Aus der Wissenschaft

„Mein Interesse ist, dass sie eine Erfahrung machen“

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Katharina Rötzer
Ingo Lichtenegger, Artland 7 (Privatbesitz)

Ein Gespräch mit der biographisch grundierten Evangelisierung von Bischof Stefan Oster. Von Ludger Schwienhorst-Schönberger, emeritierter Professor für Alttestamentliche Exegese an der Universität Wien.

I. Eine Erschüt­te­rung und ihre Folgen

Erst­mals auf­merk­sam wur­de ich auf Ste­fan Oster, als ich ein Inter­view mit ihm in der Pas­sau­er Neu­en Pres­se las. Zeit­lich muss das im Umkreis sei­ner Bischofs­wei­he gewe­sen sein, etwa im Jah­re 2014 oder 2015. Dar­in sprach er von der Bedeu­tung der Erfah­rung für die Zukunft des christ­li­chen Glau­bens in der moder­nen Lebens­welt. Das hat­te ich von einem Bischof so noch nicht gehört. Rela­tiv schnell wur­de mir klar, dass es im Leben des damals noch jun­gen Bischofs eine Erfah­rung gege­ben haben muss, die sein Leben von Grund auf ver­än­dert hat. In einem aus­führ­li­chen Inter­view-Band mit dem Jour­na­lis­ten Peter See­wald hat Ste­fan Oster knapp zwei Jah­re nach sei­ner Bischofs­wei­he davon erzählt. In die­sem Buch gibt der Bischof auf die Fra­gen des Jour­na­lis­ten aus­führ­lich Rechen­schaft über sei­ne Theo­lo­gie, sein Ver­ständ­nis von Pas­to­ral und sei­nen Weg, der ihn zu sei­nen Ein­sich­ten geführt hat. Zwar hat er sich bereits in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on und Habi­li­ta­ti­on aus­führ­lich und auf wis­sen­schaft­li­chem Niveau mit vie­len die­ser Fra­gen befasst,1 in ihrer unmit­tel­ba­ren Rele­vanz für eine erneu­er­te Theo­lo­gie und Pas­to­ral wer­den sie im Gespräch mit Peter See­wald jedoch in beson­ders anschau­li­cher Wei­se zugäng­lich. Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen stüt­zen sich auf die­ses Inter­view-Buch, das ich allen, die sich um eine Reform der Kir­che an Haupt und Glie­dern“ bemü­hen, wärms­tens ans Herz legen möch­te.2 Sie sei­en zugleich ein Zei­chen des Dan­kes an Bischof Ste­fan Oster aus Anlass sei­nes 60. Geburts­ta­ges für die vie­len wert­vol­len Anre­gun­gen, die wir ihm und sei­ner leib­li­chen wie media­len Prä­senz ver­dan­ken. Auf die Fra­ge Peter See­walds: Heißt das: Die Dis­kus­si­on um Kir­che und Reform, die wir hier seit Jah­ren füh­ren, wird viel­fach unter ganz fal­schen Vor­zei­chen geführt?“ ant­wor­tet Ste­fan Oster: Ja, davon bin ich fest über­zeugt. Wir dis­ku­tie­ren auf einer Ebe­ne, auf der wir das, wor­um es im Kern geht, noch nicht ein­mal berüh­ren“ (90).

1. Glau­be und Erfahrung

Bei der Erfah­rung, die dem dama­li­gen Jour­na­lis­ten und Stu­den­ten der Phi­lo­so­phie Ste­fan Oster im Alter von 28 Jah­ren zuteil wur­de, han­delt es sich einer­seits um etwas sehr Per­sön­li­ches. Zugleich jedoch, und damit kom­me ich zur ers­ten The­se mei­nes Bei­trags, ist sie in ihrer Struk­tur etwas für den christ­li­chen Glau­ben Wesent­li­ches und Typi­sches. Aus den Aus­füh­run­gen des Bischofs wird immer wie­der deut­lich, dass sei­ne dama­li­ge Erfah­rung zusam­men mit ihrer Deu­tung der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis sei­ner Theo­lo­gie, sei­ner Ver­kün­di­gung und sei­nes Wir­kens als Bischof ist. Über die­se Erfah­rung möch­te ich im Lich­te der Hei­li­gen Schrift und eini­ger aus­ge­wähl­ter Stim­men der Spi­ri­tua­li­täts­ge­schich­te nach­den­ken. Denn die­se Erfah­rung, so lau­tet mei­ne zwei­te The­se, ist für die Über­win­dung der Kri­se, in der sich der christ­li­che Glau­be in den Kul­tu­ren der Moder­ne befin­det, von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung. Gelän­ge es, sie aus der Nische des Außer­ge­wöhn­li­chen her­aus­zu­ho­len und in der Brei­te des gläu­bi­gen Vol­kes sowie der säku­la­ren Gesell­schaft zur regu­la­ti­ven Idee kirch­li­cher Ver­kün­di­gung und theo­lo­gi­scher Refle­xi­on zu machen, gewän­ne der christ­li­che Glau­be neue Strahl­kraft, sowohl unter den viel­fach ver­un­si­cher­ten Gläu­bi­gen als auch unter denen, die ihn als ein Relikt aus längst ver­gan­ge­nen Tagen ver­ab­schie­det haben. Bei­des zusam­men­ge­nom­men wür­de aller­dings zu einem Para­dig­men­wech­sel im Main­stream kirch­li­cher Ver­kün­di­gung und katho­li­scher Theo­lo­gie füh­ren, ins­be­son­de­re in Deutsch­land. Auch das soll nicht ver­schwie­gen werden.

Nun könn­te man ein­wen­den, dass es doch völ­lig unan­ge­mes­sen sei, Theo­lo­gie aus einer sub­jek­ti­ven Erfah­rung her­aus zu betrei­ben. Das der Kir­che von den Apos­teln anver­trau­te Depo­si­tum fidei ist die Grund­la­ge des katho­li­schen Glau­bens und eben­so der Theo­lo­gie, nicht eine per­sön­li­che (Glaubens-)Erfahrung. Dem ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass der in der Bibel bezeug­te Glau­be selbst aus Erfah­run­gen her­vor­ge­gan­gen ist, wie ich an ande­rer Stel­le zu zei­gen ver­sucht habe: Es gibt Erfah­run­gen, die das gewöhn­li­che Dasein in der Welt erschüt­tern und das mensch­li­che Bewusst­sein in einen ande­ren Zustand ver­set­zen. Der­ar­ti­ge Erfah­run­gen gab es vor drei­tau­send Jah­ren, und es gibt sie auch heu­te. Sie gehö­ren zur Natur des mensch­li­chen Bewusst­seins. Aus ihnen ent­ste­hen Reli­gio­nen und zugleich sind sie der Strom, der Reli­gio­nen am Leben erhält. Ist ein sol­cher Pro­zess inner­halb einer Grup­pe ein­mal in Gang gesetzt, ent­fal­tet sich die Geschich­te einer Reli­gi­on. Weil es die­se Erfah­run­gen auch heu­te gibt, wer­den Reli­gio­nen aus der moder­nen Lebens­welt nicht ver­schwin­den. Tran­szen­denz­er­fah­run­gen sind uns jedoch nur in spe­zi­fi­schen Deu­tun­gen zugäng­lich. Ver­ein­fa­chend gespro­chen las­sen sich reli­giö­se und säku­la­re Deu­tun­gen und inner­halb der reli­giö­sen Deu­tung per­so­na­le und aper­so­na­le Deu­tun­gen unter­schei­den. […] Das in der Bibel bezeug­te reli­giö­se Sym­bol­sys­tem ist aus per­so­na­len Deu­tun­gen von Tran­szen­denz­er­fah­run­gen her­aus ent­stan­den. Theo­lo­gisch gespro­chen hat sich Gott selbst in die­sen Erfah­run­gen Men­schen mit­ge­teilt. Die Dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on über die gött­li­che Offen­ba­rung Dei Ver­bum des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils lässt die Geschich­te der Offen­ba­rung als Selbst­mit­tei­lung Got­tes mit dem ers­ten Men­schen­paar begin­nen, wenn es dort heißt (I, 3): Gott, der durch das Wort alles erschafft (vgl. Joh 1,3) und erhält, gewährt den Men­schen in den geschaf­fe­nen Din­gen ein stän­di­ges Zeug­nis von Sich (vgl. Röm 1,19 – 20) und hat, weil Er den Weg des gött­li­chen Hei­les zu eröff­nen beab­sich­tig­te, dar­über hin­aus den Urel­tern von Anfang an Sich selbst kund­ge­tan (Seme­tip­sum mani­festa­vit).‘ Die Bibel ist das Zeug­nis die­ser Selbst­mit­tei­lung Got­tes. Genau genom­men ist die Bibel also nicht die Offen­ba­rung Got­tes, son­dern sie bezeugt sie.“3

Es besteht eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen einer rich­tig“ gedeu­te­ten Tran­szen­denz­er­fah­rung und dem in der Bibel bezeug­ten Glau­ben. Eine der­ar­ti­ge The­se mag im Zeit­al­ter des reli­giö­sen Plu­ra­lis­mus und des inter­re­li­giö­sen Dia­logs, da selbst ein kürz­lich ver­stor­be­ner Papst die ver­schie­de­nen Reli­gio­nen als ver­schie­de­ne Spra­chen bezeich­net hat,4 eine stei­le, um nicht zu sagen: eine völ­lig über­zo­ge­ne Posi­ti­on zum Aus­druck brin­gen; ich möch­te den­noch an ihr fest­hal­ten, sie aller­dings mit einem escha­to­lo­gi­schen Vor­zei­chen mar­kie­ren und hin­zu­fü­gen, dass sie für die fol­gen­den Erör­te­run­gen kei­ne signi­fi­kan­te Rol­le spielt. Sie steht unaus­ge­spro­chen im Hin­ter­grund und erin­nert an vie­le noch offe­ne Fra­gen, die in den nun fol­gen­den Medi­ta­tio­nen zu erör­tern wären. Fakt ist, dass die Erfah­rung, die Ste­fan Oster im Alter von 28 Jah­ren zuteil wur­de, ihn in einer Wei­se zum christ­li­chen Glau­ben führ­te, die sei­nem wei­te­ren Leben eine völ­lig neue Aus­rich­tung gab. Die­sem Phä­no­men wol­len wir uns im Fol­gen­den zuwen­den und es zu ver­ste­hen suchen.

2. Die Erschütterung

Der ers­te Teil der Inter­view-Ban­des steht unter der Über­schrift: Geschich­te einer Beru­fung. Kir­che, Glau­be und Bekennt­nis“ (13 – 67). Bereits im Titel klingt der Zusam­men­hang an, um den es im Fol­gen­den geht: der Beru­fung auf der einen und der Kir­che, dem Glau­ben und dem Bekennt­nis auf der ande­ren Sei­te. Etwa in der Mit­te die­ses Teils steu­ert das Gespräch auf jenes Ereig­nis zu, das wir uns nun näher anschau­en wol­len. Nach Abschluss sei­nes Phi­lo­so­phie-Stu­di­ums fand ein Gespräch zwi­schen Ste­fan Oster und Pro­fes­sor Fer­di­nand Ulrich statt; die­ser war für Oster so etwas wie ein väter­li­cher Freund, ein Men­tor und geist­li­cher Leh­rer. Der Pro­fes­sor fragt den Stu­den­ten der Phi­lo­so­phie, der gera­de sei­ne Magis­ter­ar­beit abge­schlos­sen hat und sich auf die letz­ten Prü­fun­gen vorbereitet:

Ste­fan, jetzt haben Sie da so eine Magis­ter­ar­beit geschrie­ben, und was machen Sie jetzt?“ – Ich bin ja Jour­na­list“, mein­te ich, jetzt wer­de ich mir halt was suchen. Außer­dem habe ich eine Freun­din, wir sind schon ganz lan­ge bei­ein­an­der, sie ist über drei­ßig, ich bin 28, sie arbei­tet momen­tan in Kiel, ich in Regens­burg, jetzt müs­sen wir mal schau­en, ob wir eine Fami­lie grün­den.“ Da hat er mich so ange­se­hen und nur den einen Satz gesagt: Zwin­gen Sie sich da zu etwas?“ (38).

Der wei­te­re Ver­lauf der Geschich­te zeigt, dass der Pro­fes­sor hier die Rol­le der sokra­ti­schen Heb­am­me über­nom­men hat. Offen­sicht­lich hat er gespürt, dass die Iden­ti­tät, die Ste­fan Oster zu dem Zeit­punkt als die sei­ni­ge ansah und auf die wei­ter auf­zu­bau­en der Stu­dent der Phi­lo­so­phie im Sin­ne hat­te, nicht sei­ne wah­re Iden­ti­tät ist, nicht jene geheim­nis­vol­le Per­son, in der wir vor den Augen Got­tes sub­sis­tie­ren“, um mit Tho­mas Mer­ton zu spre­chen.5 Einen wah­ren Meis­ter und geist­li­chen Leh­rer zeich­net aus, dass er eine Bezie­hung zur See­le eines ande­ren Men­schen auf­bau­en kann, die der ande­re selbst (noch) nicht hat. Wird die See­le auf die­se Wei­se von außen berührt und ange­spro­chen, kann sie erwa­chen und eine Dyna­mik ent­fal­ten, die einen tief grei­fen­den Pro­zess der Ver­wand­lung in Gang setzt. Genau dies geschieht nun. Auf die Fra­ge von Fer­di­nand Ulrich: Zwin­gen Sie sich da zu etwas?“ reagiert Ste­fan Oster zunächst mit einer typi­schen Abwehrreaktion:

Ich habe das ver­neint. Nein, wir sind doch schon so lan­ge bei­ein­an­der und haben von Hei­ra­ten gere­det und wir mögen uns, sind ein wun­der­ba­res Paar.“ Ich hat­te zuvor bereits meh­re­re inten­si­ve Gesprä­che mit ande­ren Leu­ten geführt. Und immer war da das Gefühl, dass ich da irgend­wie an einer Art Ven­til schrau­be. Und plötz­lich war das Ven­til auf­ge­gan­gen. Und ich wuss­te ganz tief: Du musst dich zur Ver­fü­gung stel­len. Es war wie ein Blitz, der mein Leben zutiefst erschüt­ter­te (39).

