Aus der Wissenschaft

Von der Hoffnung und der kommenden Wahrheit

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Augustin Frison-Roche
Augustin Frison-Roche, Apocalypse (2020).

Über die Enzyklika Spe salvi und die Tugend der Hoffnung. Ein Beitrag von Marine de la Tour, Lehrerin für Philosophie und stellvertretende Direktorin am Lycée Marie Pila in Carpentras/Frankreich.

Das Hei­li­ge Jahr 2025 steht unter dem Zei­chen der Hoff­nung. Ein Anlass, sich erneut mit der Enzy­kli­ka «Spe sal­vi» zu beschäf­ti­gen, die Bene­dikt XVI. 2007 der Tugend der Hoff­nung gewid­met hat. Die­ser Text führt hin zu einer tie­fen Medi­ta­ti­on über das Christ­sein und sei­ne spe­zi­fi­sche Zeit­lich­keit, die sich auf die Gewiss­heit des Kom­men­den stützt. Die Hoff­nung ist eine Ver­an­ke­rung in dem, was erst noch kom­men wird. Dadurch ver­leiht sie der Gegen­wart Seins­ge­wicht. Sie ist eine theo­lo­gi­sche Tugend, die zugleich die tiefs­ten Sehn­süch­te des Men­schen auf­greift und den Grund­zü­gen mensch­li­cher Exis­tenz – Frei­heit, Bezie­hung, Hand­lung, Geschich­te – Sinn verleiht.

Wir wol­len im Fol­gen­den betrach­ten, wie sich die spe­zi­fi­sche Zeit­lich­keit der theo­lo­gi­schen Hoff­nung im Ver­hält­nis des christ­li­chen Bewusst­seins zur Wahr­heit mani­fes­tiert. Dabei wol­len wir zunächst ansatz­wei­se auf­zei­gen, wel­che Rele­vanz die­ser Fra­ge zukommt, bevor wir dann die Enzy­kli­ka selbst über einen künst­le­ri­schen Umweg nach die­sem The­ma befra­gen. Dies wird uns am Ende fol­ge­rich­tig zu mis­sio­na­ri­schen Per­spek­ti­ven führen.

Es muss in der Tat eine Wahr­heit über die wesent­li­chen Din­ge geben — was der Mensch sei, was die Beru­fung des Men­schen und der Sinn sei­nes Lebens sei­en. Ohne eine sol­che Wahr­heit, die sowohl grund­le­gend als auch unver­füg­bar sein muss, sind Frei­heit und Wür­de exis­ten­zi­ell bedroht. C.S. Lewis hat dies in sei­nem Essay «The Aboli­ti­on of Man»1 ein­drucks­voll auf­ge­zeigt: Die Frei­heit jedes Men­schen oder jeder Epo­che als eine Fähig­keit zu betrach­ten, die­sen bis hin zu sei­ner Natur zu bestim­men — und die­se Natur somit als radi­kal ver­füg­bar zu betrach­ten — führt zur Zer­stö­rung der Frei­heit durch Selbst­zu­wei­sung exor­bi­tan­ter Macht, syn­chron und dia­chron, eini­ger Men­schen über ande­re. Frei­heit und Mensch­sein exis­tie­ren nur um den Preis der Aner­ken­nung einer unver­füg­ba­ren Wahr­heit über das Wesen des Men­schen, die jede Zivi­li­sa­ti­on auf ihre je eige­ne Wei­se zum Aus­druck brin­gen und garan­tie­ren muss, da ihr sonst der Zusam­men­bruch droht. Doch wo ist die­se Wahr­heit zu suchen?

