Aus der Wissenschaft

Liturgische Politik des Vaterunser

Redaktion am 03.06.2025

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Johannes Bosco, Turin 1880.

Ein Beitrag von P. Josip Gregur SDB, emeritierter Professor für Liturgiewissenschaft an der Univ. Augsburg.

1. Ein­füh­rung

Wenn ein Ordens­mann Bischof wird, bleibt [er zwar] Mit­glied sei­nes Insti­tuts“, darf aber selbst ent­schei­den, inwie­weit die Idea­le und Ver­pflich­tun­gen, die er mit der Ordens­pro­fess ein­ge­gan­gen ist, mit sei­ner neu­en Stel­lung ver­ein­bar sind.1 Die­se kir­chen­recht­li­che Vor­ga­be bedeu­tet, dass der Bischof das Orden­scha­ris­ma, in dem er geist­lich geformt wur­de, in sei­ner neu­en Auf­ga­be durch­aus furcht­bar machen kann. Bei Bischof Ste­fan Oster tritt die­se Absicht deut­lich im wei­ter­ge­führ­ten Namens­zu­satz zuta­ge: SDB, Sale­sia­ner Don Boscos. Ande­rer­seits steht ein Hir­te der Kir­che expo­niert in der Gesell­schaft, wes­halb vie­le Bischö­fe ihre öffent­li­chen Äuße­run­gen zurück­hal­tend for­mu­lie­ren. Das spon­ta­ne Wort kann miss­ver­stan­den, aus dem Zusam­men­hang geris­sen und dadurch miss­braucht wer­den. Die pas­to­ra­le Klug­heit legt vor allem nahe, kei­ne ein­deu­ti­gen (partei-)politischen Stel­lung­nah­men abzu­ge­ben. Es gibt frei­lich his­to­ri­sche und gesell­schaft­li­che Kon­stel­la­tio­nen, in denen es gilt, ob gele­gen oder unge­le­gen“ (2Tim 4,2) für das Evan­ge­li­um ein­zu­ste­hen. Bleibt das pro­phe­ti­sche Wort der Ver­ant­wort­li­chen aus, kann der Kir­che ihre Salz­funk­ti­on abge­spro­chen wer­den, wie sei­ner­zeit im auf­zie­hen­den Natio­nal­so­zia­lis­mus, dem nur weni­ge, wie bei­spiels­wei­se der Müns­te­ra­ner Bischof Cle­mens August Graf von Galen oder der Ber­li­ner Bischof Kon­rad Graf von Prey­sing ener­gisch die Stirn boten.

Ver­mut­lich durch die his­to­ri­sche Unter­las­sungs­schuld sen­si­bi­li­siert, trat die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz 2024 im Zuge der poli­ti­schen Kam­pa­gne gegen eine, aus ihrer Sicht besorg­nis­er­re­gen­de Strö­mung in der Gesell­schaft mit einer expo­nier­ten Pres­ser­klä­rung an die Öffent­lich­keit.2 Sie bekann­te sich aus­drück­lich“ zu den gleich­zei­tig auf den deut­schen Stra­ßen“ statt­fin­den­den Pro­test­be­we­gun­gen gegen rechts‘. Die Bischö­fe unter­stri­chen dabei die Men­schen­wür­de als den Glut­kern des christ­li­chen Men­schen­bil­des“ und stell­ten zurecht fest: Völ­ki­scher Natio­na­lis­mus ist mit dem christ­li­chen Got­tes- und Men­schen­bild unver­ein­bar“. Nicht aus­drück­lich, aber unmiss­ver­ständ­lich spra­chen sie sich gegen eine bestimm­te poli­ti­sche Grup­pie­rung aus. Dies aber, und auch der Gemeinsame(r) Auf­ruf der Vor­sit­zen­den der christ­li­chen Kir­chen in Deutsch­land zur Wahl des 21. Deut­schen Bun­des­ta­ges am 23. Febru­ar 20253 wur­de in Tei­len der Öffent­lich­keit als Der lin­ke Wahl­auf­ruf der Kir­che“ kri­ti­siert, nicht zuletzt des­halb, weil weder die Über­schrift noch der Inhalt […] von einem geist­li­chen Impuls getra­gen“ sei­en,4 das Doku­ment viel­mehr als das State­ment einer belie­bi­gen welt­an­schau­li­chen Ver­ei­ni­gung gele­sen wer­den könne.

