Lässt man seinen Blick über die Landschaft schweifen, so gibt es im Bistum Passau nahezu keinen Punkt, wo nicht ein Kirchturm zu sehen ist. Woher rührt diese Vielzahl an Kirchen und warum bauen wir Christen überhaupt Kirchen? Dieser Beitrag geht diesen Fragen nach und möchte dem Zusammenwirken von Architektur, Kunst und Liturgie nachspüren.
Das Christentum kennt keine Tieropfer, da Christus selbst sich für die Sünden der Menschen geopfert hat. Christen brauchen demnach auch keine Brandopferstätte (Tempel), sondern seit der frühchristlichen Zeit versammeln sie sich um einen Altar, um Eucharistie zu feiern. Fanden diese Versammlungen zunächst wohl in Privathäusern statt, wurden bereits vor der konstantinischen Wende eigene Versammlungsräume gebaut, die mit einem Altar ausgestattet waren, wie neuere Forschungen belegen können. Mit der Einführung des Staatskirchentums und der damit ermöglichten freien christlichen Religionsausübung wurden alsbald größere Versammlungsstätten notwendig. Die Christen sahen dabei keine Vorbehalte, auf profane Bauformen zurückzugreifen, nämlich auf die großen Gerichts- und Marktgebäude. Aufgrund der erforderlichen Größe hatte sich hierfür aus bautechnischen Gründen die basilikale Form herausgebildet, also ein breites, hohes Mittelschiff mit seitlich angesetzten, niedrigeren Seitenschiffen. Den Abschluss gegenüber der Eingangsseite bildete eine Apsis, in der ein Richter- bzw. Herrscherstuhl aufgestellt war. Der Name Basilika, abgeleitet vom griechischem Wort „basileus“, also König, deutet darauf hin, dass diese Hallen auch als Königshallen Verwendung fanden. Sakralen Charakter bekamen diese frühen Basiliken dadurch, dass direkt vor der Apsis der Altar aufgestellt wurde und die Apsis mit Mosaiken, die etwa Christus als Pantokrator (Weltenherrscher) oder den Guten Hirten zeigten, ausgeschmückt wurde. Seit der Gestaltung der frühchristlichen Basiliken mit christlichen Motiven gilt bis in die Gegenwart, das die „Kirche stets die vortreffliche Unterstützung der Künste [sucht] und … die künstlerischen Ausdrucksformen aller Völker und Regionen zu[lässt]“ mit der Aufgabe, die „sakralen und die zum Gottesdienst gehörenden Dinge … wahrhaft würdig und schön“ zu gestalten als „Zeichen und Symbole höherer Wirklichkeiten“ (Grundordnung des Römischen Messbuchs). Die Kirchenbauten möchten uns also mit den künstlerischen Gestaltungen den Weg in den Himmel zeigen!
Bild: Anna Hofmeister
Die früheste bekannte, wenn auch mit starken Veränderungen erhaltene christliche Basilika ist San Giovanni in Laterano, die erste von Kaiser Konstatin 312 gestiftete Kirche und bis heute Sitz des Bischofs von Rom. Die basilikale Bauform fand im katholischen Kirchenbau übrigens bis zum Ende des Historismus, also bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Verwendung.
Nachdem unser mitteleuropäischer Raum christianisiert wurde, entstanden in der karolingischen und ottonischen Zeit überwiegend schlichte Steinbauten, zunächst ohne Wölbungen und noch mit kleinen Fenstern ausgestattet, da diese noch nicht verglast werden konnten. Aber auch hier wurden zunehmend die Kirchen mit ornamentaler und figürlicher Malerei gestaltet und geschmückt.
Seit der Romanik erhielten die Kirchen in unserem Raum mehr und mehr gemauerte Gewölbe, die aus bautechnischen Gründen noch auf massiven Mauern ruhen mussten, so dass sie gedrungen wirkten. Da man für die großen romanischen Kirchen eine aufwendige Beleuchtung mit Kerzen benötigte, entstanden in dieser Zeit die ältesten und bedeutendsten erhaltenen Radleuchter, die in symbolischer Form das Himmlische Jerusalem, also das Paradies, den Himmel, darstellen gemäß der Apokalypse des Johannes Kap. 21. Türme und Tore, meist von Propheten und Aposteln besetzt, bilden die Stadtmauer des Himmlischen Jerusalem ab. Die Zahl Zwölf (Türme) und deren Vielfachen entsprechen der Zahlensymbolik der Offenbarung des Johannes. Einige wenige Exemplare der Romanik haben die Zeiten überdauert. In der Zeit des Historismus wurde die Idee der romanischen Radleuchter wieder aufgegriffen, als Beispiel sei Ludwigsthal genannt. Mit zunehmendem Fortschritt der Bautechnik konnten die Kirchen in ganz neue Dimensionen vordringen. Die Mauern wurden immer mehr ausgedünnt zugunsten von immer größer werdenden Fenstern. Schließlich blieben in der französischen Hochgotik fast nur noch Pfeiler als statisch notwendiges Tragwerk übrig, die in der Lage waren, filigrane und damit leichte Rippengewölbe zu tragen. Mit der Möglichkeit, farbige Gläser herzustellen, konnten die Wandflächen zwischen den Pfeilern farbenprächtig verglast werden. Den Höhepunkt dieser Gestaltungsideen zeigen uns die großen gotischen Kathedralen, wie etwa Chartres, Paris, Köln oder auch Regensburg. Die nun entstandenen, fast schon zerbrechlich wirkenden Kirchenbauten sind theologisch inspiriert und „aufgeladen“. Sie streben dem Himmel entgegen und verkörpern den Anspruch, das Himmlische Jerusalem gemäß der Apokalypse des Johannes, Kapitel 21, hier auf Erden abzubilden. Für die in der Apokalypse beschriebenen Edelsteine stehen die farbigen Glasfenster, die – man nehme den Regensburger Dom — an einem sonnigen Tag zu leuchten beginnen. So sollte den Menschen auf beeindruckende, ja geradezu überwältigende Weise erfahrbar gemacht werden, was es bedeutet, in den Himmel, in das Paradies, zu kommen. So entstand vom 12. bis in das beginnende 16. Jahrhundert eine erstaunlich große Anzahl gotischer Kirchen in Mitteleuropa, darunter auch viele spätgotische Bauten in unserem Bistum Passau.