Die­se Fra­ge ist nicht abs­trakt. In einem in der Zeit­schrift Com­mu­nio ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag berich­tet Ste­fan Oster über sei­ne Erfah­rung mit dem deut­schen syn­oda­len Weg.2 Er zeigt ins­be­son­de­re die grund­le­gen­den anthro­po­lo­gi­schen Ent­schei­dun­gen auf – allen vor­an die einer als radi­kal auto­nom ver­stan­de­nen Frei­heit –, die in den ver­schie­de­nen Foren getrof­fen wur­den und die alle wei­te­ren Ent­wick­lun­gen der Dis­kus­sio­nen bedingt haben. Da über deren Grund­la­ge oder Vor­aus­set­zun­gen nicht nach­ge­dacht wur­de, blei­ben sie bewusst oder unbe­wusst in der Denk­wei­se einer Epo­che gefan­gen. Die Unter­schei­dung, zu der uns unser Christ­sein kraft unse­rer pro­phe­ti­schen Beru­fung als Getauf­te ein­lädt, geht jedoch tie­fer als die Denk­wei­sen einer Epo­che, weil sie tie­fer in den Ursprung reicht und den Blick auf die Zukunft rich­tet. Die Wahr­heit, wel­che Ver­nunft und Gewis­sen suchen, lässt sich nicht in der Imma­nenz des Chro­nos einfangen.

1. Der Gar­ten, die Stadt, und die Fül­le der Zeit

Info Icon Augustin Frison-Roche

Bevor wir uns in Spe Sal­vi ver­tie­fen, schla­ge ich vor, dass wir vor die­sem zeit­ge­nös­si­schen Kunst­werk, einem monu­men­ta­len Gemäl­de auf Holz, das die Rück­wand des süd­li­chen Quer­schiffs der bre­to­ni­schen Kathe­dra­le von Saint-Malo (in der Bre­ta­gne) ein­nimmt, inne­hal­ten.3 Das Gemäl­de ist vom Text der Apo­ka­lyp­se inspi­riert. Es zeigt links das himm­li­sche Jeru­sa­lem (vgl. Offb 21,1027), (die) die Stadt mit den fes­ten Grund­mau­ern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (Hebr 11,10)4. Ihre Fun­da­men­te lie­gen im Gar­ten der Schöp­fung. Rechts, zur Mit­te des Bil­des hin aus­ge­rich­tet, der Rei­ter, der der Treue und Wahr­haf­ti­ge“ heißt, das Wort Got­tes“ (Offb 19,1116), beglei­tet von den himm­li­schen Heer­scha­ren. Der Künst­ler ver­wen­de­te eine von den flä­mi­schen Pri­mi­ti­ven stam­men­de Tech­nik, die Lasur, bei der meh­re­re Ebe­nen trans­pa­rent inein­an­der gemalt wer­den. Unter dem Rei­ter und dem himm­li­schen Heer ist der escha­to­lo­gi­sche Kampf zu sehen, in dem sich die Geschich­te zu reka­pi­tu­lie­ren scheint. Der Kampf ist gewal­tig. Es ist ein Kampf, in dem es auch um den Men­schen geht: man sieht ent­mensch­lich­te gefal­le­ne Figu­ren, halb Mensch, halb Tier. In der fried­li­chen und fei­er­li­chen Gegen­wart des Vor­der­grunds schrei­tet der, der das Böse und die Schlan­ge des Ursprungs besiegt hat, mit einem Man­tel, der vom Blut sei­nes Opfers getränkt ist, auf die Stadt und den Gar­ten zu. Das Dra­ma der Geschich­te, das im Wort Got­tes zusam­men­ge­fasst ist, bewegt sich auf den Ursprung und auf die Erfül­lung allen Seins zu.

Info Icon Augustin Frison-Roche

Was drückt die­ses Bild in Bezug auf unse­re Aus­gangs­fra­ge aus? Es zeigt meh­re­re Ebe­nen der Wahr­heit: die ursprüng­li­che Wahr­heit (und Güte) des Men­schen und der Schöp­fung, die im Gar­ten offen­bart wird; die Wahr­heit der end­gül­ti­gen Beru­fung der Welt und des Men­schen, die in der Stadt, auf die die Geschich­te zugeht, offen­bart und voll­endet wird; die Wahr­heit der Geschich­te selbst, auf der rech­ten Sei­te des Bildes.