Die Abwehr­re­ak­ti­on hält offen­sicht­lich nicht lan­ge an. Es bro­del­te schon seit eini­ger Zeit. Hier begeg­nen wir dem Phä­no­men, dass die Erfah­rung, mit der wir uns gleich noch ein­ge­hen­der beschäf­ti­gen wer­den, einer­seits etwas Plötz­li­ches ist („wie ein Blitz“), sie aber ande­rer­seits doch auch eine län­ge­re Vor­ge­schich­te und, wie wir noch sehen wer­den, gewöhn­lich eine noch län­ge­re Nach­ge­schich­te hat.

Auf die Fra­ge Peter See­walds: Das war es dann?“ erzählt Ste­fan Oster nun etwas detail­lier­te, was sich an jenem Tag ereignete:

Ich hat­te an dem Tag noch eine lan­ge Auto­fahrt zum Boden­see vor mir, um mich bei einem Ver­lag vor­zu­stel­len, als Lek­tor. Auf der Fahrt habe ich fast alle emo­tio­na­len Erfah­run­gen durch­ge­macht, die ein Mensch über­haupt machen kann. Ich habe ange­fan­gen zu heu­len. Ich habe mich gefreut. Ich war ver­zwei­felt. Ich war am Boden. Ich hat­te rie­si­ge Ängs­te. Ich habe geju­belt und gesun­gen. Und ich habe gewusst, da ist etwas Neu­es in mein Leben hin­ein­ge­tre­ten. Aber etwas, das mein Leben kom­plett durch­ein­an­der­brin­gen wird.

See­wald: Wie fühlt sich das an, so ein Big Bang? Wie Erleuchtung?

Oster: In mei­nem Fall war es Erschüt­te­rung. Ich bin von einer Wahr­heit über mein Leben berührt wor­den, die mich spü­ren ließ: Ich habe zuvor nicht in die­ser Wahr­heit gelebt.

See­wald: Also kein Umkehr­erleb­nis wie bei Pau­lus vor Damas­kus, dem in der Visi­on Chris­tus erscheint?

Oster: Nein. Aber mit dem star­ken Bewusst­sein: Hal­te dich zur Ver­fü­gung! Das war mit die­ser Erschüt­te­rung ver­bun­den. Es ist schwer auszudrücken …

See­wald: Immer­hin gab es eine bestimm­te Ent­wick­lung bis zu die­sem Punkt. Als wäre der Keim längst gesetzt gewesen.

Oster: Ja, das schon. Ich hat­te mich wie­der an die Kir­che ange­nä­hert. Das hat­te sicher­lich mit Fer­di­nand Ulrich zu tun. Mei­ne Lebens­ge­fähr­tin kam auch aus einem recht katho­li­schen Eltern­haus und hat­te sich zunächst davon eman­zi­piert. Wir haben viel dis­ku­tiert. Irgend­wann hat­te ich – zu mei­ner eige­nen Ver­wun­de­rung – sogar das zöli­ba­t­ä­re Leben ver­tei­digt, von dem es in der Bibel heißt, wer es fas­sen kann, der fas­se es. […]

Es hat mich wirk­lich durch­ein­an­der­ge­hau­en. Ich wuss­te, ich muss mein Leben ver­än­dern (39f).

Wer sich auch nur ein wenig in der Geschich­te der Spi­ri­tua­li­tät aus­kennt oder gar selbst etwas Der­ar­ti­ges erlebt hat oder Erfah­run­gen aus dem Bereich geist­li­cher Beglei­tung mit­bringt, die nicht an der Ober­flä­che ver­blei­ben, wird eine Rei­he typi­scher Merk­ma­le wie­der­erken­nen, die bei aller Unter­schied­lich­keit im Ein­zel­nen zum Wesen der­ar­ti­ger Erfah­run­gen gehören.

3. Eine neue Identität

Das ers­te und grund­le­gen­de Merk­mal möch­te ich bezeich­nen als Iden­ti­täts­wech­sel. Eine Iden­ti­tät, die sich über eini­ge Jahr­zehn­te auf­ge­baut hat, bricht zusam­men, eine neue Iden­ti­tät kommt zum Vor­schein. Wenn sich die Erfah­rung plötz­lich ereig­net, kann es vor­über­ge­hend zu star­ken Ver­wir­run­gen kom­men: Die alte Iden­ti­tät bricht zusam­men, sie wird als hohl und falsch erkannt, die neue bricht mit einem Schlag in das Gewahr­sein ein, ihre Ver­wirk­li­chung liegt aller­dings noch in wei­ter Fer­ne. Aus die­ser Span­nung ent­steht die gro­ße Her­aus­for­de­rung, im All­tag eini­ger­ma­ßen über die Run­den zu kom­men. Ste­fan Oster beschreibt extre­me Gefühls­aus­brü­che, die in rascher Fol­ge ein­an­der abwech­seln: Auf der Fahrt habe ich fast alle emo­tio­na­len Erfah­run­gen durch­ge­macht, die ein Mensch über­haupt machen kann.“ Die Auf­ga­be, die sich aus einer der­ar­ti­gen Erfah­rung ergibt, lau­tet: Inte­gra­ti­on. Es geht um die Inte­gra­ti­on einer spi­ri­tu­el­len Erfah­rung in eine sich neu auf­bau­en­de Iden­ti­tät. Eines ihrer Merk­ma­le ist, dass mehr oder weni­ger plötz­lich eine ande­re Dimen­si­on in das Bewusst­sein eines Men­schen ein­bricht, eine Dimen­si­on, die er viel­leicht geahnt oder auch geglaubt“, jedoch in ihrer Radi­ka­li­tät und Anders­ar­tig­keit so noch nie erfah­ren hat. Ich bezeich­ne eine der­ar­ti­ge Erfah­rung gewöhn­lich mit dem auf Meis­ter Eck­hart zurück­ge­hen­den, rela­tiv neu­tra­len Begriff als Durch­bruchs­er­fah­rung. Mit die­sem Begriff bezeich­ne­te bemer­kens­wer­ter­wei­se auch der ame­ri­ka­ni­sche Bischof Robert Bar­ron in sei­ner Pre­digt zum Evan­ge­li­um des zwei­ten Fas­ten­sonn­tags die­ses Jah­res, der Erzäh­lung von der Ver­klä­rung Jesu (Lk 9,28 – 36), die Erfah­rung, die den drei Jün­gern auf dem Berg zuteil wur­de. Bar­ron ver­wen­det mit aus­drück­li­chem Rekurs auf Meis­ter Eck­hart das deut­sche Wort Durch­bruch“ und über­setzt es mit Break-Through“.6

Der Iden­ti­täts­wech­sel wird in der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur mit unter­schied­li­chen Begrif­fen umschrie­ben. Die Ter­mi­no­lo­gie ist nicht ein­heit­lich und muss es auch nicht sein. Auf der einen Sei­te steht das Welt-Ich, das empi­ri­sche Ich, das fal­sche Selbst, das äuße­re, ober­fläch­li­che Selbst, auf der ande­ren Sei­te das Wesens-Ich, das wah­re Selbst, die geheim­nis­vol­le Per­son, wie sie vor den Augen Got­tes sub­sis­tiert. Dabei geht es nicht in ers­ter Linie um eine mora­li­sche Hal­tung, son­dern um einen Seins­zu­stand. Tho­mas Mer­ton (1915 – 1968) hat sie im Kon­text der kon­tem­pla­ti­ven Erfah­rung in einem sehr grund­sätz­li­chen Sinn wie folgt umschrieben:

Die Kon­tem­pla­ti­on ist kei­ne Funk­ti­on die­ses äuße­ren Selbst (exter­nal self) und kann es nicht sein. Es gibt einen unauf­heb­ba­ren Gegen­satz zwi­schen dem tie­fen tran­szen­den­ten Selbst (the deep tran­s­cen­dent self), das nur in der Kon­tem­pla­ti­on erwacht, und dem ober­fläch­li­chen, äußer­li­chen Selbst (the super­fi­ci­al, exter­nal self), das wir gewöhn­lich mit der ers­ten Per­son Ein­zahl bezeich­nen. Wir müs­sen uns vor Augen hal­ten, dass die­ses ober­fläch­li­che Ich“ nicht unser wirk­li­ches Selbst (real self) ist. Es ist viel­mehr unser indi­vi­du­el­les Sein“ und unser empi­ri­sches Selbst“, jedoch nicht die ver­bor­ge­ne und geheim­nis­vol­le Per­son, in der wir vor den Augen Got­tes sub­sis­tie­ren. Das Ich“, das in der Welt tätig ist, über sich selbst nach­denkt, sei­ne eige­nen Reak­tio­nen beob­ach­tet und von sich selbst redet, ist nicht das wah­re Ich“, das in Chris­tus mit Gott ver­eint wor­den ist. Es ist bes­ten­falls die Umhül­lung, die Mas­ke, die Ver­klei­dung die­ses geheim­nis­vol­len und unbe­kann­ten Selbst“, das die meis­ten von uns vor ihrem eige­nen Tod über­haupt nie ent­de­cken. Unser äuße­res, ober­fläch­li­ches Selbst ist nicht ewig, nicht spi­ri­tu­ell. Es ist weit davon ent­fernt. Die­ses Selbst ist dazu ver­ur­teilt, so voll­stän­dig wie der Rauch aus dem Kamin zu ver­schwin­den. Es ist äußerst hin­fäl­lig und ver­gäng­lich. Kon­tem­pla­ti­on ist genau die Bewusst­heit, dass die­ses Ich“ in Wirk­lich­keit nicht Ich“ ist; sie ist das Erwa­chen des unbe­kann­ten Ichs“, das jen­seits aller Beob­ach­tung und Refle­xi­on liegt und nicht imstan­de ist, über sich selbst etwas aus­zu­sa­gen. Es kann nicht ein­mal mit der Gewiss­heit und unbe­darf­ten Selbst­si­cher­heit des ande­ren Ichs Ich“ sagen, denn es muss sei­ner inners­ten Natur nach in der Gesell­schaft der Men­schen, die von sich selbst und über­ein­an­der spre­chen, ver­bor­gen, namen­los und uniden­ti­fi­ziert blei­ben. In einer sol­chen Welt bleibt das wah­re Ich“ sowohl unaus­ge­spro­chen als auch unsicht­bar, denn es hat zwar durch­aus viel zu sagen – aber kein Wort davon han­delt von ihm selbst.7

4. Eine Durchbruchserfahrung

Eine der­ar­ti­ge Durch­bruchs­er­fah­rung stellt die Betrof­fe­nen gewöhn­lich vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Es ist kei­nes­wegs garan­tiert, dass die Inte­gra­ti­on gelingt. Ohne eine wirk­lich kom­pe­ten­te geist­li­che und bis­wei­len auch psy­cho­lo­gi­sche Beglei­tung wird es erfah­rungs­ge­mäß schwie­rig.8 Wenn die­ser Pro­zess jedoch gelingt, fin­det eine tief­grei­fen­de Trans­for­ma­ti­on statt. Für das theo­lo­gi­sche Ver­ständ­nis ist nun ent­schei­dend, dass die­ser Pro­zess nicht pri­mär durch den Wil­len gesteu­ert wird. Das ist wich­tig zu beto­nen, weil wir in der katho­li­schen Tra­di­ti­on bei Bekeh­rung gewöhn­lich an gute Vor­sät­ze den­ken, an einen vom Wil­len gesteu­er­ten Pro­zess der Umkehr. Der Main­stream kirch­li­cher Ver­kün­di­gung, sei er pro­gres­siv, sei er kon­ser­va­tiv, bewegt sich auf der Ebe­ne guter Vor­sät­ze. Was Oster hier beschreibt und was uns aus der Hei­li­gen Schrift und der Geschich­te christ­li­cher Spi­ri­tua­li­tät bekannt ist, ist etwas ande­res. Die Auf­ga­be des Wil­lens besteht im Fal­le einer der­ar­ti­gen Erfah­rung dar­in, sich zu erge­ben, sich auf die­se Wirk­lich­keit ein­zu­las­sen, die mit einer gera­de­zu unab­weis­ba­ren Mäch­tig­keit in die Per­son ein­ge­bro­chen ist. In dem Maße, in dem dies gelingt, fin­det ein Iden­ti­täts­wech­sel statt. Die Dyna­mik die­ses Pro­zes­ses wird von woan­ders her gesteu­ert: Und ich wuss­te ganz tief: Du musst dich zur Ver­fü­gung stel­len.“ Sehr ein­dring­lich kommt die­ser Iden­ti­täts­wech­sel vom eige­nen zu einem ande­ren Wil­len in jenem Wort zum Aus­druck, mit dem Jesus nach sei­ner Auf­er­ste­hung Petrus in die Nach­fol­ge ruft: Amen, Amen, ich sage dir: Als du jün­ger warst, hast du dich selbst gegür­tet und gingst, wohin du woll­test. Wenn du aber alt gewor­den bist, wirst du dei­ne Hän­de aus­stre­cken und ein ande­rer wird dich gür­ten und dich füh­ren, wohin du nicht willst‘“ (Joh 21,18). Das Dein Wil­le gesche­he“ des Vater­un­sers wird in die­sem Wider­fahr­nis zu einer exis­ten­zi­el­len Wahr­heit. Die Para­do­xie besteht aller­dings dar­in, dass der frem­de, von außen kom­men­de Wil­le sich als der wah­re Wil­le erweist. Dies im Auge zu behal­ten ist wich­tig, weil damit das zur­zeit viel dis­ku­tier­te Para­dig­ma der Auto­no­mie vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Theo­lo­gisch-anthro­po­lo­gisch gespro­chen: Das, was der Mensch will, ist nicht das, was er wirk­lich will. Der Wil­le des natür­li­chen Men­schen ist durch die Ursün­de kon­ta­mi­niert;9 in der Begeg­nung mit der gött­li­chen Wahr­heit fin­det ein tief­grei­fen­der Pro­zess der Rei­ni­gung statt, eine zwei­te Geburt ereig­net sich, nicht wie bei der ers­ten Geburt aus dem Wil­len des Flei­sches, aus dem Wil­len des Man­nes“, son­dern eine Geburt aus Gott (Joh 1,13). Meis­ter Eck­hart spricht von der Got­tes­ge­burt in der See­le. Das ist der Weg der Erlösung.

