Aus der Wissenschaft

Zwischen Kunde und Verkündigung

Redaktion am 03.06.2025

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Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft. Ein Beitrag von Hans Mendl, Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Passau.

1. Mis­sio­na­risch“ – ein pro­blem­be­haf­te­ter Begriff

Beim 7. Heils­bron­ner Leh­rer­tag am 17.10.2008 darf ich als katho­li­scher Reli­gi­ons­päd­ago­ge im schö­nen Müns­ter zu Heils­bronn von der Kan­zel aus mei­ne kon­zep­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen eines per­for­ma­ti­ven Reli­gi­ons­un­ter­richts vor­tra­gen. Unter mir befin­det sich neben eini­gen hun­dert evan­ge­li­schen Reli­gi­ons­lehr­kräf­ten der dama­li­ge evan­ge­li­sche Lan­des­bi­schof. Die­ser hat­te kurz zuvor geäu­ßert, der Reli­gi­ons­un­ter­richt müss­te deut­li­cher mis­sio­na­risch sein – wor­auf unter den Reli­gi­ons­lehrin­nen und ‑leh­rern ein Sturm der Ent­rüs­tung los­brach. Ich tra­ge mei­nen Lösungs­vor­schlag vor: Der Reli­gi­ons­un­ter­richt in der öffent­li­chen Schu­le dür­fe kei­ne mis­sio­na­ri­sche Absicht haben, kön­ne aber durch­aus eine mis­sio­na­ri­sche Wir­kung haben. Was mein­te ich damit? Der Rei­he nach!

Mis­sio­na­risch“ ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ein pro­blem­be­haf­te­ter Begriff. Kir­chen- und theo­lo­gie­ge­schicht­lich schwingt ein Unbe­ha­gen gegen­über Fehl­for­men einer Mis­si­ons­pra­xis im Lau­fe der Kir­chen­ge­schich­te mit. Die Absicht, ande­ren Kul­tu­ren die fro­he Bot­schaft zu ver­kün­den, war seit der Chris­tia­ni­sie­rung Euro­pas im frü­hen Mit­tel­al­ter bis hin zur Mis­sio­nie­rung frem­der Kon­ti­nen­te in der Neu­zeit viel­fach mit Gewalt und einer asym­me­tri­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tur ver­bun­den: Die über­le­ge­nen west­li­chen Mis­sio­na­re ver­stan­den sich als die Geber, die Nicht­chris­ten soll­ten als Emp­fän­ger dank­bar das Evan­ge­li­um und wei­te­re sozia­le Hil­fen emp­fan­gen.1 Reli­gi­ons­päd­ago­gisch wird mit der Beschrei­bung vom mis­sio­na­risch-kate­che­ti­schen zum dia­ko­ni­schen Kon­zept“2 die Wei­chen­stel­lung auf den Punkt gebracht, mit dem das Selbst­ver­ständ­nis heu­ti­gen Reli­gi­ons­un­ter­richts seit der Würz­bur­ger Syn­ode im Jah­re 1974 for­mu­liert wird: Der Reli­gi­ons­un­ter­richt ver­steht sich heu­te als selbst­lo­ser Dienst der Kir­che am Hand­lungs­ort Schu­le; er leis­tet einen unver­zicht­ba­ren Bei­trag zur Iden­ti­täts­fin­dung jun­ger Men­schen und zur Huma­ni­sie­rung der Schule.

Vor dem Hin­ter­grund die­ser seman­ti­schen Pro­blem­be­haf­tung aus bedarf es einer sen­si­bel vor­ge­tra­ge­nen Argu­men­ta­ti­on, wenn es dar­um geht zu bele­gen, inwie­fern auch dem Reli­gi­ons­un­ter­richt und den Reli­gi­ons­leh­ren­den ein Ver­kün­di­gungs­auf­trag zuteil­wird. Begrif­fe wie Ver­kün­di­gung“, Mis­sio­nie­rung“ oder Evan­ge­li­sie­rung“ müs­sen bedacht gewählt und erläu­tert wer­den.
 