Die Stadt ist nicht der Gar­ten, und doch befin­det sie sich auf der­sel­ben Sei­te des Bil­des. Die Stadt hat ihr Fun­da­ment im Gar­ten und der Baum des Lebens, der im Gar­ten wur­zelt, steht in der Stadt. Die von Gott geschaf­fe­ne und im ewi­gen Leben voll­ende­te Wahr­heit des Men­schen und der Welt ist eine. Die­se Ein­heit ist real und grün­det in der Ein­heit des­sen, der das Alpha und das Ome­ga, der Anfang und das Ende“ ist (Offb 21,6).

Aber es gibt auch einen rea­len, ursprüng­li­chen Unter­schied zwi­schen dem Schöp­fungs­akt und der Voll­endung aller Din­ge, einen Unter­schied, der den Raum der Frei­heit und der Rea­li­tät der Geschich­te frei­gibt: die­sen gewun­de­nen Weg zu einer Erfül­lung, deren ers­ter zer­fal­le­ner Ent­wurf Babel ist. Die Stadt kann im Schöp­fungs­akt nicht voll­stän­dig anti­zi­piert wer­den, da sonst sowohl die Rea­li­tät der Zeit als auch das Werk der Gna­de auf­ge­ho­ben wür­den. Die Unter­schie­den­heit von Gar­ten und Stadt, von geschaf­fe­ner Natur und Erfül­lung aller Din­ge, ist der Raum, der die Natur und die Gna­de sein lässt.5 Die not­wen­di­ge und unver­füg­ba­re anthro­po­lo­gi­sche Wahr­heit lässt somit his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen zu. Kul­tu­ren und Epo­chen offen­ba­ren sie, ja mehr noch, brin­gen sie her­vor. Die Natur- und Human­wis­sen­schaf­ten erfor­schen und ent­de­cken sie je neu. Sie ist jedoch dem Rela­ti­vis­mus nicht unter­wor­fen, da sie in der Rea­li­tät des Ursprungs und der Rea­li­tät des ver­hei­ße­nen Endes begrün­det ist.

Der Gar­ten und die Stadt bezeu­gen die Wahr­heit, die inmit­ten der Sün­de ver­bleibt, die Wahr­heit des hei­len Ursprungs und der voll­ende­ten Erlö­sung, die das Objekt der Hoff­nung ist. Der Gar­ten und die Stadt sind in gewis­ser Wei­se jen­seits der Zeit. In der Zeit — in der Fül­le der Zeit“ (Gal 4,4) — und die Zeit zusam­men­fas­send, steht das Wort Got­tes“, der Treue und Wahr­haf­ti­ge“, der die Erlö­sung aller Din­ge in der Lie­be voll­bracht hat. Die Hoff­nung ist die Hoff­nung auf die Stadt, die Gott baut. Sie ist auch die Hoff­nung auf den tat­säch­li­chen Sieg Chris­ti über den Fürs­ten die­ser Welt und alles Böse in ihr. Die Hoff­nung, die uns in die­sem Sieg leben lässt, ver­wan­delt die mensch­li­che Exis­tenz der­art, dass jeder sagen [kann]: Ich lebe im Glau­ben an den Sohn Got­tes, der mich geliebt und sich für mich hin­ge­ge­ben hat‘ (Gal 2,20).“6

In der Gegen­wart der Frei­heit, in der die Unter­schei­dung eine immer neue Auf­ga­be ist7, wird die Inten­tio­na­li­tät des christ­li­chen Bewusst­seins nicht von der dunk­len Tür der Zeit“8 begrenzt. Ihr drei­fa­cher Hori­zont ist: die zeit­lo­se Erin­ne­rung an das Gewe­sen“ der Schöp­fung, das Werk der Güte und Weis­heit Got­tes; die Gewiss­heit der kom­men­den Wie­der­her­stel­lung und Voll­endung aller Din­ge am Ende der Zeit, die ihre wah­re Natur und Bedeu­tung offen­ba­ren wird; die Ver­bin­dung der Gegen­wart mit der Aktua­li­tät des Oster­mys­te­ri­ums, das die Sün­de, die den Ursprung ent­stell­te, auf­deckt und besiegt. Die­se Dimen­sio­nen, auf die sich die Inten­tio­na­li­tät des Sub­jekts, das das Wah­re sucht, aus­rich­tet, bezeugt es auch in sei­nen frei­en Hand­lun­gen und sei­ner kon­kre­ten geschicht­li­chen Exis­tenz.9

Betrach­ten wir anhand eini­ger Sei­ten von Spe Sal­vi, wie sich die Bezie­hung zur Wahr­heit, die auf uns zukommt, kon­kret und ent­schei­dend auf das christ­li­che Selbst­be­wusst­sein und Dasein auswirkt.

