Augustin Frison-Roche
Über die Enzyklika Spe salvi und die Tugend der Hoffnung. Ein Beitrag von Marine de la Tour, Lehrerin für Philosophie und stellvertretende Direktorin am Lycée Marie Pila in Carpentras/Frankreich.
Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Zeichen der Hoffnung. Ein Anlass, sich erneut mit der Enzyklika «Spe salvi» zu beschäftigen, die Benedikt XVI. 2007 der Tugend der Hoffnung gewidmet hat. Dieser Text führt hin zu einer tiefen Meditation über das Christsein und seine spezifische Zeitlichkeit, die sich auf die Gewissheit des Kommenden stützt. Die Hoffnung ist eine Verankerung in dem, was erst noch kommen wird. Dadurch verleiht sie der Gegenwart Seinsgewicht. Sie ist eine theologische Tugend, die zugleich die tiefsten Sehnsüchte des Menschen aufgreift und den Grundzügen menschlicher Existenz – Freiheit, Beziehung, Handlung, Geschichte – Sinn verleiht.
Wir wollen im Folgenden betrachten, wie sich die spezifische Zeitlichkeit der theologischen Hoffnung im Verhältnis des christlichen Bewusstseins zur Wahrheit manifestiert. Dabei wollen wir zunächst ansatzweise aufzeigen, welche Relevanz dieser Frage zukommt, bevor wir dann die Enzyklika selbst über einen künstlerischen Umweg nach diesem Thema befragen. Dies wird uns am Ende folgerichtig zu missionarischen Perspektiven führen.
Es muss in der Tat eine Wahrheit über die wesentlichen Dinge geben — was der Mensch sei, was die Berufung des Menschen und der Sinn seines Lebens seien. Ohne eine solche Wahrheit, die sowohl grundlegend als auch unverfügbar sein muss, sind Freiheit und Würde existenziell bedroht. C.S. Lewis hat dies in seinem Essay «The Abolition of Man»1 eindrucksvoll aufgezeigt: Die Freiheit jedes Menschen oder jeder Epoche als eine Fähigkeit zu betrachten, diesen bis hin zu seiner Natur zu bestimmen — und diese Natur somit als radikal verfügbar zu betrachten — führt zur Zerstörung der Freiheit durch Selbstzuweisung exorbitanter Macht, synchron und diachron, einiger Menschen über andere. Freiheit und Menschsein existieren nur um den Preis der Anerkennung einer unverfügbaren Wahrheit über das Wesen des Menschen, die jede Zivilisation auf ihre je eigene Weise zum Ausdruck bringen und garantieren muss, da ihr sonst der Zusammenbruch droht. Doch wo ist diese Wahrheit zu suchen?
Diese Frage ist nicht abstrakt. In einem in der Zeitschrift Communio veröffentlichten Beitrag berichtet Stefan Oster über seine Erfahrung mit dem deutschen synodalen Weg.2 Er zeigt insbesondere die grundlegenden anthropologischen Entscheidungen auf – allen voran die einer als radikal autonom verstandenen Freiheit –, die in den verschiedenen Foren getroffen wurden und die alle weiteren Entwicklungen der Diskussionen bedingt haben. Da über deren Grundlage oder Voraussetzungen nicht nachgedacht wurde, bleiben sie bewusst oder unbewusst in der Denkweise einer Epoche gefangen. Die Unterscheidung, zu der uns unser Christsein kraft unserer prophetischen Berufung als Getaufte einlädt, geht jedoch tiefer als die Denkweisen einer Epoche, weil sie tiefer in den Ursprung reicht und den Blick auf die Zukunft richtet. Die Wahrheit, welche Vernunft und Gewissen suchen, lässt sich nicht in der Immanenz des Chronos einfangen.