3. Kon­zep­tio­nel­le Rah­mung des Reli­gi­ons­un­ter­richts in Deutschland

Bei der Fra­ge nach der Gestalt einer reli­giö­sen Bil­dung am Hand­lungs­ort Schu­le hel­fen die welt­kirch­li­chen Doku­men­te3 nur bedingt wei­ter, weil sie sich meist auf katho­li­sche Schu­len fokus­sie­ren. Auch die Doku­men­te der deut­schen Bischö­fe bezie­hen sich auf ein kirch­lich-kate­che­ti­sches Han­deln all­ge­mein und nicht auf die Spe­zi­fi­ka der spe­zi­el­len Kon­struk­ti­on eines Reli­gi­ons­un­ter­richts in Deutsch­land.4 Der Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land ist ein grund­ge­setz­lich ver­an­ker­tes Fach (Grund­ge­setz Art. 7,3) und hier als res mix­tra“ ange­legt – Staat und Kir­che sind glei­cher­ma­ßen und auf unter­schied­li­che Wei­se für das Fach ver­ant­wort­lich, die Leh­ren­den benö­ti­gen eine kirch­li­che Unter­richts­er­laub­nis. Seit der Würz­bur­ger Syn­ode ver­folgt der Reli­gi­ons­un­ter­richt das zen­tra­le Ziel, zu ver­ant­wort­li­chem Den­ken und Ver­hal­ten im Hin­blick auf Reli­gi­on und Glau­ben“ 5 zu befä­hi­gen. Auch inner­halb des kon­fes­sio­nel­len Modells – nur katho­li­sche Schü­le­rin­nen und Schü­ler neh­men am katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt teil – besteht die Schü­ler­schaft aus gläu­bi­gen, suchen­den und im Glau­ben ange­foch­te­nen und ungläu­bi­gen Kin­dern und Jugend­li­chen, die jeweils ver­schie­de­ne Erwar­tun­gen an das Fach haben. Die inne­re Dyna­mik einer mis­sio­na­ri­schen Ver­kün­di­gung, wie sie in Zeit der Aus­saat“6 beschrie­ben ist (1. Zeug­nis des Lebens, 2. Zeug­nis des Wor­tes, 3. Zustim­mung des Her­zens, 4. Ein­tritt in eine Gemein­schaft von Gläu­bi­gen, 5. Betei­li­gung am Apos­to­lat), lässt sich des­halb nur bedingt auf den schu­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt in Deutsch­land bezie­hen; die Wege ab Schritt 3 Zustim­mung des Her­zens“ wür­den als inten­tio­na­le Grö­ße die kon­zep­tio­nel­len Rah­men­vor­ga­ben für den Reli­gi­ons­un­ter­richt spren­gen. Von daher ver­bie­ten sich Ele­men­te einer Über­wäl­ti­gungs­di­dak­tik. Dies gilt an der Schu­le aber auch in ande­ren Fächern und ins­ge­samt seit den poli­tisch auf­ge­la­de­nen 1968er-Jah­ren. Mit dem Beu­tels­ba­cher Kon­sens“7 aus dem Jah­re 1976 wur­den Grund­sät­ze für die poli­ti­sche Bil­dung for­mu­liert, die einem Über­wäl­ti­gungs- oder Indok­tri­na­ti­ons­ver­bot ent­spra­chen: Leh­ren­de dür­fen ihren Schü­le­rin­nen und Schü­lern nicht ihre Mei­nung (oder die einer bestimm­ten Par­tei!) auf­zwin­gen. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler soll­ten viel­mehr durch den Unter­richt in die Lage ver­setzt wer­den, sich eine eige­ne Mei­nung zu bilden.

