Erfahrungsberichte

Neuevangelisierung im universitären Raum

Redaktion am 03.06.2025

Beobachtungen und Erfahrungen aus der Katholischen Studentengemeinde Passau. Von Florian Weber und Peter Kunz.

Das Kon­zept der Neue­van­ge­li­sie­rung“ ist seit dem Pon­ti­fi­kat Johan­nes Pauls II. zu einem zen­tra­len Begriff in der Pas­to­ral­theo­lo­gie gewor­den. Es bezeich­net den Ver­such, das Evan­ge­li­um in einer zuneh­mend säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft erneut und ver­tieft zur Spra­che zu brin­gen – nicht in der Logik einer Re-Chris­tia­ni­sie­rung“, son­dern als Ant­wort auf ver­än­der­te kul­tu­rel­le, sozia­le und reli­giö­se Bedin­gun­gen. Der uni­ver­si­tä­re Kon­text stellt in die­ser Hin­sicht eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar: einer­seits durch sei­ne plu­ra­len, ratio­nal gepräg­ten Struk­tu­ren, ande­rer­seits durch die exis­ten­zi­el­le Offen­heit vie­ler Stu­die­ren­der für Fra­gen nach Sinn, Glau­be und Gemeinschaft.

Die Katho­li­sche Stu­den­ten­ge­mein­de (KSG) Pas­sau bil­det in die­sem Span­nungs­feld einen pas­to­ra­len Erfah­rungs­raum. Als Teil der uni­ver­si­tä­ren Land­schaft ist sie zugleich ein Ort theo­lo­gi­scher Pra­xis, spi­ri­tu­el­ler Erfah­rung und sozia­ler Aus­ein­an­der­set­zung. Die nach­fol­gen­den Beob­ach­tun­gen ver­ste­hen sich daher nicht als Selbst­be­schrei­bung im Sin­ne eines Erfolgs­be­richts, son­dern als Bei­trag zur Dis­kus­si­on über Mög­lich­kei­ten und Gren­zen kirch­li­cher Prä­senz im aka­de­mi­schen Milieu.

1. Religiosität und Pluralität im studentischen Umfeld

In der KSG Pas­sau begeg­nen sich jun­ge Erwach­se­ne mit sehr unter­schied­li­chen reli­giö­sen Bio­gra­phien: Von über­zeug­ten Katho­li­kin­nen und Katho­li­ken über distan­ziert Neu­gie­ri­ge bis hin zu Stu­die­ren­den ohne kon­fes­sio­nel­len Hin­ter­grund oder aus ande­ren Reli­gio­nen. Die­ses Spek­trum führt zu einer Pas­to­ral, die nicht auf Ein­deu­tig­keit zielt, son­dern auf Dia­log­fä­hig­keit und Differenzsensibilität.

Die KSG fun­giert hier weni­ger als abge­schlos­se­ner kirch­li­cher Raum, son­dern eher als Schnitt­stel­le: zwi­schen pri­va­ter Glau­bens­su­che und öffent­li­chem Dis­kurs, zwi­schen lit­ur­gi­scher Pra­xis und gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung, zwi­schen reli­giö­ser Tie­fe und kul­tu­rel­ler Viel­stim­mig­keit. In der Pra­xis bedeu­tet das eine hohe Anfor­de­rung an Sprach­fä­hig­keit, Offen­heit und seel­sorg­li­che Präsenz.

2. Evangelisierung als Beziehungsgeschehen: Die Rolle von FOCUS

Ein beson­ders prä­gen­der Impuls kommt in Pas­sau durch die Prä­senz der FOCUS-Mis­sio­na­re (Fel­low­ship of Catho­lic Uni­ver­si­ty Stu­dents), einer aus den USA stam­men­den Initia­ti­ve jun­ger Chris­tin­nen und Chris­ten, die sich auf die mis­sio­na­ri­sche Beglei­tung von Stu­die­ren­den kon­zen­triert. Ihr Ansatz ist bezie­hungs­ori­en­tiert: durch per­sön­li­che Gesprä­che, klei­ne Bibel­grup­pen, gemein­sa­me Frei­zeit­an­ge­bo­te und Gebets­zei­ten schaf­fen sie Räu­me für indi­vi­du­el­le geist­li­che Entwicklung.