1. Der Garten, die Stadt, und die Fülle der Zeit
Augustin Frison-Roche
Bevor wir uns in Spe Salvi vertiefen, schlage ich vor, dass wir vor diesem zeitgenössischen Kunstwerk, einem monumentalen Gemälde auf Holz, das die Rückwand des südlichen Querschiffs der bretonischen Kathedrale von Saint-Malo (in der Bretagne) einnimmt, innehalten.3 Das Gemälde ist vom Text der Apokalypse inspiriert. Es zeigt links das himmlische Jerusalem (vgl. Offb 21,10−27), (die) „die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (Hebr 11,10)4. Ihre Fundamente liegen im Garten der Schöpfung. Rechts, zur Mitte des Bildes hin ausgerichtet, der Reiter, der „der Treue und Wahrhaftige“ heißt, „das Wort Gottes“ (Offb 19,11−16), begleitet von den himmlischen Heerscharen. Der Künstler verwendete eine von den flämischen Primitiven stammende Technik, die Lasur, bei der mehrere Ebenen transparent ineinander gemalt werden. Unter dem Reiter und dem himmlischen Heer ist der eschatologische Kampf zu sehen, in dem sich die Geschichte zu rekapitulieren scheint. Der Kampf ist gewaltig. Es ist ein Kampf, in dem es auch um den Menschen geht: man sieht entmenschlichte gefallene Figuren, halb Mensch, halb Tier. In der friedlichen und feierlichen Gegenwart des Vordergrunds schreitet der, der das Böse und die Schlange des Ursprungs besiegt hat, mit einem Mantel, der vom Blut seines Opfers getränkt ist, auf die Stadt und den Garten zu. Das Drama der Geschichte, das im Wort Gottes zusammengefasst ist, bewegt sich auf den Ursprung und auf die Erfüllung allen Seins zu.
Augustin Frison-Roche
Was drückt dieses Bild in Bezug auf unsere Ausgangsfrage aus? Es zeigt mehrere Ebenen der Wahrheit: die ursprüngliche Wahrheit (und Güte) des Menschen und der Schöpfung, die im Garten offenbart wird; die Wahrheit der endgültigen Berufung der Welt und des Menschen, die in der Stadt, auf die die Geschichte zugeht, offenbart und vollendet wird; die Wahrheit der Geschichte selbst, auf der rechten Seite des Bildes.
Die Stadt ist nicht der Garten, und doch befindet sie sich auf derselben Seite des Bildes. Die Stadt hat ihr Fundament im Garten und der Baum des Lebens, der im Garten wurzelt, steht in der Stadt. Die von Gott geschaffene und im ewigen Leben vollendete Wahrheit des Menschen und der Welt ist eine. Diese Einheit ist real und gründet in der Einheit dessen, der „das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“ ist (Offb 21,6).
Aber es gibt auch einen realen, ursprünglichen Unterschied zwischen dem Schöpfungsakt und der Vollendung aller Dinge, einen Unterschied, der den Raum der Freiheit und der Realität der Geschichte freigibt: diesen gewundenen Weg zu einer Erfüllung, deren erster zerfallener Entwurf Babel ist. Die Stadt kann im Schöpfungsakt nicht vollständig antizipiert werden, da sonst sowohl die Realität der Zeit als auch das Werk der Gnade aufgehoben würden. Die Unterschiedenheit von Garten und Stadt, von geschaffener Natur und Erfüllung aller Dinge, ist der Raum, der die Natur und die Gnade sein lässt.5 Die notwendige und unverfügbare anthropologische Wahrheit lässt somit historische Entwicklungen zu. Kulturen und Epochen offenbaren sie, ja mehr noch, bringen sie hervor. Die Natur- und Humanwissenschaften erforschen und entdecken sie je neu. Sie ist jedoch dem Relativismus nicht unterworfen, da sie in der Realität des Ursprungs und der Realität des verheißenen Endes begründet ist.