2. Poli­ti­sche Behut­sam­keit Don Boscos

Die heu­ti­gen, bis in die Kir­che rei­chen­den gesell­schaft­li­chen Kon­tro­ver­sen erin­nern an die Kri­sen­si­tua­ti­on, in der der hl. Johan­nes Bosco leb­te und wirk­te und sei­ne Kon­gre­ga­ti­on ins Leben rief. Die libe­ra­len Kräf­te gin­gen Mit­te der sech­zi­ger Jah­re des 19. Jhs. zuguns­ten der natio­na­len Eini­gung Ita­li­ens auf die Stra­ßen und dräng­ten dar­auf, sich ihnen anzu­schlie­ßen. Don Bosco als kom­pro­miss­lo­ser Anhän­ger des Papst­tums woll­te hier nicht mit­ge­hen. Statt­des­sen ver­folg­te er selbst und gab für sei­nen Orden die pro­gram­ma­ti­sche Maxi­me aus: Mei­ne Poli­tik ist die des Vater­un­ser. Wir beten täg­lich in Vater­un­ser, dass das Reich Got­tes auf die Erde kom­me, dass es sich immer mehr aus­brei­te, dass es immer gegen­wär­ti­ger wer­de, dass es immer mehr Leben, mehr Kraft und mehr Herr­lich­keit besit­ze: Adve­ni­at regnum tuum! Und dar­auf kommt es an.”5 Dar­auf bezug­neh­mend, gab das Pro­vinz­ka­pi­tel der Sale­sia­ner Don Boscos in Deutsch­land 2023 eine ent­spre­chen­de öffent­li­che Erklä­rung: Wie unser Grün­der, der hl. Johan­nes Bosco (18151888), wis­sen wir uns der Poli­tik des Vater unser‘ ver­pflich­tet. Das bedeu­tet: Gemäß der zen­tra­len Vater-unser-Bit­te um das Kom­men des Rei­ches Got­tes set­zen wir uns ein für die Ach­tung der Men­schen­wür­de sowie für Frie­den, Gerech­tig­keit und die Bewah­rung der Schöp­fung. Damit wol­len wir aus der christ­li­chen Hoff­nung her­aus mit­bau­en an einer bes­se­ren Zukunft für die jun­gen Men­schen.“6

Das Mit­bau­en am Reich Got­tes ist bei den Sale­sia­nern Don Boscos immer eine kon­kre­te Ange­le­gen­heit. Die Poli­tik des Vater­un­sers ist des­halb auch bei ihrem Grün­der alles ande­re als nur ein spi­ri­tu­el­ler Über­bau. Denn wäh­rend in poli­ti­schen Salons Pie­monts über die sozia­le Fra­ge auf lan­ge Sicht hin ledig­lich pro­ble­ma­ti­siert wur­de, sah Don Bosco, gedrängt von der Lie­be Chris­ti (vgl. 2 Kor 5,14), die Not­wen­dig­keit, den auf den Stra­ßen Turins rat­lo­sen Jugend­li­chen sofort und kon­kret zu hel­fen. Dabei galt es aller­dings, in der über­hitz­ten poli­ti­schen Debat­te der Zeit, gleich­zei­tig klug wie die Schlan­gen und arg­los wie die Tau­ben“ zu sein (Mt 10,16): Sich in die gesell­schaft­li­che Debat­te zu ver­wi­ckeln, bedeu­te­te, sich zunächst für‘ den einen und dann gegen‘ den ande­ren zu stel­len. Als Sozi­al­pries­ter‘ bekannt zu wer­den, bedeu­te­te, sich umge­hend von jeg­li­cher Hil­fe des Bür­ger­tums und der Wohl­ha­ben­den abzu­schot­ten. Viel­mehr brauch­te er sofor­ti­ge Hil­fe von allen Sei­ten, denn er woll­te die armen jun­gen Leu­te nicht wie­der auf die Stra­ße zurück­schi­cken.“7