2. Eine per­for­ma­ti­ve Hoffnung

In Spe sal­vi unter­schei­det Bene­dikt XVI. zwi­schen der Hoff­nung“ (Sin­gu­lar­form) und den klei­ne­ren oder grö­ße­ren Hoff­nun­gen“ (Plu­ral­form).10 Die Hoff­nung im Sin­gu­lar ist die Hoff­nung auf die end­gül­ti­ge Erfül­lung, auf die voll­stän­di­ge Erlö­sung. Die­se Hoff­nung, wenn sie aktu­ell wird, ist per­for­ma­tiv“11, d. h. sie ver­än­dert das Dasein und das Bewusst­sein. Sie ist für das Bewusst­sein eine dop­pel­te Instanz der sub­jek­ti­ven und objek­ti­ven Wahr­heit in einer Alteri­tät – sie zielt auf etwas, das radi­kal nicht es selbst ist –, die die Frei­heit befreit, Ver­ant­wor­tung begrün­det und Mut macht für den Weg in einer ihrem Wesen nach unvoll­kom­me­nen Welt“12.

Das Ende der Enzy­kli­ka ist dem Gericht gewid­met als Lern- und Übungs­ort der Hoff­nung“.13 Die Aus­sicht auf das Gericht, d.h. auch auf die end­gül­ti­ge Gerech­tig­keit, wird als ein Bild der Hoff­nung; für uns viel­leicht das ent­schei­den­de Bild der Hoff­nung“14 bezeich­net. Dies sind star­ke Wor­te. Es steht ja die zen­tra­le Fra­ge der Gerech­tig­keit auf dem Spiel, die laut Bene­dikt XVI. gera­de die Kern­fra­ge des Athe­is­mus des 19. und 20. Jahr­hun­derts ist, den er als ein[en] Pro­test gegen die Unge­rech­tig­kei­ten der Welt und der Welt­ge­schich­te“ aus­legt – und wie im Nega­tiv einen Schrei des Ver­lan­gens in die Welt­ge­schich­te hin­ein“: Wer wird auf das Leid der Jahr­hun­der­te ant­wor­ten? Wer bürgt dafür, dass der Zynis­mus der Macht nicht wei­ter­hin die Welt beherrscht?15 Der Autor enga­giert sich hier per­sön­lich — das ein­zi­ge Mal in die­ser Wei­se: Ich bin davon über­zeugt, dass die Fra­ge der Gerech­tig­keit das eigent­li­che, jeden­falls das stärks­te Argu­ment für den Glau­ben an das ewi­ge Leben ist.“16

