Erfahrungsberichte

Warum wir Kirchen bauen

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Bild: Anna Hofmeister

Oder: Die missionarische Kraft von Sakralbauten. Ein Beitrag von Alois Brunner.

Lässt man sei­nen Blick über die Land­schaft schwei­fen, so gibt es im Bis­tum Pas­sau nahe­zu kei­nen Punkt, wo nicht ein Kirch­turm zu sehen ist. Woher rührt die­se Viel­zahl an Kir­chen und war­um bau­en wir Chris­ten über­haupt Kir­chen? Die­ser Bei­trag geht die­sen Fra­gen nach und möch­te dem Zusam­men­wir­ken von Archi­tek­tur, Kunst und Lit­ur­gie nachspüren.

Das Chris­ten­tum kennt kei­ne Tier­op­fer, da Chris­tus selbst sich für die Sün­den der Men­schen geop­fert hat. Chris­ten brau­chen dem­nach auch kei­ne Brand­op­fer­stät­te (Tem­pel), son­dern seit der früh­christ­li­chen Zeit ver­sam­meln sie sich um einen Altar, um Eucha­ris­tie zu fei­ern. Fan­den die­se Ver­samm­lun­gen zunächst wohl in Pri­vat­häu­sern statt, wur­den bereits vor der kon­stan­ti­ni­schen Wen­de eige­ne Ver­samm­lungs­räu­me gebaut, die mit einem Altar aus­ge­stat­tet waren, wie neue­re For­schun­gen bele­gen kön­nen. Mit der Ein­füh­rung des Staats­kir­chen­tums und der damit ermög­lich­ten frei­en christ­li­chen Reli­gi­ons­aus­übung wur­den als­bald grö­ße­re Ver­samm­lungs­stät­ten not­wen­dig. Die Chris­ten sahen dabei kei­ne Vor­be­hal­te, auf pro­fa­ne Bau­for­men zurück­zu­grei­fen, näm­lich auf die gro­ßen Gerichts- und Markt­ge­bäu­de. Auf­grund der erfor­der­li­chen Grö­ße hat­te sich hier­für aus bau­tech­ni­schen Grün­den die basi­li­ka­le Form her­aus­ge­bil­det, also ein brei­tes, hohes Mit­tel­schiff mit seit­lich ange­setz­ten, nied­ri­ge­ren Sei­ten­schif­fen. Den Abschluss gegen­über der Ein­gangs­sei­te bil­de­te eine Apsis, in der ein Rich­ter- bzw. Herr­scher­stuhl auf­ge­stellt war. Der Name Basi­li­ka, abge­lei­tet vom grie­chi­schem Wort basi­leus“, also König, deu­tet dar­auf hin, dass die­se Hal­len auch als Königs­hal­len Ver­wen­dung fan­den. Sakra­len Cha­rak­ter beka­men die­se frü­hen Basi­li­ken dadurch, dass direkt vor der Apsis der Altar auf­ge­stellt wur­de und die Apsis mit Mosai­ken, die etwa Chris­tus als Pan­to­kra­tor (Wel­ten­herr­scher) oder den Guten Hir­ten zeig­ten, aus­ge­schmückt wur­de. Seit der Gestal­tung der früh­christ­li­chen Basi­li­ken mit christ­li­chen Moti­ven gilt bis in die Gegen­wart, das die Kir­che stets die vor­treff­li­che Unter­stüt­zung der Küns­te [sucht] und … die künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men aller Völ­ker und Regio­nen zu[lässt]“ mit der Auf­ga­be, die sakra­len und die zum Got­tes­dienst gehö­ren­den Din­ge … wahr­haft wür­dig und schön“ zu gestal­ten als Zei­chen und Sym­bo­le höhe­rer Wirk­lich­kei­ten“ (Grund­ord­nung des Römi­schen Mess­buchs). Die Kir­chen­bau­ten möch­ten uns also mit den künst­le­ri­schen Gestal­tun­gen den Weg in den Him­mel zeigen!

Info Icon Bild: Anna Hofmeister

Die frü­hes­te bekann­te, wenn auch mit star­ken Ver­än­de­run­gen erhal­te­ne christ­li­che Basi­li­ka ist San Gio­van­ni in Late­r­ano, die ers­te von Kai­ser Kon­sta­tin 312 gestif­te­te Kir­che und bis heu­te Sitz des Bischofs von Rom. Die basi­li­ka­le Bau­form fand im katho­li­schen Kir­chen­bau übri­gens bis zum Ende des His­to­ris­mus, also bis zum Ende des 19. Jahr­hun­derts, Verwendung.