Doch, bei aller Ähn­lich­keit unter­schei­det sich das Reich Got­tes bei Don Bosco im Kern von der erwähn­ten moder­nen Aktua­li­sie­rung. Wäh­rend näm­lich die­se mit Men­schen­wür­de, Frie­den, Gerech­tig­keit und Bewah­rung der Schöp­fung die der­zei­ti­gen gesell­schaft­li­chen The­men spie­gelt, ist die Visi­on des Rei­ches Got­tes bei Don Bosco eine theo­lo­gi­sche: Er spricht, gleich­sam in lit­ur­gi­schen Kate­go­rien, von Gegen­wart, Leben und Kraft und von Herr­lich­keit des Rei­ches Got­tes. Und wäh­rend man sich aktu­ell die­sem ver­pflich­tet“ weiß, will es Don Bosco erbit­ten. Die­ser fei­ne Unter­schied ist von ent­schei­den­der theo­lo­gi­scher Trag­wei­te, da die Bedin­gung der Mög­lich­keit der christ­li­chen Erlö­sung nicht im mensch­li­chen, son­dern im Han­deln Got­tes bzw. im Evan­ge­li­um grün­det. Der katho­li­sche Pries­ter ver­folgt kei­ne ande­re Poli­tik als die des Evan­ge­li­ums“ (MB 6,679), mein­te der Turi­ner Hei­li­ge. Zwar wird ihm, dem tie­fen Mari­en­ver­eh­rer, der sozia­le Spreng­stoff des Magni­fi­kat nicht ent­gan­gen sein, wo Got­tes Sou­ve­rä­ni­tät über den Hoch­mut und den trü­ge­ri­schen Reich­tum der Mäch­ti­gen (Lk 1,5153) geprie­sen wird. Aber bevor Maria davon spricht, beju­belt sie das Erbar­men Got­tes, der auf die Nied­rig­keit sei­ner Magd“ geschaut hat und deu­tet damit die christ­li­che Lebens­ord­nung an: Vor allem ande­ren Enga­ge­ment der Kir­che steht die Doxolo­gie, der Lob­preis Got­tes. Die Poli­tik des Vater­un­sers oder des Evan­ge­li­ums bedeu­tet also nicht den Rück­zug der Kir­che aus der Gesell­schaft. Sie besagt nur, dass unter den drei Selbst­voll­zü­gen der Kir­che, der Ver­kün­di­gung und der Dia­ko­nie, deren sakra­ment­li­che Struk­tur, d. h. die Lit­ur­gie als Höhe­punkt und Quel­le“ (SC 10) an ers­ter Stel­le steht. Sie rückt das kirch­li­che Enga­ge­ment ins rech­te Ver­hält­nis zwi­schen Got­tes- und Men­schen­dienst. Denn, wie Bene­dikt XVI in sei­ner Frei­bur­ger Rede 2011 beton­te: Nur die tie­fe Bezie­hung zu Gott ermög­licht eine voll­wer­ti­ge Zuwen­dung zum Mit­men­schen, so wie ohne Zuwen­dung zum Nächs­ten die Bezie­hung zu Gott ver­küm­mert.“8