Vor dem Hin­ter­grund die­ser kom­ple­xen Aus­gangs­la­ge ver­wun­dert es nicht, dass die kon­zep­tio­nel­len Ideen eines per­for­ma­ti­ven Reli­gi­ons­un­ter­richts mit Arg­wohn bedacht wur­den: Als die Bischö­fe in Der Reli­gi­ons­un­ter­richt vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen“8 fol­gen­den Auf­ga­ben­be­reich benann­ten: Der Reli­gi­ons­un­ter­richt macht mit For­men geleb­ten Glau­bens ver­traut und ermög­licht Erfah­run­gen mit Glau­be und Kir­che“, wur­de der Ver­dacht geäu­ßert, das sei doch ein Rück­fall in ein kate­che­ti­sches Modell. Ähn­li­ches gilt für die evan­ge­li­schen und katho­li­schen Model­le eines per­for­ma­ti­ven Reli­gi­ons­un­ter­richts, die immer wie­der einer Grenz­über­schrei­tung bezich­tigt wer­den, auch wenn ich bei­spiel­wei­se in mei­nem Kon­zept9 prä­zi­se dar­auf ach­te, dass jede Form eines Umgangs mit Prak­ti­ken des Glau­bens frei­heits­si­chernd ange­legt sein muss und die Ler­nen­den die Mög­lich­keit einer indi­vi­du­el­len Bedeu­tungs­zu­wei­sung haben.


4. Ver­kün­di­gung an der Schule

Gleich­zei­tig gilt aber der Anspruch, dass der kon­fes­sio­nel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt mehr sein müs­se als eine rein infor­mie­ren­de Reli­gi­ons­kun­de. Von daher muss der Raum zwi­schen infor­mie­ren“ und mis­sio­nie­ren“, zwi­schen Reli­gi­ons­kun­de“ und Ver­kün­di­gung“ wohl bedacht abge­steckt wer­den!10

Reli­gi­ons­lehr­kräf­te haben Anteil am Ver­kün­di­gungs­auf­trag der Kir­che; in ihrer Rol­le als Leh­ren­de haben sie die Auf­ga­be, die Leh­re ihrer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zu prä­sen­tie­ren und zu plau­si­bi­li­sie­ren. Dass sie das auch kri­tisch tun kön­nen, sagt bereits die Würz­bur­ger Syn­ode zu: Lie­be zur Kir­che und kri­ti­sche Distanz schlie­ßen ein­an­der nicht aus“ (2.8.5.). Die Über­ein­stim­mung der Leh­re im Fach Reli­gi­ons­un­ter­richts mit der der jewei­li­gen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft wird zum einen durch Lehr­plä­ne und Unter­richts­wer­ke fest­ge­legt, an deren Ent­ste­hung in unse­rem Fall die katho­li­sche Kir­che wesent­lich betei­ligt ist. Zum ande­ren durch­lau­fen auch die spä­te­ren Reli­gi­ons­lehr­kräf­te ein Hoch­schul­stu­di­um in der jewei­li­gen Reli­gi­on und wer­den, was die katho­li­sche Kir­che betrifft, über kirch­li­chen Men­to­ra­te im Stu­di­um beglei­tet, so dass sie dann mit der Mis­sio cano­ni­ca beauf­tragt wer­den, katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt zu erteilen.

Ent­schei­dend für die wei­te­re Klä­rung des Ver­kün­di­gungs­auf­trags im Reli­gi­ons­un­ter­richt ist die Fra­ge, was dies für die unter­schied­li­chen Akteu­re im Unter­richts­ge­sche­hen bedeu­tet. Dies soll im Fol­gen­den mit dem Begriff der Posi­tio­na­li­tät aus­dif­fe­ren­ziert werden.

