Erfahrungsberichte

Erinnerungen an Ferdinand Ulrich

Redaktion am 03.06.2025

Aus den Philosophie-Vorlesungen berichtet Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, heute Professorin am Europäischen Institut für Philosophie und Religion in Heiligenkreuz bei Wien.

Mün­chen, Kaul­bach­stra­ße, Hoch­schu­le der Jesui­ten, fünf Semes­ter von 1974 bis 1979

Am Frei­tag­nach­mit­tag liest Fer­di­nand Ulrich geschla­ge­ne drei Stun­den über Phi­lo­so­phie. Alle ande­ren Räu­me sind leer, auch die nahe Uni­ver­si­tät ist bereits auf Wochen­en­de ein­ge­stimmt. Im Som­mer strömt zu die­ser Zeit alles in den Eng­li­schen Gar­ten. Ich nicht und eini­ge ande­re auch nicht.

Die The­men sind zeit­nah: Huma­nis­mus bei Marx (SS 1974); Kri­se der Fort­schritts­ideo­lo­gie und Gren­zen des Wachs­tums in phi­lo­so­phi­scher Sicht (SS 1975); Athe­is­mus und Dia­lek­tik: Herr und Knecht” (Hegel) (WS 1975/76); Phi­lo­so­phie und Leben (WS 1978/79); dazwi­schen irgend­wann Nietz­sche. Alle The­men tref­fen in die Nach­we­hen der 68er, über­haupt in die Boden­lo­sig­keit, in der das Chris­ten­tum phi­lo­so­phisch ver­schwun­den scheint.

Im Hör­saal sind rund 30 Stu­den­ten, mir nicht wei­ter bekannt. In der Pau­se wird wei­ter­ge­re­det; Fer­di­nand Ulrich raucht eine Zigarette.

Sein Vor­trags­stil ist erstaun­lich. Ver­mut­lich hat er ein Manu­skript dabei, aber der Ein­druck ent­steht, daß er frei spricht, auch lan­ge Zita­te im Kopf hat. In den drei Stun­den gibt es kein Ermü­den von sei­ner Sei­te. Manch­mal zwar ein Sto­cken oder lang­sa­mes Reden, aber nicht aus Erschöp­fung. Auch die Hörer ermü­den nicht; in man­che Vor­le­sun­gen kom­me ich abge­spannt und ver­las­se sie völ­lig frisch.

Info Icon Bild: Hilke Jabusch

Ein Zeugnis befreiter Freiheit

Ich schrei­be viel mit, habe die Sei­ten auch — im Unter­schied zu ande­ren Skrip­ten — auf­be­wahrt und immer wie­der her­vor­ge­holt. Als ich ein­mal fehl­te, bat ich schrift­lich um Aus­kunft und erhielt einen Brief vom 1. lI. 1975: Sie haben bei der gest­ri­gen Vor­le­sung (der letz­ten in die­sem Semes­ter) nichts ver­säumt. Ich ver­such­te die athe­is­ti­sche Sinn­ge­bung des Sinn­lo­sen auf Kreuz und Tri­ni­tät hin trans­pa­rent wer­den zu las­sen; geriet dabei in eine schreck­li­che Sprach­lo­sig­keit und muß­te (da ich nicht anders konn­te, beim bes­ten Wil­len” nicht) den Hörern mehr Schwei­gen anbie­ten als gespro­che­nes Wort: und dies in der Form eines vor­ne am Tisch hocken­den Häuf­chen Elends, das völ­lig ver-sagte…”

Unver­geß­lich die Vor­le­sung über Nietz­sche. Dazu eini­ge Notizen:

… wie aus dem athe­is­ti­schen Auf­bre­chen des Abso­lu­ten im End­li­chen sich unge­wollt die bibli­sche Rede auf­tut: das Gegen­wär­tig­sein, das Leben aus dau­ernd zuflie­ßen­der Fül­le. Aber Zara­thus­tra” muß das Auf­bre­chen selbst leis­ten, unent­wegt Licht her­vor­brin­gen. So bringt er — zukunfts­los, nach­kom­men­los — sich selbst her­vor, in eigen­ar­ti­ger Fron.

Im christ­li­chen Den­ken wird die­ses Auf­bre­chen als geschenkt erfah­ren, gra­tis. Hier gibt es einen Dank, der nicht Abhän­gig­keit zeigt, son­dern der ein Zeug­nis ist für befrei­te Frei­heit (zugleich ein Gelas­sen­sein und über alles Ver­fü­gen: vir­go mater). Zwei Din­ge hat Nietz­sche nicht mehr zusam­men­ge­bracht: daß es eine abso­lut erfüllt Welt gibt und daß trotz­dem der Mensch ein abso­lut gehor­chen­der ist; die­ser Gehor­sam (die Ant­wort) setzt die größ­te Initia­ti­ve frei. Gehor­sam hier nicht als Sol­len, son­dern als Erfah­rung von Frei­heit, von Wachs­tum. Und da man sich nicht sel­ber (re)produziert, öff­net sich im Tun des Gehor­chens die Mög­lich­keit von Zukunft, von Überraschung.

Was zukommt, ist genu­in neu, auf jeden ein­zel­nen gemünzt, unbe­re­chen­bar. Und es ist über­flu­tend viel; wie der Sand am Meer und die Ster­ne des Him­mels sind die Nach­kom­men die­ses Gehor­chens. Ihr seid in allem reich gewor­den’ (1 Kor 1,5). Es ist die gra­tis-Struk­tur des christ­li­chen Den­kens, das die zum Irr­sinn wer­den­de Anstren­gung des ich­haf­ten Selbst­set­zens überholt.“

Dem bischöf­li­chen Schü­ler eines sol­chen Leh­rers sei herz­lich gratuliert!

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