2. Sakra­ment­li­che Gestalt des Bischofs- und Priesteramtes

Aus gemein­sa­mer Zeit in Bene­dikt­beu­ern bleibt mir eine bei­läu­fi­ge Bemer­kung des damals vor allem an der theo­lo­gi­schen Sys­te­ma­tik ori­en­tier­ten Stu­den­ten Ste­fan in Erin­ne­rung: Die Lit­ur­gie sei nicht eines sei­ner theo­lo­gi­schen Schwer­punk­te. Nun ist durch sei­ne Beru­fung auf den Bischofs­stuhl die Lit­ur­gie an die ers­te Stel­le getre­ten. Denn nicht nur, dass ihm in und durch die Wei­he­lit­ur­gie der Geist der Füh­rung“ ver­lie­hen wur­de: wie schon bei den Apos­teln, die beim Gebet und beim Dienst am Wort blei­ben“ soll­ten (Apg 6), aktua­li­siert sich das Bischofs­amt in ers­ter Linie dar­in, die Kir­che zum Lob sei­ner [Got­tes] Herr­lich­keit“ (Eph 1,14) anzu­lei­ten, zur Ehre und zum unauf­hör­li­chen Lob dei­nes Namens“, wie es in der Bischofs­wei­he heißt.9 Der Bischof soll Gott als Hohe­pries­ter bei Tag und Nacht ohne Tadel … die­nen“,10 um von hier aus dem Men­schen und der Gesell­schaft Ori­en­tie­rung zu geben. In der Befra­gung des Bischofs­kan­di­da­ten zur Bereit­schaft, ent­spre­chen­de Auf­ga­ben zu über­neh­men, steht die Lit­ur­gie zwar an letz­ter Stel­le: Bist du bereit, für das Heil des Vol­kes unab­läs­sig zum all­mäch­ti­gen Gott zu beten und das hohe­pries­ter­li­che Amt unta­de­lig aus­zu­üben?“11 Dies ist jedoch kein schmü­cken­des Bei­werk, son­dern die sub­stan­ti­el­le Krö­nung der eben­falls erfrag­ten Ver­kün­di­gung und der Lie­be zu den Armen. Denn die Bit­te im Wei­he­ge­bet selbst: Uner­müd­lich erfle­he er dein Erbar­men und brin­ge dir die Gaben dei­ner Kir­che dar“,12 weist den Bischof als Erst­be­ter und Erst­lit­ur­gen sei­nes Bis­tums aus.

Als Erst­lit­ur­ge ist der Bischof eine sakra­ment­li­che bzw. lit­ur­gi­sche Gestalt par excel­lence, eine Iko­ne der Gegen­wart Chris­ti in sei­ner Orts­kir­che, die in der Modell­an­spra­che zur Wei­he deut­lich her­aus­ge­stellt wird: Im Bischof, der umge­ben ist von sei­nen Pres­by­tern, ist unser Herr Jesus Chris­tus selbst in eurer Mit­te gegen­wär­tig, der Hohe­pries­ter in Ewig­keit.“13 Des­halb ist er übri­gens nicht pri­mär nach sei­nen Fähig­kei­ten, Bil­dungs- und Lei­tungs­qua­li­tä­ten zu beur­tei­len, wenn­gleich bei deren Feh­len die iko­ni­sche Sakra­men­ta­li­tät erheb­lich ver­dun­kelt, immer weni­ger gese­hen und akzep­tiert wür­de. Die Sakra­men­ta­li­tät im Blick, steht Bischof Oster dem deut­schen Syn­oda­len Weg inso­fern kri­tisch gegen­über als dort die stets unter Ver­dacht ste­hen­de Macht der Bischö­fe‘“ den Debat­ten­hin­ter­grund abge­be, und man dem Stre­ben nach Teil­ha­be an die­ser Macht durch die Mit­be­stim­mung der Lai­en“ nur struk­tu­rell genü­gen wol­le.14 Hin­ter den nicht weni­gen Beschlüs­sen des Syn­oda­len Weges [ste­he] theo­lo­gisch die sakra­men­ta­le Dimen­si­on‘ sowohl der Kir­che wie auch des Men­schen […], also letzt­lich […] die rea­le Gegen­wart Jesu im Leben der Kir­che und jedes Men­schen“ zur Dis­po­si­ti­on.15 Das aber wer­de, so der Pas­sau­er Diö­ze­san­hir­te, ohne sei­nen [des bischöf­li­chen Diens­tes] sakra­men­ta­len Cha­rak­ter zu eli­mi­nie­ren“, kaum gehen.