Die Not­wen­dig­keit der end­gül­ti­gen Gerech­tig­keit begrün­det bei Kant das zwei­te Pos­tu­lat der prak­ti­schen Ver­nunft. Die voll­stän­di­ge Gerech­tig­keit, die vor­aus­setzt, dass ethi­sches Han­deln und Glück zusam­men­fal­len, gibt es in der Imma­nenz die­ser Welt nicht — die Selbst­lo­sig­keit des mora­li­schen Han­delns ver­langt sie gera­de­zu.17 Doch die Kohä­renz der Moral bricht zusam­men, wenn die Idee und der Wunsch nach Gerech­tig­keit ver­geb­lich sind. Daher das Pos­tu­lat der Unsterb­lich­keit der See­le als Bedin­gung der Mög­lich­keit effek­ti­ver Mora­li­tät. Die theo­lo­gi­sche Hoff­nung macht die­se end­gül­ti­ge Gerech­tig­keit nicht mehr zu einem Pos­tu­lat, son­dern zu einer Gewiss­heit. Und die­se Gewiss­heit ist, inso­fern die Hoff­nung wirk­sam ist, im Bewusst­sein und Gewis­sen ope­ra­tiv. Es han­delt sich um eine Gewiss­heit, die sich auf eine im Glau­ben gege­be­ne Rea­li­tät stützt, und nicht um eine Gewiss­heit im bloß sub­jek­ti­ven Sinn einer fes­ten Über­zeu­gung.18 Es besteht eine Alteri­tät des Begriffs, des Objekts der Hoff­nung, im Ver­hält­nis zum Bewusst­sein. Die­se im Glau­ben bezeug­te Rea­li­tät zieht Zukunft in Gegen­wart her­ein, so dass sie nicht mehr das rei­ne Noch-nicht‘ ist“.19 Die­ses Ziel ist der rea­le Hori­zont des christ­li­chen Bewusst­seins, das wah­re Maß, das es ermög­licht, in der Gegen­wart auch sub­jek­tiv in der Wahr­heit zu sein, in der Bezie­hung zu sich selbst und zu anderen.

Es geht um Wahr­heit und nicht nur um Auf­rich­tig­keit, da sich das Gewis­sen einer ech­ten Alteri­tät als Urteils­in­stanz öff­net: der Alteri­tät Got­tes selbst, aber auch spe­zi­fi­scher der Alteri­tät der Instanz des kom­men­den Gerichts über alle Din­ge und Hand­lun­gen. Die Enzy­kli­ka bemerkt scharf­sin­nig (luzi­de), dass man fast gezwun­gen ist, sich in Lüge und Selbst­be­trug zu flüch­ten, wenn nichts und nie­mand als das wah­re Maß gegen­über­steht und es nie­man­den gibt, der ver­ge­ben kann.20 So leicht wer­den wird zu Men­schen des Zurück­wei­chens“ (cf. Hebr 10,39), wenn wir uns nicht auf Got­tes Ver­hei­ßung stüt­zen kön­nen, auf den bes­se­ren und blei­ben­den Besitz“ (Hebr 10,34), der in der Hoff­nung geschenkt wird.21

Die­se objek­ti­vie­ren­de Alteri­tät ist nicht nur die des Natur­ge­set­zes, der Wahr­heit der Schöp­fung, die voll­stän­dig offen­bart und in der Stadt ent­fal­tet wird. Da wir wis­sen, dass die gesam­te Kon­tin­genz der mensch­li­chen Din­ge Gegen­stand eines Gerichts der Wahr­heit sein wird, ist die­se objek­ti­vie­ren­de Alteri­tät auch im Gewis­sen­s­ur­teil über das kon­kret zu tuen­de Gute (was hier sein soll) und über die getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen (was ich tue) wirk­sam. Es gibt also eine objek­ti­ve Instanz der Wahr­heit nicht nur auf der Ebe­ne der grund­le­gen­den Opti­on, son­dern auch in Bezug auf alle Ent­schei­dun­gen.22 Dies ist kei­nes­wegs eine Ein­schrän­kung der per­sön­li­chen Krea­ti­vi­tät und Ver­ant­wor­tung. Im Gegen­teil, es zeigt das Gewicht der Frei­heit: Nichts ist gleich­gül­tig, Details kön­nen eine immense Bedeu­tung haben. Das Maß des Han­delns, der Frei­heit und der Ver­ant­wor­tung tran­szen­diert die Imma­nenz der Zeit und kann erst dadurch Maß sein. In die­ser Gewiss­heit des Endes, das allen kon­tin­gen­ten Din­gen Kon­sis­tenz ver­leiht, wird vor­weg­ge­nom­men, dass die Gesamt­heit unse­res Wesens, unse­rer Bezie­hun­gen, des­sen, was wir auf­ge­baut haben, im Licht der Wahr­heit steht und in der Lie­be geläu­tert wird. Dar­in liegt die Erlö­sung, auf die die Tie­fen des mensch­li­chen Her­zens hof­fen und die schon Grund der Freun­de ist: bis in das Inners­te erkannt und von allem befreit zu sein, was die Lie­be gehin­dert hat, und so ganz das Eigent­li­che unse­rer selbst zu wer­den.23

