Aus der Wissenschaft

Zwischen religiöser Indifferenz und neuen Wegen des Glaubens

Redaktion am 03.06.2025

Info Icon Franz Pflügl

Oder: Welche Deutungskompetenz braucht die katholische Theologie heute? Von Manuel Schlögl, Professor für Dogmatik und ökumenischer Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie.

1. Zwei aktu­el­le Per­spek­ti­ven auf die Situa­ti­on des Glau­bens in Westeuropa

Im Jahr 2024 erschie­nen zwei Bücher, die sich aus recht unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven mit der Lage des Chris­ten­tums in Deutsch­land und West­eu­ro­pa beschäftigen.

Das eine Buch – ​„Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt“ – hat der aus dem Bis­tum Müns­ter stam­men­de und im hol­län­di­schen Til­burg leh­ren­de Pas­to­ral­theo­lo­ge Jan Lof­feld ver­fasst1. Auf der Basis ver­schie­de­ner empi­ri­scher Stu­di­en schil­dert er die reli­giö­se Indif­fe­renz als größ­te Her­aus­for­de­rung des christ­li­chen Glau­bens heu­te. Alle Bemü­hun­gen um eine attrak­ti­ve Glau­bens­ver­mitt­lung, so sei­ne Beob­ach­tung, lau­fen ins Lee­re, wenn Men­schen nicht offen dafür sind und sich in einer nicht-reli­giö­sen Welt­sicht ein­ge­rich­tet haben. Deren Zahl wächst der Sta­tis­tik zufol­ge im Wes­ten ste­tig an. Auch in Groß­städ­ten wie Ham­burg oder Ber­lin wird die Zahl der Kon­fes­si­ons­lo­sen von Jahr zu Jahr grö­ßer, was auch die Sicht­bar­keit christ­li­cher Fes­te und Bräu­che in der Öffent­lich­keit, in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen usw. einschränkt. 

Lof­felds Ana­ly­se dürf­te auch eine bio­gra­fi­sche Dimen­si­on besit­zen, stammt der Autor doch aus einer stark katho­lisch gepräg­ten Regi­on, hat in Müns­ter und Rom stu­diert und eini­ge Jah­re als Assis­tent im Fach Dog­ma­tik gear­bei­tet, bevor er als Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler mit einer weit­ge­hend kon­fes­si­ons­frei­en Umge­bung in Ost­deutsch­land und in den Nie­der­lan­den kon­fron­tiert wur­de und dar­aus nun sei­ne Schlüs­se zieht: Reli­gi­on ver­schwin­de nicht völ­lig aus der Gesell­schaft, wer­de aber in eine plu­ra­le, flui­de Welt­sicht auf­ge­nom­men und so der Deu­tungs­ho­heit der Kir­chen und der Theo­lo­gie ent­zo­gen. Die gro­ße Reso­nanz sei­nes Buches beweist, dass er damit durch­aus eine Wahr­neh­mung inner­halb der Kir­chen auf­greift und ein­zu­ord­nen hilft.

Das ande­re Buch – ​„Unter Hei­den“ – stammt von dem in Mün­chen leben­den Jour­na­lis­ten Tobi­as Haberl und erreg­te auch über die christ­li­chen Kir­chen hin­aus Auf­merk­sam­keit2. Der Autor wuchs ähn­lich wie Lof­feld in einem katho­li­schen Milieu auf, eman­zi­pier­te sich aber als jun­ger Mann von sei­ner Her­kunft und damit auch vom christ­li­chen Glau­ben in der Form, in der er ihn ken­nen­ge­lernt hat­te. Durch die Refle­xi­on sei­ner Lebens­er­fah­run­gen und die Begeg­nung mit ande­ren Gläu­bi­gen auf sei­nen Rei­sen durch die gan­ze Welt fand er zu einer neu­en christ­li­chen Iden­ti­tät, die er nun mit gro­ßer Über­zeu­gungs­kraft ver­tritt und dar­legt, war­um er ​„trotz“ aller kri­ti­schen Ein­wän­de ​„Christ blei­be“, und zwar bewusst in der katho­li­schen Tra­di­ti­on mit sonn­täg­li­chem Kir­chen­be­such, Emp­fang der Sakra­men­te und täg­li­chem Gebet.