Der Garten und die Stadt bezeugen die Wahrheit, die inmitten der Sünde verbleibt, die Wahrheit des heilen Ursprungs und der vollendeten Erlösung, die das Objekt der Hoffnung ist. Der Garten und die Stadt sind in gewisser Weise jenseits der Zeit. In der Zeit — „in der Fülle der Zeit“ (Gal 4,4) — und die Zeit zusammenfassend, steht „das Wort Gottes“, „der Treue und Wahrhaftige“, der die Erlösung aller Dinge in der Liebe vollbracht hat. Die Hoffnung ist die Hoffnung auf die Stadt, die Gott baut. Sie ist auch die Hoffnung auf den tatsächlichen Sieg Christi über den Fürsten dieser Welt und alles Böse in ihr. Die Hoffnung, die uns in diesem Sieg leben lässt, verwandelt die menschliche Existenz derart, dass „jeder sagen [kann]: ‚Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat‘ (Gal 2,20).“6
In der Gegenwart der Freiheit, in der die Unterscheidung eine immer neue Aufgabe ist7, wird die Intentionalität des christlichen Bewusstseins nicht von der „dunklen Tür der Zeit“8 begrenzt. Ihr dreifacher Horizont ist: die zeitlose Erinnerung an das „Gewesen“ der Schöpfung, das Werk der Güte und Weisheit Gottes; die Gewissheit der kommenden Wiederherstellung und Vollendung aller Dinge am Ende der Zeit, die ihre wahre Natur und Bedeutung offenbaren wird; die Verbindung der Gegenwart mit der Aktualität des Ostermysteriums, das die Sünde, die den Ursprung entstellte, aufdeckt und besiegt. Diese Dimensionen, auf die sich die Intentionalität des Subjekts, das das Wahre sucht, ausrichtet, bezeugt es auch in seinen freien Handlungen und seiner konkreten geschichtlichen Existenz.9
Betrachten wir anhand einiger Seiten von Spe Salvi, wie sich die Beziehung zur Wahrheit, die auf uns zukommt, konkret und entscheidend auf das christliche Selbstbewusstsein und Dasein auswirkt.
2. Eine performative Hoffnung
In Spe salvi unterscheidet Benedikt XVI. zwischen der „Hoffnung“ (Singularform) und den kleineren oder größeren „Hoffnungen“ (Pluralform).10 Die Hoffnung im Singular ist die Hoffnung auf die endgültige Erfüllung, auf die vollständige Erlösung. Diese Hoffnung, wenn sie aktuell wird, ist „performativ“11, d. h. sie verändert das Dasein und das Bewusstsein. Sie ist für das Bewusstsein eine doppelte Instanz der subjektiven und objektiven Wahrheit in einer Alterität – sie zielt auf etwas, das radikal nicht es selbst ist –, die die Freiheit befreit, Verantwortung begründet und Mut macht für den Weg „in einer ihrem Wesen nach unvollkommenen Welt“12.
Das Ende der Enzyklika ist dem Gericht gewidmet „als Lern- und Übungsort der Hoffnung“.13 Die Aussicht auf das Gericht, d.h. auch auf die endgültige Gerechtigkeit, wird als „ein Bild der Hoffnung; für uns vielleicht das entscheidende Bild der Hoffnung“14 bezeichnet. Dies sind starke Worte. Es steht ja die zentrale Frage der Gerechtigkeit auf dem Spiel, die laut Benedikt XVI. gerade die Kernfrage des Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts ist, den er als „ein[en] Protest gegen die Ungerechtigkeiten der Welt und der Weltgeschichte“ auslegt – und wie im Negativ einen „Schrei des Verlangens in die Weltgeschichte hinein“: Wer wird auf das Leid der Jahrhunderte antworten? Wer bürgt dafür, dass der Zynismus der Macht nicht weiterhin die Welt beherrscht?15 Der Autor engagiert sich hier persönlich — das einzige Mal in dieser Weise: „Ich bin davon überzeugt, dass die Frage der Gerechtigkeit das eigentliche, jedenfalls das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben ist.“16
Die Notwendigkeit der endgültigen Gerechtigkeit begründet bei Kant das zweite Postulat der praktischen Vernunft. Die vollständige Gerechtigkeit, die voraussetzt, dass ethisches Handeln und Glück zusammenfallen, gibt es in der Immanenz dieser Welt nicht — die Selbstlosigkeit des moralischen Handelns verlangt sie geradezu.17 Doch die Kohärenz der Moral bricht zusammen, wenn die Idee und der Wunsch nach Gerechtigkeit vergeblich sind. Daher das Postulat der Unsterblichkeit der Seele als Bedingung der Möglichkeit effektiver Moralität. Die theologische Hoffnung macht diese endgültige Gerechtigkeit nicht mehr zu einem Postulat, sondern zu einer Gewissheit. Und diese Gewissheit ist, insofern die Hoffnung wirksam ist, im Bewusstsein und Gewissen operativ. Es handelt sich um eine Gewissheit, die sich auf eine im Glauben gegebene Realität stützt, und nicht um eine Gewissheit im bloß subjektiven Sinn einer festen Überzeugung.18 Es besteht eine Alterität des Begriffs, des Objekts der Hoffnung, im Verhältnis zum Bewusstsein. Diese im Glauben bezeugte Realität „zieht Zukunft in Gegenwart herein, so dass sie nicht mehr das reine ‚Noch-nicht‘ ist“.19 Dieses Ziel ist der reale Horizont des christlichen Bewusstseins, das wahre Maß, das es ermöglicht, in der Gegenwart auch subjektiv in der Wahrheit zu sein, in der Beziehung zu sich selbst und zu anderen.
