum der Reformation mit großer weltweiter Aufmerksamkeit auch für den historischen Ort des Geschehens, war aus seiner Sicht ein geeigneter Resonanzraum, um die große, nötige Einheit zur Rettung der Welt lebendig werden zu lassen. Sicherlich war er sich der ‚Größenunterschiede‘ zwischen Absender und Adressat des Briefes bewusst. Und ebenso sicher ist die örtliche Belehnung Luthers als historischem Pendant kein Beleg von grotesker Selbstüberschätzung. Es ist die ernsthafte gemeinsame Betroffenheit und die brüderliche Sorge um die Schöpfung, die Schorlemmer den Mut gab diesen Brief wirklich zu schreiben und abzusenden. Für ihn war deutlich geworden, dass es zwischen ihm und dem Verfasser der Enzyklika eine tiefe, seelische Verwandtschaft geben muss.12
Der ökumenische Geist ist gleichsam besonders spürbar, wenn man sich aus der Erfahrung des protestantischen Friedens- und Umweltdiskurses das Verständnis der Enzyklika erschließt. Dann erscheint das päpstliche Schreiben als neue Vergegenwärtigung vertrauter Einsichten. Dies könnte man anhand einiger ausgewählter Autoren aufzeigen, was hier nur erwähnt werden kann.13 Die Konturen einer Integralen Ökologie im Horizont einer christlichen Welt- und Schöpfungsvorstellung erscheinen dann gleichsam als Vorboten und Verbündete von Laudato si‘.
Für Friedrich Schorlemmer gab die Enzyklika jedenfalls den hoffnungsvollen Anlass für einen ökumenischen Appell: „Sollten wir nicht die dogmatischen Streitigkeiten hinter uns lassen und uns unserer Verantwortung gemeinsam stellen, dieser wunderbaren Schöpfung ein guter Bundesgenosse zu sein, als Geschöpfe, die berufen sind zur mit-schöpferischen Tätigkeit auf dieser Erde, als Mit-Schöpfer des Schöpfers, als mit und neuschaffende Mitgeschöpfe, die ihre Menschlichkeit als Mitmenschlichkeit und als Mitgeschöpflichkeit verstehen und ausprägen lernen.“14
Diese Zeilen können durchaus als Beschreibung der Quintessenz der christlichen Lesart von Laudato si‘ verwendet werden. Sie schließen im Wesentlichen an den erwähnten „Konziliaren Prozess zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ an.
Die Enzyklika von 2015 verfügt über ihre Aussagekraft auch ohne besondere historische Anknüpfungen. Es ist auch hervorzuheben, dass Laudato si‘ hohe Aufmerksamkeit erfahren hat und erfährt, weil sie nicht zwingend in ihrer religiösen, theologischen Dimension gelesen werden muss. Sie öffnet sich eben auch einem profanen Dialog. Daneben ist sie selbstverständlich und notwendigerweise ein theologischer Entwurf, der in der katholischen Welt wesentlich als aktueller Beitrag von Papst Franziskus im Jahre 2015 geradezu gesehen wird. Dabei wird übersehen, dass – vor allem für viele protestantische Christen – die Enzyklika als Wiederaufnahme der Diskurse des konziliaren Prozesses erscheinen muss. In einer Diskussion im Rahmen der Woche der Umwelt 2016 im Bundespräsidialamt konstatierte der vormalige Generalsekretär des Weltkirchenrates Konrad Raiser: „Ich halte die Enzyklika deshalb für einen Meilenstein, weil sie die Hindernisse, die an dieser Stelle bestanden haben im Blick auf die Anthropologie und die Überwindung des Anthropozentrismus in glaubwürdiger Weise aus dem Weg räumt und damit, wie ich finde, sehr hoffnungsvolle Perspektiven für die Weiterführung des ökumenischen Gesprächs eröffnet.“15
In der katholischen Welt wird diese mögliche Verortung einer integralen Ökologie in einer gemeinsamen ökumenischen Ideengeschichte weniger beachtet. Dabei ist hier nicht nur eine Übereinstimmung in der Problemsicht vorhanden, wie sie auch für den Dialog mit profanen Positionen besteht. Die besondere Chance liegt in der Verwandtschaft der theologischen Grundlegungen einer integralen Ökologie, die somit das Zeug hätte, ökumenisch fruchtbar zu werden. Dies hat auch Friedrich Schorlemmer erkannt und gespürt. Deshalb ist dieser Brief aus Wittenberg nach Rom so enthusiastisch und persönlich ausgefallen. Und deshalb ist es auch eine traurige Tatsache, dass eine Begegnung zwischen dem Wittenberger Lutheraner und dem Römischen Bischof nicht zustande kam. Vermutlich ist diese Begegnung aktiv verhindert worden. Friedrich Schorlemmer und auch die damalige Botschafterin am Hl. Stuhl, Annette Schavan, haben mir von den erfolglosen Anbahnungen eines persönlichen Treffens erzählt. Ich selbst habe mit Kollegen wenigstens die direkte Zustellung des Briefes über einen nahestehenden Kardinal sicherstellen wollen. Ob dies am Ende geglückt ist?