Bei­de Bücher schei­nen mir para­dig­ma­tisch für die Situa­ti­on des christ­li­chen Glau­bens in Deutsch­land und ihre Sicht­wei­se durch die aka­de­mi­sche Theo­lo­gie zu sein. Zwei unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven ste­hen hier ein­an­der gegenüber.

Lof­feld arbei­tet reli­gi­ons­so­zio­lo­gisch, zitiert Stu­di­en aus ande­ren Geis­tes- und Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und arbei­tet mit empi­ri­schem Mate­ri­al; Haberl hin­ge­gen reflek­tiert vor allem sei­ne eige­nen Erfah­run­gen und ver­an­schau­licht sie durch ver­schie­de­ne Zita­te aus Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie. Er ent­wi­ckelt kei­ne all­ge­mei­ne Theo­rie über die Lage des Glau­bens, son­dern erzählt von sei­nem per­sön­li­chen Glauben.

Einen Haupt­grund für die Abwan­de­rung vie­ler Gläu­bi­ger aus den Kir­chen sieht Lof­feld in der Anti-Moder­ni­tät der kirch­li­chen Insti­tu­ti­on; Haberl über­geht die­sen Punkt nicht, ord­net ihn aber anders ein: das man­geln­de Glau­bens­wis­sen und eine zu enge Ver­flech­tung von poli­ti­schen und kirch­li­chen Inter­es­sen sind sei­ner Mei­nung nach wesent­li­che Fak­to­ren, die die Kraft des Chris­ten­tums geschwächt haben. Die For­de­rung nach einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung kirch­li­cher Struk­tu­ren wäre aus Haberls Sicht ein Sym­ptom der Kri­se und nicht ihre Lösung.

Lof­feld stellt fest, dass vie­le Men­schen reli­gi­ons­los glück­lich sind und sich durch kein noch so aus­ge­feil­tes pas­to­ra­les Kon­zept vom Gegen­teil über­zeu­gen las­sen; Haberl betont, auch auf­grund sei­ner eige­nen Geschich­te, den gro­ßen Wert der frei­en Reli­gi­ons­wahl, ist aber zugleich davon über­zeugt, dass kein Mensch der Fra­ge nach Gott dau­er­haft aus­wei­chen kann. Die Posi­ti­on, die Gott bei den Gläu­bi­gen ein­nimmt, wer­de dann eben von ande­ren (Ersatz-)Göttern wie Macht, Kon­sum, Besitz u.a. eingenommen.

Wäh­rend Lof­feld die Rele­vanz des Chris­ten­tums im Wes­ten momen­tan für im Schwin­den begrif­fen hält, hat Haberl gera­de in die­ser Zeit die ein­zig­ar­ti­gen Res­sour­cen des Glau­bens wie­der­ent­deckt und sei­ne Lebens­ge­stal­tung dadurch nach­hal­tig verändert. 

Wäh­rend die Ana­ly­se des Theo­lo­gen also in einem kri­ti­schen Sta­di­um ver­bleibt, in der die nüch­ter­ne Aus­wer­tung von Daten und der Ver­gleich zum Bis­he­ri­gen über­wiegt, ist Haberl bereits in ein post-kri­ti­sches Sta­di­um ein­ge­tre­ten. Er hat kei­ne Angst, als ein­zel­ner Christ ​„unter Hei­den“ für unmo­dern gehal­ten zu wer­den, bekennt sich sogar dazu, regel­mä­ßig die Triden­ti­ni­sche Mes­se zu besu­chen und unter­streicht den blei­ben­den Wert der kirch­li­chen Sexu­al­mo­ral für die Gestal­tung dau­er­haf­ter Beziehungen. 

Was die neu­zeit­li­che Reli­gi­ons­kri­tik als Täu­schung ent­lar­ven woll­te – etwa dass der Glau­be an Gott zur Kon­tin­genz­be­wäl­ti­gung dient und dem Men­schen Trost, Halt und Sinn geben soll – , zählt der Jour­na­list ohne Beden­ken zu sei­nen Glau­bens­mo­ti­ven. Bei aller Hoch­schät­zung der Frei­heit sieht Haberl in der Selbst­bin­dung des Men­schen an Got­tes Gebo­te deren eigent­li­ches Ziel – ein Ziel frei­lich, das man nicht auf ein­mal errei­chen kann, son­dern im Glau­ben ledig­lich anstrebt, ohne es sich aus eige­ner Kraft sichern zu kön­nen, aber auch, ohne es sich sichern zu müs­sen. Glau­be, so Haberl, bedeu­te gera­de das Aus­bre­chen aus einem Leben der per­ma­nen­ten Selbst­be­stä­ti­gung und Selbst­kon­trol­le, er bedeu­te eine heil­sa­me Selbst­re­la­ti­vie­rung: ​„das Ego (…) über­win­den, nichts wer­den und Gott alles sein las­sen.“3