Es geht um Wahrheit und nicht nur um Aufrichtigkeit, da sich das Gewissen einer echten Alterität als Urteilsinstanz öffnet: der Alterität Gottes selbst, aber auch spezifischer der Alterität der Instanz des kommenden Gerichts über alle Dinge und Handlungen. Die Enzyklika bemerkt scharfsinnig (luzide), dass man fast gezwungen ist, sich in Lüge und Selbstbetrug zu flüchten, wenn nichts und niemand als das wahre Maß gegenübersteht und es niemanden gibt, der vergeben kann.20 So leicht werden wird zu „Menschen des Zurückweichens“ (cf. Hebr 10,39), wenn wir uns nicht auf Gottes Verheißung stützen können, auf den „besseren und bleibenden Besitz“ (Hebr 10,34), der in der Hoffnung geschenkt wird.21
Diese objektivierende Alterität ist nicht nur die des Naturgesetzes, der Wahrheit der Schöpfung, die vollständig offenbart und in der Stadt entfaltet wird. Da wir wissen, dass die gesamte Kontingenz der menschlichen Dinge Gegenstand eines Gerichts der Wahrheit sein wird, ist diese objektivierende Alterität auch im Gewissensurteil über das konkret zu tuende Gute (was hier sein soll) und über die getroffenen Entscheidungen (was ich tue) wirksam. Es gibt also eine objektive Instanz der Wahrheit nicht nur auf der Ebene der grundlegenden Option, sondern auch in Bezug auf alle Entscheidungen.22 Dies ist keineswegs eine Einschränkung der persönlichen Kreativität und Verantwortung. Im Gegenteil, es zeigt das Gewicht der Freiheit: Nichts ist gleichgültig, Details können eine immense Bedeutung haben. Das Maß des Handelns, der Freiheit und der Verantwortung transzendiert die Immanenz der Zeit und kann erst dadurch Maß sein. In dieser Gewissheit des Endes, das allen kontingenten Dingen Konsistenz verleiht, wird vorweggenommen, dass die Gesamtheit unseres Wesens, unserer Beziehungen, dessen, was wir aufgebaut haben, im Licht der Wahrheit steht und in der Liebe geläutert wird. Darin liegt die Erlösung, auf die die Tiefen des menschlichen Herzens hoffen und die schon Grund der Freunde ist: bis in das Innerste erkannt und von allem befreit zu sein, was die Liebe gehindert hat, und so ganz das Eigentliche unserer selbst zu werden.23
Schließlich ist diese freudige Gewissheit des Endes das, was Ausdauer (Hebr 10,36) und parrhesia (Hebr 10,35) im Handeln und Engagement verleiht. Emmanuel Mounier schrieb: „Das Absolute ist nicht von dieser Welt und mit dieser Welt nicht kommensurabel. Wir engagieren uns immer nur in fragwürdigen Kämpfen um unvollkommene Ziele“.24 In der Tat weist Spe salvi auf die Gefahr hin, dass „der tägliche Einsatz für das Weitergehen des eigenen Lebens und für die Zukunft des Ganzen ermüdet oder […] in Fanatismus [umschlägt]“ — reale Gefahr der Ermüdung oder der Identifizierung menschlicher Anliegen mit dem Anliegen des Reiches Gottes oder ein Schwanken zwischen beiden — „wenn uns nicht das Licht jener großen Hoffnung leuchtet, die auch durch Misserfolge im kleinen und durch das Scheitern geschichtlicher Abläufe nicht aufgehoben werden kann.“25
