Gertraud, was hat Dich damals vor Jahren bewogen, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen?
In der Kirche beheimatet gefühlt habe ich mich von Kindheit an. Immer schon habe ich eine enge Beziehung zu Gott gespürt und Freude daran gehabt, mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen zu sein. Ich hatte damals das Gefühl, dass Gott diesen Weg für mich ausgesucht hat. Und auch heute fühlt es sich noch „richtig“ an.
In welchen pastoralen Bereichen arbeitest Du?
Schwerpunkte meiner Arbeit sind die Sakramenten-Vorbereitung (Erstkommunion, Firmung), die Kinder- und Familienpastoral (religiöse Einheiten und Feiern im Kindergarten, Kinder – und Familiengottesdienste) und seit einiger Zeit die Seelsorge in einem teilstationären Kinderhospiz. Im liturgischen Bereich darf ich verschiedenste Gottesdienste (mit-)gestalten. Bei all dem liegt mir die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen und deren Begleitung sehr am Herzen. Alles in allem: Begegnung und Begleitung der Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen.
Was macht Dir bei all diesen Bereichen am meisten Freude?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil es so viele schöne Erfahrungen sind. Ein Antwortversuch: Wenn ich das Gefühl habe, dass es gut war, dass wir zusammen waren – das macht mir echte Freude!
Welche pastoralen Bereiche sind dir besonders wichtig?
Im Grunde sind mir alle wichtig, weil ich denke, dass jeder einzelne Mensch wichtig und wertvoll ist. Jede und jeder „verdient“ Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Besonders liegen mir dabei die Kinder am Herzen – vor allem ihnen möchte ich den liebenden Gott erfahrbar machen. Im Kinderhospiz werde ich manchmal als „Seelen-Sorgerin“ bezeichnet. Und das will ich wirklich gerne sein: eine „Seelen-Sorgerin“.
Was bedeutet es für dich, dass Kirche missionarisch sein soll?
Ein Leitwort ist für mich ist der „Auftrag“ oder auch die „Zusage“, die der Täufling bei Überreichung der brennenden Kerze bekommt: „Du sollst als Kind des Lichtes leben“. Nach meinem Empfinden sind wir eine missionarische Kirche, wenn man in unserem Denken, Urteilen, Reden und Handeln spürt, dass wir „alle Kinder des Lichtes sind“ (nach 1 Tess 5,5).
In unseren Pfarreien erlebe ich viele Menschen als missionarisch, weil sie dieses „Licht“ spürbar werden lassen: Menschen, die mit viel Hingabe und oft selbstlos die Gottes- und Nächstenliebe leben, im Hintergrund unermüdlich da sind und sich einsetzen, damit ihre Mitmenschen nicht allein gelassen sind. Menschen, die anderen in ihrer Not beistehen, die sie mit ihren Lebens- und Glaubensfragen ernst nehmen und helfen, zu sich und zu Gott zu finden. Menschen, die beachtlich viel Zeit und Energie aufwenden, damit kirchliche Gebäude und Anlagen einladend sind und das Wirken der Kirche etwa durch mediale Arbeit nach außen getragen wird.
Es gäbe natürlich viele weitere Beispiele. Da hoffe ich einfach, das sich erfüllt, was im Matthäusevangelium steht: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,15)
Was braucht die Kirche deiner Meinung nach, damit sie auch in Zukunft dem Auftrag Jesu, das Reich Gottes aufzubauen, gerecht wird?
Ich glaube, wir brauchen immer wieder eine Rück-Besinnung auf den eigentlichen Auftrag Jesu und einen intensiven Austausch darüber, wie wir das „Reich Gottes“ verstehen. Bei allem gemeinsamem Bemühen hilft uns sicher ein großes Gottvertrauen, Friedfertigkeit, Großherzigkeit und das Bewusstsein, dass Andersdenkende auch „Denkende“ und Menschen, die ihren Glauben an Gott anders leben, auch „Glaubende“ sind.
Letztlich glaube ich, die Kirche braucht Menschen, die eine „liebende Sehnsucht“ nach Gott und seinem „Reich“ haben. Wenn wir dieser Sehnsucht in uns Raum geben und anderen helfen können, in ihrer Sehnsucht nach „mehr“ die Sehnsucht nach Gott zu spüren, meine ich, sind wir auf einem guten Weg, das Reich Gottes mit aufzubauen. Denn an dem berühmten Satz von Nelly Sachs ist in meinen Augen schon viel Wahres: „Alles beginnt mit der Sehnsucht“.
Liebe Gertraud, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Thomas Weggartner.
Bild: Ulrich Altmann



