Sein geistlicher Begleiter habe ihm aufgetragen, die persönliche Gebetszeit auf zwei Stunden pro Tag zu verdoppeln, so berichtete Pater Stefan Oster SDB mir bei einer unserer ersten Begegnungen. Denn sich für Gebet zu interessieren oder mit anderen Menschen darüber zu sprechen, ist das eine. Das Tun ist etwas ganz Anderes.
Hier war also ein Mensch, der nicht nur nachdenken, sondern etwas Konkretes leben wollte. Der geistliche Begleiter, von dem er sprach, war kein anderer als der von ihm so verehrte Professor Ferdinand Ulrich. Dessen Buch „Gebet als geschöpflicher Grundakt“ hatte Stefan Oster bereits als Geschenk dabei, als er zum ersten Mal auf Besuch kam. Beschenkt wurde mein Leben durch die an jenem Tag grundgelegte Freundschaft und durch jahrelangen, inhaltlich oft sehr intensiven Austausch.
Ein Zuhören, das berührt
Dieser Austausch war von Anfang an von einer Qualität des Zuhörens und Ernstnehmens von Seiten meines Gesprächspartners geprägt, die mich berührte. Wir sprachen stundenlang, durchaus auch kontrovers. Philosophisch lagen Welten zwischen uns, spirituell wollte Pater Stefan die Frömmigkeitsform verstehen, die im noch ganz jungen Gebetshaus Augsburg gelebt wurde und brachte die ihm so zentralen Themen Maria und Eucharistie in den Dialog mit einem ökumenisch ausgerichteten Werk. Da ging es heiß her in der Diskussion! Er ist ein Gesprächspartner, der weder den anderen noch sich selbst „schont“. Sah er etwas anders, widersprach er prompt. Fand er etwas nicht gut, schrieb er das. Wurde ihm selbst Widerspruch oder Hinterfragung zuteil, wurde mit derselben Offenheit empfangen wie zuvor mitgeteilt worden war.
Dialogische Philosophie
Stefan Osters Philosophie ist eine dialogische; die Wahrheit ist keinem absolut vermacht, sie ereignet sich als geistig-geistliches Liebesgeschehen zwischen Ich und Du und stiftet ein Wir. Und er selbst lebt das auch. Wie ein Mensch zuhören kann, das sagt viel über ihn aus. Stefan Oster besitzt die Gabe, wirklich zuzuhören und die Position des Gegenübers nicht nur nicht abzukanzeln, sondern im Gegenteil sogar dort ernst zu nehmen, wo sie unfertig, einseitig oder gar irrig ist.
So jedenfalls habe ich ihn erlebt. Und so hörte er auch einem damals einem gut 30-Jährigen in Augsburg zu, der sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter aufgemacht hatte, Tag und Nacht zu beten.
Wer äußerlich Spektakuläres suchte, musste enttäuscht sein. Mit einigen Studenten aus Benediktbeuern saßen wir in unserer kleinen Wohnung, auf dem Boden lagen die Spielsachen unserer Kleinkinder und sprachen über die Vorsehung, Gottes Führung und das Gebet. Das Gebetshaus bestand damals aus genau einem einzigen Raum: einem kleinen ehemaligen Elektroladen, der im Sommer brütend heiß und im Winter so schlecht gedämmt war, dass sich an den Innenseiten der Fensterscheiben dicke Eisschichten bildeten. Die Offenheit, mit der ein Ordensmann und Professor für Philosophie hier in einem Kreis von jungen, noch ziemlich unerfahrenen Menschen hören, wahrnehmen und lernen wollte, hat mein Herz geöffnet.
Wie geschieht Wachstum im Glauben?
Das Thema, das ihn damals umtrieb tut es heute noch. „Wie geschieht Wachstum im Glauben?“, „Warum blüht der Glauben an manchen Orten auf und an anderen nicht?“ „Wo passieren Berufungen?“ — wir sprachen stundenlang. Ein Student hatte ihm in Benediktbeuern von seinem geistlichen Leben berichtet und von seiner persönlichen Gebetsroutine am morgen. Diese beginne mit einer Stunde der „stillen Zeit“. Pater Stefan meinte, er habe damals überhaupt zum ersten Mal von irgendwem gehört, der als Laie eine Stunde am Stück bete. Die Frage, wie der Student denn auf solches käme, führte irgendwann zu dem Besuch in Augsburg. Viele weitere folgten. Wo (und ob überhaupt) Impulse von dort im Wirken Stefan Osters fruchtbar wurden, ist eine Frage, die er selbst wohl am besten beantworten könnte.