5. Selbst­be­stim­mung und Fremdbestimmung 

Ein ver­brei­te­tes Modell im Main­stream gegen­wär­ti­ger Theo­lo­gie und kirch­li­cher Pra­xis geht vom moder­nen Auto­no­mie-Para­dig­ma aus. Dem­zu­fol­ge sei­en Frei­heit und Selbst­be­stim­mung des moder­nen Mensch ernst zu neh­men. Wer woll­te das bestrei­ten? Davon aus­ge­hend stellt man als­bald fest, dass die Wün­sche und Ansich­ten des moder­nen Men­schen in vie­len Punk­ten nicht mit dem über­ein­stim­men, was die Bibel und der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che leh­ren. Die­se Dis­kre­panz, so eine ver­brei­te­te Ansicht, sei nur zu über­win­den, indem die biblisch fun­dier­te Leh­re der Kir­che dem Selbst­ver­ständ­nis des moder­nen Men­schen ent­spre­chend fort­ge­schrie­ben wer­de. Die Hete­ro­no­mie der biblisch bezeug­ten Offen­ba­rung sei dem Selbst­ver­ständ­nis des sich auto­nom ver­ste­hen­den Men­schen der Moder­ne anzu­pas­sen. Der Wil­le Got­tes kön­ne sinn­vol­ler­wei­se nur so ver­stan­den wer­den, dass er mit dem iden­tisch ist, was der moder­ne Mensch ver­nünf­ti­ger­wei­se wol­len kann. Wenn das nicht der Fall ist, müs­se Gott für die Fehl­kon­struk­tio­nen sei­ner Schöp­fung Abbit­te leis­ten. In der bibli­schen Exege­se wird die­ses Pro­jekt durch ein Ver­fah­ren bis­wei­len kuri­os anmu­ten­der Aus­le­gun­gen flan­kiert, das sich dem Modell einer radi­ka­len Plu­ra­li­sie­rung lite­ra­ri­scher Tex­te ver­pflich­tet weiß und nahe an das post­mo­der­ne Kon­zept eines dekon­struk­ti­vis­ti­schen Gegen-den-Strich-Lesens“ her­an­reicht.10 Wenn es nicht gelingt, den christ­li­chen Glau­ben moder­ni­täts­kom­pa­ti­bel auf­zu­stel­len, so die­ses Model, kön­ne er sich in der fort­ge­schrit­te­nen Moder­ne auf Dau­er nicht behaup­ten. Ob die Anwen­dung die­ses Rezepts zum gewünsch­ten Erfolg führt, sei dahin­ge­stellt. Ein nüch­ter­ner Blick auf jene Kon­fes­sio­nen und Deno­mi­na­tio­nen, die sich das Moder­ni­sie­rungs­pa­ra­dig­ma zu eigen gemacht haben, spricht eine ande­re Spra­che. Theo­lo­gisch gewich­ti­ger ist jedoch, dass das Auto­no­mie-Kon­zept anthro­po­lo­gisch defi­zi­tär ist. Wenn ich recht sehe, ist das der ent­schei­den­de Grund, wes­halb Bischof Ste­fan Oster die­sem Model kri­tisch bis ableh­nend gegen­über­steht (vgl. sei­ne Sicht zum Memo­ran­dum Frei­heit“, einer Art Vor­läu­fer des Syn­oda­len Weges: Aber um den Kern des Glau­bens ging es dar­in nicht. Im Gegen­teil. Es ging […] eher um eine mei­nes Erach­tens falsch ver­stan­de­ne Frei­heits­auf­fas­sung, die aus einer bestimm­ten theo­lo­gi­schen Schu­le kommt und die, mei­ne ich, nicht wirk­lich evan­ge­li­ums­ge­mäß ist“, 145). In einer Rei­he fun­dier­ter Bei­trä­ge hat Oster sei­ne Posi­tio­nen begrün­det. Tei­le des gläu­bi­gen Vol­kes“, die die­se Text nicht ken­nen oder nicht ver­ste­hen, waren irri­tiert: Wie kann ein so jun­ger, modern auf­tre­ten­der Bischof der­art alter­tüm­li­che Ansich­ten ver­tre­ten?“, wur­de gefragt. Wer den Inter­view-Band liest, bekommt eine Ahnung von jener Pro­ble­ma­tik, die hin­ter die­ser vor­wurfs­vol­len Fra­ge steht.

II. Pau­lus – eine neue Iden­ti­tät aus der Christuserfahrung

Peter See­wald hat erkannt, dass die Erfah­rung, die Ste­fan Osters zuteil wur­de, eine Par­al­le­le zur Beru­fung des Apos­tels Pau­lus auf­weist, und er fragt nach; doch Oster weist die Ana­lo­gie zunächst zurück; eine Chris­tus-Visi­on habe er nicht gehabt (39f). Gleich­wohl las­sen sich eini­ge Ent­spre­chun­gen zur Struk­tur und Gene­se pau­li­ni­scher Theo­lo­gie erken­nen. Es lohnt sich, dem nachzugehen.

1. Die Damas­kus­er­fah­rung und ihre Folgen

Die Initi­al­zün­dung der pau­li­ni­schen Theo­lo­gie grün­det in der Damas­kus­er­fah­rung. Der Sache nach han­delt es sich um eine tie­fe mys­ti­sche Erfah­rung. Lan­ge Zeit wur­de die­ser Zusam­men­hang aus­ge­blen­det. Das hängt unter ande­rem damit zusam­men, dass in der libe­ra­len evan­ge­li­schen Theo­lo­gie Mys­tik lan­ge Zeit als etwas typisch Katho­li­sches ange­se­hen wur­de und als eine aus der pla­to­ni­schen Phi­lo­so­phie her­vor­ge­gan­gen Über­frem­dung und Ent­stel­lung der jesu­a­ni­schen Bot­schaft. Mys­tik ist ein viel­deu­ti­ger und umstrit­te­ner Begriff. Im Bereich der neu­tes­ta­ment­li­chen Exege­se fand er im Ver­lauf der letz­ten Jahr­zehn­te vor­wie­gend nega­ti­ve Ver­wen­dung. Eine Inter­pre­ta­ti­on wur­de häu­fig dann als rich­tig ange­se­hen, wenn fest­ge­stellt wer­den konn­te, daß eine bestimm­te Vor­stel­lung nicht mys­tisch zu ver­ste­hen sei“, schreibt der evan­ge­li­sche Neu­tes­ta­ment­ler Hans-Chris­toph Mei­er.11 In ein­fluss­rei­chen Krei­sen der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie herrscht die­se Sicht auch heu­te noch vor. Doch aufs Gan­ze gese­hen, hat sich die Dis­kus­si­ons­la­ge ver­än­dert.12 Inzwi­schen hat die Erkennt­nis, dass mys­ti­sche Erfah­run­gen für Pau­lus von Anfang an von ent­schei­den­der Bedeu­tung“ waren und ihnen gegen­über sei­ner Recht­fer­ti­gungs­leh­re sogar ein gewis­ser Vor­rang ein­zu­räu­men ist, Ein­gang in die Pau­lus-Exege­se gefun­den.13 Nach Hans-Chris­toph Mei­er ist in der Damas­kus­er­fah­rung das Ursprungs­mo­tiv für den Glau­ben und das gesam­te Wir­ken des Chris­ten Pau­lus zu sehen.“14 Pau­lus wird im Inners­ten sei­ner Exis­tenz so sehr erschüt­tert, dass es für ihn seit­dem ein Vor­her“ und ein Nach­her“ gibt. Sein frü­he­res Leben ist in der Begeg­nung mit Chris­tus zusam­men­ge­bro­chen. Ihr habt doch von mei­nem frü­he­ren Lebens­wan­del im Juden­tum gehört und wisst, wie maß­los ich die Kir­che Got­tes ver­folg­te und zu ver­nich­ten such­te. […] Als es aber Gott gefiel, in mir sei­nen Sohn zu offen­ba­ren, damit ich ihn unter den Völ­kern ver­kün­de, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate“ (Gal 1,13.15). Was ihm einst ein Gewinn war, hält er rück­bli­ckend um Chris­ti wil­len für Ver­lust“ (Phil 3,7). Die Chris­tus­er­fah­rung hat tief­grei­fen­de Fol­gen für sei­ne eige­ne Iden­ti­tät. Nach Udo Schnel­le han­delt es sich bei der Damas­kus­er­fah­rung um eine exter­ne Tran­szen­denz­er­fah­rung, die eine neue Iden­ti­tät begrün­det. […] Pau­lus erfährt Damas­kus als Schnitt­punkt zwei­er Wel­ten, in Raum und Zeit erscheint ihm der Sohn Got­tes. Die Schau des Auf­er­stan­de­nen führt Pau­lus zur Preis­ga­be des bis­he­ri­gen Ich, zu einer Ent­sel­bung‘, die als Nega­ti­on Vor­aus­set­zung für das neue Sein in Chris­tus ist. Damas­kus erlebt Pau­lus als Par­ti­zi­pa­ti­on am Chris­tus­ge­sche­hen, die ihm ein neue Iden­ti­tät schenkt und zugleich zu einer Umstruk­tu­rie­rung sei­nes Selbst- und Welt­bil­des zwingt.“15 Pau­lus par­al­le­li­siert sein Leben mit der Geschich­te Jesu Chris­ti.16 Aus­ge­löst durch die Offen­ba­rung Jesu Chris­ti voll­zog sich an ihm jener Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, den er als den Kern des christ­li­chen Glau­bens erkann­te und als Apos­tel den Völ­kern verkündete.

2. Trans­for­ma­ti­on 

Eines der wesent­li­chen Merk­ma­le einer authen­ti­schen mys­ti­schen Erfah­rung ist der durch sie aus­ge­lös­te Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess: Ich bin mit Chris­tus gekreu­zigt wor­den. Nicht mehr ich lebe, son­dern Chris­tus lebt in mir“ (Gal 2,19f). Mys­tik im christ­li­chen Ver­ständ­nis weist eine chris­to­lo­gi­sche Struk­tur auf. Die Iden­ti­tät eines Men­schen wird zutiefst ver­wan­delt. Aller­dings bedarf die­ser Pro­zess der ent­schie­de­nen Annah­me und Mit­ge­stal­tung. Es dau­ert in der Regel meh­re­re Jah­re, bis das in Chris­tus neu gewon­ne­nen Leben all­mäh­lich Gestalt annimmt; genau genom­men durch­zieht die­ser Pro­zess das gan­ze Leben, selbst wenn die mys­ti­sche Erfah­rung im enge­ren Sin­ne nur einen kur­zen Moment gedau­ert hat, wie ein Blitz­schlag“. In einem sei­ner letz­ten Brie­fe schreibt Pau­lus: Nicht, dass ich es schon erreicht hät­te oder dass ich schon voll­endet wäre. Aber ich stre­be danach, es zu ergrei­fen, weil auch ich von Chris­tus Jesus ergrif­fen wor­den bin“ (Phil 3,12). Ich bin tief davon über­zeugt“, so Ste­fan Oster, dass Jesus die Wahr­heit ist. Das heißt aber nicht, dass die Sehn­sucht zu Ende ist. Es gibt eine Form des Ange­kom­men­seins, die die Sehn­sucht noch ver­grö­ßert“ (45).

Dass sich die­ser Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess in einer ers­ten grund­le­gen­den Pha­se auch bei Pau­lus über meh­re­re Jah­re hin erstreckt hat, kön­nen wir mit guten Grün­den aus sei­ner Bio­gra­phie erschlie­ßen. Denn zwi­schen der Damas­kus­er­fah­rung, die in das Jahr 33 n. Chr. datiert wird, und dem ältes­ten über­lie­fer­ten Brief des Apos­tels, dem Brief an die Thes­sa­lo­ni­scher, der in das Jahr 50 / 51 n. Chr. datiert wird, lie­gen rund sieb­zehn Jah­re. Wir wis­sen kaum, was er in die­ser Zeit getan hat. Vie­les spricht dafür, dass es eine Zeit der Inku­ba­ti­on war, bis der Vul­kan zu bro­deln begann und aus­brach.17 Seit der Damas­kus­er­fah­rung war Pau­lus mit einem Schlag klar, dass er bezüg­lich des christ­li­chen Glau­bens in einer fata­len Täu­schung gefan­gen war. In einer tie­fen Durch­bruchs­er­fah­rung wur­de ihm offen­bart, dass Jesus der Sohn Got­tes ist und dass er, Pau­lus, dazu beru­fen ist, ihn unter den Völ­kern zu ver­kün­den. Doch die­ses Keryg­ma in sei­nem gan­zen Aus­maß im Rah­men sei­nes bis­he­ri­gen Wis­sens wirk­lich zu ver­ste­hen, das ging nicht in kur­zer Zeit. Man kann die dunk­len Jah­re“ zwi­schen Damas­kus (33 n. Chr.) und dem ers­ten Brief an die Thes­sa­lo­ni­cher (50 / 51 n. Chr.) als eine Zeit ver­ste­hen, in der sich Pau­lus den christ­li­chen Glau­ben aneig­ne­te, ihn geis­tig zu durch­drin­gen such­te und sich auf sei­ne Auf­ga­be als Apos­tel der Völ­ker“ vor­be­rei­te­te. Dies geschah, soweit noch erkenn­bar, im Rück­zug in die Stil­le der Wüs­te (Ara­bia), im Kon­takt mit der christ­li­chen Gemein­de in Damas­kus, wo er die Tau­fe emp­fing, in einem 15-tägi­gen Auf­ent­halt in der Urge­mein­de zu Jeru­sa­lem, wo er sich mit Petrus und Jako­bus aus­tausch­te, in sei­ner Hei­mat Kili­ki­en (Gal 1,17 – 21) und dann vor allem seit den frü­hen 40-er Jah­ren in der christ­li­chen Gemein­de von Antio­chi­en, in die ihn Bar­na­bas ein­ge­führt hat­te (Apg 11,25f). For­mal gese­hen han­delt es sich um die Inte­gra­ti­on einer mys­ti­schen Erfah­rung. Die Über­mitt­lung des Evan­ge­li­ums voll­zog sich dem pau­li­ni­schen Selbst­ver­ständ­nis nach sowohl als unmit­tel­ba­re Chris­tusof­fen­ba­rung als auch durch mensch­li­che Ver­mitt­lung. Wann und wo Pau­lus über sein Vor- und Spe­zi­al­wis­sen hin­aus im christ­li­chen Glau­ben unter­wie­sen wur­de, lässt sich nicht mehr sagen.“18

3. Christ­li­che Mystik

Der christ­li­che Glau­be ist von sei­nem Ursprung her ein mys­ti­scher Glau­be. Joseph Ratz­in­ger hat es so aus­ge­drückt: Die Schrift ist gebo­ren aus einem mys­ti­schen Kon­takt der Hagio­gra­phen mit Gott, sie kann daher rich­tig ver­stan­den wer­den wie­der­um nur auf einer letz­ter­dings mys­tisch‘ zu nen­nen­den Ebe­ne.“19 Pau­lus ist gleich­sam the arche­typ­al mys­tic.“20 Die zahl­rei­chen Dua­lis­men und Dicho­to­mien wie Gesetz – Gna­de, Licht – Fins­ter­nis, Geist – Fleisch und vie­le ande­re mehr, die in sei­nen Brie­fen anzu­tref­fen sind, haben ihren bio­gra­phi­schen Haft­punkt in der Chris­tus­er­fah­rung vor Damas­kus: Ihr seid ent­we­der Skla­ven der Sün­de, die zum Tod führt, oder des Gehor­sams, der zur Gerech­tig­keit führt“ (Röm 6,16). Sie gehö­ren zum Kern der christ­li­chen Bot­schaft und fin­den sich in unter­schied­li­chen Varia­ti­on auch in den Evan­ge­li­en: Der Geist ist es, der leben­dig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Die­se und ähn­li­che Aus­sa­gen erge­ben nur einen Sinn, wenn die sinn­tra­gen­den Begriff als kon­tra­dik­to­ri­sche und nicht als kon­trä­re Begrif­fe zu ver­ste­hen sind; also als Begrif­fe, die ein ent­spre­chen­des Spek­trum voll­stän­dig abde­cken und nicht mit einem ter­ti­um datur“ rech­nen: Ihr alle seid Söh­ne des Lich­tes und Söh­ne des Tages. Wir gehö­ren nicht der Nacht und nicht der Fins­ter­nis. Dar­um wol­len wir nicht schla­fen wie die ande­ren, son­dern wach und nüch­tern sein“ (1 Thess 5,5f). Es gibt also so etwas wie einen Bruch, einen Sprung auf eine ande­re Ebe­ne, einen Über­tritt in einen ande­ren Bereich, einen Über­gang vom Tod zum Leben. Ohne dem ist der christ­li­che Glau­be nicht zu verstehen.