Schließ­lich ist die­se freu­di­ge Gewiss­heit des Endes das, was Aus­dau­er (Hebr 10,36) und par­r­he­sia (Hebr 10,35) im Han­deln und Enga­ge­ment ver­leiht. Emma­nu­el Mounier schrieb: Das Abso­lu­te ist nicht von die­ser Welt und mit die­ser Welt nicht kom­men­su­ra­bel. Wir enga­gie­ren uns immer nur in frag­wür­di­gen Kämp­fen um unvoll­kom­me­ne Zie­le“.24 In der Tat weist Spe sal­vi auf die Gefahr hin, dass der täg­li­che Ein­satz für das Wei­ter­ge­hen des eige­nen Lebens und für die Zukunft des Gan­zen ermü­det oder […] in Fana­tis­mus [umschlägt]“ — rea­le Gefahr der Ermü­dung oder der Iden­ti­fi­zie­rung mensch­li­cher Anlie­gen mit dem Anlie­gen des Rei­ches Got­tes oder ein Schwan­ken zwi­schen bei­den — wenn uns nicht das Licht jener gro­ßen Hoff­nung leuch­tet, die auch durch Miss­erfol­ge im klei­nen und durch das Schei­tern geschicht­li­cher Abläu­fe nicht auf­ge­ho­ben wer­den kann.“25

Der­je­ni­ge, der aus der gro­ßen Hoff­nung lebt, weiß, dass es im Klei­nen Miss­erfol­ge und im Gro­ßen Zusam­men­brü­che geben wird. Er weiß, dass im äuße­ren Gang der Geschich­te die Macht der Schuld wei­ter­hin furcht­ba­re Gegen­wart“.26 Er weiß aber auch, dass dies nicht das letz­te Wort ist; dass unser Han­deln nicht gleich­gül­tig vor Gott ist und auch nicht gleich­gül­tig für die Stadt, die Gott selbst berei­tet. Er weiß, dass trotz allen Schei­terns [sein] eige­nes Leben und die Geschich­te im Gan­zen in einer unzer­stör­ba­ren Macht der Lie­be gebor­gen ist und von ihr her, für sie Sinn und Bedeu­tung hat“.27 Die­se Hoff­nungs­ge­wiss­heit“, wie Bene­dikt sie nennt, ver­leiht Mut zum Enga­ge­ment und lädt uner­müd­lich dazu ein, sich und die Welt zu öff­nen für das Her­ein­tre­ten Got­tes“ im kon­kre­ten Han­deln. Im Han­deln des­sen, der sich für das Gute ein­setzt, auch wenn alles zu wider­ste­hen scheint, liegt ein mäch­ti­ges Zeug­nis: So kommt einer­seits aus unse­rem Tun Hoff­nung für uns und für die ande­ren; zugleich aber ist es die gro­ße Hoff­nung auf die Ver­hei­ßun­gen Got­tes, die uns Mut und Rich­tung des Han­delns gibt in guten wie in bösen Stun­den.“28

Mis­sio­na­ri­scher Ausblick

So stößt unse­re Refle­xi­on wie selbst­ver­ständ­lich auf die Fra­ge der Mis­si­on — das Rah­men­the­ma, in das sich alle Bei­trä­ge ein­fü­gen soll­ten. Ver­su­chen wir abschlie­ßend, aus dem bis­her Gesag­tem eini­ge (zu) schnel­le Per­spek­ti­ven für die Mis­si­on zu gewinnen.

Gera­de eben wur­de uns das Zeug­nis bewusst, das in der Hoff­nung der­je­ni­gen liegt, die sich bestän­dig für das Gute ein­zu­set­zen ver­mö­gen, ohne Fana­tis­mus oder Ver­ab­so­lu­tie­rung mensch­li­cher Zwecke.