Mit dem Beginn der Neuzeit fand der Bau großer gotischer Kirchen nach und nach sein Ende. Es ist die Zeit neuer, grundlegender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, gerade auch in der Astronomie, etwa, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht, sondern – umgekehrt — die Erde um die Sonne. Dies hat schließlich zu der Erkenntnis geführt, dass der Himmel – und damit das gesamte Weltall – deutlich größer und „unvorstellbarer“ sein muss, als es die Apokalypse des Johannes schildert. In der Kunst verzichtet man seither auf „realistische“ Darstellungen des Himmlischen Jerusalems. Die Kirchen des Barock zeigen in Ihren bildlichen und figürlichen Gestaltungen den Himmel „nur“ noch so, wie wir ihn als Menschen von der Erde aus wahrnehmen, nämlich blau mit Wolken. Wird etwa ein Engel aus dem Himmel benötigt, so kommt dieser durch ein strahlendes Wolkenloch herab. Aber was dahinter ist, bleibt verdeckt; so zu sehen im Passauer Dom.
Aber auch die prächtigen Barockkirchen vermitteln uns einen Eindruck des Paradieses – wenn auch nun in einem übertragenen Sinne: Sie sind als Festsäle für die Liturgie gestaltet und vermitteln mit Stuck, Bildern und Figuren sowie mit Farbe und Gold einen „transzendenten“ also überirdischen Blick in den Himmel. Die barocken Kirchen im süddeutsch/österreichischen Raum sind zentriert auf den Hochaltar, auf dessen Altartisch die Hl. Eucharistie gefeiert wurde/wird, sichtbar für die Gläubigen, nachdem im Zuge des Konzils von Trient die trennenden Lettner abgeschafft und durch Kommuniongitter bzw. –bänke ersetzt wurden. Zudem war es bautechnisch nun möglich, die Kirchenräume ohne im Raum stehende Pfeiler zu bauen; diese wurden an die Außenwände gesetzt. So entstanden die für die Barockzeit typischen Wandpfeilerkirchen. Damit konnte den Gläubigen ein vertieftes Verständnis für die Deutung der Evangelien (Predigt) und der Eucharistie (Wandlung) vermittelt werden. In der Passauer Studienkirche ist dieser Kirchenraumtypus mit freiem Blick auf die Kanzel und freiem Blick auf den Hochaltar ganz im Sinne des Konzils von Trient idealtypisch verwirklicht. Diese im Geiste des Tridentinischen Konzils entstandenen Kirchenräume blieben in ihrer theologischen Konzeption nahezu 400 Jahre wirksam bis zum II. Vatikanischen Konzils.
Mit der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils bekam der Kirchenraum, insbesondere der Altar, eine veränderte Funktion. Die auf den Hochaltar ausgerichtete „Wegekirche“ wurde verlassen und neue Grundrissformen hielten Einzug im Kirchenbau: runde Zentralräume, Oktogone, Ellipsen etc. Der Altar wird nun so im Raum errichtet, dass die Gottesdienste „versus populum“, also zum Volk hingewendet, zelebriert werden können, um damit der Feier der Eucharistie eine neue und vertiefte Bedeutung zu geben.
Den Kirchen der Gegenwart wird gelegentlich vorgeworfen, sie seien kahl und nüchtern.
Aber in unserer von den (visuellen) Medien überfluteten Zeit mag gerade die Schlichtheit solcher Kirchen wohltuend auf den Gottesdienstbesucher wirken, der sich dann in der Feier der Eucharistie vertieft Christus zuwenden kann, der uns den Weg in den Himmel, in das Paradies, weist. So betet der Priester in der Präfation am Hochfest Allerheiligen: „Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen.“ Und darum bauen wir Christen Kirchen!
Bild: Stefanie Hintermayr



