Ich arbeite seit 30 Jahren als Familienpflegerin und komme in ganz viele verschiedene Familienstrukturen, Schicksale und Kulturen. Wenn ich einen „neuen Einsatz“ bekomme, erfahre ich ein paar Eckdaten der Familie ( Anzahl der Kinder, Grund des Einsatzes, wie viel Wochenstunden) – ansonsten weiß ich nicht, was mich hinter dieser neuen Tür erwartet.
Passe ich mit dem was ich an Empathie und Geschick mitbringe in diese Familie? Kann ich in meinem Rahmen Unterstützung und Entlastung sein? Kann die Familie meine Hilfe annehmen? Bin ich die richtige Wegbegleiterin (dafür bete ich vor jedem neuen Einsatz)?
Die Gründe, warum ich in die Familien komme sind sehr unterschiedlich, Krebserkrankung eines Elternteils, verschiedene akute oder chronische Krankheiten, Risikoschwangerschaft, Kinder mit besonderem Betreuungsaufwand, Mehrlingsgeburten, Alleinerziehende, Senioren mit Unterstützungsbedarf, psychische Erkrankungen, Suchterkrankung. Es geht um Menschen in schwierigen Lebens- und Familiensituationen.
Ich gehe durch diese Türe, lerne die Menschen hinter ihr kennen und verstehen. Ich versuche, ihr vertrauen zu gewinnen, denn ganz egal aus welchen Gründen ich komme und was meine Aufgaben sind, Grundvoraussetzung für eine gute Arbeit ist gegenseitiges Vertrauen. Vertrauen darin, das ich die Familiensituation achtsam, respektvoll und vertraulich annehmen und mittragen kann, Vertrauen darin, dass ihre Kinder bei mir in guten Händen sind, Vertrauen darin, dass ich die anfallenden Aufgaben gut bewältigen kann. Ich tauche ein in diese Familienmuster und versuche die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind, und sie ein Stück in dieser Situation ihres Weges zu begleiten, um sie dann wieder gut selber weitergehen zu lassen.
Manche Einsätze sind sehr schön uns relativ einfach, wenn sich eine Mutter das Bein bricht und ich für einige Wochen ihren Haushalt und die Kinder versorge oder bei einer Risikoschwangerschaft, wenn sich alles auf das Baby freut und am Ende alles wieder gut ist, wenn ich gehe. Anders ist es bei Einsätzen, wo eine Krebsdiagnose mitgeteilt wurde, ein Kind eine Behinderung hat oder gar verstorben ist. Diesen Schicksalen stehe ich völlig machtlos gegenüber und hoffe dennoch, durch mein Begleiten eine kleine Unterstützung zu sein.
Ganz schwierig sind für mich auch immer Einsätze vom Jugendamt zu begleiten, das sind meist junge Mütter, die ungeplant Kinder bekommen und selbst aus sehr zerrütteten Familienverhältnissen kommen, wo oft Missbrauch und Drogen eine große Rolle spielen. Hier merke ich, wie unglaublich schwierig es ist, so jungen Menschen, die 20 Jahre ihres Lebens keine richtige Liebe und Geborgenheit erfahren durften, Hilfe in ein für uns „normales“ Leben zu geben mit Arbeit, Fürsorge, Verlässlichkeit.
Bischof Oster ist es wichtig, an die „Ränder“ zu gehen und den Menschen dort zu helfen, doch wo sind diese „Ränder“? Für mich sind sie mitten unter uns. Menschen, die einen Partner oder ein Kind verloren haben, Kinder, die kein richtiges Zuhause erleben dürfen, weil die Eltern emotional, psychisch oder physisch nicht in der Lage sind. Frauen, die Kinder bekommen, obwohl sie keine wollten (und dann ziemlich alleine sind in unserer Gesellschaft), Eltern von „besonderen“ Kindern, die ein vielfaches mehr an Pflege, Zeit und Fürsorge brauchen. Altere Menschen, die alleine leben und nicht mehr mobil sind… Sie alle sind im Herzen verletzt, traurig, einsam und leben auf ihrer Insel oft verloren und allein. All diese Menschen sind mitten unter uns und wenn wir unser Herz öffnen, dann können wir so manche Not fühlen, jeder von uns.
Manchmal reicht ein Lächeln, eine Umarmung, ein paar nette Worte, ein „Wie geht es dir?“. Zeit für einen Kaffee oder einen Spaziergang, damit der andere fühlt, da ist jemand, dem ich wichtig bin. An den Sorgen und Nöten der anderen können wir meist nichts ändern, aber wir können da sein, zuhören, mitfühlen und sie begleiten, wenn sie das wollen.
Ich persönlich kann das nur, weil ich eine Familie habe, die mein „Wegbegleiter sein“ mitträgt und mich unterstützt in meinen Ideen, Aufgaben und meine ständige Abwesenheit akzeptiert. Es braucht nicht nur die „aktiven Macher“ in unsrer Welt, sondern genauso die „stillen Unterstützer“, die Menschen wie mir, manche Last wieder abnehmen und die Dinge in meinem Zuhause am Laufen halten, mir immer wieder genug Liebe, Kraft und Mut geben für neue Familien mit neuen Herausforderungen.
Neben meiner Arbeit als Familienpflegerin mache ich gerne Andachten im Frauenbund und für Kinder. Diese Andachten für Kinder mag ich deshalb so gerne, weil dort der Glaube „so einfach“ ist. Es wird sehr kindgerecht erklärt, dass Gott es immer gut mit uns meint, er immer bei uns ist und uns behütet und liebt, genauso wie wir sind, auch wenn es manchmal nicht so scheint. Eltern segnen ihre Kinder und wir singen gemeinsam voller Freude und Begeisterung, ich finde es wunderschön, wenn dann alle fröhlich nach Hause gehen, denn Liturgie darf nicht weh tun sondern Freude machen und im Herzen ankommen.
Die Andachten im Frauenbund gehen mit dem Jahreskreis einher: Kreuzweg oder Bußandacht, Maiandacht, ewige Anbetung, Bibelwanderung, Adventsandacht, Kripperlweg. Unser Programm und unsere Ideen sind vielfältig. Vor zwei Jahren haben wir wieder einen Frauenbundchor gegründet, das gemeinsame Singen macht uns allen viel Spaß, wir singen zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen. Das Mitgestalten im Katholischen Frauenbund ist mir auch wichtig, denn mit unseren Aktionen (Weihnachtsbasar, Flohmarkt, Fasching) und unserem Jahresbeitrag wird vielen Menschen in schwierigen Situationen geholfen, vor allem Frauen. So spenden wir immer wieder an das Frauenhaus Passau, die Familienpflegestation, ein Kinderhospiz oder unterstützen den Kampf gegen die Beschneidung junger Mädchen.
Mein Leben ist gefüllt mit vielen verschiedenen Menschen und ihren Schicksalen, mit Freude, wenn etwas geglückt ist, und mit Verzweiflung in Situationen ohne Ausweg. Ich liebe meinen Beruf sehr, es ist für mich ein sehr schönes Gefühl und eine große Ehre, so nah an den Menschen zu sein, in ihr innerstes, die Familie, das Zuhause eingelassen zu werden und es erfüllt mich immer mit großer Freude und Dankbarkeit wenn ein „Einsatz“ gut beendet werden kann und ich ein kleines Stück ihres Lebens als „guter Wegbegleiter“ bereichern durfte.



