Sehr geehrter Herr Bischof, lieber Stefan,
bei unserer ersten Begegnung vor nun über zwanzig Jahren ging es um einen Witz. Vielleicht erinnerst Du Dich. Ich hatte einen Beitrag für das SZ-Magazin mit dem Titel „Sieben Tage Wahnsinn“ geschrieben. Es war das Wochen-Protokoll über die täglichen Verrücktheiten des modernen Lebens. In der Geschichte kam auch der heilige Thomas Morus vor. Ich zitierte ihn mit dem Gebet: „Herr, schenke mir einen Witz. Aber gibt mir auch die Gnade, ihn zu verstehen“. Du hast mich als Don-Bosco-Pater umgehend angerufen, offenbar verblüfft, dass da ausgerechnet im SZ-Magazin ein katholischer Märtyrer zitiert wird. Kurz und gut: Am Ende des Treffens hatte ich einen Job im Beirat des Don-Bosco-Stiftungszentrum am Hals.
Karl Valentin soll einmal gesagt haben, Vorhersagen seien irgendwie schwierig. Denn sie beträfen ja die Zukunft. In Deinem Fall konnte die Prognose nur heißen, dass da eine glänzende Zukunft auf Dich wartet. Glänzend in dem Sinne, dass der liebe Gott Dich wie von der Straße weg am Krawattl gepackt hatte, weil er sicher war: Mit dem kann ich was anfangen. Was für ein Weg: Radiomoderator in einer festen Beziehung, Salesianer-Pater, Doktor der Philosophie, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte, 85. Bischof von Passau.
Schon mit dem Tag Deiner Bischofsweihe im Hohen Dom zu Passau wurde deutlich: Da ist ein Typ von Hirte, den man so in Deutschland nicht kannte. Einer, der beim Einzug in das Gotteshaus unter dem frenetischen Beifall der Gläubigen das Victory-Zeichen macht. Der in einer WG lebt und Rochmusik hört. Der die Leute zum Zuhören und nicht zum Weghören bringt, zum Lachen und nicht zum Weinen. Der ihnen auch einmal die Leviten liest und nicht kneift, vor lauter Angst, man könnte die lieben Schäfchen mit klaren Worten und mit der Frage, warum man sie so selten im Gottesdienst sieht, glatt verstören.
Musste nicht jedermann den Eindruck haben, in diesem Mann vereinen sich auf wunderbare Weise Herz und Verstand mit Fröhlichkeit und guter Laune? Unkonventionell, zupackend, begeisternd und auf Menschen zugehend, würde er auch jeden Marathon gewinnen, in dem es darum geht, in ununterbrochenem Reden und Preisen Person und Botschaft Jesu‘ zu verkünden. Und das Ganze oft wie ein Vulkan, der Funken sprüht, und aus dem es herausfließt wie Lava.
Und noch etwas. Bestimmt habe nicht nur ich den Eindruck, da ist ein Bischof, der offenbar Tag und Nacht unterwegs ist. Er hält Gottesdienste, macht Besuche in Seniorenheimen, visitert Pfarreien, nimmt an Kongressen Teil, initiiert Einrichtungen wie das Gebetshaus am Dom und das Glaubenstreffen „Adoratio“ in Altötting. Nachts beantwortet er dann E‑Mails, schreibt an seinem Blog, denkt über die Neuevangelisierung nach – und sieht am Morgen auch ohne Schlaf besser aus als jeder Hollywood-Star. Ich weiß nicht, wie Du das machst, aber es vermittelt den Eindruck: ja, Glaube ist anspruchsvoll, Glaube schenkt Freude, Glaube macht Sinn.
Zu Deinem 60. Geburtstag möchte ich Dir herzlich danken. Für die immer anregenden Begegnungen. Für unser Buch „Gott ohne Volk?“ aus dem Jahr 2016. Ganz besonders auch dafür, dass Du mich und meine liebe Frau anlässlich unseres 25-jährigen Ehejubiläums auf Mariahilf in Passau kirchlich getraut hast. Es war Dein allererster Gottesdienst in meiner geliebten Heimatstadt. Und offenbar ein gutes Omen.
Unvergesslich auch unser Besuch beim emeritierten Papst Benedikt in den Vatikanischen Gärten, als wir ihm den wunderschönen Bildband über ihn überreichten, der mit Deiner Unterstützung gedruckt werden konnte. Der Emeritus hatte von einem Sturz ein blaues Auge und hing recht ermattet in seinem Lehnstuhl. Auf den Fotos aber, die Du quasi in Echtzeit ins Netz stelltest, sah es ein wenig so aus, als hätte er sich mit uns gerade eine Schlägerei geliefert.
Als Katholik danke ich insbesondere für die Unbeirrbarkeit in der Verkündung des Evangeliums gemäß dem Credo der Kirche. Dazu gehört, standhaft zu bleiben und den Mut zu haben, auch einmal anders zu denken, als „man“ zu denken hat. Wie sagte Benedikt XVI., der größte Sohn des Bistums Passau? „Erwachsen ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt. Erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen.“
Schiff ahoi, Kapitän. Und weiterhin gute Fahrt!
Gottes Segen und herzliche Grüße
Dein Peter Seewald