5. Posi­tio­na­li­tät – ein Schlüs­sel­be­griff zur Klä­rung der Reich­wei­te von Ver­kün­di­gung und Mission

Katho­li­sche und evan­ge­li­sche Reli­gi­ons­päd­ago­gin­nen und ‑päd­ago­gen haben im Lauf des letz­ten Jah­res ein Doku­ment erar­bei­tet, mit dem eine Klä­rung bezüg­lich der theo­lo­gi­schen Posi­tio­na­li­tät im Kon­text reli­giö­ser Bil­dung vor­ge­nom­men wer­den soll; die­ser soge­nann­te Koblen­zer Kon­sent“11 wur­de bereits durch die wis­sen­schaft­li­chen Dach­ver­bän­de GwR (evan­ge­lisch) und AKRK (katho­lisch) ver­ab­schie­det. Aus­gangs­punkt ist die Zusi­che­rung von Reli­gi­ons­frei­heit (Art. 4 GG) und die Fest­le­gung des Reli­gi­ons­un­ter­richts als kon­fes­sio­nell gebun­de­nes Fach (Art. 7 GG). Von da aus erge­ben sich Impli­ka­tio­nen für die Posi­tio­na­li­tät im Kon­text der Rah­men­be­din­gun­gen, der Akteurs­ebe­ne, auf der Gegen­stands­ebe­ne sowie auf der didak­ti­schen Ebe­ne. Fol­gen­de vier Leit­sät­ze kon­kre­ti­sie­ren, was mit theo­lo­gi­scher Posi­tio­na­li­tät gemeint ist:

- Posi­tio­na­li­tät und Per­spek­ti­vi­tät (Trans­pa­renz­ge­bot): Die Reli­gi­ons­leh­ren­den sol­len auch erkenn­ba­re reli­giö­se und theo­lo­gi­sche Stand­punk­te ver­tre­ten und in ihrer Gene­se und in mög­li­chen Gel­tungs­be­rei­chen trans­pa­rent machen“. Ler­nen­den sol­len so die theo­lo­gi­sche Refle­xi­on reli­giö­ser Tra­di­ti­on und Pra­xis in Geschich­te und Gegen­wart ken­nen­ler­nen. Man soll­te sich dabei auch der blei­ben­den Frag­lich­keit, Per­spek­ti­vi­tät und Sub­jek­ti­vi­tät des eige­nen reli­giö­sen und theo­lo­gi­schen Stand­punkts“ bewusst sein.

- Kon­tro­ver­si­tät för­dern (Kon­tro­ver­si­täts­ge­bot). Gleich­zei­tig wer­den auch kon­kur­rie­ren­de Deu­tungs­mus­ter respekt­voll prä­sen­tiert und bear­bei­tet; alle Posi­tio­nen erschei­nen als begrün­dungs­pflich­tig. Ziel ist es, in einer plu­ra­len Welt Plu­ra­li­täts­fä­hig­keit zu erler­nen und Ambi­gui­täts­to­le­ranz zu kultivieren.

- Respekt­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­on (Respekt­ge­bot): Die­ses Gebot fokus­siert das vor­he­ri­ge auf die inter­per­so­nel­le Ebe­ne. Ziel ist es, im Unter­richt respekt­voll mit ande­ren Men­schen auch über dif­fe­ren­te Posi­tio­nen“ zu kom­mu­ni­zie­ren und somit eine respekt­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­on und eine dis­kur­si­ve Grund­hal­tung ein­zu­üben. Hier ist dann auch das Ver­ein­nah­mungs- und Über­wäl­ti­gungs­ver­bot ange­sie­delt, wel­ches vor sug­ges­ti­ven Mecha­nis­men einer Grenz­über­schrei­tung bewah­ren soll.