Aller­dings bedarf die­se Aus­sa­ge einer zwei­fa­chen Ergän­zung. Zum einen zeigt die Erfah­rung, dass sich der Über­gang vom einen in den ande­ren Bereich gewöhn­lich über einen län­ge­ren Zeit­raum hin erstreckt. Es bedarf einer Vor­be­rei­tung und län­ge­ren Ein­übung, um in den christ­li­chen Glau­ben hin­ein­zu­fin­den. Damit beschäf­ti­gen sich die klas­si­schen Kate­che­sen und Ein­füh­run­gen in den christ­li­chen Glau­ben. Hält man jedoch dar­an fest, dass der christ­li­che Glau­be von sei­nem Ursprung her ein mys­ti­scher Glau­be ist, dann kommt auch das Modell des all­mäh­li­chen Über­gangs nicht dar­an vor­bei, mit einem Sprung zu rech­nen. Die Erleuch­tung kommt in der Regel plötz­lich, auch dann, wenn jemand sein Evan­ge­li­um von Men­schen emp­fängt. Bei Pau­lus ver­lief der Pro­zess anders. Der Bruch stand am Anfang; er geschah in Form einer klas­si­schen Spon­ta­n­er­fah­rung, völ­lig über­ra­schend und unvor­be­rei­tet – wenn man nicht sei­nen vor­he­ri­gen Eifer im Juden­tum (Gal 1,14) als eine ver­bor­ge­ne Vor­be­rei­tung auf die­sen Sprung ver­ste­hen will.

Eine zwei­te Ergän­zung lässt sich in das Wort fas­sen: Eine Erleuch­tung macht noch kei­nen Erleuch­te­ten.“ Selbst nach dem Sprung auf die ande­re Ebe­ne geht der Weg wei­ter. Das neue, in Chris­tus gewon­ne­ne Leben bedarf einer stän­di­gen und lebens­lan­gen Ein­übung. Vor die­sem Hin­ter­grund sind die ein­dring­li­chen Ermah­nun­gen des Apos­tels Pau­lus an die von ihm gegrün­de­ten Gemein­den zu ver­ste­hen. Es besteht immer die Gefahr des Rück­falls in das alte Leben, das der Bekehr­te mit sei­ner Bekeh­rung eigent­lich schon hin­ter sich gelas­sen hat. Das alte Ego mel­det sich auf sub­ti­le Wei­se immer wie­der zu Wort, und sei es in der Form, dass es stolz dar­auf ist, eine spi­ri­tu­el­le Erfah­rung“ gemacht zu haben. Doch solan­ge da noch ein Ich ist, das eine Erfah­rung gemacht hat, sind wir noch nicht dort, wohin uns die­se Erfah­rung füh­ren will. Wenn das Wei­zen­korn nicht in die Erde fällt uns stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es rei­che Frucht“ (Joh 12,24). Fun­diert und gerahmt wer­den die ethi­sche Wei­sun­gen des Apos­tels vom Kon­zept der Ver­wand­lung, der Meta­mor­pho­se: Gleicht euch nicht die­ser Welt an, son­dern lasst euch ver­wan­deln (μεταμορφοῦσθε / trans­form­a­mi­ni) durch die Erneue­rung des Den­kens, damit ihr prü­fen und erken­nen könnt, was der Wil­le Got­tes ist: das Gute, Wohl­ge­fäl­li­ge und Voll­kom­me­ne“ (Röm 12,2). Die­ser allen Chris­ten gemein­sa­me Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess führt in der Gemein­de, in der Ein­heit des Lei­bes Chris­ti, zur Her­aus­bil­dung unter­schied­li­cher Gaben (Cha­ris­men): Jedem wird die Offen­ba­rung des Geis­tes geschenkt, damit sie ande­ren nützt“ (1 Kor 12,7). Der Weg der Ver­wand­lung ist ein lebens­lan­ger Pro­zess, in den die gan­ze Schöp­fung mit ein­be­zo­gen ist: Denn wir wis­sen, dass die gesam­te Schöp­fung bis zum heu­ti­gen Tag seufzt und in Geburts­we­hen liegt. Aber nicht nur das, son­dern auch wir, obwohl wir als Erst­lings­ga­be den Geist haben, auch wir seuf­zen in unse­rem Her­zen und war­ten dar­auf, dass wir mit der Erlö­sung unse­res Lei­bes als Söh­ne offen­bar wer­den. Denn auf Hoff­nung sind wir geret­tet“ (Röm 8,23).

4. Aus­wir­kun­gen der Transformation

Der von Pau­lus beschrie­be­ne Weg der Trans­for­ma­ti­on betrifft alle Berei­che des mensch­li­chen Lebens. Einer davon sind die Lei­den­schaf­ten. Wer in den Herr­schafts­be­reich Chris­ti gelangt, steht nicht mehr unter der Herr­schaft sei­ner Lei­den­schaf­ten: Denn als wir noch dem Fleisch ver­fal­len waren, wirk­ten sich die Lei­den­schaf­ten der Sün­den, die durch das Gesetzt her­vor­ge­ru­fen wur­den, so in unse­ren Glie­dern aus, dass wir dem Tod Frucht brach­ten“ (Röm 7,5). Die Begier­de ist die Ur-Sün­de des Men­schen. Sie führt ihn in eine inne­re Zer­ris­sen­heit, in die Ent­frem­dung von sei­nem wah­ren Selbst. Der Mensch wird Opfer und Täter zugleich: Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, son­dern das Böse, das ich nicht will, das voll­brin­ge ist. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der es bewirkt, son­dern die in mir woh­nen­de Sün­de. […] Ich elen­der Mensch! Wer wird mich aus die­sem dem Tod ver­fal­le­nen Leib erret­ten?“ (Röm 7,19f). Erneut wird die Ambi­va­lenz des durch die Sün­de kon­ta­mi­nier­ten mensch­li­chen Wil­lens deut­lich. Die Ret­tung aus einem tod­ge­weih­ten Leben hat Pau­lus selbst erfah­ren. Mit dem Aus­tritt aus dem Herr­schafts­be­reich der Lei­den­schaf­ten ist nicht die Gefühl­lo­sig­keit (Apa­thie) gemeint, son­dern die inne­rer Frei­heit, sich zu sei­nen Gefüh­len zu ver­hal­ten und sie aus der Ver­bin­dung mit Chris­tus (Röm 14,8) im Geis­te der Lie­be und einer recht ver­stan­de­nen Empa­thie zu leben: Freut euch mit den Fröh­li­chen und weint mit den Wei­nen­den!“ (Röm 12,15).

5. Wahr­heit und Methode

Die Ver­kün­di­gung des Apos­tels Pau­lus zielt dar­auf ab, die Adres­sa­ten (Gläu­bi­gen) in jene Chris­tus-Wirk­lich­keit („Gemein­schaft mit Chris­tus“) hin­ein­zu­füh­ren, die er selbst erfah­ren hat und aus der er lebt. Das ist der Weg der Erlö­sung: Denn Gott hat uns nicht für das Gericht sei­nes Zor­nes bestimmt, son­dern dafür, dass wir durch Jesus Chris­tus, unse­ren Herrn, die Ret­tung erlan­gen. Er ist für uns gestor­ben, damit wir ver­eint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schla­fen“ (1 Thess 5,9). Die Pro­ble­me, mit denen Pau­lus dabei zu kämp­fen hat­te, resul­tie­ren, wo sie ins Grund­sätz­li­che gehen (z. B. in 1 Kor 1 – 4), aus der Span­nung zwi­schen Glau­bens­in­halt und Glau­bens­voll­zug, aus der Span­nung zwi­schen einer irdi­schen“ und einer pneu­ma­ti­schen“ Gesin­nung (vgl. 1 Kor 3,1 – 4). Hier sto­ßen wir auf eine Leer­stel­le in der pau­li­ni­schen Theo­lo­gie, auf die Fra­ge nach einer Metho­de, mit deren Hil­fe Men­schen von einer irdi­schen in eine geis­ti­ge Gesin­nung geführt wer­den könn­ten. Pau­lus lei­det dar­un­ter, dass ihm dies nicht oder nur in sehr beschränk­tem Maße gelingt: Vor euch, Brü­der und Schwes­tern, konn­te ich aber nicht wie vor Geis­ter­füll­ten (ὡς πνευματικοῖς) reden; ihr wart noch irdisch (ὡς σαρκίνοις) ein­ge­stellt, unmün­di­ge Kin­der in Chris­tus. Milch gab ich euch zu trin­ken statt fes­ter Spei­se; denn die­se konn­tet ihr noch nicht ver­tra­gen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht; denn ihr seid immer noch irdisch ein­ge­stellt“ (1 Kor 3,1 – 3). Hier zeigt sich das Feh­len einer Metho­de, ein Pro­blem, mit dem der christ­li­che Glau­be auch heu­te noch zu kämp­fen hat. Pau­lus ent­wi­ckelt weder ein Sys­tem noch eine Metho­de, wie z. B. bestimm­te visio­nä­re Erfah­run­gen der himm­li­schen Welt her­vor­ge­ru­fen wer­den könn­ten. Auch macht er sich – etwa im Unter­schied zu Phi­lo – kei­ne theo­re­ti­schen Gedan­ken dar­über, unter wel­chen Bedin­gun­gen die visio­nä­re Erfah­rung der himm­li­schen Wirk­lich­keit mög­lich ist. Er ver­steht sich selbst nicht als Mys­t­ago­ge, der die Gläu­bi­gen zu bestimm­ten Erfah­run­gen anlei­tet. Eine Visi­on ist für ihn nicht Resul­tat geis­ti­gen Trai­nings, son­dern Gabe ent­spre­chend dem gött­li­chen Wil­len.“21

Aus vie­len Äuße­run­gen von Bischof Oster gewinnt man den Ein­druck, dass er vor einem ähn­li­chen Pro­blem steht: Die Tat­sa­che, dass die Kir­che in einer Kri­se ist, zu der auch wir als Ver­ant­wort­li­che unse­ren Teil dazu bei­tra­gen, hängt auch damit zusam­men, dass wir hilf­los sind im Blick auf die mög­li­chen Ant­wor­ten“ (155). Wir begeg­nen hier der Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Wahr­heit und Metho­de. Kann die Wahr­heit, von der ein Mensch in der mys­ti­schen Erfah­rung berührt und ver­wan­delt wird, im Rah­men einer metho­disch ange­leg­ten Übung erfasst wer­den, oder sto­ßen wir hier in einen Bereich vor, in der der Mensch nichts mehr machen kann? Damit ver­bun­den ist die Fra­ge, ob Mys­tik eine über die mensch­li­che Natur hin­aus­ge­hen­de oder – wie Karl Rah­ner annimmt – eine in der mensch­li­chen Natur ange­leg­te Gna­den­ga­be, ein über­na­tür­li­ches Exis­ten­zi­al“, ist. Anders gesagt: Ist Mys­tik grund­sätz­lich etwas für jeden Men­schen, für jeden Gläu­bi­gen, oder nur für eini­ge Aus­er­wähl­te? Das war eine der gro­ßen Streit­fra­gen, die bei der Wie­der­ent­de­ckung christ­li­cher Mys­tik im Rah­men der Reform­be­mü­hun­gen der Neu­scho­las­tik dis­ku­tiert wur­den.22 Wenn ich Bischof Oster recht ver­ste­he, ver­tritt er die Posi­ti­on von Augus­te Sau­d­reau (1859 – 1946), der sich auf Tho­mas von Aquin und Johan­nes vom Kreuz berief und der Ansicht war, dass alle Chris­ten zur mys­ti­schen Got­tes­be­geg­nung beru­fen sei­en. Nicht zuletzt der Titel die­ses Auf­sat­zes, ein Zitat von Ste­fan Oster, deu­tet dar­auf hin: Mein Inter­es­se ist, dass sie eine Erfah­rung machen.“ Soweit ich sehe, bezieht sich das sie“ auf alle (Gläu­bi­gen), nicht nur auf eini­ge weni­ge. Wenn das der Fall ist, stellt sich die Fra­ge nach einer Metho­de mit neu­er Dringlichkeit.

