Erfahrungsberichte

Wegbegleiter sein: An den Rändern mitten unter uns

Redaktion am 03.06.2025

Ein Erfahrungsbericht aus dem Alltag der Familienpflegerin Alexandra Pfaffinger.

Ich arbei­te seit 30 Jah­ren als Fami­li­en­pfle­ge­rin und kom­me in ganz vie­le ver­schie­de­ne Fami­li­en­struk­tu­ren, Schick­sa­le und Kul­tu­ren. Wenn ich einen neu­en Ein­satz“ bekom­me, erfah­re ich ein paar Eck­da­ten der Fami­lie ( Anzahl der Kin­der, Grund des Ein­sat­zes, wie viel Wochen­stun­den) – ansons­ten weiß ich nicht, was mich hin­ter die­ser neu­en Tür erwartet.

Pas­se ich mit dem was ich an Empa­thie und Geschick mit­brin­ge in die­se Fami­lie? Kann ich in mei­nem Rah­men Unter­stüt­zung und Ent­las­tung sein? Kann die Fami­lie mei­ne Hil­fe anneh­men? Bin ich die rich­ti­ge Weg­be­glei­te­rin (dafür bete ich vor jedem neu­en Einsatz)?

Die Grün­de, war­um ich in die Fami­li­en kom­me sind sehr unter­schied­lich, Krebs­er­kran­kung eines Eltern­teils, ver­schie­de­ne aku­te oder chro­ni­sche Krank­hei­ten, Risi­ko­schwan­ger­schaft, Kin­der mit beson­de­rem Betreu­ungs­auf­wand, Mehr­lings­ge­bur­ten, Allein­er­zie­hen­de, Senio­ren mit Unter­stüt­zungs­be­darf, psy­chi­sche Erkran­kun­gen, Sucht­er­kran­kung. Es geht um Men­schen in schwie­ri­gen Lebens- und Familiensituationen.

Ich gehe durch die­se Türe, ler­ne die Men­schen hin­ter ihr ken­nen und ver­ste­hen. Ich ver­su­che, ihr ver­trau­en zu gewin­nen, denn ganz egal aus wel­chen Grün­den ich kom­me und was mei­ne Auf­ga­ben sind, Grund­vor­aus­set­zung für eine gute Arbeit ist gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en. Ver­trau­en dar­in, das ich die Fami­li­en­si­tua­ti­on acht­sam, respekt­voll und ver­trau­lich anneh­men und mit­tra­gen kann, Ver­trau­en dar­in, dass ihre Kin­der bei mir in guten Hän­den sind, Ver­trau­en dar­in, dass ich die anfal­len­den Auf­ga­ben gut bewäl­ti­gen kann. Ich tau­che ein in die­se Fami­li­en­mus­ter und ver­su­che die Men­schen dort abzu­ho­len, wo sie gera­de sind, und sie ein Stück in die­ser Situa­ti­on ihres Weges zu beglei­ten, um sie dann wie­der gut sel­ber wei­ter­ge­hen zu lassen.

Man­che Ein­sät­ze sind sehr schön uns rela­tiv ein­fach, wenn sich eine Mut­ter das Bein bricht und ich für eini­ge Wochen ihren Haus­halt und die Kin­der ver­sor­ge oder bei einer Risi­ko­schwan­ger­schaft, wenn sich alles auf das Baby freut und am Ende alles wie­der gut ist, wenn ich gehe. Anders ist es bei Ein­sät­zen, wo eine Krebs­dia­gno­se mit­ge­teilt wur­de, ein Kind eine Behin­de­rung hat oder gar ver­stor­ben ist. Die­sen Schick­sa­len ste­he ich völ­lig macht­los gegen­über und hof­fe den­noch, durch mein Beglei­ten eine klei­ne Unter­stüt­zung zu sein.

Ganz schwie­rig sind für mich auch immer Ein­sät­ze vom Jugend­amt zu beglei­ten, das sind meist jun­ge Müt­ter, die unge­plant Kin­der bekom­men und selbst aus sehr zer­rüt­te­ten Fami­li­en­ver­hält­nis­sen kom­men, wo oft Miss­brauch und Dro­gen eine gro­ße Rol­le spie­len. Hier mer­ke ich, wie unglaub­lich schwie­rig es ist, so jun­gen Men­schen, die 20 Jah­re ihres Lebens kei­ne rich­ti­ge Lie­be und Gebor­gen­heit erfah­ren durf­ten, Hil­fe in ein für uns nor­ma­les“ Leben zu geben mit Arbeit, Für­sor­ge, Verlässlichkeit.