Nach­dem unser mit­tel­eu­ro­päi­scher Raum chris­tia­ni­siert wur­de, ent­stan­den in der karo­lin­gi­schen und otto­ni­schen Zeit über­wie­gend schlich­te Stein­bau­ten, zunächst ohne Wöl­bun­gen und noch mit klei­nen Fens­tern aus­ge­stat­tet, da die­se noch nicht ver­glast wer­den konn­ten. Aber auch hier wur­den zuneh­mend die Kir­chen mit orna­men­ta­ler und figür­li­cher Male­rei gestal­tet und geschmückt.

Seit der Roma­nik erhiel­ten die Kir­chen in unse­rem Raum mehr und mehr gemau­er­te Gewöl­be, die aus bau­tech­ni­schen Grün­den noch auf mas­si­ven Mau­ern ruhen muss­ten, so dass sie gedrun­gen wirk­ten. Da man für die gro­ßen roma­ni­schen Kir­chen eine auf­wen­di­ge Beleuch­tung mit Ker­zen benö­tig­te, ent­stan­den in die­ser Zeit die ältes­ten und bedeu­tends­ten erhal­te­nen Rad­leuch­ter, die in sym­bo­li­scher Form das Himm­li­sche Jeru­sa­lem, also das Para­dies, den Him­mel, dar­stel­len gemäß der Apo­ka­lyp­se des Johan­nes Kap. 21. Tür­me und Tore, meist von Pro­phe­ten und Apos­teln besetzt, bil­den die Stadt­mau­er des Himm­li­schen Jeru­sa­lem ab. Die Zahl Zwölf (Tür­me) und deren Viel­fa­chen ent­spre­chen der Zah­len­sym­bo­lik der Offen­ba­rung des Johan­nes. Eini­ge weni­ge Exem­pla­re der Roma­nik haben die Zei­ten über­dau­ert. In der Zeit des His­to­ris­mus wur­de die Idee der roma­ni­schen Rad­leuch­ter wie­der auf­ge­grif­fen, als Bei­spiel sei Lud­wigs­thal genannt. Mit zuneh­men­dem Fort­schritt der Bau­tech­nik konn­ten die Kir­chen in ganz neue Dimen­sio­nen vor­drin­gen. Die Mau­ern wur­den immer mehr aus­ge­dünnt zuguns­ten von immer grö­ßer wer­den­den Fens­tern. Schließ­lich blie­ben in der fran­zö­si­schen Hoch­go­tik fast nur noch Pfei­ler als sta­tisch not­wen­di­ges Trag­werk übrig, die in der Lage waren, fili­gra­ne und damit leich­te Rip­pen­ge­wöl­be zu tra­gen. Mit der Mög­lich­keit, far­bi­ge Glä­ser her­zu­stel­len, konn­ten die Wand­flä­chen zwi­schen den Pfei­lern far­ben­präch­tig ver­glast wer­den. Den Höhe­punkt die­ser Gestal­tungs­ideen zei­gen uns die gro­ßen goti­schen Kathe­dra­len, wie etwa Char­tres, Paris, Köln oder auch Regens­burg. Die nun ent­stan­de­nen, fast schon zer­brech­lich wir­ken­den Kir­chen­bau­ten sind theo­lo­gisch inspi­riert und auf­ge­la­den“. Sie stre­ben dem Him­mel ent­ge­gen und ver­kör­pern den Anspruch, das Himm­li­sche Jeru­sa­lem gemäß der Apo­ka­lyp­se des Johan­nes, Kapi­tel 21, hier auf Erden abzu­bil­den. Für die in der Apo­ka­lyp­se beschrie­be­nen Edel­stei­ne ste­hen die far­bi­gen Glas­fens­ter, die – man neh­me den Regens­bur­ger Dom — an einem son­ni­gen Tag zu leuch­ten begin­nen. So soll­te den Men­schen auf beein­dru­cken­de, ja gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de Wei­se erfahr­bar gemacht wer­den, was es bedeu­tet, in den Him­mel, in das Para­dies, zu kom­men. So ent­stand vom 12. bis in das begin­nen­de 16. Jahr­hun­dert eine erstaun­lich gro­ße Anzahl goti­scher Kir­chen in Mit­tel­eu­ro­pa, dar­un­ter auch vie­le spät­go­ti­sche Bau­ten in unse­rem Bis­tum Passau.

Mit dem Beginn der Neu­zeit fand der Bau gro­ßer goti­scher Kir­chen nach und nach sein Ende. Es ist die Zeit neu­er, grund­le­gen­der natur­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se, gera­de auch in der Astro­no­mie, etwa, dass sich die Son­ne nicht um die Erde dreht, son­dern – umge­kehrt — die Erde um die Son­ne. Dies hat schließ­lich zu der Erkennt­nis geführt, dass der Him­mel – und damit das gesam­te Welt­all – deut­lich grö­ßer und unvor­stell­ba­rer“ sein muss, als es die Apo­ka­lyp­se des Johan­nes schil­dert. In der Kunst ver­zich­tet man seit­her auf rea­lis­ti­sche“ Dar­stel­lun­gen des Himm­li­schen Jeru­sa­lems. Die Kir­chen des Barock zei­gen in Ihren bild­li­chen und figür­li­chen Gestal­tun­gen den Him­mel nur“ noch so, wie wir ihn als Men­schen von der Erde aus wahr­neh­men, näm­lich blau mit Wol­ken. Wird etwa ein Engel aus dem Him­mel benö­tigt, so kommt die­ser durch ein strah­len­des Wol­ken­loch her­ab. Aber was dahin­ter ist, bleibt ver­deckt; so zu sehen im Pas­sau­er Dom.