Hier schwä­chelt die christ­li­che Theo­lo­gie; oder, um eine ger­ne von Bischof Oster ver­wen­de­te Meta­pher auf­zu­grei­fen: Hier gibt es noch Luft nach oben“. Das Feh­len einer guten und wirk­lich wei­ter­füh­ren­den Metho­de im Bereich des geist­li­chen Lebens dürf­te einer der Grün­de sein, wes­halb sich vie­le spi­ri­tu­ell Suchen­de, Chris­ten wie Nicht-Chris­ten, in den Medi­ta­ti­ons­be­we­gun­gen, die in den spä­ten 1960er Jah­ren ein­setz­ten, dem Osten zuwand­ten. Auch Ste­fen Oster hat dort gesucht. Er war in Indi­en und hat sich für den Bud­dhis­mus inter­es­siert; doch was ihm dort, wie ihm spä­ter auf­ging, fehl­te, war ein Wis­sen um das Geheim­nis des Per­son-Seins“ (32f). Ein Brü­cken­bau­er, der das christ­li­che Defi­zit erkannt und am eige­nen Lei­be erfah­ren hat, war der Japan-Mis­sio­nar und Jesu­it Hugo M. Eno­mi­ya-Lass­alle (1898 – 1990). Über die Begeg­nung mit dem Zen-Bud­dhis­mus ent­deck­te er die christ­li­che Mys­tik für sich auf eine neue Wei­se; dabei wur­de ihm klar, was wir vom Zen ler­nen kön­nen. Eno­mi­ya-Las­sa­le, als Jesu­it gründ­lich aus­ge­bil­det in der katho­li­schen Neu­scho­las­tik, die hin­sicht­lich einer natür­li­chen Mys­tik“ weit­aus bes­ser ist als ihr Ruf, hat ein Leben lang mit die­ser Fra­ge gerun­gen. In zahl­rei­chen Kur­sen, die der Japan-Mis­sio­nar ab 1968 in Euro­pa gab, führ­te er spi­ri­tu­ell Suchen­de in die Zen-Medi­ta­ti­on ein. Eine Audi­enz bei Papst Paul VI. am 23. Okto­ber 1968 gab ihm die Gewiss­heit, daß sein Weg Raum in der Kir­che gefun­den hat­te.“23 Eno­mi­ya-Lass­alle weist auf Pro­ble­me und Defi­zi­te hin, mit denen auch Bischof Oster zu kämp­fen hat. Der Schlüs­sel zur Über­win­dung der Glau­bens­kri­se ist bei bei­den die Got­tes­er­fah­rung. Über Bischof Oster hin­aus­ge­hend ver­weist Eno­mi­ya-Lass­alle im Rück­griff auf die christ­li­che Mys­tik auf einen kon­kre­ten Übungs­weg, der sich in sei­nen wesent­li­chen Pha­sen metho­disch ver­mit­teln lässt:

Die Fra­ge ist nun: Gibt es auch eine christ­li­che Medi­ta­ti­on, die, wie das zazen, direkt auf die Erfah­rung des Abso­lu­ten abzielt? Das wür­de im Chris­ten­tum hei­ßen: auf die Erfah­rung Got­tes. Gewiß, auch die christ­li­che Medi­ta­ti­on, und zwar jede, geht schließ­lich auf das Abso­lu­te, auf Gott hin. Durch die Medi­ta­ti­on soll Gott immer bes­ser erkannt und als Per­son immer voll­kom­me­ner geliebt wer­den, wobei die Lie­be zum Nächs­ten wesent­lich ein­ge­schlos­sen ist. Das ist das Ziel aller christ­li­chen Asze­se. Aber es fragt sich, ob es im Chris­ten­tum nur eine Medi­ta­ti­on gibt, die Gott in der Wei­se zum Gegen­stand hat, daß sie über Gott nach­denkt, wie es gewöhn­lich geschieht. Oder ob es auch dort eine Medi­ta­ti­on gibt, die dar­auf aus­geht, zu einer intui­ti­ven und unmit­tel­ba­ren Got­tes­er­kennt­nis zu kommen.

Nach der Auf­fas­sung der meis­ten Theo­lo­gen ist es dem Men­schen frei­lich nicht mög­lich, in die­sem Leben zu einer voll­kom­me­nen intui­ti­ven Erkennt­nis Got­tes zu gelan­gen. Die visio bea­ti­fi­ca, die bese­li­gen­de Anschau­ung Got­tes, kann erst nach dem Tode stattfinden. […]

Trotz­dem spre­chen sowohl die Kir­chen­vä­ter als auch die Mys­ti­ker oft von einem Schau­en Got­tes, das, im Gegen­satz zu der auf dem Glau­ben beru­hen­den Got­tes­er­kennt­nis, auch expe­ri­men­tel­le Got­tes­er­kennt­nis [gemeint ist die cogni­tio Dei expe­ri­men­ta­lis“] genannt wird […]. Tat­säch­lich gibt es auch im christ­li­chen Bereich eine Medi­ta­ti­on, die die expe­ri­men­tel­le Got­tes­er­kennt­nis zum Ziel hat. […] Es ist eine Tat­sa­che, viel­leicht auch eine Fol­ge des wis­sen­schaft­li­chen Den­kens, daß der Mensch unse­rer Zeit weni­ger nach Wahr­heit, die bewie­sen wird, als nach Wirk­lich­keit sucht, die er erfah­ren kann. Auch im reli­giö­sen Bereich ist die­se Ein­stel­lung weit­ge­hend maß­geb­lich gewor­den. Der Mensch ver­langt nicht nach Bewei­sen, daß Gott ist, son­dern nach Got­tes-Erfah­rung. Theo­re­ti­sche Bewei­se beru­hi­gen ihn nicht. Noch vor gar nicht lan­ger Zeit hät­te man ein sol­ches Ver­lan­gen als Anma­ßung zurück­ge­wie­sen mit der Begrün­dung, daß die Got­tes­er­fah­rung eine beson­de­re Gna­de sei, die nicht jedem zuteil wird und über­dies, daß der Glau­be allein genü­ge. Die Fra­ge von der Mög­lich­keit der Got­tes-Erfah­rung in einem wei­te­ren als dem streng mys­ti­schen Raum muß von neu­em gestellt wer­den. Von ihrer Beant­wor­tung wird der Glau­be des heu­ti­gen Men­schen weit­ge­hend abhän­gig sein.“24

III. Reform, aber richtig

1. Der Pri­mat des Logos über das Ethos (Roma­no Guar­di­ni)25

Im drit­ten Teil des Inter­view-Ban­des, der unter der Über­schrift: Auf­bruch oder Kapi­tu­la­ti­on. Reform, aber rich­tig“ steht, kommt Bischof Oster erneut auf Pau­lus zu spre­chen. Osters Evan­ge­li­sie­rungs­mo­dell ist pau­li­nisch grun­diert. Zunächst geht es um einen aus der Begeg­nung mit Chris­tus in Gang gesetz­ten Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Eine fal­sche Iden­ti­tät geht zugrun­de und wird aus der gött­li­chen Wahr­heit her­aus als wah­re Iden­ti­tät neu gebo­ren. Der alte Mensch stirbt, der von der Sün­de befrei­te Mensch lebt für Gott in Chris­tus (Röm 6,11). Wenn also jemand in Chris­tus ist, dann ist er eine neue Schöp­fung: Das Alte ist ver­gan­gen, sie­he, Neu­es ist gewor­den“ (2 Kor 5,17). Aus dem ver­än­der­te Sein folgt ein neu­es Han­deln: Age­re sequi­tur esse. Die­se Rei­hen­fol­ge gilt es zu beach­ten; Grund und Fol­ge dür­fen nicht ver­tauscht wer­den. Die guten Früch­te stam­men von einem guten Baum (Mt 7,17). Die pri­mä­re Fra­ge lau­tet also nicht: Wie kann ich Gutes tun?“, son­dern: Wie kann ich gut wer­den, damit ich Gutes tue?“ Wird die­se Rei­hen­fol­ge ver­kehrt, gera­ten der christ­li­che Glau­be und die christ­li­che Anthro­po­lo­gie in eine Schief­la­ge. Offen bleibt die Fra­ge nach einer Metho­de. Zwar gibt Pau­lus in sei­nen Brie­fen nir­gends eine metho­di­sche Anlei­tung, wie mys­ti­sche Erfah­run­gen vor­be­rei­tet oder her­bei­ge­führt wer­den kön­nen. […] Den­noch ist an meh­re­ren Stel­len deut­lich, daß in den Gemein­den die pneu­ma­ti­schen Erfah­run­gen gepflegt wur­den. Pneu­ma­ti­sche Unter­wei­sung wur­de nicht allein vom Geist selbst erwar­tet (1 Kor 2,12f; Röm 8,16), son­dern fand auch durch in die­sen Din­gen erfah­re­ne Gemein­de­mit­glie­der statt (1 Kor 2,6f.13b; 3,1; 12,1; Unter­schei­dung der Geis­ter‘). Pau­lus for­dert dazu auf, sich um die ent­spre­chen­den Cha­ris­men mit Eifer zu bemü­hen (1 Kor 12,31; 14,1.39) und sie kei­nes­falls zu behin­dern (1 Thess 5,19f; 1 Kor 14,39). Das alles deu­tet dar­auf hin, daß Auf­ge­schlos­sen­heit gegen­über mys­ti­schen Erfah­run­gen das Kli­ma der pau­li­ni­schen Gemein­den bestimm­te.“26

Vor dem Hin­ter­grund der Prio­ri­tät des Seins vor dem Sol­len ist fol­gen­de poin­tier­te Aus­sa­ge Osters zu verstehen:

Inter­es­sant ist dabei, wie der Apos­tel Pau­lus mis­sio­niert hat. Dem ging es nicht zuerst dar­um zu fra­gen: Wie küm­me­re ich mich um Flücht­lin­ge? Wie küm­me­re ich mich um Kran­ke? Wie küm­me­re ich mich um Behin­der­te? Wie mache ich ein Kran­ken­haus auf? Pau­lus ging es eigent­lich aus­schließ­lich nur um: Ich will, dass ihr Chris­tus erkennt, ihm begeg­net, mit ihm ein neu­es Leben anfangt. Alles ande­re Auf­ge­zähl­te ist gut und wich­tig, aber die ech­te christ­li­che Befä­hi­gung zu allem ande­ren folgt aus der Prio­ri­tät der tie­fen Chris­tus-Erkennt­nis (121).

Wer die Brie­fe des Apos­tels Pau­lus unvor­ein­ge­nom­men liest, kann dem nur zustim­men. Natür­lich ist dem Apos­tel auch die Sor­ge für die Armen ein gro­ßes Anlie­gen. Mit aller Kraft bemüh­te er sich unter sei­nen Gemein­den um die Kol­lek­te für die juden­christ­li­che Gemein­de in Jeru­sa­lem. Ob dabei die mate­ri­el­le Not der Gläu­bi­gen in Jeru­sa­lem oder der Gesichts­punkt der Gemein­schaft im ange­spann­ten Ver­hält­nis zwi­schen den pau­li­ni­schen Gemein­den und der juden­christ­li­chen Gemein­de in Jeru­sa­lem im Vor­der­grund stand, ist in der For­schung umstrit­ten. Unum­strit­ten ist aller­dings, dass sich die von Pau­lus orga­ni­sier­te Kol­lek­te im Rah­men des Ordo amo­ris bewegt: Es geht um die Not der Brü­der und Schwes­tern im Glau­ben, um ein Hilfs­werk für die Hei­li­gen“ (2 Kor 9,1). Pau­lus unter­schei­det zwi­schen dem unbe­grenzt guten Wil­len und der ihre Gren­zen beach­ten­den guten Tat: Wenn näm­lich der gute Wil­le da ist, dann ist jeder will­kom­men mit dem, was er hat, und man fragt nicht nach dem, was er nicht hat. Denn es geht nicht dar­um, dass ihr in Not gera­tet, indem ihr ande­ren helft; es geht um einen Aus­gleich. Im Augen­blick soll euer Über­fluss ihrem Man­gel abhel­fen, damit auch ihr Über­fluss ein­mal eurem Man­gel abhilft. So soll ein Aus­gleich ent­ste­hen“ (2 Kor 8,12 – 14).

2. Got­tes­lie­be und Nächstenliebe

Unum­strit­ten ist also, dass die Lie­be zum Nächs­ten (Lev 19,18), wozu auch der Frem­de gehört, der sich bei euch auf­hält“ (Lev 19,34), im Rah­men des Ordo amo­ris zum Kern des christ­li­chen Glau­bens gehört. Und doch steht die Lie­be zum Nächs­ten nicht an ers­ter Stel­le. Es gibt eine Rei­hen­fol­ge unter den Gebo­ten. An ers­ter Stel­le steht die Got­tes­lie­be, an zwei­ter Stel­le kommt das Gebot der Nächs­ten­lie­be hin­zu. Die­se im Deka­log ange­leg­te Rei­hen­fol­ge wird von Jesus aus­drück­lich bestä­tigt: Ein Schrift­ge­lehr­ter hat­te ihrem Streit zuge­hört; und da er bemerkt hat­te, wie tref­fend Jesus ihnen ant­wor­te­te, ging er zu ihm hin und frag­te ihn: Wel­ches Gebot ist das ers­te von allen? Jesus ant­wor­te­te: Das ers­te ist (πρώτη ἐστίν): Höre, Isra­el, der Herr, unser Gott, ist der ein­zi­ge Herr. Dar­um sollst du den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben mit gan­zem Her­zen und gan­zer See­le, mit dei­nem gan­zen Den­ken und mit dei­ner gan­zen Kraft. Als zwei­tes kommt hin­zu (δευτέρα αὕτη): Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben wie dich selbst. Kein ande­res Gebot ist grö­ßer als die­se bei­den“ (Mk 12,28 – 31). Orig­e­nes hat die Dif­fe­ren­zen der bei­den Gebo­te sorg­fäl­tig stu­diert und die unter­schied­li­chen Maß­an­ga­ben für die Art der gebo­te­nen Lie­be aus­ge­wer­tet – ein Gedan­ke, der uns heu­te völ­lig fremd gewor­den ist. In einer sei­ner Pre­dig­ten zum Lukas­evan­ge­li­um sagt er: Selbst Lie­be (dil­ec­tio) ist nicht ohne Gefahr: sie kann maß­los wer­den. Wer jeman­den liebt, darf die Natur und die Moti­ve der Lie­be nicht aus den Augen ver­lie­ren und soll­te den Part­ner nicht mehr lie­ben (dili­ge­re), als er es ver­dient. […] Man muss auch der Lie­be Zügel anle­gen und darf ihr nicht erlau­ben, so frei aus­zu­schwei­fen, dass sie schließ­lich in einen jähen Abgrund stürzt. […] Lie­be kei­nen Men­schen aus dei­nem gan­zen Her­zen, aus dei­ner gan­zen See­le, aus dei­ner gan­zen Kraft, kei­nen Engel aus dei­nem gan­zen Her­zen, aus dei­ner gan­zen See­le, aus dei­ner gan­zen Kraft‘, son­dern hal­te die­ses Gebot nach dem Wort des Hei­lands in bezug auf Gott allein.“27 Gott liebt alles, was er geschaf­fen hat (vgl. Weish 11,24), doch er liebt auf unter­schied­li­che Wei­se. Den Pha­rao liebt er nicht in der glei­chen Art und Wei­se (simi­li­ter) wie Mose und Aaron. Beim Men­schen, so Orig­e­nes, sind zwei For­men der Lie­be zu unter­schei­den: die Lie­be zu Gott und die Lie­be zum Nächs­ten. Die Lie­be zu Gott ist ohne Maß: Denn in Chris­tus Jesus ist Gott zu lie­ben mit gan­zem Her­zen, mit gan­zer See­le und mit allen Kräf­ten“ (Dtn 6,5; Lk 10,27). Die Lie­be zum Nächs­ten aber hat ein Maß: Dei­nen Nächs­ten sollst du lie­ben wie dich selbst“ (Lev 19,18). Und bei der Lie­be zum Feind wird ohne nähe­re Anga­be gesagt: Lie­bet eure Fein­de“ (Mt 5,44). Gott ver­langt vom Men­schen nichts Unmögliches.