Was sich in die­sen bei­den Büchern spie­gelt, soll im Fol­gen­den als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce für die aka­de­mi­sche Theo­lo­gie in Deutsch­land bedacht wer­den. Tobi­as Haberl scheint mir in vie­lem die Posi­ti­on eines nicht uner­heb­li­chen Teils heu­ti­ger Theo­lo­gie­stu­die­ren­der oder an Theo­lo­gie inter­es­sier­ter Men­schen abzubilden. 

Jan Lof­felds Sicht­wei­se reprä­sen­tiert dem­ge­gen­über eher die momen­ta­ne Posi­ti­on der aka­de­mi­schen Theo­lo­gie, die neue Wege des Glau­bens ent­we­der gar nicht wahr­nimmt4, weil sie zu sehr mit sich selbst, mit der Affir­ma­ti­on ihres Sta­tus‘ als Wis­sen­schaft oder mit der Bewäl­ti­gung ihrer schwin­den­den Gesell­schafts­re­le­vanz beschäf­tigt ist, oder sie mit gro­ßer Skep­sis beob­ach­tet und letzt­lich aus dem aka­de­mi­schen Dis­kurs her­aus­hal­ten will5.

Bischof Ste­fan Oster hat sich in zwei Bei­trä­gen aus dem Jahr 2016 mit der Struk­tur des christ­li­chen Glau­bens sowie der Span­nung zwi­schen theo­lo­gi­scher Wis­sen­schaft und kirch­li­chem Lehr­amt aus­ein­an­der­ge­setzt6. Auf die­ser Grund­la­ge sol­len eini­ge wei­ter­füh­ren­de Über­le­gun­gen ent­wi­ckelt werden.

2. Die Struk­tur des christ­li­chen Glau­bens und sei­ne Vernunft

In einem mit dem Pas­sau­er Dog­ma­ti­ker Her­mann Stingl­ham­mer geführ­ten Inter­view deu­tet Bischof Oster den christ­li­chen Glau­ben als Begeg­nung mit einer Per­son, als das Geru­fen-Wer­den durch und das Ant­wor­ten-Kön­nen auf Jesus Chris­tus. Damit stellt er sich in die Tra­di­ti­on des christ­li­chen Exis­ten­zia­lis­mus (Kier­ke­gaard) und des jüdisch-christ­li­chen Per­so­na­lis­mus (Buber)7, aber auch in der Spur des Zwei­ten Vati­ka­nums. In sei­ner theo­lo­gi­schen Schlüs­sel-Kon­sti­tu­ti­on ​„Dei Ver­bum“ spricht das Kon­zil ja davon, dass die gött­li­che Offen­ba­rung nicht in der Mit­tei­lung von Leh­ren liegt, son­dern in der per­so­na­len Selbstmit­tei­lung des sich drei­fal­tig ver­schen­ken­den Got­tes, der die Men­schen wie Freun­de anspricht (DV 2). 

In die­ses erneu­er­te Ver­ständ­nis von Offen­ba­rung gehört der Mensch als das emp­fan­gen­de Sub­jekt schon immer mit hin­ein; das Got­tes­bild impli­ziert ein bestimm­tes Men­schen­bild, das eben­falls nor­ma­tiv und nicht belie­big ver­än­der­bar ist8. Die christ­li­che Got­tes­er­fah­rung ist nach Oster immer ​„dia­lo­gi­scher Natur“, die Bezie­hung zu dem sich in Jesus Chris­tus auf per­so­na­le Wei­se selbst mit­tei­len­den Gott wohnt dem christ­li­chen Glau­ben struk­tu­rell inne. Die Offen­ba­rung ist ​„Glau­bens­grund“, nicht bloß ​„Deu­tungs­ka­te­go­rie“9. 