Aber auch die präch­ti­gen Barock­kir­chen ver­mit­teln uns einen Ein­druck des Para­die­ses – wenn auch nun in einem über­tra­ge­nen Sin­ne: Sie sind als Fest­sä­le für die Lit­ur­gie gestal­tet und ver­mit­teln mit Stuck, Bil­dern und Figu­ren sowie mit Far­be und Gold einen tran­szen­den­ten“ also über­ir­di­schen Blick in den Him­mel. Die baro­cken Kir­chen im süddeutsch/​öster­rei­chi­schen Raum sind zen­triert auf den Hoch­al­tar, auf des­sen Altar­tisch die Hl. Eucha­ris­tie gefei­ert wurde/​wird, sicht­bar für die Gläu­bi­gen, nach­dem im Zuge des Kon­zils von Tri­ent die tren­nen­den Lett­ner abge­schafft und durch Kom­mu­ni­on­git­ter bzw. –bän­ke ersetzt wur­den. Zudem war es bau­tech­nisch nun mög­lich, die Kir­chen­räu­me ohne im Raum ste­hen­de Pfei­ler zu bau­en; die­se wur­den an die Außen­wän­de gesetzt. So ent­stan­den die für die Barock­zeit typi­schen Wand­pfei­ler­kir­chen. Damit konn­te den Gläu­bi­gen ein ver­tief­tes Ver­ständ­nis für die Deu­tung der Evan­ge­li­en (Pre­digt) und der Eucha­ris­tie (Wand­lung) ver­mit­telt wer­den. In der Pas­sau­er Stu­di­en­kir­che ist die­ser Kir­chen­raum­ty­pus mit frei­em Blick auf die Kan­zel und frei­em Blick auf den Hoch­al­tar ganz im Sin­ne des Kon­zils von Tri­ent ide­al­ty­pisch ver­wirk­licht. Die­se im Geis­te des Triden­ti­ni­schen Kon­zils ent­stan­de­nen Kir­chen­räu­me blie­ben in ihrer theo­lo­gi­schen Kon­zep­ti­on nahe­zu 400 Jah­re wirk­sam bis zum II. Vati­ka­ni­schen Konzils.

Mit der Lit­ur­gie­re­form des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils bekam der Kir­chen­raum, ins­be­son­de­re der Altar, eine ver­än­der­te Funk­ti­on. Die auf den Hoch­al­tar aus­ge­rich­te­te Wege­kir­che“ wur­de ver­las­sen und neue Grund­riss­for­men hiel­ten Ein­zug im Kir­chen­bau: run­de Zen­tral­räu­me, Okto­go­ne, Ellip­sen etc. Der Altar wird nun so im Raum errich­tet, dass die Got­tes­diens­te ver­sus popu­lum“, also zum Volk hin­ge­wen­det, zele­briert wer­den kön­nen, um damit der Fei­er der Eucha­ris­tie eine neue und ver­tief­te Bedeu­tung zu geben.

Den Kir­chen der Gegen­wart wird gele­gent­lich vor­ge­wor­fen, sie sei­en kahl und nüchtern.

Aber in unse­rer von den (visu­el­len) Medi­en über­flu­te­ten Zeit mag gera­de die Schlicht­heit sol­cher Kir­chen wohl­tu­end auf den Got­tes­dienst­be­su­cher wir­ken, der sich dann in der Fei­er der Eucha­ris­tie ver­tieft Chris­tus zuwen­den kann, der uns den Weg in den Him­mel, in das Para­dies, weist. So betet der Pries­ter in der Prä­fa­ti­on am Hoch­fest Aller­hei­li­gen: Denn heu­te schau­en wir dei­ne hei­li­ge Stadt, unse­re Hei­mat, das himm­li­sche Jeru­sa­lem. Dort loben dich auf ewig die ver­herr­lich­ten Glie­der der Kir­che, unse­re Brü­der und Schwes­tern, die schon zur Voll­endung gelangt sind. Dort­hin pil­gern auch wir im Glau­ben, ermu­tigt durch ihre Für­spra­che und ihr Bei­spiel und gehen freu­dig dem Ziel der Ver­hei­ßung ent­ge­gen.“ Und dar­um bau­en wir Chris­ten Kirchen!

Info Icon Bild: Stefanie Hintermayr

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