Seit Augus­ti­nus gel­ten die ers­ten drei Gebo­te des Deka­logs als Gebo­te der Got­tes­lie­be (Fremd­göt­ter­ver­bot, Namens­miss­brauch­ver­bot, Sab­bat­ge­bot); allein vom Text­be­stand umfas­sen sie rund 75% des Deka­log-Tex­tes. An zwei­ter Stel­le ste­hen die Gebo­te vier bis zehn als Gebo­te der Nächs­ten­lie­be. In der Öffent­lich­keit beob­ach­ten wir seit eini­gen Jah­ren eine eigen­ar­ti­ge Ver­dre­hung: Die Gebo­te der zwei­ten Deka­log-Tafel rücken auf die ers­te Tafel, und das Haupt­ge­bot der Got­tes­lie­be rückt an die zwei­te Stel­le und wird gewöhn­lich gar nicht mehr erwähnt, weil man gar nicht mehr weiß, was das sein soll: Gott um sei­ner selbst wil­len zu lie­ben. So ent­steht eine eigen­ar­tig ver­zerr­te Dar­stel­lung des christ­li­chen Glau­bens in der Öffent­lich­keit und zum Teil sogar in der Kir­che, die es eigent­lich bes­ser wis­sen müss­te. Die­se sub­ti­le und von vie­len nicht bemerk­te Ver­schie­bung in der Rei­hen­fol­ge der Gebo­te hat, lang­fris­tig gese­hen, gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen: Der Glau­be ver­liert den Kon­takt zur Quel­le. Dem ver­sucht Bischof Oster entgegenzusteuern:

Aber ist es nicht so, dass wir einer­seits alle die­se sozia­len Din­ge tun – und gleich­zei­tig Gefahr lau­fen, unse­re Sub­stanz zu ver­lie­ren? Wenn ich höre, wie vie­le Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen wir machen – wo geht es dar­in wirk­lich um den Kern des Evan­ge­li­ums? Wer glaubt noch, dass Chris­tus wirk­lich gegen­wär­tig ist und sich in der Eucha­ris­tie der Welt ein­ver­wan­delt? Wer glaubt noch, dass, wenn er im Got­tes­dienst war, sich dadurch sein Leben ver­wan­deln soll und kann? Und wenn sich immer mehr Men­schen mit einem sol­chen Glau­ben schwer­tun, auch inner­kirch­lich, stellt sich die Fra­ge: Hal­ten wir nur mehr einen Betrieb auf­recht, der von innen her hoh­ler und hoh­ler wird – und sich am Ende von einer x‑beliebigen sozia­len Orga­ni­sa­ti­on nicht mehr unter­schei­det? (121)

3. Got­tes­lie­be – wie geht das?

Dass das Gebot der Got­tes­lie­be von der ers­ten an die zwei­te Stel­le gerückt und unter fer­ner lie­fen“ weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist, dürf­te nicht zuletzt damit zusam­men­hän­gen, dass wir in Kir­che und Theo­lo­gie gar nicht mehr recht wis­sen, wie das eigent­lich geht: Gott um sei­ner selbst wil­len zu lie­ben. Ich kann doch Gott, der unsicht­bar ist, nur so lie­ben, dass ich mei­nen Nächs­ten, den ich sehe, lie­be und ihm Gutes tue“, ist oft zu hören. Damit berüh­ren wir den Kern der Glau­bens­kri­se, die letzt­lich eine spi­ri­tu­el­le Kri­se ist. Vor eini­ger Zeit traf ich einen jun­gen Intel­lek­tu­el­len, der sich in die soge­nann­te Alte Mes­se ver­irrt hat­te und mir erzähl­te, so etwas habe er noch nie erlebt: Da ging es die gan­ze Zeit nur um Gott!“ Ich muss­te schmun­zeln. Soll­te es nicht in jedem Got­tes­dienst so sein?

Wenn wir kri­tisch auf die Gebets- und Got­tes­dienst­pra­xis der Kir­che und ihrer Gläu­bi­gen schau­en, müs­sen wir nüch­tern fest­stel­len, dass unse­re Gebe­te fast immer auf einen Zweck hin aus­ge­rich­tet sind: Wir bit­ten Gott, er möge uns Gutes tun, er möge die Not der Welt lin­dern und unse­re Her­zen für die Anlie­gen unse­rer Mit­men­schen öff­nen. Dage­gen ist zunächst ein­mal nichts ein­zu­wen­den. Das Bitt­ge­bet steht in einer breit bezeug­ten Tra­di­ti­on; es ist biblisch und zutiefst mensch­lich. Pro­ble­ma­tisch wird es jedoch dann, wenn ande­re For­men des Gebe­tes nicht mehr bekannt sind und nicht mehr prak­ti­ziert wer­den. Eine Häre­sie besteht bekannt­lich – ent­spre­chend der Grund­be­deu­tung des Wor­tes αἱρέομαι wäh­len, aus­wäh­len, lie­ber tun, bevor­zu­gen“ – nicht dar­in, dass ein Satz aus der Hei­li­gen Schrift falsch ist, son­dern dar­in, dass er aus dem Zusam­men­hang her­aus­ge­nom­men und ohne Berück­sich­ti­gung des Kon­tex­tes, in dem er über­lie­fert ist, inter­pre­tiert wird. Außer Acht gelas­sen wird dabei die Ein­heit der Schrift (unitas scrip­turae). Ähn­li­ches gilt für die reli­giö­se Pra­xis. Wenn das Bitt­ge­bet als ein­zi­ge Form des Gebe­tes prak­ti­ziert wird, gerät der Glau­be gemäß der Regel lex oran­di, lex cre­den­di in eine Schief­la­ge. Unse­re gan­ze Hoff­nung rich­tet sich dann dar­auf, dass Gott unse­re Bit­ten erhört; und wenn er es nicht tut, sind wir ent­täuscht und wer­den unwil­lig; eini­ge Rich­tun­gen der Theo­lo­gie bestär­ken unse­ren Unwil­len, indem sie uns erklä­ren, Gott habe sich zurück­ge­zo­gen und schwei­ge; doch die Fra­ge, war­um er denn schweigt, wird gar nicht mehr gestellt. In der zwi­schen­mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on kön­nen wir beob­ach­ten, dass Men­schen ver­stum­men, wenn ihr Gegen­über unun­ter­bro­chen redet. Gott scheint sich ähn­lich zu ver­hal­ten. Soll Gott wahr­haft spre­chen, so müs­sen alle Kräf­te schwei­gen. Nicht um ein Tun geht es, son­dern um ein Nicht­tun.“ Die­ses Wort des Domi­ni­ka­ners und bedeu­ten­den Leh­rers des geist­li­chen Lebens, Johan­nes Tau­ler (1300 – 1361), kann eine Wen­de ein­lei­ten.28

Soll die Glau­bens­kri­se über­wun­den wer­den, bedarf es einer tief­grei­fen­den Neu­aus­rich­tung. Dar­um geht es vor allem im aus­führ­li­chen drit­ten Teil des Inter­view-Ban­des. Ich kann den Gedan­ken und Anre­gun­gen des Bischofs nur zustim­men und möch­te eini­ge davon zitie­ren und mit weni­gen Wor­ten kom­men­tie­ren. Der Bischof ver­weist zustim­mend auf das viel zitier­te Wort Karl Rah­ners: Der Christ der Zukunft wird ein Mys­ti­ker sein – oder er wird nicht mehr sein“ und kom­men­tiert es mit den Wor­ten: Er wird also einer sein, der Erfah­rung gemacht hat“ (126). Aus den bis­he­ri­gen Aus­füh­run­gen wird deut­lich, um wel­che Art von Erfah­rung es sich dabei han­delt. Im Letz­ten kann man die­se Erfah­rung jedoch nicht machen. Wohl jedoch, und das ist der ent­schei­den­de Punkt, kann man sich für die­se Erfah­rung dis­po­nie­ren. Bereits das Dis­po­nie­ren, das vor­be­halt­lo­se Sich-Aus­rich­ten auf die ver­bor­ge­ne Wirk­lich­keit Got­tes, setzt den genann­ten Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess in Gang. Damit betre­ten wir das Feld der geis­ti­gen Übung. Die­se gilt es in der Brei­te des kirch­li­chen Lebens neu zu ent­de­cken. Dazu möch­te ich am Ende mei­nes Bei­trags einen Vor­schlag unter­brei­ten. Doch hören wir zunächst wei­te­re Äuße­run­gen Osters aus dem Inter­view, in denen er Wege benennt, die nicht weiterführen.

4. Bischofs­kon­fe­renz

Oster wirft einen nüch­ter­nen und rea­lis­ti­schen Blick auf die Mög­lich­kei­ten der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz. Das ist wich­tig, um kei­ne fal­schen Erwar­tun­gen zu schüren:

Aber die wich­tigs­ten Impul­se, die wir in Rich­tung einer Erneue­rung der Kir­che erwar­ten kön­nen, die erwar­te ich nicht von der Bischofs­kon­fe­renz. Ich fah­re von dort nach Hau­se und habe den Ein­druck: Wir haben man­ches bespro­chen, was wich­tig ist, aber für ganz zen­tra­le Kern­fra­gen erwar­te ich mir von dort kei­ne Lösung. Es ist ein Arbeits­gre­mi­um, aber nicht ein Gre­mi­um, in dem wir wirk­lich in eine gemein­sa­me Tie­fe kom­men, aus der her­aus dann so etwas wie Erneue­rung von kirch­li­chem Leben initi­iert wer­den könn­te. Ich weiß aber auch nicht, ob es das schon ein­mal war (157).

5. Alte und neue Schu­len des Glau­bens: Fami­lie, Schu­le, Universität

Fami­lie und Schu­le fal­len als auf­ein­an­der auf­bau­en­de Orte der Glau­bens­ver­mitt­lung weit­ge­hen aus. Peter See­wald: Heu­te sind gan­ze Eltern­ge­nera­tio­nen schon nicht mehr in der Lage, ihren Kin­dern auch nur die Grund­zü­ge des Chris­ten­tums zu ver­mit­teln. Jugend­li­che haben so viel Reli­gi­ons­un­ter­richt wie noch nie, in der Regel neun Jah­re lang, am Ende jedoch wis­sen die meis­ten nur rudi­men­tär etwas über jenen Glau­ben, auf den sie getauft wur­den. All dies geschieht unter der Auf­sicht der Bis­tü­mer, die bekannt­lich die Reli­gi­ons­leh­rer beauf­tra­gen. Dazu Ste­fan Oster:

Sie spre­chen einen Miss­stand an, dem nicht so ein­fach bei­zu­kom­men ist. Auch Reli­gi­ons­leh­rer sind Kin­der der säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft. […] Aber sol­che jun­gen Leu­te sind dann nach fünf Jah­ren Stu­di­um mit katho­li­scher Reli­gi­on im Neben­fach am Ende den­noch nicht unbe­dingt Zeu­gin­nen und Zeu­gen des Glau­bens, son­dern manch­mal genau­so ver­wirrt oder her­aus­ge­for­dert oder zwei­felnd wie vie­le ande­re auch, übri­gens auch wie vie­le soge­nann­te Voll­theo­lo­gen nach dem Stu­di­um. Denn eine aka­de­mi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit theo­lo­gi­schen Inhal­ten setzt ja im Grun­de schon ein eige­nes Glau­bens­fun­da­ment vor­aus. Andern­falls kann es erst recht zur grö­ße­ren Unsi­cher­hei­ten beitragen.

Aber gleich­zei­tig dür­fen wir nicht mei­nen, der Reli­gi­ons­un­ter­richt ersetzt das, was beson­ders die Fami­lie ver­säumt hat. Denn dass eine fami­liä­re Glau­bens­bil­dung nicht mehr statt­fin­det, oder nur noch ganz sel­ten, ist das eigent­lich Gravierende. 

Da Fami­lie und Schu­le als Orte der Glau­bens­ver­mitt­lung weit­ge­hend aus­fal­len, ergibt sich die Not­wen­dig­keit einer Suche nach neu­en Schu­len des Glau­bens“. Peter See­wald fragt: Wie sol­len die denn aus­se­hen? Dazu Ste­fan Oster:

Man­che For­men wären noch zu fin­den, man­ches gibt es schon. Für mich ist klar, dass hier intel­lek­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zung mit geist­li­cher Erfah­rung ver­bun­den sein soll­te. Wir brau­chen Orte, in denen einer­seits Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on statt­fin­det und gleich­zei­tig ein Ein­tau­chen in Erfah­rungs­räu­me mög­lich ist. Die Sache ist: Wis­sen auch die aus­ge­bil­de­ten Glau­bens­ver­mitt­ler noch, was wir glauben?