- Urteils- und Hand­lungs­fä­hig­keit aus­bil­den (Ori­en­tie­rungs­ge­bot): Letzt­lich zielt der Reli­gi­ons­un­ter­richt, wie bereits in der Würz­bur­ger Syn­ode fest­ge­legt, auf die Sub­jekt­wer­dung der Kin­der und Jugend­li­chen, auf die kri­ti­sche Bil­dung der Urteils- und Hand­lungs­fä­hig­keit der Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Blick auf eige­ne Erfah­run­gen und im Umgang mit Reli­gi­on als Aspekt huma­ner Deu­tungs­kul­tur, als geschicht­lich gewor­de­nes plu­ra­les Phä­no­men, als prä­gen­der Kul­tur­fak­tor, als bedeut­sa­mes sinn­stif­ten­des bezie­hungs­wei­se iden­ti­täts­för­dern­des Ange­bot und als gesell­schaft­li­che Grö­ße“.
 

6. Die Per­spek­ti­ve des Glau­bens anbieten

Von die­ser deut­li­chen Grenz­zie­hung aus erge­ben sich aber auch ver­stärkt die Chan­cen, auf viel­fäl­ti­ge Wei­se die Per­spek­ti­ve des Glau­bens anzu­bie­ten“, wie der Titel der jüngs­ten bischöf­li­chen Ver­laut­ba­rung zum Reli­gi­ons­un­ter­richt aus dem Jah­re 2022 lau­tet.12 Denn unter­richt­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt nicht im digi­ta­len Modus eines Ent­we­der – Oder“, son­dern im ana­lo­gen Mus­ter: Zwi­schen distan­ziert den Glau­ben dar­stel­len“ und kirch­lich ver­ein­nah­men“ gibt es unter­schied­li­che Gra­de eines inten­tio­na­len Lehrerhandelns.

Für das eige­ne Fach und des­sen Lebens­be­deut­sam­keit begeis­tern will hof­fent­lich jede Leh­re­rin und jeder Leh­rer. Gleich­zei­tig gilt es, respekt­voll die eige­ne Ent­schei­dung der Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht nur zu akzep­tie­ren, son­dern die­se auch dazu zu befä­hi­gen, eine eige­ne Posi­ti­on dem Lern­ge­gen­stand gegen­über ein­zu­neh­men. Ein (per­for­ma­ti­ver) Reli­gi­ons­un­ter­richt respek­tiert die Hal­tung der Schü­le­rin­nen und Schü­ler als Glau­ben­de, Zwei­feln­de, Suchen­de und Unent­schie­de­ne. Die erleb­nis­be­ton­te Gestal­tung unter­richt­li­cher Ele­men­te und Begeg­nun­gen mit geleb­ter Reli­gi­on dient in ers­ter Linie einem inten­si­ve­ren Ver­ständ­nis des Lern­ge­gen­stands. Es macht aber durch­aus einen Unter­schied, ob die (Religions-)Lehrenden die jewei­li­gen Gegen­stän­de distan­ziert, über­zeugt oder gar lei­den­schaft­lich prä­sen­tie­ren. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen vor allem an den Reli­gi­ons­leh­ren­den wahr­neh­men, wie ein ver­ant­wort­li­cher Umgang mit Reli­gi­on aus­sieht: Reli­gi­ons­leh­ren­de beherr­schen den Modus einer Begeg­nung mit der Wirk­lich­keit, der geprägt ist von der Über­zeu­gung, dass es Gott gibt; sie leis­ten eine Über­set­zer­ar­beit und machen so reli­giö­ses Wis­sen ver­steh­bar; sie sind sel­ber trans­pa­ren­te Zeu­gen eines eige­nen frag­men­ta­ri­schen Glau­bens; sie wer­den von Schü­ler­sei­te aus häu­fig als Reprä­sen­tan­ten der Kir­che betrach­tet und müs­sen bei aktu­el­len kir­chen­po­li­ti­schen Fra­gen durch­aus als Prell­bock her­hal­ten – auch hier ent­schei­det die Art des Umgangs und der Posi­tio­nie­rung bei sol­chen Anfra­gen über die Glaub­wür­dig­keit der Leh­ren­den.13