Die ten­den­zi­el­le Demon­ta­ge des sakra­men­ta­len Cha­rak­ters der Kir­che und ihres Amtes gibt nicht nur intern Anlass zur Sor­ge. Der evan­ge­li­sche Pfar­rer von Wit­ten­berg, Alex­an­der Garth, äußer­te sich im Hin­blick auf den Syn­oda­len Weg besorgt um die katho­li­sche Far­be des Glau­bens“ und wür­de die ent­spre­chen­de Pro­tes­tan­ti­sie­rung der katho­li­schen Kir­che für ein gro­ßes Unglück hal­ten“. Denn der geist­li­che und phy­si­sche Zustand der evan­ge­li­schen Kir­che ist […] noch schlim­mer und die Aus­wir­kun­gen der Säku­la­ri­sie­rung noch ver­hee­ren­der als in der katho­li­schen Kir­che.“16 Die katho­li­sche Far­be des Glau­bens aber hängt wie­der­um wesent­lich mit der Lit­ur­gie zusam­men, die im Zuge der Struk­tur­de­bat­ten selt­sa­mer­wei­se eben­falls unter den Macht­miss­brauchs­ver­dacht gera­ten ist,17 die aber die Dis­kus­si­on von der mora­li­schen (‚wer ist wer bzw. hat den Vor­rang‘) auf die geschenk­haf­te Seins­ebe­ne („nur einer ist euer Meis­ter, ihr alle aber seid Brü­der“; Mt 23,8) zu rücken ver­mag, so dass im Got­tes­dienst jedes Anse­hen der Per­son“ (Jak 2,1) prin­zi­pi­ell aus­ge­schlos­sen ist (wenn­gleich es fak­tisch zuwei­len lei­der anders aus­se­hen mag). Fer­ner setzt die Lit­ur­gie vor aller Umkeh­rung der Struk­tu­ren die per­sön­li­che Umkehr vor­aus. In die­sem Sinn hat Papst Fran­zis­kus in sei­ner Ant­wort an die vier Frau­en“ vom Syn­oda­len Weg, auf die Not­wen­dig­keit des Gebets, der Buße und der Anbe­tung“ hin­ge­wie­sen.18

3. Ent­welt­li­chung

Der sakra­ment­li­che Cha­rak­ter des Ordo geht auf Jesus Chris­tus zurück, den der Bischof und Pries­ter lit­ur­gisch in per­so­na Chris­ti capi­tis reprä­sen­tie­ren. Chris­tus ist aber nicht nur sacra­men­tum, son­dern auch exemp­lum des pries­ter­li­chen Diens­tes. Das heißt, dass die lit­ur­gisch-reprä­sen­ta­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Chris­tus von der beruf­li­chen Pro­fes­sio­na­li­tät und dem Lebens­zeug­nis nicht zu tren­nen ist. Jesus hat­te kei­nen Ort, wo er sein Haupt hät­te hin­le­gen kön­nen und sand­te die Jün­ger macht­los und besitz­los wie Scha­fe mit­ten unter die Wöl­fe“ (Mt 10,16) aus. Geschicht­lich bedingt, nament­lich nach der Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de, wur­den dem­ge­gen­über die kirch­li­chen Amts­trä­ger in die Rol­le welt­li­cher Obrig­keit mit ent­spre­chen­dem Sta­tus gedrängt. Bis heu­te wird von den hoch­do­tier­ten Kir­chen­fürs­ten‘ gespro­chen, die als Upper­class der Gesell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den. Men­schen aber, die zum Bei­spiel mit meh­re­ren Jobs gera­de über die Run­den kom­men, haben Mühe, einer wohl­ver­sorg­ten Kir­che ihre Bot­schaft abzu­neh­men. Die­se Situa­ti­on vor Augen, sprach Bene­dikt XVI 2011 in Frei­burg sein pro­phe­ti­sches Wort von der Ent­welt­li­chung der Kir­che“.19 Das wur­de miss­ver­stan­den als Plä­doy­er für den kirch­li­chen Sakris­tei-Rück­zug, obwohl der Papst das Gegen­teil beton­te. Bene­dikt warn­te vor der Ten­denz daß die Kir­che zufrie­den wird mit sich selbst, […] sich den Maß­stä­ben der Welt angleicht“ und der Orga­ni­sa­ti­on und Insti­tu­tio­na­li­sie­rung grö­ße­res Gewicht als ihrer Beru­fung zu der Offen­heit auf Gott hin, zur Öff­nung der Welt auf den Ande­ren hin“ gibt.20 Das bedeu­tet mit­un­ter auch, dass wenn die Kir­che pro­ble­ma­ti­sche Ten­den­zen in der Gesell­schaft benennt, sie den Ein­druck mei­den soll­te, mit dem Strom gegen den Strom zu schwim­men‘ (Th. W. Ador­no). Ihr jesu­a­ni­sches Herz ist für alle, Sün­der und Gerech­te, prin­zi­pi­ell offen (Mk 2,17) damit beim Aus­rei­ßen des Unkrauts der Wei­zen nicht zu Scha­den kommt (Mt, 13,24 – 30). Nach dem Bei­spiel Jesu sucht die Kir­che, nur über die Opti­mie­rung des Ein­zel­nen das Kol­lek­tiv zu ver­än­dern. Denn er tadelt nicht das Schrift­ge­lehr­ten­tum und Pha­ri­sä­er­tum an sich, son­dern Schrift­ge­lehr­te und Pha­ri­sä­er, die ihren Sta­tus miss­brau­chen. Er ist nicht Ret­ter der Mensch­heit son­dern des Men­schen. Ihn küm­mert nicht die Poli­tik des Kai­sers (Mk 12,17), son­dern das Reich Got­tes. Er will kein Rich­ter oder Erb­tei­ler“ sein (Lk 12,14), son­dern den Wil­len des Vaters erfül­len (Joh 6,38), damit die Men­schen das Leben in Fül­le“ haben (Joh 10,10).