In einer Epo­che, in der die Zeit der mehr oder weni­ger geschichts­im­ma­nen­ten gro­ßen Erzäh­lun­gen“ vor­bei ist, ist nicht die gro­ße Hoff­nung“, die­ses so gro­ßes Ziel, dass es die Anstren­gung des Weges recht­fer­tigt“29, eine gute Nach­richt von größ­ter Bedeu­tung, die es zu ver­kün­den gilt? Ein 16-jäh­ri­ger Jun­ge kam ein­mal auf mich zu nach einer Prä­sen­ta­ti­on des ein­gangs erwähn­ten Gemäl­des. Er war über­wäl­tigt, weil er zum ers­ten Mal ein Wort über den Sinn der Geschich­te, in dem auch unser per­sön­li­ches Leben Sinn und Hori­zont fin­det, gehört hat­te. Das wird uns nie gesagt“, rief er aus. Spe sal­vi bemerkt, dass die Gewöh­nung an den christ­li­chen Got­tes­be­griff dazu füh­ren kann, dass man die Hoff­nung ver­gisst, die aus der rea­len Begeg­nung mit Gott kommt.30 Viel­leicht muss die mis­sio­na­ri­sche Kir­che die Kraft der Hoff­nung wie­der­fin­den, die ihr eigen ist und die auf die tiefs­ten Sehn­süch­te der Men­schen trifft: die Sehn­sucht nach Gerech­tig­keit, nach Wahr­heit, nach einem sinn­vol­len gemein­sa­men Han­deln und schließ­lich die Sehn­sucht nach Erlö­sung, die Sinn­schär­fe wie­der­erlangt, wenn der Blick sich auf die Dimen­sio­nen der Schöp­fung und der Geschich­te ausweitet.

Schließ­lich beleuch­tet der offe­ne Blick für die kom­men­de Wahr­heit eini­ge wesent­li­che Aspek­te des mensch­li­chen Wesens und lädt zum pro­phe­ti­schen Zeug­nis für die­se Wahr­heit ein, inmit­ten einer Welt, in der sie nicht immer leicht erkenn­bar ist. Im Gegen­zug zum Indi­vi­dua­lis­mus, zur Post-Wahr­heit, zur Ableh­nung der Ver­ant­wor­tung für ande­re und zur Gewalt im Ver­ur­tei­len, bezeugt der wahr­haft Hof­fen­de, dass wir Bezie­hungs­we­sen sind, die von einer Schick­sals­ge­mein­schaft geprägt sind und für alle auf Gerech­tig­keit hof­fen; Wesen, die vor die Wahr­heit gestellt sind und sich nach der Wahr­heit seh­nen; freie und ver­ant­wort­li­che Wesen, deren Taten zäh­len, die aber wis­sen, dass sie geliebt wer­den, und die mit einer zit­tern­den Sicher­heit“31 auch wis­sen, dass ihnen ver­ge­ben wird.

1 Oxford 1943 (dt. Die Abschaf­fung des Men­schen, Ein­sie­deln 1979).

2 Vgl. S. Oster, « Real­prä­senz, Sakra­men­ta­li­tät und der syn­oda­le Weg in Deutsch­land », Inter­na­tio­na­le katho­li­sche Zeit­schrift Com­mu­nio 51 (2022), 431 – 450448f.

3 Vgl. die Video­dar­stel­lung (312’’): https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​T​s​s​C​C​e​zl3l4 (Down­load 29.3.2025). Die Sym­bo­lik des Wer­kes reicht natür­lich weit über das hin­aus, was im vor­lie­gen­den Bei­trag auf­ge­grif­fen wird.

4 Alle bibli­schen Zita­te sind der Ein­heits­über­set­zung (2016) entnommen.

5 Vgl. Enzy­kli­ka SPE SAL­VI von Papst Bene­dikt XVI. über die christ­li­che Hoff­nung, 30.11.2027, Bonn 32008, Nr. 14 und 15. Im Fol­gen­den als Spe Nr. [Num­mer] zitiert.