Wenn aber durch die Art und Wei­se einer unter­richt­li­chen Prä­sen­ta­ti­on oder die Begeg­nung mit Men­schen und Orten, die mit Reli­gi­on in Ver­bin­dung ste­hen, Kin­der und Jugend­li­che Geschmack an Reli­gi­on fin­den und auch außer­un­ter­richt­lich aktiv wer­den, so ist dies nicht ver­werf­lich. Dies gilt eben­so für ande­re Fächer: Durch einen anspre­chen­den Deutsch­un­ter­richt kön­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler dazu moti­viert wer­den, an einem Jugend­thea­ter mit­zu­wir­ken; auf den Geschmack gebracht durch den Musik­un­ter­richt wol­len Kin­der ein Musik­in­stru­ment erler­nen; die Sport­leh­re­rin bringt Schü­le­rin­nen und Schü­ler auf die Idee, sich einem Sport­ver­ein anzu­schlie­ßen; die Teil­nah­me am schu­li­schen Imker­pro­jekt moti­viert Schü­ler, selbst auch Bie­nen zu züch­ten. Unter­richt kann also durch­aus auch Wir­kun­gen über den Unter­richt hin­aus haben. In die­sem Sinn gilt auch der ein­gangs for­mu­liert Satz, dass der Reli­gi­ons­un­ter­richt kei­ne mis­sio­na­ri­sche Absicht haben darf. Wenn er aber im Ein­zel­fall eine mis­sio­na­ri­sche Wir­kung hat, so ist das eben­so legi­tim wie bei ande­ren Fächern.
 

7. Para­dox: nur ein RU, der nicht mis­sio­na­risch ist, hat die Chan­ce, mis­sio­na­risch zu wirken

Die beschrie­be­ne Dyna­mik als Grund­hal­tung ist sogar eine para­do­xe Grund­la­ge für eine brei­te­re Wirk­sam­keit reli­giö­ser Bil­dung in der Schu­le: Gera­de ein Unter­richt, der von einer respekt­vol­len Absichts­lo­sig­keit geprägt ist, wird sich auch als anzie­hend für nicht-christ­li­che Kin­der und Jugend­li­che erwei­sen, die aus frei­en Stü­cken ihr Inter­es­se am Reli­gi­ons­un­ter­richt bekun­den. Wenn sie dabei nicht nur Wis­sen und Urteils­ver­mö­gen erwer­ben, son­dern nach Fried­rich Schlei­er­ma­cher auch Sinn und Geschmack fürs Unend­li­che“ gewin­nen, so ist das nicht ver­bo­ten. Offen­heit für das blei­bend Unver­füg­ba­re“ – nicht mehr und nicht weni­ger ist die Anla­ge eines Reli­gi­ons­un­ter­richts, der das Deu­tungs­kon­strukt, es könn­te Gott geben, und die damit ver­bun­de­ne christ­li­che Ver­kün­di­gung ein­spielt!
 

Apos­tel Pau­lus in Athen – Reli­gi­ons­leh­re­rin Kath­rin in Passau

Wie ver­hält sich das skiz­zier­te Ver­ständ­nis einer reli­giö­sen Bil­dung im Reli­gi­ons­un­ter­richt mit der Tat­sa­che, dass sich das Chris­ten­tum seit dem Wir­ken des Apos­tels Pau­lus als uni­ver­sa­le Grö­ße ver­steht, die allen Men­schen und Völ­kern das Evan­ge­li­um Jesu Chris­ti nahe­brin­gen möchte? 

Eine Bezug­nah­me auf die Areo­pagre­de des Pau­lus in Athen (Apg 17,1634) soll zur Dif­fe­ren­zie­rung beitragen.