Dabei fällt auf, dass der mis­sio­na­ri­sche Impuls nicht auf pro­gram­ma­ti­sche Durch­set­zung zielt, son­dern auf die Ermög­li­chung von per­sön­li­cher Got­tes­be­zie­hung. Dies ent­spricht auch der Akzen­tu­ie­rung von Papst Fran­zis­kus, der Evan­ge­li­sie­rung nicht als pro­se­ly­ti­sche Stra­te­gie ver­steht, son­dern als Begeg­nung mit dem Herrn, die sich mit ande­ren teilt“¹. Die FOCUS-Mis­sio­na­re ver­ste­hen sich dabei nicht als Exper­ten, son­dern als Weg­be­glei­ter – ein Ver­ständ­nis, das beson­ders im uni­ver­si­tä­ren Umfeld auf Reso­nanz stößt.

3. Liturgische, geistliche und diakonische Praxis

Neben der geist­li­chen Beglei­tung ist die lit­ur­gi­sche Fei­er zen­tra­ler Bestand­teil des Gemein­de­le­bens: Eucha­ris­tie­fei­ern, gestal­te­te Anbe­tungs­zei­ten („Holy Hour“) und geist­li­che Impul­se ermög­li­chen eine regel­mä­ßi­ge Ver­tie­fung des Glau­bens. Die­se spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on ist nicht spek­ta­ku­lär, aber kon­ti­nu­ier­lich – sie bil­det für vie­le Stu­die­ren­de einen Gegen­pol zum oft beschleu­nig­ten und frag­men­tier­ten Alltag.

Dane­ben gewinnt das sozia­le Enga­ge­ment an Bedeu­tung. Die Betei­li­gung am Besuchs­dienst in Alten­hei­men oder die Mit­ge­stal­tung des Sonn­tags­mahls“ für Bedürf­ti­ge zeigt, dass der Glau­be hier nicht nur kon­tem­pla­tiv, son­dern auch kari­ta­tiv ver­stan­den wird. Die­ser Zusam­men­hang ent­spricht dem, was Papst Fran­zis­kus unter einer Kir­che im Auf­bruch“ ver­steht – nicht pri­mär als geo­gra­fi­sche Bewe­gung, son­dern als Öff­nung zum ande­ren hin².

4. Reflexionsraum: Glaube und Wissenschaft im Gespräch

Ein zen­tra­les Cha­rak­te­ris­ti­kum des uni­ver­si­tä­ren Umfelds ist sei­ne Ratio­na­li­tät und Kri­tik­fä­hig­keit. In die­ser Hin­sicht kann die KSG als Labor gel­ten, in dem das Gespräch zwi­schen Glau­be und Ver­nunft nicht nur theo­re­tisch gefor­dert, son­dern prak­tisch gelebt wird. Theo­lo­gie­stu­die­ren­de tref­fen hier auf Kom­mi­li­to­nin­nen und Kom­mi­li­to­nen aus ande­ren Dis­zi­pli­nen, was zu einem Aus­tausch führt, der den Glau­ben weder vor­aus­setzt noch rela­ti­viert, son­dern ins Gespräch bringt.

Dies geschieht in per­sön­li­chen Gesprä­chen eben­so wie in the­ma­ti­schen Aben­den, Exkur­sio­nen oder Dis­kus­si­ons­run­den. Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, den Glau­ben nicht als Wider­spruch zur Wis­sen­schaft zu prä­sen­tie­ren, son­dern als eine Dimen­si­on, die auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen ant­wor­tet – in einer Spra­che, die zugleich spi­ri­tu­ell wie intel­lek­tu­ell ver­ant­wor­tet ist³.

5. Herausforderungen und offene Fragen

Trotz aller posi­ti­ven Ent­wick­lun­gen bleibt die Fra­ge nach der Nach­hal­tig­keit kirch­li­cher Prä­senz im uni­ver­si­tä­ren Raum bestehen. Vie­le Stu­die­ren­de sind nur für weni­ge Semes­ter in der Stadt; Bin­dung ent­steht oft nur für begrenz­te Zeit. Zudem ist der Erwar­tungs­druck an kirch­li­che Ange­bo­te hoch: sie sol­len offen, glaub­wür­dig, tief­ge­hend, aber auch nied­rig­schwel­lig und modern sein. Die Balan­ce zwi­schen geist­li­cher Tie­fe und zeit­ge­mä­ßer Kom­mu­ni­ka­ti­on bleibt ein stän­di­ger Lernprozess.