4. Fazit

Im Sin­ne Jesu nahm sich auch Don Bosco vor aller Poli­tik jeweils des kon­kre­ten Indi­vi­du­ums an. Jun­ge Men­schen soll­ten als gute Chris­ten“ auf­rich­ti­ge Bür­ger“ wer­den – das Grund­prin­zip sei­ner Päd­ago­gik. Dabei wid­me­te er beson­de­re Auf­merk­sam­keit der Lit­ur­gie, spe­zi­ell den Sakra­men­ten der Beich­te und der Eucha­ris­tie. Alle päd­ago­gi­sche Infra­struk­tur hat­te die Kate­che­se der Jugend­li­chen im Blick. Dar­über hin­aus leg­te Don Bosco gro­ßen Wert auf die wür­di­ge Lit­ur­gie, för­der­te die Kir­chen­mu­sik, übte mit den Jugend­li­chen den sonn­täg­li­chen Ves­per­ge­sang ein, pfleg­te aus Lie­be zur Kir­che und ihrer Tra­di­ti­on den Gre­go­ria­ni­schen Cho­ral und gab ent­spre­chen­de Publi­ka­tio­nen her­aus.21 Er sen­si­bi­li­sier­te damit die jun­gen Katho­li­ken nicht zuletzt für die Sakra­men­ta­li­tät der Kir­che, ihres Amtes und ihres Got­tes­diens­tes. Gera­de hier aber gilt das Prin­zip des Vater­un­sers bzw. die Ver­herr­li­chung Got­tes, wie sie in den ers­ten drei Anru­fun­gen zum Aus­druck kommt: Hei­li­gung des Namens, Bit­te um das Reich und die Hin­ga­be in den Wil­len Got­tes. Und wie der Vater­un­ser-Sakra­men­ta­li­tät der Lit­ur­gie jede poli­ti­sche Auf­la­dung abträg­lich ist bzw. sein soll­te, so ist auch hohe Sen­si­bi­li­tät ange­zeigt, um die auf sie auf­bau­en­de Amts­sa­kra­men­ta­li­tät durch pro­phe­tisch zwar nahe­lie­gen­de aber poli­tisch strit­ti­ge Posi­tio­nen nicht zu gefähr­den. Nicht zuletzt in die­sem Sinn schrieb Papst Bene­dikt XVI an das Gene­ral­ka­pi­tel der Sale­sia­ner Don Boscos 2008: In einer Zeit […] wie der unse­ren ist es not­wen­dig, die Zer­streu­ung des Akti­vis­mus zu über­win­den und Sor­ge zu tra­gen für die Ein­heit des geist­li­chen Lebens durch den Erwerb einer tie­fen Mys­tik und einer star­ken Asze­tik. Das nährt den apos­to­li­schen Ein­satz und ist Gewähr­leis­tung pas­to­ra­ler Wirk­kraft.“22