Derjenige, der aus der großen Hoffnung lebt, weiß, dass es im Kleinen Misserfolge und im Großen Zusammenbrüche geben wird. Er weiß, dass „im äußeren Gang der Geschichte die Macht der Schuld weiterhin furchtbare Gegenwart“.26 Er weiß aber auch, dass dies nicht das letzte Wort ist; dass unser Handeln nicht gleichgültig vor Gott ist und auch nicht gleichgültig für die Stadt, die Gott selbst bereitet. Er weiß, dass „trotz allen Scheiterns [sein] eigenes Leben und die Geschichte im Ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen ist und von ihr her, für sie Sinn und Bedeutung hat“.27 Diese „Hoffnungsgewissheit“, wie Benedikt sie nennt, verleiht Mut zum Engagement und lädt unermüdlich dazu ein, sich und die Welt zu „öffnen für das Hereintreten Gottes“ im konkreten Handeln. Im Handeln dessen, der sich für das Gute einsetzt, auch wenn alles zu widerstehen scheint, liegt ein mächtiges Zeugnis: „So kommt einerseits aus unserem Tun Hoffnung für uns und für die anderen; zugleich aber ist es die große Hoffnung auf die Verheißungen Gottes, die uns Mut und Richtung des Handelns gibt in guten wie in bösen Stunden.“28
Missionarischer Ausblick
So stößt unsere Reflexion wie selbstverständlich auf die Frage der Mission — das Rahmenthema, in das sich alle Beiträge einfügen sollten. Versuchen wir abschließend, aus dem bisher Gesagtem einige (zu) schnelle Perspektiven für die Mission zu gewinnen.
Gerade eben wurde uns das Zeugnis bewusst, das in der Hoffnung derjenigen liegt, die sich beständig für das Gute einzusetzen vermögen, ohne Fanatismus oder Verabsolutierung menschlicher Zwecke.
In einer Epoche, in der die Zeit der mehr oder weniger geschichtsimmanenten „großen Erzählungen“ vorbei ist, ist nicht die „große Hoffnung“, dieses so großes Ziel, „dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt“29, eine gute Nachricht von größter Bedeutung, die es zu verkünden gilt? Ein 16-jähriger Junge kam einmal auf mich zu nach einer Präsentation des eingangs erwähnten Gemäldes. Er war überwältigt, weil er zum ersten Mal ein Wort über den Sinn der Geschichte, in dem auch unser persönliches Leben Sinn und Horizont findet, gehört hatte. „Das wird uns nie gesagt“, rief er aus. Spe salvi bemerkt, dass die Gewöhnung an den christlichen Gottesbegriff dazu führen kann, dass man die Hoffnung vergisst, die aus der realen Begegnung mit Gott kommt.30 Vielleicht muss die missionarische Kirche die Kraft der Hoffnung wiederfinden, die ihr eigen ist und die auf die tiefsten Sehnsüchte der Menschen trifft: die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit, nach einem sinnvollen gemeinsamen Handeln und schließlich die Sehnsucht nach Erlösung, die Sinnschärfe wiedererlangt, wenn der Blick sich auf die Dimensionen der Schöpfung und der Geschichte ausweitet.
Schließlich beleuchtet der offene Blick für die kommende Wahrheit einige wesentliche Aspekte des menschlichen Wesens und lädt zum prophetischen Zeugnis für diese Wahrheit ein, inmitten einer Welt, in der sie nicht immer leicht erkennbar ist. Im Gegenzug zum Individualismus, zur Post-Wahrheit, zur Ablehnung der Verantwortung für andere und zur Gewalt im Verurteilen, bezeugt der wahrhaft Hoffende, dass wir Beziehungswesen sind, die von einer Schicksalsgemeinschaft geprägt sind und für alle auf Gerechtigkeit hoffen; Wesen, die vor die Wahrheit gestellt sind und sich nach der Wahrheit sehnen; freie und verantwortliche Wesen, deren Taten zählen, die aber wissen, dass sie geliebt werden, und die mit einer „zitternden Sicherheit“31 auch wissen, dass ihnen vergeben wird.