6 Spe Nr. 26.

7 Vgl. Spe Nr. 24.

8 Spe Nr. 2.

9 Der Phi­lo­soph Fer­di­nand Ulrich hat die­se Bezie­hung zwi­schen dem Grund und dem Kom­men­den im Seins­voll­zug in der Gegen­wart meta­phy­sisch inter­pre­tiert. Er beschreibt die Aktua­li­tät des Seins als onto­lo­gi­sche Raum­zeit­lich­keit“, in der die wesent­li­chen Bestim­mun­gen, in denen und nach denen sich das, was ist, indi­vi­dua­li­siert und kon­kret voll­zieht, im Akt des Seins sowohl emp­fan­gen als auch her­vor­ge­bracht wer­den, und dies umso tie­fer und radi­ka­ler, wenn es sich um ein frei­es Wesen han­delt. Die wesent­li­chen Bestim­mun­gen – die Natur“ und ihre Wahr­heit – wer­den somit sowohl emp­fan­gen als auch gewollt; sie sind eine Gege­ben­heit, der zuge­stimmt wird, und sie ent­sprin­gen den Tie­fen der Frei­heit. Vgl. Fer­di­nand Ulrich, Homo abyssus. Das Wag­nis der Seins­fra­ge. Frei­burg 21998, 169 – 185.

10 Vgl. Spe Nr. 31.

11 Vgl. Spe Nr. 2 und 10.

12 Spe Nr. 31.

13 Vgl. Spe Nr. 41 – 48.

14 Spe Nr. 31.

15 Spe Nr. 42.

16 Spe Nr. 43.

17 Vgl. I. Kant, Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft [1. Aus­ga­be 1788], 214f. 

18 In Spe Nr. 7 wird dies anhand von Heb 11,1 erläu­tert („Glau­be ist die Hypo­sta­se [hypostasis/​substantia] des­sen, was man hofft, der Beweis [elenchos/​argumentum] von Din­gen, die man nicht sieht“), der seit der Refor­ma­ti­on sub­jek­tiv über­setzt wur­de. Er zeigt, wie die pro­tes­tan­ti­sche Exege­se selbst Luthers sub­jek­ti­ver Inter­pre­ta­ti­on die­ser Pas­sa­ge („Es ist aber der Glau­be eine gewis­se Zuver­sicht des, das man hofft, und ein Nicht­zwei­feln an dem, das man nicht sieht.“ [Luther Über­set­zung 1912]), die sich noch in der Ein­heits­über­set­zung wider­spie­gelt, heu­te wider­spro­chen hat. 

19 Spe Nr. 7.

20 Vgl. Spe Nr. 33.

21 Vgl. Spe Nr. 9.

22 Vgl. Ioan­nes Pau­lus II., Veri­ta­tis Sple­ndor (1993), Nr. 54 – 61, die dies jedoch nicht in einer escha­to­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve auffasst.

23 Vgl. die schö­ne Nr. 47 von Spe sal­vi, in der die Begeg­nung mit Chris­tus, dem Rich­ter und Erlö­ser, als ent­schei­den­der Akt des Gerichts dar­ge­stellt wird.

24 E. Mounier, Le per­son­na­lis­me, Paris 1950111.

25 Spe Nr. 35.

26 Spe Nr. 36.

27 Spe Nr. 35.

28 Spe Nr. 35.

29 Spe Nr. 1.

30 Vgl. Spe Nr. 3 und 22.

31 Der Aus­druck stammt von Aimé Forest.

Weitere Nachrichten

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

Das Wesen der Kirche ist Mission

Warum Mission eine innere Konsequenz des Glaubens ist. Ein Beitrag von Kurt Kardinal Koch, habilitierter…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Fromme Wünsche

Ein Beitrag von Michael Kumpfmüller.

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

„Ihr seid das Salz der Erde“

Gottes Gegenwart im Dienst der Kirche. Ein Beitrag von Christoph Raedel, Professor für Systematische…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Wo Glaube lebt: Kirche und Familie

Daniela Riel ist eine junge Mutter, die ihren Kindern den Glauben an Gott vermitteln will. Hier berichtet sie…