Des­halb muss auch die satz­haf­te Ver­dich­tung des Glau­bens in den Dog­men als ​„die in For­mu­lie­run­gen geron­ne­ne Erkennt­nis unse­rer Got­tes­er­fah­rung“10 ver­stan­den und immer wie­der auf die­se hin durch­sich­tig gemacht wer­den. Das Ziel der christ­li­chen Bil­dung ist daher kei­ne blo­ße Wis­sens­ver­mitt­lung, son­dern das Hin­ein­wach­sen in die Bezie­hung zu Jesus Chris­tus, für die ein dif­fe­ren­zier­tes Wis­sen not­wen­dig ist, wel­ches die Bezie­hungs­ar­beit aber nicht ersetzt. Oster spricht daher auch von einem ​„Bezie­hungs­wis­sen“11, das die Theo­lo­gie erar­bei­ten müsse.

Wenn der Glau­be in die­ser Wei­se als per­so­na­les Gesche­hen bestimmt ist, stellt sich die Fra­ge, was dar­aus für das Ver­ständ­nis der mensch­li­chen Ver­nunft als zwei­tem Pol der Got­tes­er­kennt­nis folgt. Genügt dazu die zäh­len­de, mes­sen­de Ver­nunft, letzt­lich ein prag­ma­ti­sches, funk­tio­na­les Ver­ständ­nis von Ratio­na­li­tät, bei dem es dar­um geht, erwor­be­nes Wis­sen anzu­wen­den – oder müss­te sich die Ver­nunft nicht selbst noch ein­mal in einen dia­lo­gi­schen Pro­zess bege­ben? Dann aber gehe es um ​„Dia­lo­gik statt Dia­lek­tik“12, so Oster. Das bedeu­tet auch, dass der Mensch alles, was er nor­ma­ler­wei­se mit sei­ner Ver­nunft ver­bin­det – vor allem die Orga­ni­sa­ti­on und Kon­trol­le des eige­nen Lebens –, in die Bezie­hung zu Gott stellt, um es dar­in rei­ni­gen und ver­wan­deln zu lassen. 

Der Ist-Zustand mensch­li­chen Daseins und damit auch der Ver­nunft ist der Ich-Zustand des ​„alte Adam“, wie es der Apos­tel Pau­lus nennt, also eine Hal­tung, in der sich die Fol­gen des Sün­den­falls zei­gen, ein unhei­ler, erlö­sungs­be­dürf­ti­ger Zustand des Ver­schlos­sen-Seins in sich selbst, der Ver­schlos­sen­heit Gott und dem Nächs­ten gegen­über, vol­ler Angst davor, sich preis­ge­ben zu müs­sen13. Die­ser Zustand kann nicht durch Refle­xi­on, durch Wis­sen oder Erkennt­nis auf­ge­ho­ben wer­den, son­dern nur durch Bekeh­rung, und das heißt in die­sem Fall: durch Ver­zicht auf Refle­xi­on und Wis­sen, durch ent­schie­de­ne Selbst­re­la­ti­vie­rung und Selbst­hin­ga­be – frei­lich nicht ins Lee­re, son­dern auf ein Du hin. So fin­det die Ver­nunft erst durch den Glau­ben zu sich selbst. 

Des­halb wür­de Oster nicht ein­fach, wie in der Theo­lo­gie üblich, die Bedeu­tung der Ver­nunft für den christ­li­chen Glau­ben affir­mie­ren, son­dern zurück­fra­gen, was die mensch­li­che Ver­nunft braucht, um sich mit dem Glau­ben ver­bin­den und den geof­fen­bar­ten Wahr­hei­ten zuwen­den zu kön­nen. Glau­be bedeu­tet für ihn ​„Ent­eig­nung des ich-haf­ten Sub­jek­ti­ven … in das tie­fe­re Selbst­sein“14, Befreit-Wer­den in das Ant­wor­ten-Kön­nen auf die sich selbst ver­schen­ken­de Lie­be Gottes. 

Die­ser Pro­zess voll­zieht sich in zwei Etap­pen: Bekeh­rung und Neu­ge­burt. Das Ziel des christ­li­chen Glau­bens ist also nicht ein­fach ein Nach-Den­ken, son­dern ein neu­es Den­ken in Chris­tus und sei­nem Geist15.

3.Theologische Wis­sen­schaft und kirch­li­ches Lehramt

Was Bischof Oster über die Struk­tur des christ­li­chen Glau­bens und sein Ver­hält­nis zur Ver­nunft aus­führ­te, hat er im sel­ben Jahr in einem Sam­mel­band zum The­ma ​„Unab­hän­gi­ge Theo­lo­gie?“ im Blick auf die aka­de­mi­sche Theo­lo­gie in Deutsch­land und die Per­son des Leh­ren­den weitergeführt.