1 Oxford 1943 (dt. Die Abschaffung des Menschen, Einsiedeln 1979).
2 Vgl. S. Oster, « Realpräsenz, Sakramentalität und der synodale Weg in Deutschland », Internationale katholische Zeitschrift Communio 51 (2022), 431 – 450, 448f.
3 Vgl. die Videodarstellung (3’12’’): https://www.youtube.com/watch?v=TssCCezl3l4 (Download 29.3.2025). Die Symbolik des Werkes reicht natürlich weit über das hinaus, was im vorliegenden Beitrag aufgegriffen wird.
4 Alle biblischen Zitate sind der Einheitsübersetzung (2016) entnommen.
5 Vgl. Enzyklika SPE SALVI von Papst Benedikt XVI. über die christliche Hoffnung, 30.11.2027, Bonn 32008, Nr. 14 und 15. Im Folgenden als Spe Nr. [Nummer] zitiert.
6 Spe Nr. 26.
7 Vgl. Spe Nr. 24.
8 Spe Nr. 2.
9 Der Philosoph Ferdinand Ulrich hat diese Beziehung zwischen dem Grund und dem Kommenden im Seinsvollzug in der Gegenwart metaphysisch interpretiert. Er beschreibt die Aktualität des Seins als „ontologische Raumzeitlichkeit“, in der die wesentlichen Bestimmungen, in denen und nach denen sich das, was ist, individualisiert und konkret vollzieht, im Akt des Seins sowohl empfangen als auch hervorgebracht werden, und dies umso tiefer und radikaler, wenn es sich um ein freies Wesen handelt. Die wesentlichen Bestimmungen – die „Natur“ und ihre Wahrheit – werden somit sowohl empfangen als auch gewollt; sie sind eine Gegebenheit, der zugestimmt wird, und sie entspringen den Tiefen der Freiheit. Vgl. Ferdinand Ulrich, Homo abyssus. Das Wagnis der Seinsfrage. Freiburg 21998, 169 – 185.
10 Vgl. Spe Nr. 31.
11 Vgl. Spe Nr. 2 und 10.
12 Spe Nr. 31.
13 Vgl. Spe Nr. 41 – 48.
14 Spe Nr. 31.
15 Spe Nr. 42.
16 Spe Nr. 43.
17 Vgl. I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft [1. Ausgabe 1788], 214f.
18 In Spe Nr. 7 wird dies anhand von Heb 11,1 erläutert („Glaube ist die Hypostase [hypostasis/substantia] dessen, was man hofft, der Beweis [elenchos/argumentum] von Dingen, die man nicht sieht“), der seit der Reformation subjektiv übersetzt wurde. Er zeigt, wie die protestantische Exegese selbst Luthers subjektiver Interpretation dieser Passage („Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.“ [Luther Übersetzung 1912]), die sich noch in der Einheitsübersetzung widerspiegelt, heute widersprochen hat.
19 Spe Nr. 7.
20 Vgl. Spe Nr. 33.
21 Vgl. Spe Nr. 9.
22 Vgl. Ioannes Paulus II., Veritatis Splendor (1993), Nr. 54 – 61, die dies jedoch nicht in einer eschatologischen Perspektive auffasst.
23 Vgl. die schöne Nr. 47 von Spe salvi, in der die Begegnung mit Christus, dem Richter und Erlöser, als entscheidender Akt des Gerichts dargestellt wird.
24 E. Mounier, Le personnalisme, Paris 1950, 111.
25 Spe Nr. 35.
26 Spe Nr. 36.
27 Spe Nr. 35.
28 Spe Nr. 35.
29 Spe Nr. 1.
30 Vgl. Spe Nr. 3 und 22.
31 Der Ausdruck stammt von Aimé Forest.