Am 9. September 2024 ist Friedrich Schorlemmer verstorben. Papst Franziskus verschied am 21. April 2025. Diese Chance ist verpasst. Aber die Chancen zur ökumenischen Kraftentfaltung von Laudato si‘ bleiben bestehen. Werden sie aufgegriffen werden?
1 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten. Haltungen, die wir jetzt brauchen, Freiburg i.Br.: Verlag Herder 2016, S. 8.
2 Zur Person: https://www.youtube.com/watch?v=pIXq4vhoQi4.
3 Siehe: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/friedensbewegung-schwerter-zu-pflugscharen-wittenberg-stefan-nau-100.html
4 Siehe: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/kirche/friedrich-schorlemmer-schwerter-zu-pflugscharen-100.html; Als Würdigung im Rückblick eine Veranstaltung am gleichen Ort 2023 mit Verlesung der Texte von Schorlemmer durch seinen Sohn: https://www.youtube.com/watch?v=RYK2qx5GbzA.
5 „Bleibt doch hier…“: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/4november1989/schorl.html.
6 Gregor Gysi/Friedrich Schorlemmer: Was bleiben wird. Gespräch über Herkunft und Zukunft, Berlin: Aufbau Verlag 2015.
7 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 10.
8 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 11.
9 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 15f.
10 Zit. nach Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 21f.
11 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 152.
12 Vgl. Bernd Buchner: Wittenberger Würdigung. Ein evangelischer Theologe nennt den Papst seinen Mitbruder, Domradio.de, 15.06.2016, https://www.domradio.de/artikel/schorlemmer-lobt-papst-enzyklika-laudato-si; Zugriff: 07.05.2025.
13 Als Beispiele seien hier erwähnt: Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Zeit drängt. Eine Weltversammlung der Christen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, München, Wien: Carl Hanser Verlag, 1986; Günter Altner: Naturvergessenheit. Grundlagen einer umfassenden Bioethik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991; Georg Picht: Ist Humanökologie möglich? In Constanze Eisenbart (Hrsg.): Humanökologie und Frieden, Stuttgart: Klett-Cotta, 1979; Klaus Michael Meyer-Abich: Wissenschaft für die Zukunft. Holistisches Denken in ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung, München: Verlag C.H.Beck 1988.
14 Friedrich Schorlemmer: Unsere Erde ist zu retten, a.a.O., S. 156.
15 Zitiert nach Video-Aufzeichnung, Projekt: Laudato sì, Die päpstliche Enzyklika im Diskurs für eine Große Transformation, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), Fachforum auf der Woche der Umwelt des Bundespräsidenten 2016, Diskussionsveranstaltung vom 8. Juni 2016 mit Prof. Dr. Hartmut Graßl, Weihbischof Dr. Dr. Losinger, Prof. Dr. Konrad Raiser u.a., siehe Minute 08:51 bis 10:09, https://www.youtube.com/watch?v=bpLsj-Ijtbs&list=PLUjudMxCeNoq2NbbpxaEPy5fcV4-xot‑o&index=2; Zugriff: 07.05.2025.