Auch der Begriff der Neue­van­ge­li­sie­rung“ selbst bedarf immer wie­der kri­ti­scher Refle­xi­on. Er darf nicht als Rück­kehr zur Ver­gan­gen­heit ver­stan­den wer­den, son­dern als ernst­haf­ter Ver­such, das Evan­ge­li­um unter ver­än­der­ten kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen neu zu hören und zu bezeugen⁴.

Fazit

Die Erfah­run­gen aus der Katho­li­schen Stu­den­ten­ge­mein­de Pas­sau zei­gen, dass kirch­li­che Prä­senz im uni­ver­si­tä­ren Raum mög­lich und frucht­bar sein kann – wenn sie dia­lo­gisch, bezie­hungs­ori­en­tiert und geist­lich fun­diert gestal­tet wird. Wich­ti­ger als gro­ße Pro­gram­me sind dabei ver­läss­li­che Bezie­hun­gen, geist­li­che Tie­fe und die Bereit­schaft, sich auf die Lebens­wirk­lich­keit jun­ger Erwach­se­ner einzulassen.

Die KSG ist kein Modell, das sich ein­fach über­tra­gen lässt. Aber sie ist ein Ort, an dem deut­lich wird, dass Evan­ge­li­sie­rung nicht durch Stra­te­gie, son­dern durch Authen­ti­zi­tät geschieht. Oder – um es mit einem Wort des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu sagen – durch die Zeu­gen­schaft des Lebens“⁵.

Anmer­kun­gen:

  1. Papst Fran­zis­kus, Evan­ge­lii Gau­di­um (2013), Nr. 8.
  2. Vgl. ebd., Nr. 20: Ich träu­me von einer mis­sio­na­ri­schen Kir­che, die hinausgeht…“.
  3. Vgl. Joseph Ratz­in­ger, Glau­be – Wahr­heit – Tole­ranz. Das Chris­ten­tum und die Welt­re­li­gio­nen, Frei­burg 2003.
  4. Vgl. Johan­nes Paul II., Redemp­to­ris Mis­sio (1990), Nr. 33f.
  5. Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Lumen Gen­ti­um, Nr. 35.

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Ein Podcast: Evangelisierung und gelebte Mission

Anläss­lich des 60. Geburts­tags von Bischof Ste­fan Oster wid­men wir die­se beson­de­re Epi­so­de einem The­ma, das ihm seit jeher am Her­zen liegt: Evan­ge­li­sie­rung und geleb­te Mis­si­on. Als lang­jäh­ri­ger Weg­be­rei­ter und Unter­stüt­zer der Katho­li­schen Stu­den­ten­ge­mein­de (KSG) Pas­sau hat Bischof Oster ent­schei­dend dazu bei­getra­gen, dass unse­re Gemein­schaft heu­te so glau­bens­stark und offen mis­sio­na­risch auf­tre­ten kann. Die­se Fol­ge ist unse­re Hom­mage an sein Wir­ken und sei­ne Lei­den­schaft für Jesus.

Flo­ri­an und Peter, die Hosts des Pod­casts Wür­dig und Recht“, spre­chen gemein­sam mit Vero und Sophie aus der KSG über das, was sie antreibt: den Glau­ben an Jesus wei­ter­zu­ge­ben – gera­de an der Uni­ver­si­tät. Sie beleuch­ten, woher der Mis­si­ons­ge­dan­ke stammt, wer dazu beru­fen ist, und war­um es für vie­le Stu­die­ren­de in Pas­sau ein Her­zens­an­lie­gen ist, den Glau­ben mit­ten im aka­de­mi­schen All­tag zu leben und zu tei­len.

Aus dem mis­sio­na­ri­schen Her­zen her­aus ent­stand auch der Pod­cast selbst. Mit Wür­dig und Recht“ wol­len Flo­ri­an und Peter einen Raum schaf­fen, in dem theo­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche The­men auf per­sön­li­che Wei­se zur Spra­che kom­men – The­men, die im All­tag oft wenig Platz fin­den, aber tief berüh­ren kön­nen. Die Hoff­nung dahin­ter: Men­schen durch ehr­li­che Gesprä­che für Jesus zu begeis­tern und neue mis­sio­na­ri­sche Her­zen zu entzünden.

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