Erfahrungsberichte

Wahrheit ereignet sich als Liebesgeschehen

Redaktion am 03.06.2025

Ein Beitrag von Johannes Hartl, Gründer und Leiter des Gebetshaus Augsburg.

Sein geist­li­cher Beglei­ter habe ihm auf­ge­tra­gen, die per­sön­li­che Gebets­zeit auf zwei Stun­den pro Tag zu ver­dop­peln, so berich­te­te Pater Ste­fan Oster SDB mir bei einer unse­rer ers­ten Begeg­nun­gen. Denn sich für Gebet zu inter­es­sie­ren oder mit ande­ren Men­schen dar­über zu spre­chen, ist das eine. Das Tun ist etwas ganz Anderes.

Hier war also ein Mensch, der nicht nur nach­den­ken, son­dern etwas Kon­kre­tes leben woll­te. Der geist­li­che Beglei­ter, von dem er sprach, war kein ande­rer als der von ihm so ver­ehr­te Pro­fes­sor Fer­di­nand Ulrich. Des­sen Buch Gebet als geschöpf­li­cher Grund­akt“ hat­te Ste­fan Oster bereits als Geschenk dabei, als er zum ers­ten Mal auf Besuch kam. Beschenkt wur­de mein Leben durch die an jenem Tag grund­ge­leg­te Freund­schaft und durch jah­re­lan­gen, inhalt­lich oft sehr inten­si­ven Austausch.

Ein Zuhören, das berührt

Die­ser Aus­tausch war von Anfang an von einer Qua­li­tät des Zuhö­rens und Ernst­neh­mens von Sei­ten mei­nes Gesprächs­part­ners geprägt, die mich berühr­te. Wir spra­chen stun­den­lang, durch­aus auch kon­tro­vers. Phi­lo­so­phisch lagen Wel­ten zwi­schen uns, spi­ri­tu­ell woll­te Pater Ste­fan die Fröm­mig­keits­form ver­ste­hen, die im noch ganz jun­gen Gebets­haus Augs­burg gelebt wur­de und brach­te die ihm so zen­tra­len The­men Maria und Eucha­ris­tie in den Dia­log mit einem öku­me­nisch aus­ge­rich­te­ten Werk. Da ging es heiß her in der Dis­kus­si­on! Er ist ein Gesprächs­part­ner, der weder den ande­ren noch sich selbst schont“. Sah er etwas anders, wider­sprach er prompt. Fand er etwas nicht gut, schrieb er das. Wur­de ihm selbst Wider­spruch oder Hin­ter­fra­gung zuteil, wur­de mit der­sel­ben Offen­heit emp­fan­gen wie zuvor mit­ge­teilt wor­den war.

Dialogische Philosophie

Ste­fan Osters Phi­lo­so­phie ist eine dia­lo­gi­sche; die Wahr­heit ist kei­nem abso­lut ver­macht, sie ereig­net sich als geis­tig-geist­li­ches Lie­bes­ge­sche­hen zwi­schen Ich und Du und stif­tet ein Wir. Und er selbst lebt das auch. Wie ein Mensch zuhö­ren kann, das sagt viel über ihn aus. Ste­fan Oster besitzt die Gabe, wirk­lich zuzu­hö­ren und die Posi­ti­on des Gegen­übers nicht nur nicht abzu­kan­zeln, son­dern im Gegen­teil sogar dort ernst zu neh­men, wo sie unfer­tig, ein­sei­tig oder gar irrig ist.

So jeden­falls habe ich ihn erlebt. Und so hör­te er auch einem damals einem gut 30-Jäh­ri­gen in Augs­burg zu, der sich mit einer Grup­pe Gleich­ge­sinn­ter auf­ge­macht hat­te, Tag und Nacht zu beten. 