Er stellt fest, dass der Grund­kon­sens einer von allen Theo­lo­gin­nen und Theo­lo­gen geteil­ten ​„Wirk­lich­keits­auf­fas­sung“ d.h. eine christ­li­che ​„Meta­phy­sik“16 ver­lo­ren gegan­gen und durch eine Viel­zahl sub­jek­tiv gefärb­ter Ansät­ze und Schu­len abge­löst wor­den sei, die kaum mehr sprach­fä­hig sei­en, weder unter­ein­an­der noch nach außen. Tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Ansät­ze stün­den neben struk­tu­ra­lis­ti­schen, geschicht­li­che neben sozio­lo­gi­schen usw. 

Oster geht es nicht um eine Negie­rung legi­ti­mer Plu­ra­li­tät in der theo­lo­gi­schen For­schung, son­dern um die Pro­ble­ma­ti­sie­rung der feh­len­den Ver­bind­lich­keit und Klar­heit in theo­lo­gi­schen Aus­sa­gen. Die ​„Kri­se der Theo­lo­gie“ liegt sei­ner Mei­nung nach in einer ​„Kri­se der phi­lo­so­phi­schen Grund­la­gen“17 sowie in der Schwie­rig­keit für die Stu­die­ren­den, die oft sehr spe­zia­li­sier­ten theo­lo­gi­schen Ansät­ze in einer ​„theo­lo­gisch-gläu­bi­gen Gesamt­erfah­rung“18 zu integrieren. 

Das Ziel der Theo­lo­gie, so betont Oster, sei nicht ein­fach der Erwerb von abprüf­ba­rem Wis­sen, son­dern des­sen Ver­bin­dung mit einer per­sön­li­chen Chris­tus-Bezie­hung, das Hin­ein­wach­sen in eine Hal­tung der ​„Anbe­tung“19 und eine Lebens­form der ​„Hei­lig­keit“20. Auf die­se Wei­se erfül­le die aka­de­mi­sche Theo­lo­gie auch ihren kirch­li­chen Auf­trag: in der Beja­hung und Selbst­bin­dung an das, was sie in der Offen­ba­rung zuerst als Geschenk emp­fan­gen muss, ehe sie es selbst erfor­schen und leh­ren kann. Dar­aus erge­be sich auch ein posi­ti­ver Zugang zur Kir­che anstatt eines nicht sel­ten zu erle­ben­den Kon­kur­renz­ver­hält­nis­ses zwi­schen aka­de­mi­scher Theo­lo­gie und kirch­li­chem Lehr­amt. Nicht der ​„Schrift­ge­lehr­te“, son­dern der ​„Zeu­ge (=Jün­ger)“ sei das Ur- und Vor­bild eines christ­li­chen Theologen.

4.Theologie vor einer ​„Wen­de“

Die Zahl der Theo­lo­gie­stu­die­ren­den in Deutsch­land hat sich zwi­schen 2013 und 2023 bei­na­he hal­biert. Statt wei­ter­hin die Ursa­chen in einer ver­meint­lich reform­un­wil­li­gen Insti­tu­ti­on oder in der schwin­den­den gesell­schaft­li­chen Rele­vanz des Glau­bens zu suchen, wäre es an der Zeit, die tat­säch­li­chen Moti­ve heu­ti­ger Theo­lo­gie­stu­die­ren­der zu ver­ste­hen und in die aka­de­mi­sche Aus­bil­dung zu integrieren. 

Eine dem­nächst erwar­te­te Stu­die zu den Grün­den des gehäuf­ten Stu­di­en­ab­bruchs in der Theo­lo­gie wird wohl ex nega­tivo bele­gen, was auch posi­tiv zuneh­mend eine Rol­le spielt: Wer sich heu­te für Theo­lo­gie inter­es­siert, sucht bewusst oder unbe­wusst einen Raum, in dem er sei­ne eige­nen Glau­bens­er­fah­run­gen zur Spra­che brin­gen und mit ande­ren tei­len kann. Wo die­ser Raum fehlt, been­den nicht weni­ge den ein­ge­schla­ge­nen Weg, wech­seln das Stu­di­en­fach oder suchen nach alter­na­ti­ven Stu­di­en­or­ten mit erkenn­bar kirch­lich-geist­li­chem Profil. 