Die aka­de­mi­sche Theo­lo­gie ist und bleibt für den Pro­zess der Erneue­rung wich­tig und not­wen­dig; sie ver­harrt jedoch gewöhn­lich in der distan­zier­ten Beob­ach­ter-Per­spek­ti­ve, blen­det den trans­for­ma­ti­ven Cha­rak­ter der christ­li­chen Bot­schaft weit­ge­hend aus und führt im Grun­de nicht wirk­lich in den Glau­ben ein. Oster plä­diert für ein chris­to­lo­gi­sches Ver­ständ­nis der Hei­li­gen Schrift, die als Ein­heit zu lesen ist und kri­ti­siert eine radi­kal plu­ra­li­sie­ren­de Bibellektüre:

Aber der Schlüs­sel, die Hei­li­ge Schrift von vorn bis hin­ten lesen und ver­ste­hen zu kön­nen, ist Jesus selbst. Die gan­ze Schrift läuft auf Jesus zu, auf sei­ne Hin­ga­be, sei­ne Lie­be, sein Lebens­op­fer. Ich muss sie gewis­ser­ma­ßen mit Kreuz und Auf­er­ste­hung lesen. Hier zeigt sich die abso­lu­te Lie­be, die sich ver­schenkt – die aber zugleich auch eine Ant­wort von uns fordert.

Ich will auch hier kei­ne Gene­ral­schel­te betrei­ben, aber vie­les im heu­ti­gen aka­de­mi­schen Stu­di­um ist eher dazu geeig­net, dass sich die Stu­die­ren­den Jesus vom Leib hal­ten kön­nen. Nach dem Mot­to: Ich kann mit dem Text so oder auch anders umge­hen, kann die Per­spek­ti­ve belie­big ver­än­dern, die Ergeb­nis­se noch ein­mal in den reli­gi­ons­kri­ti­schen Ver­gleich brin­gen und so wei­ter. All das hilft mir, Herr des Ver­fah­rens zu blei­ben. Aber es dient nicht dazu, mich wirk­lich von Jesus berüh­ren zu las­sen. Und nicht dazu, vom Wort Got­tes über­führt und ver­wan­delt zu wer­den (128).

Eine Her­aus­for­de­rung eige­ner Art und eine offe­ne Fra­ge lau­tet: Kann man Men­schen in eine sol­che Erfah­rung hin­ein­füh­ren? Und wenn ja, wie soll das gehen?

Christ­li­che Iden­ti­tät wächst also durch Erfah­rung und durch Wis­sen, nicht zuletzt durch den Hei­li­gen Geist. Aber wie geht das, dass Men­schen wie­der ihre gläu­bi­ge Iden­ti­tät fin­den? Mein Ant­wort ist […]: Wir müs­sen Erfah­rungs­räu­me eröff­nen, in denen Men­schen etwas erfah­ren und eine geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Glau­ben füh­ren kön­nen, um wie­der zu ver­ste­hen, was und vor allem wem wir da eigent­lich glau­ben (108).

6. Seel­sorg­li­che Kompetenz

Eine wich­ti­ge Rol­le in dem von Bischof Oster ange­ziel­ten Erneue­rungs­pro­zess spie­len die­je­ni­gen, die in der Kir­che Ver­ant­wor­tung tra­gen, die Pries­ter und die Haupt­amt­li­chen, vor allem die­je­ni­gen, die in der Seel­sor­ge tätig sind. Sie wei­sen zahl­rei­che Kom­pe­ten­zen auf, die anzu­er­ken­nen sind. Doch für die ange­streb­te Erneue­rung sind Kom­pe­ten­zen gefragt, die in der aktu­el­len Seel­sor­ge nur sel­ten anzu­tref­fen sind:

Wir spü­ren heu­te, dass die Volks­kir­che dabei ist, zu ver­schwin­den. Wir spü­ren, dass es stär­ker um Ent­schei­dungs­chris­ten­tum gehen wird. Aber unse­re Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter wis­sen noch zu wenig, wie sol­che Ent­schei­dungs­pro­zes­se unter den Bedin­gun­gen der Post­mo­der­ne eigent­lich ablau­fen, wie sie initi­iert und beglei­tet wer­den kön­nen. Die Fra­ge: Wer ist ein Christ?“ oder Wie wird man über­haupt Christ?“ steht im Raum, und wir haben dar­auf kei­ne Ant­wort, die all­ge­mein akzep­tiert ist (120).

Wir brau­chen neue Ant­wor­ten für die neue Zeit. Kein ande­res Evan­ge­li­um, aber neue For­men, das Evan­ge­li­um ken­nen­zu­ler­nen. Die Kir­che braucht Men­schen, die bren­nen. Die ihren Glau­ben inten­siv durch­drun­gen und ver­stan­den haben. Die ihn ande­ren mit­tei­len und gleich­zei­tig neue Räu­me eröff­nen kön­nen. Der Glau­be kris­tal­li­siert sich immer an Per­so­nen. Und mei­ne Fra­ge ist heu­te: Wie bil­den wir Pries­ter­amts­kan­di­da­ten und Haupt­amt­li­che in der Kir­che so aus, dass sie sol­che Evan­ge­li­sie­rer wer­den – und nicht ein­fach erneut Mit­ar­bei­ter, die die bis­her bekann­ten Struk­tu­ren bedie­nen – und nicht mehr (127).

Ich den­ke, das geist­li­che Niveau einer Pfar­rei oder einer kirch­li­chen Gemein­schaft hängt nicht nur, aber auch sehr deut­lich vom geist­li­chen Level des Lei­ters ab (130).

7. Geis­ti­ge Übungen

Wenn der christ­li­che Glau­be im Kern als ein Weg der Wand­lung zu ver­ste­hen ist, der nicht ohne die Mit­wir­kung des Men­schen gegan­gen wer­den kann, stellt sich die Fra­ge, was auf Sei­ten des Men­schen zu tun ist, um auf die­sem Weg vor­an­zu­schrei­ten, genau­er: um erst ein­mal auf die­sen Weg zu kom­men. Die Ant­wort lau­tet: Wir müs­sen üben. Der christ­li­che Glau­be ist im Grun­de ein Exer­zi­ti­um, eine Übung. Die Übung besteht dar­in, immer tie­fer in die Chris­tus-Wirk­lich­keit hin­ein­zu­wach­sen; letzt­lich: eins mit ihm zu wer­den. Die christ­li­che Tra­di­ti­on bie­tet uns dabei eine Fül­le an Hil­fen an: die Lesung der Hei­li­gen Schrift, die Medi­ta­ti­on, das Gebet, die Kon­tem­pla­ti­on, den Emp­fang der Sakra­men­te, die guten Wer­ke, die leib­li­chen eben­so wie die geis­ti­gen. Wo der christ­li­che Glau­be nicht mehr als ein Weg der Übung und der Wand­lung ver­stan­den wird, droht er ent­we­der in einem ober­fläch­li­chen Mora­lis­mus zu ver­san­den oder an Über­for­de­rung zu ersti­cken. Wird jedoch das Evan­ge­li­um als das ange­nom­men, was es ist, erweist es sich als eine Kraft (δύναμις) Got­tes zur Ret­tung für jeden, der glaubt“ (Röm 1,16). Die Fra­ge lau­tet: Wie geht die­se Annahme?

8. Lec­tio divina

Erneut sto­ßen wir auf die Fra­ge nach der Metho­de. Schau­en wir noch ein­mal kurz auf das Bitt­ge­bet, die ora­tio. Das klas­si­sche Modell christ­li­cher Spi­ri­tua­li­tät, in dem sich eine tau­send­jäh­ri­ge Geschich­te ver­dich­tet hat, geht auf den Kar­täu­ser Gui­go II. zurück und stammt aus der Mit­te des 12. Jh.s. Dar­in spielt das Bitt­ge­bet eine wich­ti­ge Rol­le, jedoch nicht iso­liert, son­dern ein­ge­bun­den in eine dyna­mi­sche Abfol­ge geis­ti­ger Übun­gen, die von­ein­an­der zu unter­schei­den, jedoch nicht zu tren­nen sind. In den von Gui­go II. ver­fass­ten Brief über das kon­tem­pla­ti­ve Leben, der soge­nann­ten Sca­la Claus­tra­li­um, heißt es:

Als ich eines Tages bei der Hand­ar­beit war, fing ich an, über die geist­li­chen Übun­gen des Men­schen nach­zu­den­ken. Da kamen mir plötz­lich vier geist­li­che Stu­fen in den Sinn: Lesung, Medi­ta­ti­on, Gebet, Kon­tem­pla­ti­on. Das ist die Lei­ter, auf der die Mön­che zum Him­mel aufsteigen.

Die Lesung (lec­tio) ist das eif­ri­ge Stu­di­um der Hei­li­gen Schrift mit wach­sa­mem Geist.

Die Medi­ta­ti­on (medi­ta­tio) ist eine Ver­stan­des­tä­tig­keit, um mit Hil­fe der eige­nen Ver­nunft eine ver­bor­ge­ne Wahr­heit zu entdecken.

Das Gebet (ora­tio) ist eine andäch­ti­ge Hin­wen­dung des Her­zens zu Gott, um von Übeln befreit zu wer­den und Gutes zu erlangen.

Die Kon­tem­pla­ti­on (con­tem­pla­tio) ist die Erhe­bung der von Gott ergrif­fe­nen See­le, die einen Vor­ge­schmack der ewi­gen Freu­den genießt

In sei­nem dies­jäh­ri­gen Hir­ten­brief zu Beginn der Fas­ten­zeit hat Bischof Oster die­ses Modell den Gläu­bi­gen ans Herz gelegt. Deut­lich erkenn­bar in sei­nen Aus­füh­run­gen sind das Lesen der Hei­li­gen Schrift (lec­tio), die Betrach­tung (medi­ta­tio) und das Gebet (ora­tio); ein­ge­bun­den ist das Gan­ze in die Lie­be, in das Tun des Guten, die ope­ra­tio, die Hugo von Sankt Vik­tor dem Modell hin­zu­ge­fügt hat; eine kon­tem­pla­ti­ve Atmo­sphä­re ist spürbar:

Des­halb, lie­be Schwes­tern und Brü­der, möch­te ich Sie ein­la­den, in die­ser Fas­ten­zeit Qua­li­täts­zeit“ mit Gott zu reser­vie­ren. Am bes­ten jeden Tag. Viel­leicht sind Sie dar­in bereits geübt und haben Ihre Form dafür gefun­den. Wenn es für Sie aber neu ist, begin­nen Sie mit zehn, viel­leicht fünf­zehn Minuten.

Sehr geeig­net ist die Zeit nach dem Auf­ste­hen oder vor dem Schla­fen­ge­hen: Set­zen Sie sich zum Bei­spiel vor ein Kreuz oder vor eine Jesus-Iko­ne, machen Sie ein Kreuz­zei­chen und bit­ten Sie Jesus um sei­nen Geist. Wer­den Sie still vor Ihm und las­sen Sie inner­lich Sei­nen Blick auf sich ruhen. Ich bin sicher, dass es ein Blick vol­ler Lie­be ist; ein Blick eines Freun­des, der Sie schon lan­ge erwar­tet hat. Er ist da. Er ist sogar viel gegen­wär­ti­ger als wir, die wir so oft nicht im Hier und Jetzt leben. Es ist Sei­ne Gegen­wart, die uns trägt, die uns Leben gibt und ohne die wir nicht ein­mal atmen könn­ten. Viel­leicht ach­ten Sie auch ein wenig auf Ihren Atem, um ruhig zu werden.

Dann lesen Sie einen kur­zen Aus­schnitt aus einem Evan­ge­li­um. Lesen Sie ihn so, als wäre es ein Brief, der an Sie gerich­tet ist. Ein Brief, in dem Jesus Ihnen etwas mit­tei­len will. Las­sen Sie den Text auf sich wir­ken, indem Sie mit Ihrer Vor­stel­lung in die­se Sze­ne ein­tau­chen, die erzählt wird – ohne viel zu ana­ly­sie­ren oder nach­zu­den­ken. Ein­fach da sein, offen sein, wahr­neh­men. Was pas­siert in der Sze­ne? Was sagt Jesus? Wie spricht oder han­delt er? Berührt es mich, sagt es mir etwas? Viel­leicht blei­be ich ja an einem Punkt hän­gen, an einem Wort, einem Satz – und las­se das noch etwas auf mich wirken.

Dann lege ich den Text wie­der weg – und begin­ne ein Gespräch mit dem Herrn. Ich dan­ke ihm, ich sage ihm, was mich ange­spro­chen hat. Und viel­leicht sage ich Ihm auch, was an die­sem Tag auf mich war­tet oder was an die­sem Tag pas­siert ist. Ich dan­ke ihm für Ereig­nis­se und Begeg­nun­gen, für Men­schen, die mir wich­tig sind; oder ich brin­ge ihm die, deren Not ich ken­ne. Ich brin­ge ihm mei­ne Anlie­gen – für die­se Men­schen, für mich selbst.

Ich blei­be noch einen Moment in der Stil­le und schlie­ße mit einem Vater Unser ab, bei dem ich inner­lich mit­den­ke, was ich da sage. Ich bete ein Gegrü­ßet seist Du, Maria“ und bit­te auch die Got­tes­mut­ter, mit mir zu sein. Ich mache das Kreuz­zei­chen und bit­te dabei um Got­tes Segen – dann gehe ich in den Tag oder ich gehe schla­fen. Qua­li­täts­zeit“ mit Jesus – so oder so ähn­lich oder auch ganz anders – nach Ihrer per­sön­li­chen Form.