Die Aus­gangs­la­ge erscheint auf den ers­ten Blick heu­te gar nicht so fern von der Situa­ti­on der frü­hen Chris­ten: Der Apos­tel Pau­lus nahm die Ein­la­dung wahr, in einer reli­gi­ons­plu­ra­len Umge­bung auf dem Areo­pag in Athen sei­ne Glau­bens­über­zeu­gung kund­zu­tun (Apg 17,1634). Er tat das emo­tio­nal bewegt („hef­ti­ger Zorn“), wort­reich und lei­der auch äußerst ver­ein­nah­mend, dro­hend und ins­ge­samt recht despek­tier­lich den ande­ren Reli­gio­nen gegen­über. Was will denn die­ser Schwät­zer?“ (Apg 17,18; Kör­ner­pi­cker“, so die wört­li­che Über­set­zung!), so reagier­ten man­che Phi­lo­so­phen. Aber Pau­lus bekommt die Chan­ce, wei­ter­zu­re­den. Beim The­ma Auf­er­ste­hung der Toten“ erfährt er Spott; eini­gen reicht es – Dar­über wol­len wir dich ein ander­mal hören“ (Apg 17,32), so wol­len sie ihn los­wer­den. Man­che aber las­sen sich von ihm mitreißen. 

Reli­gi­ons­leh­ren­de wie eine fik­ti­ve Kath­rin in Pas­sau wer­den in der Schu­le heu­te sicher nicht so aggres­siv den Glau­ben vor­tra­gen wie Pau­lus, weil die Schu­le kein öffent­li­cher Areo­pag ist, son­dern ein gesell­schaft­li­ches Sub­sys­tem, in dem auch der Reli­gi­ons­un­ter­richt nach den oben skiz­zier­ten Regeln kon­sti­tu­iert wird. Aber trotz­dem wird sie sich auch um die Plau­si­bi­li­sie­rung des christ­li­chen Glau­bens ins­ge­samt und im Detail bemü­hen – und gleich­zei­tig immer wie­der auch Ableh­nung und Gleich­gül­tig­keit, gele­gent­lich aber auch Zustim­mung ernten.

Ein fun­da­men­ta­ler Unter­schied besteht jedoch dar­in, dass die dama­li­ge Welt tat­säch­lich voll von Göt­zen­bil­dern“ (V. 16) war. Auf irgend­ei­ne Wei­se reli­gi­ös zu sein, war also der Nor­mal­fall, und es exis­tier­te in die­ser plu­ra­len reli­giö­sen Aus­gangs­la­ge auch ein Inter­es­se an neu­en Erschei­nungs­for­men von Reli­gi­on („Wir wüss­ten gern, wor­um es sich han­delt“, V. 20). Heu­te kann man eher eine lebens­welt­li­che Gleich­gül­tig­keit gegen­über tran­szen­denz­ba­sier­ten Deu­tungs­be­zü­gen“14 fest­stel­len: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“, so der Titel von Jan Lof­felds Buch. Die Reli­gi­ons­leh­re­rin Kath­rin frei­lich muss inmit­ten einer Mul­ti­op­ti­ons­ge­sell­schaft damit rech­nen, dass ein lei­den­schaft­li­ches Plä­doy­er für die Got­tes­fra­ge nicht pro­vo­ziert, weil die Opti­on Gott“ eine für vie­le Men­schen irrele­van­te ist. Für einen nor­ma­len jun­gen Men­schen von heu­te, der nicht von der Fami­lie her in einem volks­kirch­li­chen Kon­text auf­wächst, ist die Opti­on christ­li­cher Glau­be / Kir­che von all den vie­len Optio­nen, die er hat, inzwi­schen die am wenigs­ten plau­si­ble“15, for­mu­lier­te es Bischof Dr. Ste­fan Oster recht dras­tisch bei der Ein­wei­hung des neu­en Hau­ses für die Jugend St. Max in Pas­sau. Was bleibt, ist die Hoff­nung, dass sich Gott erah­nen und erfah­ren lässt – und sich ganz unver­mu­tet inmit­ten des Säku­la­ren ereignet.