Wer äußer­lich Spek­ta­ku­lä­res such­te, muss­te ent­täuscht sein. Mit eini­gen Stu­den­ten aus Bene­dikt­beu­ern saßen wir in unse­rer klei­nen Woh­nung, auf dem Boden lagen die Spiel­sa­chen unse­rer Klein­kin­der und spra­chen über die Vor­se­hung, Got­tes Füh­rung und das Gebet. Das Gebets­haus bestand damals aus genau einem ein­zi­gen Raum: einem klei­nen ehe­ma­li­gen Elek­tro­la­den, der im Som­mer brü­tend heiß und im Win­ter so schlecht gedämmt war, dass sich an den Innen­sei­ten der Fens­ter­schei­ben dicke Eis­schich­ten bil­de­ten. Die Offen­heit, mit der ein Ordens­mann und Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie hier in einem Kreis von jun­gen, noch ziem­lich uner­fah­re­nen Men­schen hören, wahr­neh­men und ler­nen woll­te, hat mein Herz geöffnet.

Wie geschieht Wachstum im Glauben?

Das The­ma, das ihn damals umtrieb tut es heu­te noch. Wie geschieht Wachs­tum im Glau­ben?“, War­um blüht der Glau­ben an man­chen Orten auf und an ande­ren nicht?“ Wo pas­sie­ren Beru­fun­gen?“ — wir spra­chen stun­den­lang. Ein Stu­dent hat­te ihm in Bene­dikt­beu­ern von sei­nem geist­li­chen Leben berich­tet und von sei­ner per­sön­li­chen Gebets­rou­ti­ne am mor­gen. Die­se begin­ne mit einer Stun­de der stil­len Zeit“. Pater Ste­fan mein­te, er habe damals über­haupt zum ers­ten Mal von irgend­wem gehört, der als Laie eine Stun­de am Stück bete. Die Fra­ge, wie der Stu­dent denn auf sol­ches käme, führ­te irgend­wann zu dem Besuch in Augs­burg. Vie­le wei­te­re folg­ten. Wo (und ob über­haupt) Impul­se von dort im Wir­ken Ste­fan Osters frucht­bar wur­den, ist eine Fra­ge, die er selbst wohl am bes­ten beant­wor­ten könnte.

Mein eige­nes Leben jedoch wur­de durch unse­re Begeg­nung tief geprägt. Das hat auch, durch­aus aber nicht nur mit Fer­di­nand Ulrich zu tun, auf den Ste­fan Oster mich so lan­ge hin­wies, bis mei­ne post­mo­dern-anti­rea­lis­ti­sche Meta­phy­si­kall­er­gie sich lang­sam auf­zu­lö­sen begann. Wie genau es dazu kam, lässt sich in geschrie­be­nen Wor­ten kaum dar­stel­len. In mir hat sich etwas gewan­delt. Wo eine kri­ti­sche Distanz, eine küh­le Skep­sis war, zog das ein, was Paul Rico­eur eine zwei­te Nai­vi­tät“ nennt, ein neu­es Ver­trau­en. Wes­sen phi­lo­so­phi­scher Bil­dungs­weg selbst das Säu­re­bad der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie und den Gene­ral­ver­dacht des Post-Struk­tu­ra­lis­mus durch­lebt hat, der ist für Fer­di­nand Ulrich nicht immer auf den ers­ten Blick zu begeistern.

Par­al­lel zu unse­ren stun­den­lan­gen Gesprä­chen begann ich, die dicken Bücher zu lesen, die Ste­fan Oster mir mit­ge­bracht hat­te. Es waren teil­wei­se sei­ne eige­nen Hand­ex­em­pla­re mit zahl­rei­chen Noti­zen aus der Arbeit an sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift. So ver­grub ich mich in Homo Abyssus“ und Gabe und Ver­ge­bung“. Ich ver­stand wenig, doch der Boden unter mir gab nach und dar­un­ter öff­ne­ten sich Gemä­cher, die mir unver­traut waren, obwohl ich auf die­sem Boden doch schon immer gestan­den war. Es fühl­te sich unver­traut und sogar ein wenig bedroh­lich an, sich auf sol­ches Den­ken ein­zu­las­sen, das her­me­tisch und dun­kel klang.