1 Vgl. CIC, Can. 705*.

2 Vgl. DBK, Völ­ki­scher Natio­na­lis­mus und Chris­ten­tum sind unver­ein­bar, in: https://​www​.dbk​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​r​e​d​a​k​t​i​o​n​/​d​i​v​e​r​s​e​_​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​p​r​e​s​s​e​_​2024​/2024 – 023a-Anlage1-Pressebericht-Erklaerung-der-deutschen-Bischoefe.pdf (12. 22025).

3 Gemein­sa­mer Auf­ruf der Vor­sit­zen­den der christ­li­chen Kir­chen in Deutsch­land zur Wahl des 21. Deut­schen Bun­des­ta­ges am 23. Febru­ar 2025, Pres­se­mel­dung vom 11.02.2025, in: https://​www​.dbk​.de/​p​r​e​s​s​e​/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​m​e​l​d​u​n​g​/​g​e​m​e​i​n​s​a​m​e​r​-​a​u​f​r​u​f​-​d​e​r​-​v​o​r​s​i​t​z​e​n​d​e​n​-​d​e​r​-​c​h​r​i​s​t​l​i​c​h​e​n​-​k​i​r​c​h​e​n​-​i​n​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​z​u​r​-​w​a​h​l​-​d​e​s​-​21​-​d​e​u​t​s​c​h​e​n​-​b​u​n​d​e​s​t​a​g​e​s​-​a​m​-​23​-​f​e​b​r​u​a​r​-2025 (24. 32025).

4 Alex­an­der Kiss­ler, Kom­men­tar, in: https://​www​.nius​.de/​k​i​s​s​l​e​r​-​k​o​m​p​a​k​t​/​n​e​w​s​/​m​i​t​-​i​h​r​e​m​-​w​a​h​l​a​u​f​r​u​f​-​s​c​h​a​d​e​n​-​d​i​e​-​k​i​r​c​h​e​n​-​s​i​c​h​-​s​e​l​b​s​t​/​e​3​d​a​6946​-​5​b​9​c​-​4​e​4​a​-​a​59​d​-​f​c​6​a​442​f3120 (17. 2. 2025). – Vgl. zur chris­to­lo­gi­schen Begrün­dung der Men­schen­wür­de etwa: Chris­toph Böt­tig­hei­mer, Chris­tus, der zwei­te Adam. Zur christ­li­chen Begrün­dung der Men­schen­wür­de als Teil­ha­be an Jesus Chris­tus, in: MThZ 58 (2007), 15 – 26.

5 La mia poli­ti­ca è quella del Pad­re nos­tro…”. G.B. Lemoy­ne, Memo­rie bio­gra­fi­che [MB] del venerabi­le don Gio­van­ni Bosco, VIII, S. Benig­no Cana­vese 1912593.

6 Deut­sche Pro­vinz der Sale­sia­ner Don Boscos, Mit­ein­an­der – im Inter­es­se der Jugend. Erklä­rung des Pro­vinz­ka­pi­tels der Sale­sia­ner Don Boscos [2024] zur poli­ti­schen Situa­ti­on in Deutsch­land und Euro­pa, in: https://​www​.don​bo​sco​.de/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​a​r​c​h​i​v​/​2024​/​M​i​t​e​i​n​a​n​d​e​r​-​u​m​-​d​e​r​-​J​u​g​e​n​d​-​w​i​l​l​e​n​-​P​r​o​v​i​n​z​k​a​p​i​t​e​l​-​v​e​r​a​b​s​c​h​i​e​d​e​t​-​E​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​z​u​r​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​n​-​S​i​t​u​ation (18. 3.2025).