Mein eigenes Leben jedoch wurde durch unsere Begegnung tief geprägt. Das hat auch, durchaus aber nicht nur mit Ferdinand Ulrich zu tun, auf den Stefan Oster mich so lange hinwies, bis meine postmodern-antirealistische Metaphysikallergie sich langsam aufzulösen begann. Wie genau es dazu kam, lässt sich in geschriebenen Worten kaum darstellen. In mir hat sich etwas gewandelt. Wo eine kritische Distanz, eine kühle Skepsis war, zog das ein, was Paul Ricoeur eine „zweite Naivität“ nennt, ein neues Vertrauen. Wessen philosophischer Bildungsweg selbst das Säurebad der analytischen Philosophie und den Generalverdacht des Post-Strukturalismus durchlebt hat, der ist für Ferdinand Ulrich nicht immer auf den ersten Blick zu begeistern.
Parallel zu unseren stundenlangen Gesprächen begann ich, die dicken Bücher zu lesen, die Stefan Oster mir mitgebracht hatte. Es waren teilweise seine eigenen Handexemplare mit zahlreichen Notizen aus der Arbeit an seiner Habilitationsschrift. So vergrub ich mich in „Homo Abyssus“ und „Gabe und Vergebung“. Ich verstand wenig, doch der Boden unter mir gab nach und darunter öffneten sich Gemächer, die mir unvertraut waren, obwohl ich auf diesem Boden doch schon immer gestanden war. Es fühlte sich unvertraut und sogar ein wenig bedrohlich an, sich auf solches Denken einzulassen, das hermetisch und dunkel klang.
Es war die Person Stefan Osters, die mir Mut machte, weiterzulesen, nachdem ich ihm mein zynisches erstes Fazit hingeworfen hatte: das sei wie die katholische Mischung aus Heidegger und Buber. Wie vorschnell! Die Befremdung wich beim weiteren Lesen einer existenziellen Erschütterung und die verursachte innerhalb der folgenden Monate so etwas wie eine philosophische Bekehrung.
Missionarische Kirche
Doch es waren nicht die Bücher allein, es war ein Mensch, der all das persönlich zu leben versuchte, der als Zeuge dahinter stand. Später bin ich Ferdinand Ulrich auch selbst begegnet, doch die wesentliche Erklärung und Verkörperung bestand für mich in dem Kontakt und den Gesprächen mit seinem Schüler, den er schlicht „Stefan“ nannte. Gemeinsames ist später erwachsen. Ein ökumenischer Kreis zum Austausch über missionarische Kirche zum Beispiel. Katholische Bischöfe zusammen mit evangelischen und freikirchlichen Leitern: nachdem man sich das erste Mal in Passau getroffen hatte, wollte das nächste Mal keiner mehr woanders hin. Das lag wesentlich am Gastgeber Stefan Oster, der einmal mehr mit seiner dialogbereiten, offenen Art die Herzen für ein inniges und geistliches Miteinander aufschließen konnte.
Auch hier schonte er die Schwestern und Brüder nicht: bereist beim ersten Treffen servierte er mit einem Vortrag über „Maria und die Eucharistie“ das schwärzeste aller dogmatischen Schwarzbrote. Für manche freikirchlichen Pastoren als überhaupt erster intensiver Berührungspunkt mit katholischer Theologie durchaus nicht ganz leicht verdaulich. Es war einmal mehr die persönliche Art Bischof Osters, die das Komplizierte einfach und das Abstrakte menschlich machte.
Dass in diesem persönlichen Bericht der Titel „Bischof“ erst jetzt am Ende und hier auch nur beiläufig genannt wird, kann als Signal gewertet werden. Sein Amt hat sich verändert, sein Umgang mit Menschen aber nicht. Vor meinen inneren Augen sehe ich noch immer den Salesianerpater, dem junge Menschen am Herzen liegen und der die Frage stellt, wie der Glaube heute wächst. Mein eigener ist jedenfalls gewachsen durch unsere Freundschaft.