Es war die Per­son Ste­fan Osters, die mir Mut mach­te, wei­ter­zu­le­sen, nach­dem ich ihm mein zyni­sches ers­tes Fazit hin­ge­wor­fen hat­te: das sei wie die katho­li­sche Mischung aus Heid­eg­ger und Buber. Wie vor­schnell! Die Befrem­dung wich beim wei­te­ren Lesen einer exis­ten­zi­el­len Erschüt­te­rung und die ver­ur­sach­te inner­halb der fol­gen­den Mona­te so etwas wie eine phi­lo­so­phi­sche Bekehrung.

Missionarische Kirche

Doch es waren nicht die Bücher allein, es war ein Mensch, der all das per­sön­lich zu leben ver­such­te, der als Zeu­ge dahin­ter stand. Spä­ter bin ich Fer­di­nand Ulrich auch selbst begeg­net, doch die wesent­li­che Erklä­rung und Ver­kör­pe­rung bestand für mich in dem Kon­takt und den Gesprä­chen mit sei­nem Schü­ler, den er schlicht Ste­fan“ nann­te. Gemein­sa­mes ist spä­ter erwach­sen. Ein öku­me­ni­scher Kreis zum Aus­tausch über mis­sio­na­ri­sche Kir­che zum Bei­spiel. Katho­li­sche Bischö­fe zusam­men mit evan­ge­li­schen und frei­kirch­li­chen Lei­tern: nach­dem man sich das ers­te Mal in Pas­sau getrof­fen hat­te, woll­te das nächs­te Mal kei­ner mehr woan­ders hin. Das lag wesent­lich am Gast­ge­ber Ste­fan Oster, der ein­mal mehr mit sei­ner dia­log­be­rei­ten, offe­nen Art die Her­zen für ein inni­ges und geist­li­ches Mit­ein­an­der auf­schlie­ßen konnte.

Auch hier schon­te er die Schwes­tern und Brü­der nicht: bereist beim ers­ten Tref­fen ser­vier­te er mit einem Vor­trag über Maria und die Eucha­ris­tie“ das schwär­zes­te aller dog­ma­ti­schen Schwarz­bro­te. Für man­che frei­kirch­li­chen Pas­to­ren als über­haupt ers­ter inten­si­ver Berüh­rungs­punkt mit katho­li­scher Theo­lo­gie durch­aus nicht ganz leicht ver­dau­lich. Es war ein­mal mehr die per­sön­li­che Art Bischof Osters, die das Kom­pli­zier­te ein­fach und das Abs­trak­te mensch­lich machte.

Dass in die­sem per­sön­li­chen Bericht der Titel Bischof“ erst jetzt am Ende und hier auch nur bei­läu­fig genannt wird, kann als Signal gewer­tet wer­den. Sein Amt hat sich ver­än­dert, sein Umgang mit Men­schen aber nicht. Vor mei­nen inne­ren Augen sehe ich noch immer den Sale­sia­ner­pa­ter, dem jun­ge Men­schen am Her­zen lie­gen und der die Fra­ge stellt, wie der Glau­be heu­te wächst. Mein eige­ner ist jeden­falls gewach­sen durch unse­re Freundschaft. 

Weitere Nachrichten

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

Das Wesen der Kirche ist Mission

Warum Mission eine innere Konsequenz des Glaubens ist. Ein Beitrag von Kurt Kardinal Koch, habilitierter…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Fromme Wünsche

Ein Beitrag von Michael Kumpfmüller.

Aus der Wissenschaft
03.06.2025

„Ihr seid das Salz der Erde“

Gottes Gegenwart im Dienst der Kirche. Ein Beitrag von Christoph Raedel, Professor für Systematische…

Erfahrungsberichte
03.06.2025

Wo Glaube lebt: Kirche und Familie

Daniela Riel ist eine junge Mutter, die ihren Kindern den Glauben an Gott vermitteln will. Hier berichtet sie…