Man­che Theo­lo­gie­stu­die­ren­de haben eine spi­ri­tu­el­le Erfah­rung des Durch­bruchs (dis­clo­sure) oder der per­sön­li­chen Lebens­wen­de (Bekeh­rung) gemacht, eini­ge sind auch kon­fes­sio­nell von der evan­ge­li­schen oder einer Frei­kir­che zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tiert21. 

Ande­re haben durch Gesprä­che mit über­zeug­ten Chris­ten oder Seel­sor­gern, durch die Lek­tü­re von apo­lo­ge­ti­schen Schrif­ten (J.H. New­man, C.S. Lewis) oder Hei­li­gen­bio­gra­fien, durch die inten­si­ve Begeg­nung mit christ­li­cher Lit­ur­gie oder Kunst ihren Glau­ben ver­tieft und exis­ten­zi­el­les Inter­es­se dar­an gefunden. 

Wie­der ande­re kom­men aus den Neu­en Geist­li­chen Bewe­gun­gen oder alt-ritu­el­len Gemein­schaf­ten und suchen nach einer Theo­lo­gie, mit deren Hil­fe sie ihre bis­he­ri­gen Kir­chen- und Glau­bens­er­fah­run­gen reflek­tie­ren und die Ent­schei­dung für eine bestimm­te Beru­fung tref­fen kön­nen22.

Bischof Oster hat kri­ti­siert, dass in der Münch­ner Erklä­rung von 2015 ​„das Inein­an­der von geist­li­chem Leben und theo­lo­gi­scher Erkennt­nis nir­gend­wo the­ma­ti­siert wird“. Die­se ​„Schei­dung“ von Wis­sen­schaft und Spi­ri­tua­li­tät, von ​„sit­zen­der“ und ​„knien­der Theo­lo­gie“, von der Hans Urs von Bal­tha­sar bereits im Jahr 1948 gespro­chen hat, wirkt sich im Moment sehr deut­lich aus. Sie führt auf der einen Sei­te zu einer theo­lo­gisch wenig reflek­tier­ten Fröm­mig­keit bis hin in die Lei­tungs­struk­tu­ren der geist­li­chen Gemein­schaf­ten, die dem Miss­brauch Tür und Tor öff­nen23, und auf der ande­ren Sei­te zu einer abs­trak­ten und selbst­re­fe­ren­ti­el­len Theo­lo­gie, deren Deu­tungs­kom­pe­tenz für exis­ten­zi­el­le Fra­gen immer weni­ger erkenn­bar ist.

Eine Theo­lo­gie, die an der Zeit ist, wür­de ver­su­chen, am Stu­di­en­ort Erfah­rungs­räu­me des Glau­bens zu öff­nen und Lern­pro­zes­se des Glau­bens zu initi­ie­ren, in denen die Stu­die­ren­den Erfah­rung und Wis­sen mit­ein­an­der ver­bin­den und das Stu­di­um selbst als ein ganz­heit­li­ches, die eige­ne Per­son ein­for­dern­des und prä­gen­des Gesche­hen erle­ben und gestal­ten könnten. 

Die­se Theo­lo­gie wür­de nicht der ver­lo­re­nen Gesell­schafts­re­le­vanz hin­ter­her­trau­ern, son­dern ihre Glau­bens- und Kir­chen­re­le­vanz neu unter Beweis stellen. 

Aus ihr könn­te dann eine neue Kraft zur Zeu­gen- und Jün­ger­schaft erwach­sen – und mit ihr die Fähig­keit, die Welt in Chris­tus zu erneuern.

1 Jan Lof­feld, Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt. Das Chris­ten­tum vor der reli­giö­sen Indif­fe­renz, Frei­burg 2024.

2 Tobi­as Haberl, Unter Hei­den. War­um ich trotz­dem Christ blei­be, Mün­chen 2024.

3 Zitat von Tobi­as Haberl in der Sen­dung ​„SRF Kul­tur Stern­stun­de Phi­lo­so­phie“ vom 23.12.2024, 31:30 bis 31:35 (www​.you​tube​.de).