Bischof Oster ist es wich­tig, an die Rän­der“ zu gehen und den Men­schen dort zu hel­fen, doch wo sind die­se Rän­der“? Für mich sind sie mit­ten unter uns. Men­schen, die einen Part­ner oder ein Kind ver­lo­ren haben, Kin­der, die kein rich­ti­ges Zuhau­se erle­ben dür­fen, weil die Eltern emo­tio­nal, psy­chisch oder phy­sisch nicht in der Lage sind. Frau­en, die Kin­der bekom­men, obwohl sie kei­ne woll­ten (und dann ziem­lich allei­ne sind in unse­rer Gesell­schaft), Eltern von beson­de­ren“ Kin­dern, die ein viel­fa­ches mehr an Pfle­ge, Zeit und Für­sor­ge brau­chen. Alte­re Men­schen, die allei­ne leben und nicht mehr mobil sind… Sie alle sind im Her­zen ver­letzt, trau­rig, ein­sam und leben auf ihrer Insel oft ver­lo­ren und allein. All die­se Men­schen sind mit­ten unter uns und wenn wir unser Herz öff­nen, dann kön­nen wir so man­che Not füh­len, jeder von uns.

Manch­mal reicht ein Lächeln, eine Umar­mung, ein paar net­te Wor­te, ein Wie geht es dir?“. Zeit für einen Kaf­fee oder einen Spa­zier­gang, damit der ande­re fühlt, da ist jemand, dem ich wich­tig bin. An den Sor­gen und Nöten der ande­ren kön­nen wir meist nichts ändern, aber wir kön­nen da sein, zuhö­ren, mit­füh­len und sie beglei­ten, wenn sie das wollen.

Ich per­sön­lich kann das nur, weil ich eine Fami­lie habe, die mein Weg­be­glei­ter sein“ mit­trägt und mich unter­stützt in mei­nen Ideen, Auf­ga­ben und mei­ne stän­di­ge Abwe­sen­heit akzep­tiert. Es braucht nicht nur die akti­ven Macher“ in uns­rer Welt, son­dern genau­so die stil­len Unter­stüt­zer“, die Men­schen wie mir, man­che Last wie­der abneh­men und die Din­ge in mei­nem Zuhau­se am Lau­fen hal­ten, mir immer wie­der genug Lie­be, Kraft und Mut geben für neue Fami­li­en mit neu­en Herausforderungen.

Neben mei­ner Arbeit als Fami­li­en­pfle­ge­rin mache ich ger­ne Andach­ten im Frau­en­bund und für Kin­der. Die­se Andach­ten für Kin­der mag ich des­halb so ger­ne, weil dort der Glau­be so ein­fach“ ist. Es wird sehr kind­ge­recht erklärt, dass Gott es immer gut mit uns meint, er immer bei uns ist und uns behü­tet und liebt, genau­so wie wir sind, auch wenn es manch­mal nicht so scheint. Eltern seg­nen ihre Kin­der und wir sin­gen gemein­sam vol­ler Freu­de und Begeis­te­rung, ich fin­de es wun­der­schön, wenn dann alle fröh­lich nach Hau­se gehen, denn Lit­ur­gie darf nicht weh tun son­dern Freu­de machen und im Her­zen ankommen.

Die Andach­ten im Frau­en­bund gehen mit dem Jah­res­kreis ein­her: Kreuz­weg oder Buß­an­dacht, Mai­an­dacht, ewi­ge Anbe­tung, Bibel­wan­de­rung, Advents­an­dacht, Krip­perl­weg. Unser Pro­gramm und unse­re Ideen sind viel­fäl­tig. Vor zwei Jah­ren haben wir wie­der einen Frau­en­bund­chor gegrün­det, das gemein­sa­me Sin­gen macht uns allen viel Spaß, wir sin­gen zur Ehre Got­tes und zur Freu­de der Men­schen. Das Mit­ge­stal­ten im Katho­li­schen Frau­en­bund ist mir auch wich­tig, denn mit unse­ren Aktio­nen (Weih­nachts­ba­sar, Floh­markt, Fasching) und unse­rem Jah­res­bei­trag wird vie­len Men­schen in schwie­ri­gen Situa­tio­nen gehol­fen, vor allem Frau­en. So spen­den wir immer wie­der an das Frau­en­haus Pas­sau, die Fami­li­en­pfle­ge­sta­ti­on, ein Kin­der­hos­piz oder unter­stüt­zen den Kampf gegen die Beschnei­dung jun­ger Mädchen.

Mein Leben ist gefüllt mit vie­len ver­schie­de­nen Men­schen und ihren Schick­sa­len, mit Freu­de, wenn etwas geglückt ist, und mit Ver­zweif­lung in Situa­tio­nen ohne Aus­weg. Ich lie­be mei­nen Beruf sehr, es ist für mich ein sehr schö­nes Gefühl und eine gro­ße Ehre, so nah an den Men­schen zu sein, in ihr inners­tes, die Fami­lie, das Zuhau­se ein­ge­las­sen zu wer­den und es erfüllt mich immer mit gro­ßer Freu­de und Dank­bar­keit wenn ein Ein­satz“ gut been­det wer­den kann und ich ein klei­nes Stück ihres Lebens als guter Weg­be­glei­ter“ berei­chern durfte.

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