7 Il Movi­men­to Gio­va­ni­le Sale­sia­no, Tri­ve­ne­to (ohne Autor), in:

https://​www​.don​bo​sco​land​.it/​i​t​/​p​a​g​e​/​26​-​d​o​n​-​b​o​s​c​o​-​l​a​-​p​o​l​i​t​i​c​a​-​l​a​-​q​u​e​s​t​i​o​n​e​-​s​o​ciale (12. 22025).

8 Anspra­che von Papst Bene­dikt XVI. bei der Begeg­nung mit den in Kir­che und Gesell­schaft enga­gier­ten Katho­li­ken“ in Frei­burg am 22. 9. 2011, in: https://​www​.vati​can​.va/​c​o​n​t​e​n​t​/​b​e​n​e​d​i​c​t​-​x​v​i​/​d​e​/​s​p​e​e​c​h​e​s​/​2011​/​s​e​p​t​e​m​b​e​r​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​h​f​_​b​e​n​-​x​v​i​_​s​p​e​_​20110925​_​c​a​t​h​o​l​i​c​s​-​f​r​e​i​b​u​r​g​.html (17. 22025).

9 Vgl. Die Wei­he des Bischofs, der Pries­ter und der Dia­ko­ne (Pon­ti­fi­ka­le I). Hand­aus­ga­be mit pas­to­ral­lit­ur­gi­schen Hin­wei­sen hg. von den Lit­ur­gi­schen Insti­tu­ten Salz­burg – Trier – Zürich, Frei­burg u. a. 199439.

10 Ebd. 40.

11 Ebd. 32. Über die Auf­ga­ben des Bischofs vgl. auch KKK 893.

12 Wei­he des Bischofs (wie Anm. 9), 40.

13 Ebd. 28. Vgl. LG 21: In den Bischö­fen, denen die Pries­ter zur Sei­te ste­hen, ist … inmit­ten der Gläu­bi­gen der Herr Jesus Chris­tus, der Hohe­pries­ter, anwesend.“

14 Ste­fan Oster, Ein Brief von Papst Fran­zis­kus an vier Frau­en, in: https://​ste​fan​-oster​.de/​b​r​i​e​f​-​p​a​p​s​t​-​f​r​a​u​e​n​-​s​y​n​odal/ (13. 22025).

15 Ebd. („Grund­le­gen­de Anfragen“).

16 Alex­an­der Garth, Brief eines pro­tes­tan­ti­schen Pas­tors aus Wit­ten­berg, in: https://​de​.catho​lic​news​a​gen​cy​.com/​a​r​t​i​c​l​e​/​1354​/​b​r​i​e​f​-​e​i​n​e​s​-​p​r​o​t​e​s​t​a​n​t​i​s​c​h​e​n​-​p​a​s​t​o​r​s​-​a​u​s​-​w​i​t​t​e​nberg (17. 22025).

17 Vgl. Ste­fan Bön­tert u. a. (Hg.), Got­tes­dienst und Macht. Kle­ri­ka­lis­mus in der Lit­ur­gie, Regens­burg 2021.

18 Zit. in: Oster, Ein Brief (wie Anm. 14).

19 Bene­dikt XVI., Begeg­nung“ (wie Anm. 8).

20 Ebd. 

21 Vgl. Josip Gre­gur, Rin­gen um die Kir­chen­mu­sik. Cäci­lia­ni­sche Reform in Ita­li­en und ihre Rezep­ti­on bei den Sale­sia­nern Don Boscos, Mün­chen 1998 (Bene­dikt­beu­rer Stu­di­en 5).

22 Schrei­ben von Papst Bene­dikt XVI. an die Teil­neh­mer am 26. Gene­ral­ka­pi­tel der Sale­sia­ner Don Boscos, Nr. 3, in: https://​www​.vati​can​.va/​c​o​n​t​e​n​t​/​b​e​n​e​d​i​c​t​-​x​v​i​/​d​e​/​l​e​t​t​e​r​s​/​2008​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​h​f​_​b​e​n​-​x​v​i​_​l​e​t​_​20080301​_​c​a​p​i​t​o​l​o​-​s​a​l​e​s​i​a​n​i​.html (12. 32025).

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