4 Zu den Neu­auf­brü­chen des Chris­ten­tums in den Nie­der­lan­den vgl. die pro­gram­ma­ti­schen Über­le­gun­gen von Wil­lem Jaco­bus Kar­di­nal Eijk, Kate­che­se in einem säku­la­ri­sier­ten Land, in: Mar­kus Grau­lich, Hg., Kate­che­se und die Her­aus­for­de­run­gen heu­te, Kiss­legg 2021, 75 – 89, bes. 86 – 89 sowie die gro­ße Reso­nanz der Kon­fe­renz ​„Mis­sion­aire Paro­chie“ am 8.2.2025 mit Johan­nes Hartl als Haupt­red­ner (www​.mis​sion​aire​pa​ro​chie​.nl)

5 Vgl. so die Ten­denz der Bei­trä­ge in Ursu­la Not­hel­le-Wild­feu­er/­Ma­gnus Striet, Hg., Ein­fach nur Jesus? Eine Kri­tik am ​„Mis­si­on Mani­fest“, Frei­burg 2018.

6 Vgl. Glau­ben – (wie) geht das? Ein Gespräch, 8 S.; Theo­lo­gen: Zeu­gen oder Schrift­ge­lehr­te?, 9 S. Zitiert nach www​.ste​fan​.oster​.de, Sei­ten­an­ga­be.

7 Vgl. Glau­ben, S.2.

8 Vgl. Ste­fan Oster, Real­prä­senz, Sakra­men­ta­li­tät und der Syn­oda­le Weg in Deutsch­land, IKaZ 50 (2022), 431 – 450; ders., Die Sakra­men­ta­li­tät des Men­schen (2023), nach­zu­le­sen unter www​.ste​fan​-oster​.de 

9 Vgl. Bern­hard Nit­sche, ​„Offen­ba­rung – Deu­tungs­ka­te­go­rie statt Glau­bens­grund?“, ZTP 145 (2023), 228 – 251.

10 Glau­ben, S.1.

11 Glau­ben, S.1.

12 Glau­ben, S.2.

13 Vgl. Glau­ben, S.1: ​„Eine star­ke Beto­nung des frei­en Sub­jek­tes, die in bestimm­ter Wei­se auch sehr ich-haft sein kann … die erb­sünd­li­che, ich­haf­te Ver­fas­sung des heu­ti­gen Men­schen.“ Neben Pau­lus ist wohl Augus­ti­nus der Theo­lo­ge der Alten Kir­che, der die­sen Zustand des Men­schen am deut­lichs­ten erfasst hat.

14 Glau­ben, S.2 mit Ver­weis auf Pau­lus, der sich als ​„Skla­ve Jesu Chris­ti“ (Röm 1,1; Phil 1,1) bezeich­net. Sei­ne Bezie­hung zu Chris­tus ver­steht der Apos­tel als einen in der Tau­fe sakra­men­tal dar­ge­stell­ten Herr­schafts­wech­sel: ​„Ich lebe, doch nicht mehr als Ich – Chris­tus lebt in mir“ (Gal 2,20).

15 Vgl. Theo­lo­gen, S.4: ​„Gott ver­än­dert mein Den­ken.“ Im Hin­ter­grund steht auch hier wie­der Pau­lus: ​„Gleicht euch nicht die­ser Welt an, son­dern wan­delt euch und erneu­ert euer Den­ken“ (Röm 12,2); ​„Alles Den­ken neh­men wir gefan­gen in den Gehor­sam gegen Chris­tus“ (2 Kor 10,5).

16 Theo­lo­gen, S.2.

17 Theo­lo­gen, S.2.

18 Theo­lo­gen, S.2.

19 Theo­lo­gen, S.4.

20 Theo­lo­gen, S.6.

21 Zur Bedeu­tung der Kon­ver­ti­ten in der Moder­ne vgl. Joseph Pear­ce, Lite­ra­ry Con­verts. Spi­ri­tu­al Inspi­ra­ti­on in an Age of Unbe­lief, San Fran­cis­co 32006; Bar­ba­ra Wenz, Kon­ver­ti­ten. Ergrei­fen­de Glau­bens­zeug­nis­se, Iller­tis­sen 2016; Alfred Sobel, Kon­ver­ti­ten: katho­lisch gewor­den. 13 Por­träts, Düs­sel­dorf 2024. 

22 Vgl. die Bei­trä­ge in Boruszak/​Röckert/​Neumann, Hg., Unru­hig ist unser Herz. Was jun­ge Theo­lo­gen über ihr Stu­di­um den­ken, Würz­burg 2013.

23 Vgl. Céli­ne Hoyeau, Der Ver­rat der See­len­füh­rer. Macht und Miss­brauch in Neu­en Geist­li­chen Gemein­schaf­ten, Frei­burg 22023.

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