München, Kaulbachstraße, Hochschule der Jesuiten, fünf Semester von 1974 bis 1979…
Am Freitagnachmittag liest Ferdinand Ulrich geschlagene drei Stunden über Philosophie. Alle anderen Räume sind leer, auch die nahe Universität ist bereits auf Wochenende eingestimmt. Im Sommer strömt zu dieser Zeit alles in den Englischen Garten. Ich nicht und einige andere auch nicht.
Die Themen sind zeitnah: Humanismus bei Marx (SS 1974); Krise der Fortschrittsideologie und Grenzen des Wachstums in philosophischer Sicht (SS 1975); Atheismus und Dialektik: “Herr und Knecht” (Hegel) (WS 1975/76); Philosophie und Leben (WS 1978/79); dazwischen irgendwann Nietzsche. Alle Themen treffen in die Nachwehen der 68er, überhaupt in die Bodenlosigkeit, in der das Christentum philosophisch verschwunden scheint.
Im Hörsaal sind rund 30 Studenten, mir nicht weiter bekannt. In der Pause wird weitergeredet; Ferdinand Ulrich raucht eine Zigarette.
Sein Vortragsstil ist erstaunlich. Vermutlich hat er ein Manuskript dabei, aber der Eindruck entsteht, daß er frei spricht, auch lange Zitate im Kopf hat. In den drei Stunden gibt es kein Ermüden von seiner Seite. Manchmal zwar ein Stocken oder langsames Reden, aber nicht aus Erschöpfung. Auch die Hörer ermüden nicht; in manche Vorlesungen komme ich abgespannt und verlasse sie völlig frisch.
Bild: Hilke Jabusch
Ein Zeugnis befreiter Freiheit
Ich schreibe viel mit, habe die Seiten auch — im Unterschied zu anderen Skripten — aufbewahrt und immer wieder hervorgeholt. Als ich einmal fehlte, bat ich schriftlich um Auskunft und erhielt einen Brief vom 1. lI. 1975: “Sie haben bei der gestrigen Vorlesung (der letzten in diesem Semester) nichts versäumt. Ich versuchte die atheistische Sinngebung des Sinnlosen auf Kreuz und Trinität hin transparent werden zu lassen; geriet dabei in eine schreckliche Sprachlosigkeit und mußte (da ich nicht anders konnte, beim besten “Willen” nicht) den Hörern mehr Schweigen anbieten als gesprochenes Wort: und dies in der Form eines vorne am Tisch hockenden Häufchen Elends, das völlig ver-sagte…”
Unvergeßlich die Vorlesung über Nietzsche. Dazu einige Notizen:
„… wie aus dem atheistischen Aufbrechen des Absoluten im Endlichen sich ungewollt die biblische Rede auftut: das Gegenwärtigsein, das Leben aus dauernd zufließender Fülle. Aber “Zarathustra” muß das Aufbrechen selbst leisten, unentwegt Licht hervorbringen. So bringt er — zukunftslos, nachkommenlos — sich selbst hervor, in eigenartiger Fron.
Im christlichen Denken wird dieses Aufbrechen als geschenkt erfahren, gratis. Hier gibt es einen Dank, der nicht Abhängigkeit zeigt, sondern der ein Zeugnis ist für befreite Freiheit (zugleich ein Gelassensein und über alles Verfügen: virgo mater). Zwei Dinge hat Nietzsche nicht mehr zusammengebracht: daß es eine absolut erfüllt Welt gibt und daß trotzdem der Mensch ein absolut gehorchender ist; dieser Gehorsam (die Antwort) setzt die größte Initiative frei. Gehorsam hier nicht als Sollen, sondern als Erfahrung von Freiheit, von Wachstum. Und da man sich nicht selber (re)produziert, öffnet sich im Tun des Gehorchens die Möglichkeit von Zukunft, von Überraschung.
Was zukommt, ist genuin neu, auf jeden einzelnen gemünzt, unberechenbar. Und es ist überflutend viel; wie der Sand am Meer und die Sterne des Himmels sind die Nachkommen dieses Gehorchens. ‘Ihr seid in allem reich geworden’ (1 Kor 1,5). Es ist die gratis-Struktur des christlichen Denkens, das die zum Irrsinn werdende Anstrengung des ichhaften Selbstsetzens überholt.“
Dem bischöflichen Schüler eines solchen Lehrers sei herzlich gratuliert!