Abschlie­ßen möch­te ich mit einem Wort von Micha­el Casey (OCSO), der eine wun­der­ba­re Ein­füh­rung in die Kunst der geist­li­chen Lesung geschrie­ben hat: 

Gott rich­tet sein Wort zu unse­rem Heil an uns. Wir ver­ges­sen manch­mal gern, dass sei­ne Heils­ga­be unse­rer eige­nen Wahr­neh­mung und Erwar­tung zuwi­der­läuft. Nur wenn wir bereit sind, uns von ihm füh­ren zu las­sen, kön­nen wir sein Heil anneh­men. […] Wir sind wie ein Schü­ler, der zu sei­nem Meis­ter kommt und bereit ist anzu­neh­men, zu ler­nen und sich zu ändern. […] Lec­tio divina hilft dabei, uns dem Gna­den­han­deln und der Ein­ge­bung des Hei­li­gen Geis­tes zu öff­nen. Dazu gehört, dass wir es auf­ge­ben müs­sen, die­sen Pro­zess kon­trol­lie­ren zu wol­len. Wir müs­sen das Risi­ko ein­ge­hen, wirk­lich zu lesen, was wir vor uns haben, und dem Werk erlau­ben, zu Herz und Gewis­sen zu spre­chen und unse­ren Blick in eine Rich­tung zu len­ken, die wir zuvor nicht wahr­ge­nom­men haben. Wir kön­nen uns nicht sel­ber ein Pro­gramm geben. […]

Als ers­tes brau­chen wir Geduld. Wir müs­sen unse­ren intel­lek­tu­el­len Stoff­wech­sel ver­lang­sa­men und dür­fen für unse­re Lebens­pro­ble­me nicht schnel­le und ein­fa­che Lösun­gen suchen. Indem wir den ober­fläch­li­chen Enthu­si­as­mus dämp­fen, schaf­fen wir die Umge­bung, die es uns ermög­licht, Geist­li­ches inten­si­ver wahr­zu­neh­men. Wir betre­ten eine Höh­le und müs­sen unse­ren Augen Zeit geben, sich an das schwa­che Licht zu gewöh­nen. Eben­so müs­sen wir – von den man­nig­fal­ti­gen all­täg­li­chen Din­gen absor­biert – unse­re Suche nach ober­fläch­li­chen Rei­zen auf­ge­ben und auf eine Ebe­ne des Bewusst­seins hin­un­ter­stei­gen, die unse­rer Auf­merk­sam­keit gewöhn­lich ent­geht. Sofort alles an uns rei­ßen zu wol­len, ist der bes­te Weg zum Nicht-Ver­ste­hen. Unser Lebens­tem­po muss lang­sa­mer wer­den und all­mäh­lich einen ande­ren Bereich betre­ten.29

In die­sem Sin­ne wün­sche ich Ste­fan Oster, dem Bischof der Diö­ze­se Pas­sau, zu sei­nem 60. Geburts­tag Geduld und Zuver­sicht im Dienst des Evan­ge­li­ums, ver­bun­den mit Gefüh­len der Dank­bar­keit für alles Gute, was er getan hat und wei­ter­hin tut. 

1 Ste­fan Oster, Mit – Mensch – Sein. Phä­no­me­no­lo­gie und Onto­lo­gie der Gabe bei Fer­di­nand Ulrich (Sci­en­tia & Reli­gio 2), Frei­burg i. Br. / Mün­chen 22016. Ders., Per­son und Trans­sub­stan­tia­ti­on. Mensch – Sein, Kir­che – Sein und Eucha­ris­tie – eine onto­lo­gi­sche Zusam­men­schau, Frei­burg i. Br. 2010. Einen schö­nen Über­blick gibt fol­gen­de Samm­lung von Auf­sät­zen: Ste­fan Oster, Per­son-Sein vor Gott. Theo­lo­gi­sche Erkun­dun­gen mit dem Bischof von Pas­sau, hg. von Bern­hard Klin­ger, Frei­burg i. Br. 2015.

2 Bischof Ste­fan Oster / Peter See­wald, Gott ohne Volk? Die Kir­che und die Kri­se des Glau­bens, Mün­chen 2016. Die Zah­len in Klam­mern bezie­hen sich auf die Sei­ten die­ses Buches.

3 Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, Der eine Gott und die Göt­ter. Reli­gi­ons- und Theo­lo­gie­ge­schich­te Isra­els. Ein Durch­blick, Frei­burg i. Br. 202311f.

4 Zum rech­ten Ver­ständ­nis die­ser viel­fach kri­ti­sier­ten Äuße­rung von Papst Fran­zis­kus sie­he: Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, Sind Reli­gio­nen Spra­chen? Zur Rede des Paps­tes in Sin­ga­pur: https://​www​.her​der​.de/​c​o​m​m​u​n​i​o​/​t​h​e​o​l​o​g​i​e​/​z​u​r​-​r​e​d​e​-​d​e​s​-​p​a​p​s​t​e​s​-​i​n​-​s​i​n​g​a​p​u​r​-​s​i​n​d​-​r​e​l​i​g​i​o​n​e​n​-​s​p​r​a​chen/


5 Tho­mas Mer­ton, Christ­li­che Kon­tem­pla­ti­on. Ein radi­ka­ler Weg der Got­tes­su­che, Mün­chen 201031.

6 Als You­Tube unter dem Titel: When the Eter­nal Breaks Through“ ein­zu­se­hen unter: https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.youtube.com/watch%3Fv%3DlEGeV6MTc5Q&ved=2ahUKEwj7sbu_yf2MAxUtcvEDHWdJN1kQz40FegQICxAJ&usg=AOvVaw1Y-52K01xVWJ_h2fU971Wc.

7 Tho­mas Mer­ton: Christ­li­che Kon­tem­pla­ti­on. Ein radi­ka­ler Weg der Got­tes­su­che, Mün­chen 2010, 31f. Ori­gi­nal­aus­ga­be: New Seeds of Con­tem­pla­ti­on, Abbey of Geth­se­ma­ni 1961.


8 Aus­führ­lich dazu: Tan­ja Sca­gnet­ti-Feu­rer, Him­mel und Erde ver­bin­den. Inte­gra­ti­on spi­ri­tu­el­ler Erfah­run­gen, Würz­burg 2009.

9 Zu den Ver­su­chen eini­ger Exege­ten, sich von der Theo­lo­gie des Sün­den­falls zu ver­ab­schie­den, vgl. Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, Der Sün­den­fall – eine Befrei­ungs­ge­schich­te?, in: Inter­na­tio­na­le katho­li­sche Zeit­schrift Com­mu­nio 47 (2019) 224 – 239.

10 Vgl. Doris Feld­mann / Sabin Schül­ting, Art. Gegen-den-Strich-Lesen, in: Ans­gar Nün­ning (Hg.), Metz­ler Lexi­kon Lite­ra­tur- und Kul­tur­theo­rie, Stutt­gart 42008, 242.

11 Hans-Chris­toph Mei­er, Mys­tik bei Pau­lus. Zur Phä­no­me­no­lo­gie reli­giö­ser Erfah­rung im Neu­en Tes­ta­ment (TANZ 26), Tübin­gen – Basel 19981.

12 Dazu haben wesent­lich bei­getra­gen: Mar­tin Nicol, Medi­ta­ti­on bei Luther, Göt­tin­gen 1984, 21991. Vol­ker Lep­pin, Die frem­de Refor­ma­ti­on. Luthers mys­ti­sche Wur­zeln, Mün­chen 2016. Ders., Ruhen in Gott. Geschich­te der christ­li­chen Mys­tik, Mün­chen 2021. Peter Zim­mer­ling, Evan­ge­li­sche Mys­tik, Göt­tin­gen 2015.

13 Mei­er, Mys­tik bei Pau­lus, 293.

14 Ebd., 94f.

15 Udo Schnel­le, Pau­lus. Leben und Den­ken, Ber­lin – Bos­ten 22014, 91f. Der Begriff Ent­sel­bung“ stammt von Rudolf Otto, Mys­ti­sche und gläu­bi­ge Fröm­mig­keit, in: Ders., Sün­de und Urschuld, Mün­chen 1932144.

16 Ebd., 324.

17 Ebd., 95: Der christ­li­che Pau­lus: Ein Vul­kan beginnt zu brodeln.“

18 Ebd.

19 Joseph Ratz­in­ger, Die Geschichts­theo­lo­gie des hei­li­gen Bona­ven­tura (1959), in: JRGS 2, 518. Aus­führ­li­cher dazu: Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, Der mys­ti­sche Kon­takt der Hagio­gra­phen mit Gott. Joseph Ratz­in­ger und die moder­ne Medi­ta­ti­ons­be­we­gung, in: Mit­tei­lun­gen Insti­tut Papst Bene­dikt XVI. (15÷2022), hg. von Rudolf Voder­hol­zer, Chris­ti­an Schal­ler, Franz-Xaver Heibl, 52 – 72.

20 Ber­nard McGinn, The Pre­sence of God. A Histo­ry of Wes­tern Chris­ti­an Mys­ti­cism. The Foun­da­ti­ons of Mys­ti­cism. Ori­g­ins to the Fifth Cen­tu­ry, New York 199174

21 Mei­er, Mys­tik bei Pau­lus, 95.

22 Aus­führ­lich dazu Karl Bai­er, Medi­ta­ti­on und Moder­ne. Zur Gene­se eines Kern­be­reichs moder­ner Spi­ri­tua­li­tät in der Wech­sel­wir­kung zwi­schen West­eu­ro­pa, Nord­ame­ri­ka und Asi­en (2 Bd.), Würz­burg 2009, 543 – 581. Ent­ge­gen einem ver­brei­te­ten Vor­ur­teil brach­te die neu­scho­las­ti­sche Theo­lo­gie der christ­li­chen Mys­tik hohe Wert­schät­zung ent­ge­gen: Die Denk­wei­se der neu­scho­las­ti­schen Theo­lo­gie der Asze­se und Mys­tik war im Bereich des Katho­li­zis­mus inter­na­tio­nal ver­brei­tet und bil­de­te einen ver­bind­li­chen Rah­men für die spi­ri­tu­el­le Pra­xis. Das Fach war als Teil einer Reform der katho­li­schen Fröm­mig­keit von oben gedacht. Die ver­bes­ser­te spi­ri­tu­el­le Aus­bil­dung von Pries­tern und Ordens­leu­ten soll­te eine ver­tief­te Asze­se und Basis­kennt­nis­se der mys­ti­schen Sei­te des Chris­ten­tums bis in die Lai­en­schaft ver­brei­ten. Man woll­te damit der Ver­fla­chung der Reli­gio­si­tät beim Kle­rus und in den Klös­tern ent­ge­gen­wir­ken, der Gefähr­dung des Glau­bens durch die zuneh­men­de Säku­la­ri­sie­rung der Gesell­schaft begeg­nen und auf außer­kirch­li­che Strö­mun­gen des reli­giö­sen Lebens ant­wor­ten. Denn seit der Jahr­hun­dert­wen­de brei­te­ten sich beson­ders in der Intel­lek­tu­el­len- und Künst­ler­sze­ne, in Jugend­be­we­gung und Lebens­re­form ein Inter­es­se an Mys­tik und eine Sehn­sucht nach mys­ti­schem Erle­ben‘ aus, die sich auf asia­ti­sche Reli­gio­nen, aber auch auf mit­tel­al­ter­li­che christ­li­che Mys­tik erstreck­ten. Unmit­tel­bar nach dem Ers­ten Welt­krieg ver­stärk­te sich die­se Ent­wick­lung noch ein­mal, wofür u. a. der Neu­geist und Stei­ners Anthro­po­so­phie ste­hen. Auch in der katho­li­schen Theo­lo­gie inten­si­vier­te sich die Beschäf­ti­gung mit Mys­tik in der Nach­kriegs­zeit so augen­fäl­lig, dass man von einer inter­na­tio­na­len mys­ti­schen Bewe­gung‘ sprach“ (ebd. 544).


23 Ursu­la Baatz, Hugo M. Eno­mi­ya-Lass­alle. Ein Leben zwi­schen den Wel­ten, Zürich – Düs­sel­dorf 1998331.

24 Hugo M. Eno­mi­ya-Lass­alle, Zen-Medi­ta­ti­on für Chris­ten, Bern – Mün­chen – Wien 1968, 41976, 92f.

25 So die Über­schrift des letz­ten Kapi­tels von Roma­no Guar­di­ni, Vom Geist der Lit­ur­gie, Frei­burg i. Br. 1918. In die­sem Kapi­tel fin­det sich eine tief­ge­hen­de Medi­ta­ti­on über den Wahr­spruch Bischof Osters Vic­to­ria Veri­ta­tis Cari­tas“: Den end­gül­ti­gen Vor­rang im Gesamt­be­reich des Lebens soll nicht das Tun haben, son­dern das Sein. Nicht auf das Han­deln kommt es im Grun­de an, son­dern auf das Wer­den. Nicht was getan wird, ist das Letz­te, son­dern was ist. Und nicht die mora­li­sche, son­dern die meta­phy­si­sche Welt­an­schau­ung, nicht das Wert­ur­teil, son­dern das Seins­ur­teil, nicht die Anstren­gung, son­dern die Anbe­tung ist das End­gül­ti­ge. […] Das Ethos kann ein Sol­len des Geset­zes, wie bei Kant, sein, oder aber eins aus schöp­fe­ri­scher Lie­be. Und selbst vor dem Sein steht noch die Fra­ge offen, ob es wie eine letz­te Unent­rinn­bar­keit dasteht oder die alles Maß über­stei­gen­de Lie­be ist, in der selbst das Unmög­li­che mög­lich wird, und auf wel­che sich die Hoff­nung beru­fen kann. Das ist mit der Fra­ge gemeint, ob nicht die Lie­be das Größ­te sei. Und wahr­lich, sie ist es. Nichts ande­res als dies hat die fro­he Bot­schaft‘ uns ver­kün­det. In die­sem Sin­ne also, für den Pri­mat der Wahr­heit, aber in Lie­be‘, soll die Fra­ge ent­schie­den sein, mit der wir uns hier beschäf­ti­gen.“ Zitiert nach der 24. Auf­la­ge 2018 (Katho­li­sche Aka­de­mie in Bay­ern), Grü­ne­wald – Schö­ningh Ver­lag, S. 86.

26 Mei­er, Mys­tik bei Pau­lus, 277.

27 Orig­e­nes, Homi­li­en zum Lukas­evan­ge­li­um I. Latei­nisch – Grie­chisch – Deutsch (FC 4/2), Frei­burg i. Br. u. a. 1991, 25,1.6 (S. 268 – 273). Die Lie­be ohne Maß gilt in Bezug auf Gott und Chris­tus in glei­cher Wei­se: Lie­be den Vater im Sohn und den Sohn im Vater aus dei­nem gan­zen Her­zen, aus dei­ner gan­zen See­le und aus dei­ner gan­zen Kraft‘.“ Ebd. 25,8

28 Johan­nes Tau­ler, Pre­dig­ten. Voll­stän­di­ge Aus­ga­be, über­tra­gen und hg. von Georg Hof­mann. Ein­füh­rung von Alo­is M. Haas, 2 Bde. (Christ­li­che Meis­ter 2 – 3), Ein­sie­deln 42007, H 31, S. 221

29 Micha­el Casey, Lec­tio divina. Die Kunst der geist­li­chen Lesung, Sankt Otti­li­en 22009, 17 – 20.

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