1 Mendl, Hans, Reprä­sen­ta­tio­nen wir­ken. Die Bedeu­tung von Bil­dern, Arte­fak­ten und Hand­lungs­auf­for­de­run­gen im Kon­text der Mis­si­ons­päd­ago­gik, in: Öster­rei­chi­sches Reli­gi­ons­päd­ago­gi­sches Forum (ÖRF) 31 (2023), Heft 1, 185 – 207, hier 189. https://​oerf​-jour​nal​.eu/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​o​e​r​f​/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w/358 DOI: 10.25364/10.31:2023.1.11

2 Mendl, Hans, Reli­gi­ons­di­dak­tik kom­pakt. Für Stu­di­um, Prü­fung und Beruf, Mün­chen 9. A. 202261.

3 Z.B. Päpst­li­cher Rat zur För­de­rung der Neue­van­ge­li­sie­rung, Direk­to­ri­um für die Kate­che­se, hg. v. Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Bonn 2020.

4 Z.B. Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (Hg.), Mis­sio­na­risch Kir­che sein. Offe­ne Kir­chen – Bren­nen­de Ker­zen – Deu­ten­de Wor­te, Bonn 2003.

5 Der Reli­gi­ons­un­ter­richt in der Schu­le (1976), in: Gemein­sa­me Syn­ode der Bis­tü­mer in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Beschlüs­se, Offi­zi­el­le Gesamt­aus­ga­be I, Frei­burg u.a. 4. A., 113 – 152, 2.5.1.

6 Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (Hg.), Zeit der Aus­saat“. Mis­sio­na­risch Kir­che sein, Bonn 2000.

7 https://​www​.bpb​.de/​d​i​e​-​b​p​b​/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​a​u​f​t​r​a​g​/​51310​/​b​e​u​t​e​l​s​b​a​c​h​e​r​-​k​o​n​sens/.

8 Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (Hg.), Der Reli­gi­ons­un­ter­richt vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen, Bonn 2005.

9 Mendl, Hans, Reli­gi­on erle­ben. Ein Arbeits­buch für den Reli­gi­ons­un­ter­richt. 20 Pra­xis­fel­der, Mün­chen 3. Auf­la­ge 2017; Mendl, Hans (Hg.), Reli­gi­on erle­ben: Pra­xis­band Grund­schu­le. Unter­richts­bei­spie­le, Ana­ly­sen, Mate­ria­li­en, Ost­fil­dern 2022; Mendl, Hans (Hg.), Reli­gi­on erle­ben: Pra­xis­band Sekun­dar­stu­fe. Unter­richts­bei­spie­le, Ana­ly­sen, Mate­ria­li­en, Ost­fil­dern 2024.

10 Mendl, Hans, Kun­de oder Ver­kün­di­gung? Reli­gi­ons­un­ter­richt im Span­nungs­feld von Kon­fes­sio­na­li­tät und Plu­ra­li­tät, in: Öster­rei­chi­sches Archiv für Recht und Reli­gi­on 59 (2012), Heft 1, 6 – 30.

11 https://​www​.akrk​.eu/​k​o​b​l​e​n​z​e​r​-​k​o​n​sent/ 

12 Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (Hg.), Die Per­spek­ti­ve des Glau­bens anbie­ten. Der Reli­gi­ons­un­ter­richt in der Grund­schu­le, Bonn 2022.

13 Mendl, Hans, Hel­den, Novi­zen, Zeu­gen? Bezie­hungs­fä­hig­keit und Refle­xi­vi­tät als Basis­kom­pe­ten­zen von Reli­gi­ons­leh­ren­den, in: Reli­gi­ons­päd­ago­gi­sche Bei­trä­ge 74/2016, 81 – 92.

14 Lof­feld, Jan, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Chris­ten­tum vor der reli­giö­sen Indif­fe­renz, Frei­burg i.Br. 202411.

15 PNP 251/28.10.2020, 21.

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